Ich bin medizinische Assistentin in einer Abteilung des CHUV, dem Unispital von Lausanne. 

Nach mehr als einem Jahr an der Front, nach gestrichenem Urlaub, stehen die verbliebenen MitarbeiterInnen unter einem riesen Druck. Wir müssen zusätzlich zu unseren eigenen Arbeitszeiten auch noch jene unserer KollegInnen sicherstellen, die nach wiederholten Burn-Outs und ärztlich verordneten Abwesenheiten nun fehlen. 

Die wachsende Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung lastet schwer auf den Krankenhausmitarbeitenden. Auch wir haben die Nase voll von den Massnahmen der Regierung. Aber wir wollen doch hoffen, dass die Menschen sich daran erinnern, dass auch wir seit Monaten in unseren Freiheiten beschnitten werden. Wir können nicht einfach zu Hause bleiben, wir müssen für die Kranken da sein. Auch wir mussten unsere Aperos, Restaurantbesuche und Konzerte absagen, aber das tun wir schon seit Beginn der Pandemie. Die meisten von uns waren monatelang nicht zu Hause, um ihre Angehörigen nicht zu gefährden. Und das alles ohne jede personelle Aufstockung, ohne neue MitarbeiterInnen, mit dem gleichen Team wie seit Beginn der Pandemie. 

Der chronische Personalmangel, der Mangel an Betten, der Mangel an Zeit, welche pro Patient zur Verfügung steht, ist nicht neu, sondern existiert mindestens seit 2008. In den 10 Jahren, in denen ich in der Abteilung arbeite, habe ich nie eine andere Situation gekannt als den Stress, PatientInnen zu behandeln, Akten abzuschliessen und so schnell wie möglich zum nächsten überzugehen, Stunden anzuhäufen, um die Abwesenheit einer anderen Kollegin auszugleichen, die früher als geplant in Mutterschaftsurlaub gegangen ist. Und das alles, ohne einen Fehler machen zu dürfen, da es um das Leben der Patientin gehen könnte. Ganz zu schweigen von dem Sexismus, sowohl von Patienten als auch von Kollegen in höheren Positionen.

Diskussionveranstaltung am 22. Juni um 19:00 auf Zoom! Klick hier.

Von den Gewerkschaften hören wir oft, dass Streiks im Gesundheitswesen nicht machbar seien. Das ermutigt uns nicht gerade, bei den Gewerkschaften Hilfe zu verlangen. Dabei beweisen Beispiele aus den USA, dass Streiks im Gesundheitswesen möglich sind. 12’000 PflegerInnen gingen in Minnesota mitten in der Pandemie auf die Strasse. An solchen Beispielen sehen wir, dass Streiks in diesem Bereich machbar sind, aber nur, wenn die Gewerkschaften von den KrankenhausmitarbeiterInnen zurückerobert werden und wir mitbestimmen können. 

Ein einfacher und effektiver Weg des Arbeitskampfs im Spital ist der administrative Streik: Alle Leistungen, die mit der Behandlung einer PatientIn zu tun haben, werden nicht mehr in Rechnung gestellt. So werden keine Rechnungen mehr ausgestellt, nachdem jemand geimpft worden ist oder für das verwendete Verbandsmaterial nach einem Unfall, etc. 

Diese Form des Streiks hat einen direkten Effekt auf die Profite der Krankenkassen und die Versicherungen, nicht aber auf die PatientInnen und ihre Behandlungen. Im Gegenteil, all die Zeit, welche mit administrativer Tätigkeit verloren geht, fehlt schlussendlich beim Patient. Ein administrativer Streik verschlechtert in keiner Weise die medizinische Behandlung des Patienten.

Dazu müssen wir uns in unseren Teams zusammen versammeln und über unsere Situation und unsere Forderungen sprechen. Dann müssen wir zusammen entscheiden, wie wir gemeinsam in den Arbeitskampf treten wollen. Wir können nicht auf die Gewerkschaften warten. Aber wir müssen den Gewerkschaften zeigen, dass wir uns auch nicht von ihnen abwenden wollen, sondern dass wir als Pflegekräfte wissen, dass es Wege gibt, zu streiken, entgegen dem, was die Gewerkschaftsführung gerne wiederholt. Wir müssen Druck auf sie ausüben, indem wir Eigeninitiative zeigen, wir müssen die Gewerkschaften herausfordern, indem wir uns selbst organisieren und unsere Forderungen bestimmen!

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