Der Frauenstreik in Bern war eine vielfältige Sache: bezüglich politischen Ideen, Teilnehmenden, aber auch Aktionsformen. Was letztere betrifft, stach eine von der Unia organisierte Aktion hervor – als eine erste wichtige Kampf- und gewerkschaftliche Erfahrung von Verkäuferinnen. Wie weiter?

Am 14. Juni holten AktivistInnen der Unia mit Unterstützung des Funke die Verkäuferinnen der Marktgasse in Bern pünktlich um 10.57 aus den Läden. Euphorisch und etwas nervös reihten sich 150 Verkäuferinnen und Unia-AktivistInnen gemeinsam in der Marktgasse in eine Reihe ein. Eine Unia-Sekretärin hielt eine Rede und auf Kommando liessen wir Konfetti regnen. Etwa 500 Personen jubelten. Doch nach einer Viertelstunde war die Aktion schon wieder vorbei. Dafür besuchten Unia-AktivistInnen in den Monaten vor dem Streik regelmässig die Läden und überzeugten die Angestellten für die kurze Aktion.

Kampfbereit!

Im Gespräch mit zwei Verkäuferinnen zeigte sich schnell: sie sind radikal und haben viele Forderungen, um ihre Situation als Frauen, Mütter und Arbeiterinnen zu verbessern. Auf die Frage, weshalb sie an der Aktion teilnehmen, antworteten sie: «Alle Gründe: Mutterschaftsurlaub, 13. Monatslohn. Wir wollen mehr Stundenlohn im Detailhandel. Man kann mit dem Stundenlohn, den man hat, nicht durchkommen.»

Aber auch als Mütter haben sie Anliegen: «Wir bringen die Männer auf die Welt. Deshalb sollten wir auch mehr Rechte haben. Es sollte eine Gleichberechtigung geben. Warum verdienen Männer mehr Geld als ich? Ich mache die genau gleiche Arbeit und sollte die gleichen Rechte haben. Schlussendlich sind wir die Mütter. Wir müssen die Kinder erziehen und wir brauchen das Geld, damit wir das tun können.»

Ihr Bedürfnis nach einem gemeinsamen Kampf drückte sich folgendermassen aus: «Wir finden, man sollte den Frauenstreik gesetzlich erlauben. Damit auch jene, welche in den Läden arbeiten, für ihre Rechte streiken können. (…) Ohne dass uns gekündigt wird. Weil es ist auch unser Recht, für unsere Rechte zu streiken, wir hätten das gut – bekommen es aber nicht, weil irgendwelche Dubeli das Gefühl haben, sie wissen es besser als wir.»

Nicht zuletzt waren sich die Verkäuferinnen mehr als bewusst, wer für ihre Situation verantwortlich ist:  «Wir streiken beispielsweise, weil wir alle Kleidchen anziehen müssen. Wegen dem Sommer-Look. Das ist Sexismus. Wir dürfen doch selber entscheiden, was wir bei der Arbeit anziehen dürfen. Unsere Chefin, die uns das gesagt hat, kann ja nichts dafür. Das kommt von weiter oben!»

Ein Schritt vorwärts

Dass die Aktion einerseits nur eine Viertelstunde dauerte, andererseits den Lohnabhängigen keine materiellen Verbesserungen brachte, ändert zunächst einmal nichts an ihrem fortschrittlichen Charakter. Die Verkäuferinnen hatten erstmals Kontakt zu einer Gewerkschaft. Als Lohnabhängige in einer Branche, die kaum gewerkschaftlich organisiert ist, sind solche ersten Auseinandersetzungen mit einer grundlegenden Organisation der Arbeiterklasse keineswegs zu vernachlässigen. Darüber hinaus wurden erste kollektive Kampferfahrungen gesammelt. Das ist ein wichtiger Schritt – sowohl für die Verkäuferinnen als auch  die Gewerkschaft. Mit der Aktion vom Frauenstreik wurde eine Grundlage für das Organisieren der Verkäuferinnen in der Gewerkschaft gelegt. 

Die Basis-Sekretäre der Unia haben kein Interesse daran, dass ihre Arbeit der vergangenen Monate einfach verpufft, falls der Kampf nun für beendet erklärt würde. Jedoch sind sie nicht an der Spitze der Unia und können die Prioritätensetzung der Unia nur begrenzt beeinflussen. Was plant die Führung der Unia nun mit den Verkäuferinnen, welche sich erstmals engagiert haben? Die Rede von Unia-Chefin Vanja Alleva – nur einige Blocks entfernt und einige Stunden nach dem Kampf der Verkäuferinnen – gibt einen Vorgeschmack.

Die «Führung», die hinhertrabt

«Seit heute Morgen früh machen sich Frauen in allen Landesteilen, in allen Berufen und Branchen mit Streikaktionen verschiedenster Art für die Durchsetzung unserer längst überfälligen Rechte stark. Überall dort, wo Frauen arbeiten, wo sie Tag für Tag kostbare Arbeit leisten – im Detailhandel, in der Pflege, in der Reinigung, in der Industrie, in der Kita, in der Schule, usw.» Diese Aussage verdreht die Tatsachen.

Alleva zählt v.a. gewerkschaftlich schlecht organisierte Sektoren auf, in denen die Frauen weder streiken, noch sich einen Tag frei nehmen konnten. Durch den niedrigen Organisationsgrad in diesen «Frauensektoren» sind viele Frauen schlechteren Arbeitsbedingungen ausgesetzt und haben keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Fakt ist, dass nur eine Putzdelegation in Luzern ernsthaft streikte – heisst, sich durch Arbeitsniederlegung dem Kapital entgegen stellte. Dabei hat sie es sogar geschafft, ihre Forderungen («bezahlte Reisekosten») zu erkämpfen.

Allevas Aussage ist aber nicht nur einfach eine Falschaussage. Sie täuscht vor allem darüber hinweg, dass die meisten prekär beschäftigten Frauen z.B. im Detailhandel gerade darum nicht mitkämpfen konnten, weil sie gewerkschaftlich nicht organisiert sind. Dadurch vertuscht Alleva ihre «eigene» Aufgabe als Gewerkschafsführerin und gibt sie als bereits gelöst aus: diese «Frauensektoren» zu organisieren und dadurch kampffähig zu machen.

Appell ans Kapital

Weiter: «Wir haben heute ein starkes Zeichen gesetzt. Jetzt müssen Taten folgen.» Einverstanden, der Frauenstreik war ein Zeichen. Einverstanden, es müssen Taten folgen. Aber welche Taten? Die abstrakte Floskel «es müssen Taten folgen» gibt schlicht nicht vor, wie der Kampf nun weitergeführt werden müsste.

Nach dem Frauenstreik publizierte die Unia einen Streikbericht mit Forderungskatalog. Forderungen wie Mindestlöhne, keine Lohndiskriminierung, GAVs in Frauenbranchen, kürzere Arbeitszeiten etc. sind an sich korrekt. Abgesehen davon, dass natürlich mit diesen Forderungen in den Frauenstreik und dessen Vorbereitung hätte eingegriffen werden müssen – abgesehen davon bleibt die Frage trotz verspätetem Forderungskatalog vollständig offen, wie der Kampf für diese Forderungen auszusehen hätte. 

Schlimmer noch, die Frage bleibt nicht nur offen, sondern wird grundfalsch beantwortet. «Den ersten Tatbeweis können Arbeitgeber diesen Herbst erbringen», heisst es im Forderungskatalog. Das einzige, was die Spitze der Unia für die Arbeitsrechte der Frauen tut, ist an die KapitalistInnen zu appellieren, nett zu sein! Fokus der Unia-Führung ist also: als kämpferische Gewerkschaft zu erscheinen, ohne jedoch ernsthafte Arbeitskämpfe für die Verbesserungen der Lebensbedingungen der arbeitenden Frauen vorzubereiten und zu führen.

Das Potential verwirklichen

Die Euphorie und die Reaktionen der Verkäuferinnen zeigen: Es gibt Potenzial für die gewerkschaftliche Organisierung des Detailhandels in Bern. Matchentscheidend ist, dass die Unia bei dieser einmaligen 15 Minuten-Aktion nicht stehen bleibt. Jetzt ist der Moment, um eine langfristige Kampagne zu starten, um die Verkäuferinnen (und Verkäufer!), welche sich an der Streik-Aktion beteiligt haben, gewerkschaftlich zu organisieren. Die kämpferische Stimmung kann und muss ausgenutzt werden.

Das schlagendste Kampfmittel für die Verbesserungen der Lebensbedingungen von Frauen wie den Verkäuferinnen, mit denen wir gesprochen haben, ist der Generalstreik – erstens weil die Probleme die ganze Klasse betreffen; zweitens weil die Arbeiterklasse als Ganze die grösste Kraft hat, substantielle Verbesserungen zu erringen; und drittens weil Verbesserungen der Lebensbedingungen dem Kapital abgerungen werden müssen. Ein Generalstreik fällt aber nicht vom Himmel, sondern muss vorbereitet werden: indem sich die Unia in den Betrieben verankert. Die Verkäuferinnen sind bereit zum Kampf. Jetzt müssen sie kampffähig gemacht werden.

Wie weiter?

Die Unia muss mit den Verkäuferinnen weiterarbeiten. Es muss eine Vollversammlung einberufen werden, in der über die Forderungen diskutiert wird. Betriebsgruppen müssen aufgebaut werden. Es sind kollektive Diskussionen und Kämpfe, welche das Klassenbewusstsein der Verkäuferinnen vorwärts treiben. Ihnen muss aufgezeigt werden, dass sie nur im kollektiven Kampf Klasse-gegen-Klasse ihren Boss «weiter oben» dazu zwingen können, die Ladenöffnungszeiten nicht zu verlängern. Oder ihre Löhne zu erhöhen.

Klar: dies braucht Zeit und Ressourcen. Diese müssen aber investiert werden, damit wirkliche «Taten folgen» können. Die Zeit, in der die Sozialpartnerschaft Verbesserungen brachte, ist endgültig vorbei. Kein Weg geht am frontalen Kampf gegen das Kapital, kein Weg am mühseligen Aufbau einer kämpferischen Basis vorbei – auch in den «Frauenberufen». Das Potenzial für solche Fortschritte in den Frauenbranchen ist da, das haben wir am Frauenstreik am 14. Juni gesehen. Es muss jetzt verwirklicht und damit potenziert werden.

Sarah-Sophia V.
Juso Stadt Bern

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