Im CHUV (Waadtländer Unispital in Lausanne) ruft die Vollversammlung der Belegschaft am 23. Juni zum Streik auf! Damit zeigen die ArbeiterInnen den Weg im Kampf für bessere Arbeits- und Gesundheitsbedingungen. Interview mit David Gygax, Gewerkschafter des VPOD Waadt und Verantwortlicher für das CHUV.

Der Streik muss von den Angestellten selbst geführt werden»

Wir sind von dem Mut und der Entschlossenheit der ArbeiterInnen im CHUV sehr begeistert! Könntest du uns erklären, was bei der Vollversammlung des Personals am 25. Mai passiert ist? Wie wurde die Entscheidung getroffen, einen Streik auszurufen?

David Gygax*: Die Frage eines Streiks war in der Tat das ganze letzte Jahr über aufgeworfen worden. Die Pandemie hat die Arbeitsbedingungen im CHUV noch einmal massiv verschlechtert. So diskutieren die ArbeiterInnen seit September 2020 über ihre Forderungen und vor allem darüber, wie sie diese verteidigen können. Im September stellte die Personal-GV drei Hauptforderungen an den Waadtländer Staatsrat und die Spitalleitung: eine Lohnerhöhung, mehr Personal und eine faire Covid-Prämie für alle. Im Oktober veranstalteten wir eine grosse Demonstration für das Gesundheitspersonal in Lausanne. Im Februar schliesslich wurde eine Covid-Prämie von 900 Franken gewährt, die jedoch einen Grossteil der ArbeiterInnen ausschloss. Das ist empörend und hat die ArbeiterInnen sehr verärgert! Ausserdem wurden die anderen Forderungen einfach ignoriert. An der Vollversammlung am 25. Mai zogen wir also Bilanz, dass wir unsere Kampfmethoden stärken und radikalisieren müssen. So entstand der Aufruf zum Streik, der schliesslich fast einstimmig angenommen wurde.

Ja, wir können sehr gut sehen, wie der Vorschlag für einen Streik organisch aus der Bewegung der Lohnabhängigen entstanden ist. Die Situation der ArbeiterInnen (und Patienten) im CHUV ist jedoch ähnlich wie anderswo in der Schweiz. Wie erklärst du dir die besonders mutige und offensive Haltung des Krankenhauspersonals in Lausanne?

Ich sehe mehrere Elemente. Erstens ist das CHUV-Personal Teil des öffentlichen Dienstes, der in der Waadt eine gewisse Tradition des Streiks hat. Hier ist der Streik etwas, das existiert, das als legitim angesehen wird.

Zweitens hat der VPOD eine gute Präsenz im CHUV. Wir sollten es nicht übertreiben, wir tun, was wir können. Aber die ArbeiterInnen kennen uns, sie vertrauen uns auf eine gewisse Art und Weise. Also werden wir gemeinsam mit den ArbeiterInnenn aktiv, organisieren Treffen, Kundgebungen, Demonstrationen. Wir haben es geschafft, eine Form der kollektiven Organisation aufzubauen, die uns eine gewisse Handlungsfähigkeit verleiht. Drittens hat die Situation des Covid viele Probleme im Gesundheitssektor und insbesondere im CHUV aufgezeigt. Es gab also ein gewisses Bewusstsein für das Thema. Gleichzeitig nehmen die Probleme der ArbeiterInnen zu. Für uns war es also der Moment, in die Offensive zu gehen. Wir müssen und können etwas erreichen.

Jetzt, wo der Aufruf zum Streik erfolgt ist, was sind die nächsten Schritte des Kampfes?

Im Moment ist der Aufruf zum Streik nur ein Slogan, es gibt noch keine wirklichen Streikenden. Aber wir haben die Legitimation der Vollversammlung der Belegschaft, die von vielen ArbeiterInnenn unterstützt wird. Jetzt geht es darum, möglichst viele ArbeiterInnen von der Notwendigkeit eines Streiks zu überzeugen. Der erste Schritt ist, wenn möglich, die Gründung eines Streikkomitees, das sich aus ArbeiterInnenn zusammensetzt. Es ist wichtig, dass der Streik über die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter hinausgeht. Zweitens muss der Streik von den ArbeiterInnenn selbst geführt werden. Sie sind die Einzigen, die die Mobilisierung und vor allem den Streiktag organisieren und die Dienste koordinieren können. Natürlich geht es auch darum, während des Streiks den Minimalbetrieb der Notfallstation zu gewährleisten.

Bei all dieser Arbeit, den Streik vorzubereiten, gibt es einige Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert werden: zum Beispiel die extrem dichten Arbeitszeiten oder die gestaffelten Zeitpläne zwischen den ArbeiterInnen innerhalb desselben Dienstes oder zwischen den Diensten, was die Mobilisierung kompliziert macht. Ausserdem unterstützt der SBK (Schweizerischer Berufsverband der Pflegenden) den Aufruf zum Streik nicht, was sehr schade ist. Unser Ziel ist es jedoch, zu streiken, das Krankenhaus lahmzulegen, um den wahren Wert der Arbeit zu zeigen. Es geht uns nicht um einen einfachen Aktionstag mit einer kleinen Solidaritätsdemonstration. Wir wollen einen echten, massiven Streik haben.

Ein wichtiges Element wäre aus unserer Sicht die Ausweitung des Kampfes auf andere Krankenhäuser und Einrichtungen. Ein gemeinsamer Kampf der Beschäftigten im Gesundheitssektor würde die Streikkraft enorm stärken. Welche Chancen siehst du für die CHUV-ArbeiterInnen, ihre Kollegen in anderen Regionen mit in den Kampf zu ziehen? Und welche Rolle sollten die Gewerkschaften dabei spielen?

Natürlich möchten wir, dass sich der Kampf ausbreitet, dass sich andere Krankenhäuser auf die gleiche Weise mobilisieren. Es gibt objektive Faktoren, die eine nationale Koordination verhindern, wie der Föderalismus. Und es gibt subjektive Faktoren, wie den sozialen Frieden, den Arbeitsfrieden. Der sozialpartnerschaftliche Ansatz hat einen starken Einfluss auf die Gewerkschaftsführung. Sie neigen dazu, sich an die Chefs oder an die Presse zu wenden, um zu verhandeln. Wir sind also auf das Wohlwollen der Arbeitgeber angewiesen. Wenn die Gewerkschaft zum Beispiel einen grossen Generalarbeitsvertrag für 250.000 Beschäftigte abschliessen will, ohne die Arbeiter zu mobilisieren, dann wissen die Bosse, dass wir nichts bekommen werden. Im CHUV und anderswo versucht die Gewerkschaft, die ArbeiterInnen anzusprechen und gewerkschaftliche Kollektive aufzubauen. Mit ihnen ist es uns inzwischen zumindest gelungen, eine gewisse Vertrauensbasis zu schaffen. Dazu müssen wir Vollversammlungen der Belegschaft organisieren, wir müssen den Arbeitern zuhören und wir müssen uns auf Methoden des kollektiven Kampfes einigen. Wir haben wenig Kräfte dafür, in Waadt sind wir zwei Gewerkschafter für das Gesundheitswesen, die auch stark mobilisiert sind und an der Demonstration vom 23. Juni teilnehmen werden, nur einer für das CHUV. Das zeigt, dass es auch in der Schweiz durchaus möglich ist, gewerkschaftliche Aufbauarbeit zu leisten. Ich glaube, dass diejenigen, die diese Herangehensweise der Gewerkschaften direkt am Arbeitsplatz und einer Gewerkschaftsarbeit des Kampfes teilen, sich auf nationaler Ebene koordinieren sollten. Es ist eine unserer Schwächen, dass wir nicht über ein solches gewerkschafts- und berufsübergreifendes Netzwerk verfügen.

David, vielen Dank! Du hast unsere ganze Solidarität mit den Arbeitern im Kampf!

In den kommenden Wochen werden AktivistInnen vom Funke eine Solidaritätskampagne durchführen. Wir werden in Genf und in der Deutschschweiz vor Krankenhäusern und Berufsschulen präsent sein, um über die Lehren des Streiks am CHUV zu berichten und vor allem mit jungen Lohnabhängigen zu diskutieren, wie sie sich in ihren eigenen Einrichtungen organisieren können. Macht mit bei dieser wichtigen und inspirierenden Arbeit!

Der beste Weg, die CHUV-Angestellten zu unterstützen, ist, sich mit den Kolleginnen und Kollegen im eigenen Betrieb zusammenzuschliessen und gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und Gesundheit zu kämpfen!

Am Tag des Streiks (23. Juni) organisieren wir in Bern einen solidarischen Streikposten/Kundgebung.

Am 24. Juni organisieren wir eine Onlinediskussion: «Gesundheit vor Profit! Wie kann die Pflege kämpfen?»

Interview geführt von Sereina Weber und Dersu Heri

*David Gygax ist Gewerkschaftssekretär beim VPOD Waadt, verantwortlich für die Pflege, Spitäler, etc.

Bild: Wikipedia

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