Im Rahmen der Diskussion um das neue Projekt der Juso Schweiz zum Thema Wirtschaftsdemokratie veröffentlichen wir einen vier-teiligen Artikel zum Thema ArbeiterInnenkontrolle und Selbstverwaltung. Wir werden die vier Teile in regelmässigen Abständen auf unserer Homepage veröffentlichen.

Der Artikel basiert auf der Grundlage einer Rede von Rob Lyon an der internationalen marxistischen Sommerschule in Barcelona im Jahr 2005. Der erste Teil vergleicht die revolutionären Ideen der ArbeiterInnenkontrolle mit den reformistischen Ideen von Arbeiterbeteiligung, wie sie in Deutschland in den 1970ern realisiert wurde.

Genossen, wir haben in den letzten Tagen viel über die Bolivarische Revolution diskutiert. Ein wichtiges Element dabei ist die Frage des sogenannten Ko-Managements.

Ko-Management kann verschiedene Dinge bezeichnen und wird verschieden interpretiert, doch es ist klar, dass es sich beim Venezuelanischen Kampf um Ko-Management um einen Kampf für echte ArbeiterInnenkontrolle und ArbeiterInnenverwaltung und auch um den Kampf für eine sozialistische Transformation der Gesellschaft handelt.

Der aufkommende Klassenkampf für Kontrolle durch die ArbeiterInnen widerspiegelt die entschiedene Intervention der Venezuelanischen ArbeiterInnenklasse in der Bolivarischen Revolution. Aufgrund dieses aufkeimenden Klassenkampfs ist es zwingend für uns, dass wir diese wichtigen Fragen innerhalb unserer Organisation diskutieren, um unseren Genossen ein klares Bild aufzuzeigen über die Entwicklungen in Venezuela. Ausserdem müssen wir unsere Position und Forderungen erklären in Vorbereitung für revolutionäre Kämpfe in anderen Ländern rund um den Globus.

Prinzipien der ArbeiterInnenkontrolle

ArbeiterInnenkontrolle ist genau das, was der Begriff sagt: Die ArbeiterInnenklasse und ihre Repräsentanten in den Fabriken haben das Recht, die Bücher sämtlicher Fabriken, Produktionszweige und so weiter einzusehen.

Im Übergangsprogramm erklärt Trotzki, dass der erste Schritt in Richtung echter Kontrolle der Industrie die Aufhebung des Geschäftsgeheimnisses sei. Was heute unter Geschäftsgeheimnisse fällt, beispielsweise die Buchhaltung und die Konten, wird häufig als Rechtfertigung für Angriffe auf die ArbeiterInnenklasse gebraucht. Zum Beispiel für Lohnkürzungen, Massenentlassungen und Arbeitszeitverlängerungen.

Wenn die Bosse behaupten, sie seien bankrott, oder behaupten, es gäbe sinkende Gewinne und deshalb solche Massnahmen fordern, so erlaubt die ArbeiterInnenkontrolle, die Bücher einzusehen und sich ein Bild der realen Situation zu machen. Die Idee ist es, den Vorhang zu heben, den ArbeiterInnen Einblick zu geben in die Funktionsweise des kapitalistischen Systems. Dies ist ein Schritt in Richtung Beseitigung des kapitalistischen Systems.

Die unmittelbare Aufgabe der ArbeiterInnenkontrolle sollte es sein, die Guthaben und Schulden einer Gesellschaft zu erklären. Einerseits anhand eines einzelnen Unternehmen, um zu bestimmen, wie gross das Kuchenstück ist, das sich einzelne Kapitalisten sowie die herrschende Klasse als Ganzes unter den Nagel reissen. Andererseits soll die ArbeiterInnenkontrolle den verschwenderischen Umgang mit Arbeitskraft, das gnadenlose Profitstreben sowie die geheimen Abkommen, Schwindeleien und Korruption, welche untrennbar mit dem System zusammenhängen, aufzeigen.

Trotzki erklärt ausserdem, dass die Kontrolle der Industrie eine „Schule der Planwirtschaft“ darstellt, die es den ArbeiterInnen ermöglicht, ein wissenschaftliches Verständnis der Wirtschaft zu erlangen, um ihnen später eine bewusste und demokratische Planung der Produktion und der gesamten Wirtschaft zu ermöglichen. Durch die Erkenntnisse der ArbeiterInnenkontrolle werden die ArbeiterInnen für direktes Management und die Planung vergesellschafteter Industrien vorbereitet.

Die ArbeiterInnenkontrolle ist daher nicht von langer Dauer, instabil und impliziert sogar Doppelmachtstrukturen in einer Fabrik oder einem Unternehmen. Sie kann nicht beliebig lange andauern, ausser die Kontrolle weitet sich in die unmittelbare Verwaltung durch die ArbeiterInnen aus.

Hier sieht man den Unterscheid zwischen der revolutionären Forderung nach ArbeiterInnenkontrolle bzw. ArbeiterInnenverwaltung und der reformistischen, halbherzigen Forderung nach Mitbestimmung.

Trotzki hat in den 1930ern erklärt, dass eine ArbeiterInnenbeteiligung nur dann stabil sein kann, wenn sie auf Basis von Klassenkollaboration existiert. Sie kann deshalb keine Form des Klassenkampfes sein.

Solche Zusammenarbeit basiert stets auf einem Kompromiss von der Gewerkschaftsführung und dem Management. Auch in den 1930er Jahren gab es Beispiele von ArbeiterInnenbeteiligung. In Deutschland mit der sogenannten Wirtschaftsdemokratie und in Grossbritannien mit dem sogenannten Mondismus. Dabei handelte es sich aber nicht um Kontrolle der ArbeiterInnen über das Kapital, sondern der Instrumentalisierung der Gewerkschaftsbürokratie für die Interessen des Kapitals. Konkret bedeutet das, dass die Bürokratie das Kapital stützt und den Klassenkampf in „sichere“ Kanäle leitet.

Und wie sieht es mit dieser Idee der ArbeiterInnenbeteiligung in Europa aus? ArbeiterInnenbeteiligung, oder sogenannte Industrielle Demokratie, wurde in den 1970er Jahren in ganz Europa breit diskutiert und implementiert. Dies war eine Antwort auf die wachsende Kampfbereitschaft der ArbeiterInnenbewegung, welche sich in den Ereignissen vom Mai 1968 in Frankreich aber auch anderen Ländern, den Minenstreiks im Grossbritannien 1972 und 1974, den Generalstreiks in Italien und Dänemark sowie der Streikwelle, die über Westdeutschland hinweggefegte, ausdrückte.

Die herrschende Klasse versuchte verzweifelt, diese Bewegungen durch sozialpartnerschaftliche Massnahmen einzudämmen und wollte die Unruhe in „sichere“ Kanäle leiten. Man hoffte, durch Institutionalisierung der oberen Schichten der Gewerkschaft sowie den Vertretungen der Büros und der Werkstätten die Effizienz und damit den Profit steigern zu können.

Man konnte sogar schon in den 1920ern Beispiele sehen, als Sir Alfred Mond der ICI, ein Monopolist der chemischen Industrie, versuchte eine „Industriedemokratie“ in seinen Fabriken zu implementieren.

ArbeiterInnenbeteiligung ermöglichte es diesen Bürokraten, das Management mit Informationen und Vorschlägen der ArbeiterInnenschaft zu versorgen. Wie wir alle wissen, und wie jeder Betriebsratsvorsitzender weiss, sind es die ArbeiterInnen – die Leute die die ganze Arbeit leisten – die am besten Wissen, wie man Dinge erledigt. Gleichzeitig kann bei einer ArbeiterInnenbeteiligung das Management die Kanäle durch die Betriebsräte nutzen um unpopuläre Entscheidungen sicher weiterzuleiten und damit dem Ruf der Betriebsräte schaden, da es so erscheinen kann, als wären diese dafür verantwortlich.

Diese Komitees von BürokratenInnen, die Organe der ArbeiterInnenbeteiligung, waren im Grunde genommen machtlose Gremien, wo die ArbeiterInnen etwas Dampf ablassen konnten. ArbeiterInnenbeteiligung schafft ausserdem die Illusion, dass die ArbeiterInnenschaft Einfluss auf die Entscheidungsfindung des Managements hat. Dies verhindert, dass die ArbeiterInnen die Sache selbst in die Hand nehmen. In Deutschlands beispielsweise sind diese Komitees nicht befugt, Streiks auszurufen. Das ermöglichte es den Bossen und den BürokratenInnen, die Gewerkschaften zu untergraben und zu umgehen. Diese ArbeiterInnenräte stellten häufig eine konkurrierende Alternative zu den Gewerkschaften dar. Die Bosse nutzten die altbekannte Taktik „teile und herrsche“, indem sie eine Organisation gegen die andere ausspielten, im Versuch, diese zu schwächen.

Diese ArbeiterInnenbeteiligung erschuf eine neue Schicht von privilegierten Funktionären, welche die Interessen des Managements übernahmen.

Und wohin hat all das geführt? Die Zeitung „The Independent“ schrieb einen Artikel über einen Korruptionsskandal bei Volkswagen. Ein riesiger Skandal wurde enthüllt, in dem es um Sportwagen, Bestechungsfonds, Prostitution, und den Vorsitz des ArbeiterInnenrats ging. Einige Mitglieder des ArbeiterInnenrats gaben Millionen aus für Häuser, Reisen,Autos und für geheime Liebschaften rund um den Globus. The Independent schrieb folgendes darüber:

„Die Profiteure von Mr. Gebaurs grosszügigem Unterhaltungsbudget war nicht der durchschnittliche Deutsche, sondern eine Handvoll von Glückspilzen von Betriebsratsvorsitzenden. Jedes grosse deutsche Unternehmen muss die ArbeiterInnenschaft eine Vertretung wählen lassen die involviert ist in den Investment-Entscheidungen. Es ist ein Schlüsselelement des deutschen Konsenses und hilft Streiks zu reduzieren in einem Land, wo die Gewerkschaften nach wie vor eine ernst zu nehmende Kraft darstellen.“

Hier stösst die ArbeiterInnenbeteiligung an ihre Grenzen. Gewerkschaftsbürokraten, welche keinen Bezug mehr haben zu den einfachen ArbeiterInnen, stehen auf Augenhöhe mit dem Management und den CEOs. Die Interessen der ArbeiterInnen werden eingetauscht gegen Prostituierte, Viagra und Reisen nach Brasilien.

Auf der anderen Seite ist ArbeiterInnenkontrolle durch Komitees oder ArbeiterInnenräte nur möglich auf der Basis eines bestehenden Klassenkampfes. Unter „normalen“ Umständen ist die Bourgeoisie nicht bereit, ArbeiterInnenkontrolle und die Doppelmachtstrukturen, die damit einhergehen zu tolerieren. Die Fähigkeit, Kontrolle über die Produktion zu erlangen, bestimmt sich aus der Gesamtstärke und des Momentums des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Richtige ArbeiterInnenkontrolle muss erzwungen werden. Dies widerspiegelt die Zeit einer revolutionären Krise der Gesellschaft, es widerspiegelt die proletarische Offensive und den Rückzug der herrschenden Klasse. Somit widerspiegelt echte ArbeiterInnenkontrolle die Zeit der proletarischen Revolution.

Dies ist der Grund, wieso wir einen Ausbau der ArbeiterInnenkontrolle in Venezuela sehen, obwohl es Spannungen und Probleme um diese Frage gibt, auf die wir später eingehen werden. Der eine oder andere Kampf in Venezuela mag zwar in der Defensive sein, doch der Ausbau und das Wachstum von ArbeiterInnenmitbestimmung zeigen die Offensivkraft der ArbeiterInnenklasse und den Rückzug der herrschenden Klasse. Das Land befindet sich in einer revolutionären Situation, die ArbeiterInnen machen vorwärts und überall sind die Bosse auf dem Rückzug.

Im Kampf für echte ArbeiterInnenkontrolle muss die ArbeiterInnenklasse unausweichlich dazu übergehen, die Macht und die Produktionsmittel zu übernehmen. Einzelne Fabriken oder Unternehmen unter ArbeiterInnenkontrolle oder ArbeiterInnenmanagement können sich nur innerhalb der Schranken einer Wirtschaft bewegen, das heisst in den Schranken des Kapitalismus. Es ist nicht möglich, eine Insel des Sozialismus in einem Meer des Kapitalismus zu errichten.

Ein gutes Negativbeispiel ist die Alcan Schmelzhütte in Jonquière, Québec (Kanada). Alcan ist der Weltmarktführer in der Aluminiumproduktion. Im Frühjahr 2004 wurde plötzlich angekündigt, dass die Schmelzhütte geschlossen werden sollte. In einem defensiven Kampf haben die ArbeiterInnen die Fabrik besetzt. Sie mussten schmerzhaft erfahren, wie sie vom Management sabotiert wurden und vertrieben die VorarbeiterInnen und Manager vom Gelände. Nach der Wiederaufnahme der Produktion wurde berichtet, dass die Produktion höher war, seitdem die Arbeiter die Kontrolle übernommen hatten.

Aber das ganze kapitalistische System hat sich aufgereiht um den Arbeitskampf zu besiegen. Die Medien und der Staat übten enormen Druck aus. Andere Firmen weigerten sich, Rohmaterialien zu liefern, die für die Aluminiumproduktion benötigt wurden. Man hat die Schmelzhütte aushungern lassen. Leider wurde der Kampf letztlich verloren. (siehe: Workers in Québec seize Alcan smelter, in Englisch)

Fabriken oder Unternehmen unter ArbeiterInnenkontrolle, die die Alcan Schmelzhütte oder die Unternehmen unter ArbeiterInnenkontrolle in Venezuela, müssen mit dem privaten Sektor in Kontakt treten, um Produkte einzukaufen und ihre Produkte zu verkaufen. Sie müssen mit dem Markt interagieren. Sie sind somit dem Wohlwollen des Kapitalismus ausgeliefert. Dies führt logischerweise zu einem Kampf der ArbeiterInnen gegen die Macht des Kapitals.

Die Frage von Krediten, Rohmaterialien und Märkte zeigt unmittelbar die Notwendigkeit, die ArbeiterInnenkontrolle über die Tore eines einzelnen Unternehmens hinaus auszuweiten. Ein gutes Beispiel dafür ist ALCASA, eine Aluminiumfabrik in Venezuela, welche sich im Staatsbesitz befindet. Zurzeit herrscht dort die fortschrittlichste Form von ArbeiterInnenverwaltung. Nachdem die Bosse zwischen 2002 und 2003 ausgesperrt wurden, haben diese die Gasleitung zur Schmelzhütte sabotiert und damit die Produktion stillgelegt. Die ALCASA ArbeiterInnen, zusammen mit den benachbarten ArbeiterInnen von Stahlbetrieben, haben sich daraufhin bewaffnet, brachen durch die Polizeikette und erzwangen das fortführen der Produktion, um die Gasversorgung sicher zu stellen.

Mit der erdrückenden Dominanz des Weltmarktes, und die Abhängigkeit jeder Nation vom Welthandel stellt sich die Frage einer ArbeiterInnenkontrolle auf nationalem Niveau. Diese steht in direktem Konflikt mit der Herrschaft der Staatsorgane.

Man kann die Entwicklung der Weltrevolution nicht als einen mechanischen oder formalen Prozess betrachten, aber wir sehen wie die ArbeiterInnenkontrolle der Industrie oder Doppelmacht in den Fabriken generell mit einer Periode der Doppelmacht im Staat einhergehen oder zu einer führen. Doppelmacht in den Fabriken und Doppelmacht im Staat entstehen natürlich nicht unbedingt am gleichen Tag. In manchen Fällen wird die ArbeiterInnenmacht sich vor der Doppelmacht im Staat entwickeln und in anderen wird das Gegenteil der Fall sein.

Die unversöhnlichen Widersprüche,inhärent im Regime der ArbeiterInnenkontrolle und im Regime der Doppelmacht, werden sich verschärfen und einen kritischen Zustand erreichen, in welchem diese Widersprüche für beide Seiten nicht mehr tolerierbar sind. Doppelmacht ist ein Zustand im Klassenkampf, bei dem der Klassenwiderspruch sich so akut verschärft hat, dass er die Gesellschaft in zwei sich feindlich gegenüberstehende Lager spaltet. Zwei verschiedene Mächte, eine alt, abgestiegen und reaktionär, die andere neu, sich im Aufstieg befindlich und revolutionär. Der einzige Ausweg für die ArbeiterInnenklasse aus dieser Situation besteht darin, die Macht zu übernehmen und den Sieg für die Revolution zu entscheiden oder alles endet mit einer Niederschlagung der Revolution und dem Sieg für die Konterrevolution. Man muss nur die unterschiedlichen Resultate der Russischen Revolution und der Revolutionen in Deutschland und Italien betrachten, um dies zu erkennen.

Wie in Venezuela heute impliziert ArbeiterInnenkontrolle nicht nur Kontrolle über voll funktionierende, sondern auch über teilweise produzierende und stillgelegte Betriebe oder solche, bei welchen die ArbeiterInnschaft ausgesperrt wurde. Die Aufgabe der Wiedereröffnung von stillgelegten Betrieben unter Fabrikkomitees in dem Meer des Kapitalismus impliziert den Anfang eines wirtschaftlichen Plans. Diese Fabriken müssen mit Rohmaterialien versorgt werden und fähig sein, ihre fertigen Produkte zu transportieren und zu verkaufen. Dies führt direkt zur Frage nach einer staatlichen Verwaltung der Industrie. Wie wir anhand von Venezuela sehen, finden sich diese staatlichen Betriebe Sabotage gegenüber und sind immer noch der Gnade des Kapitalismus ausgeliefert, national wie auch international. Dies wird wiederum direkt zur Frage nach Enteignung der Kapitalisten führen.

Das bedeutet, dass ArbeiterInnenkontrolle nicht einen längerfristig „normalen“ Zustand darstellen kann. Sie ist ein Anzeichen für die Zuspitzung des Klassenkampfes und die Frage der Dopplemachtstrukturen in der Industrie muss früher oder später zwingend gelöst werden werden. Als eine Übergangsmassnahme, welche unter den grössten Spannungen des Klassenkampfes existiert, ist ArbeiterInnenkontrolle eine Brücke zu der revolutionären Verstaatlichung der Industrie, als Teil des Übergangs vom Bürgerlichem zu proletarischem Staat.

Es ist wichtig, dass wir den Unterschied zwischen ArbeiterInnenkontrolle und ArbeiterInnenselbstverwaltung verstehen. Dies ist eine Wurzel von historischer Verwirrung und wir müssen bei dieser Sache klar sein. ArbeiterInnenkontrolle heisst, dass die Kontrolle in den Händen der ArbeiterInnen liegt aber die Kapitalisten die Fabrik immer noch besitzen. ArbeiterInnenkontrolle mag dominant und umfassend sein, doch sie bleibt auf die Kontrolle beschränkt.

Bronstein (Bronstein ist der bürgerliche Name von Leo Trotzki) erklärte hierzu:

„Die Kontrolle kann sehr aktiv sein, selbständig und umfassend sein. Sie bleibt aber Kontrolle. Die eigentliche Idee dieser Losung ist aus dem Übergangsregime in den Betrieben entstanden, wo Kapitalist und Administration keinen Schritt mehr ohne Zustimmung der ArbeiterInnen tun können, andererseits aber die ArbeiterInnen noch nicht die politischen Voraussetzungen für die Verstaatlichung geschaffen, die technische Leitung noch nicht erobert, die dazu erforderlichen Organe noch nicht gebildet haben. Vergessen wir nicht, dass es nicht nur um die Werksleitung geht, sondern auch um den Produktionsabsatz, die Versorgung der Betriebe mit Rohstoff, Materialien, Neuausrüstungen, Krediten usw.“[1]

Die tatsächliche Leitung und Planung von verstaatlichter Industrie benötigt neue administrative und staatliche Institutionen, und vor allem Wissen ,praktische Erfahrung und gut funktionierende Organisationsformen. Die ArbeiterInnenklasse muss dies lernen. In dieser Lehrperiode, sei es vor oder nach der politischen Machtübernahme, hat die ArbeiterInnenklasse ein Interesse daran, das Management einer erfahrenen Administration zu überlassen und diese unter ArbeiterInnenkontrolle zu stellen. In dieser Übergangsperiode wird die Grundlage für eine geplante Wirtschaft gelegt.

Die Leitung der Industrie durch die Arbeitenden kommt von oben, da sie direkt mit der Staatsmacht und dem ökonomischen Plan verbunden ist. Wo die Kontrolle von unten kommt und von Fabrikkomitees ausgeführt wird, sind die Führungsgremien zentralisierte ArbeiterInnenräte, also zentralisierte Staatsmacht. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Fabrikkomitees dadurch nicht verschwinden, sondern immer noch sehr wichtig sind, obwohl sich ihre Rolle verändert hat.

Wir sind keine SyndikalistInnen, wir glauben nicht, dass der Besitz von einzelnen Fabriken den jeweiligen FabrikarbeiterInnen übergegeben werden sollte. Eines der wichtigsten Anliegen in der sozialistischen Entwicklung der Gesellschaft ist der kollektive, soziale Besitz der Produktionsmittel und die Eliminierung des industriellen Wettbewerbs – dies beginnt mit der Verstaatlichung der Produktionsmittel.

1917 wurde Trotzki in einem Interview gefragt, ob die ArbeiterInnen die Fabrik besitzen sollen, in welcher sie arbeiten, und ob die Profite zwischen den ArbeiterInnen aufgeteilt werden sollen. Er antwortete: „ Nein, Profite zu verteilen ist eine bourgeoise Idee. Die Arbeiter in einer Mühle werden adäquat bezahlt. Alle Profite, welche man nicht den BesitzerInnen gibt (welche 5-6% ihrer Investition zurückbekommen), werden der Gesellschaft gehören.“[2]

Ausser wenn die oberste Leitung der Industrie in den Händen von ArbeiterInnenräten ist, welche den Staat und die ArbeiterInnenklasse als Ganzes vertreten, werden Firmen in einem ArbeiterInnenstaat weiterhin gegeneinander konkurrieren. In einer solchen Situation wäre es unmöglich, einen nationalen Plan zu koordinieren und in letzter Instanz würden immer noch kapitalistische Verhältnisse herrschen. Darum sind wir gegen die anarchistische und syndikalistische Idee, dass die ArbeiterInnen in jeder Industrie ihre jeweiligen Betriebe besitzen sollen. Diese Idee von „lokalem“ Besitz, wo die ArbeiterInnen einer Fabrik die Fabrik auch besitzen, ändert die produktive und soziale Rolle und die Natur der Firma nicht. Es ist immer noch ein individueller Betrieb und befindet sich nicht im Allgemeinbesitz. Eine Firma, welche den ArbeiterInnen gehört, sei es per Kooperativ- oder Selbstverwaltungskomitee, würde immer noch eine kapitalistische Firma sein, welche abhängig ist vom Profit, ob es eine Kooperative mit 12,250 oder einem Besitzenden ist. Es ist die Vergesellschaftung der Industrien unter Staatseigentum und ArbeiterInnenkontrolle, welches den sozialen und staatlichen Charakter der Industrie garantiert.

Das Programm der Marxisten im Zusammenhang mit ArbeiterInnenmangement und für eine demokratisch geplante Wirtschaft stellt für das Führungsgremium von allen verstaatlichten Industrien folgende Formel auf: 1/3 sollte aus den ArbeiterInnen der Industrie durch ihre Gewerkschaft bestehen und die Interessen ArbeiterInnen vor Ort verteidigen und sie in ihrer Kreativität unterstützen, 1/3 des Gremiums sollte die ArbeiterInnenklasse als Ganzes repräsentieren und durch den Zentralgewerkschaftskörper gewählt werden, ein letztes drittel sollte vom ArbeiterInnenstaat kommen und den nationalen Produktionsplan repräsentieren.

Im zweiten Teil geht es um die Erfahrungen der russischen Revolution gehen und die ArbeiterInnenkontrolle in der jungen Sowjetunion.

Zum Teil 2

Dieser Artikel ist eine Übersetzung des folgenden Artikel auf der Seite In Defence of MarxismWorkers’ Control and Nationalization

(Erstveröffentlichung: 5. Dezember 2014)


1 Leo Trotski: Was Nun? – Schicksalsfragen des deutschen Proletariats
2 Leo Trotzki: Verteidigung der russischen Revolution, Arbeiterkontrolle und Nationalisierung

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