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ie werden wir handlungsfähig? – Fortsetzung von „Unsere fremde Welt“: Die Menschen sind unzufrieden und empört, ängstlich und wütend. Wir sehen, dass es so nicht weitergehen kann, doch wir sind festgefahren, ohnmächtig. Wir haben scheinbar kaum Einfluss auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Ist dies ein Grund zum Pessimismus? Nein – angesagt ist militanter Optimismus!

Im ersten Teil dieses Artikels (siehe „Unsere fremde Welt“) gingen wir der Frage nach, wieso der grösste Teil unserer jüngeren lohnabhängigen Bevölkerung kaum an die Möglichkeit einer Veränderung der Gesellschaft glaubt, wo doch die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels sich immer deutlicher offenbart. Wir haben gesehen, dass der Pessimismus und die Passivität ein Nebenprodukt eines grösseren Zusammenhangs der Entfremdung sind. Die Menschen nehmen die gesellschaftlichen Strukturen als etwas ihnen äusserliches wahr, das vollkommen unabhängig von ihnen existiert; als eine feindliche Welt, auf die sie kaum Einfluss haben.

Wir haben zwei eng miteinander verbundene Punkte aufgeführt, wieso es der Jugend oftmals schwer fällt, aus dieser Perspektive der Unterwerfung zu entkommen und Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen. Erstens liegt dies am isolierten Blickwinkel und der individualistischen Sichtweise der einzelnen Menschen. Die kapitalistische Produktionsweise atomisiert, sie isoliert die Menschen voneinander und zwingt sie in die gegenseitige Konkurrenz. Zweitens existiert heute an den meisten Orten keine politische Kraft, die Veränderung herbeiführen könnte und an eine Alternative glauben liesse. Entsprechend sieht man sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Nichts scheint den natürlichen Lauf der Dinge aufhalten zu können.

Handlungsfähigkeit und Klassenbewusstsein

Wie werden die Lohnabhängigen handlungsfähig und erkennen, dass der scheinbar natürliche Gang der Geschichte von ihnen gemacht und durch sie verändert werden kann? Es ist eine Binsenwahrheit, dass einzelne Lohnabhängige nicht alleine die Gesellschaft umkrempeln werden. Unsere eigentliche Macht besteht in unserer grossen Zahl und in unserem gemeinsamen objektiven Klasseninteresse. Während wir in jeder politischen Auseinandersetzung aufs Neue sehen, dass die Kapitalisten niemals gegen ihr Profitinteresse zum Wohle aller handeln werden, haben die Lohnabhängigen ein Bedürfnis nach einem Wirtschaftssystem, welches das Leben aller über den Profit stellt. Wir stehen also vor der altbekannten Frage nach dem Klassenbewusstsein.

Uns MarxistInnen wird immer wieder vorgeworfen, die Vorstellung einer Klassengesellschaft sei überholt und trüge nichts zum Verständnis unserer heutigen komplexen Gesellschaft bei. Und tatsächlich: was ist von einer solchen Klasse zu halten, in der ihre Mitglieder nicht einmal wissen, dass sie derselben Klasse angehören? Dass sich die Lohnabhängigen dessen nicht bewusst sind, ändert aber nichts an der tatsächlichen Existenz der Klassen. Solange es Menschen gibt, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, während andere mit der Aneignung fremder Arbeit Geld verdienen, leben wir in einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft. Gewiss wird eine solche, unbewusste und gespaltene Klasse keine Revolution machen. In der Form, wie sie historisch wirksam sein kann, ist die Klasse der Lohnabhängigen nicht gegeben, sondern muss hervorgebracht werden.

Damit sich das notwendige Klassenbewusstsein herausbilden kann, muss der individualistische Blick überwunden werden, sodass die eigene gesellschaftliche Macht der Lohnabhängigen erkannt werden kann. Für Einzelne mag dieses durch das Lesen der richtigen theoretischen Bücher bewirkt werden. Auf Massenbasis muss jedoch die strukturelle Ursache des isolierten Blickwinkels aus dem Weg geschaffen werden: die Atomisierung durch den Keil zwischen den Lohnabhängigen. Folgen wir der Argumentation im ersten Teil, so ist klar, dass diese Entfremdung letztlich nur vollständig aufgehoben werden kann, wenn das Privateigentum an Produktionsmittel überwunden wurde und unsere gesellschaftlichen Beziehungen nicht mehr über den Markt vermittelt sind. Allerdings lässt bereits das Zusammenkommen und Kämpfen für eine gemeinsame Sache die verschiedenen Blickwinkel verschmelzen. Während der isolierte „Alltagsverstand“ in bornierter Weise die eigene Position durchzusetzen versucht, entsteht im gemeinsamen Kampf für ein konkretes Ziel eine Perspektive, die den Horizont von allen verbreitert. Man lässt sich auf sein Gegenüber ein und erkennt seine eigene Stärke in der Stärke der Einheit. Solidarität wird zur Selbstverständlichkeit.

Die Entwicklung einer wirklichen gesellschaftlichen Kraft und die Entwicklung des Klassebewusstseins gehören zusammen: Der organisierte politische Kampf schafft das Bewusstsein selbst. Damit sich dieser Kampf ausdehnen kann und immer mehr Leute einbezogen werden, muss die organisierte Kraft durch ein klares Programm eine wirkliche alternative Perspektive anbieten. Dazu muss es direkt am Bewusstsein der Massen anknüpfen, es dann aber weitertreiben und entwickeln. Losgelöste Forderungen nach direkter Überwindung des Kapitalismus bringen genauso wenig wie Einzelforderungen, die nicht in eine grössere anti-kapitalistische Strategie eingebettet sind.

Wenn die Welt warm und weich wird

Das Organisieren und Zusammenbringen der Klasse der Lohnabhängigen ist jedoch erst die halbe Miete. Die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern, ist nur möglich, wenn man sich die Aneignung dieser Strukturen – also die Aufhebung der Entfremdung – selbst zum politischen Projekt macht. Für das Ausarbeiten einer solchen Perspektive der Veränderung ist die Einnahme eines Klassenstandpunktes entscheidend. Um der Unterwerfung unter die objektiven Strukturen zu entkommen, muss man sich als etwas von den Strukturen verschiedenes wahrnehmen und sehen, wie sie hervorgebracht werden. Man kann einer Strömung nicht entkommen, wenn man nicht erkennt, dass man von ihr getrieben wird.

Die Lohnarbeitenden schaffen durch ihre Tätigkeit das Kapital, das die gesellschaftlichen Institutionen durchzieht und seiner Verwertungslogik unterwirft. Das geschieht in einem Klassenverhältnis: Kapital kann nicht entstehen, wenn das Arbeitsprodukt der Lohnabhängigen nicht von einem Kapitalisten angeeignet wird. Um die Kontrolle über die Strukturen zu erlangen, die uns in unserem Alltag beherrschen, gilt es zu erkennen, wie sie durch unser eigenes Schaffen im Abhängigkeitsverhältnis des Kapitalismus entstehen. Wenn der Klassengegensatz ignoriert und die Lohnarbeit nicht zum Ausgangspunkt der Analyse gemacht wird, steht die gesamte Analyse wieder auf dem Kopf und Veränderungsmöglichkeiten werden verschleiert. Nur mit einem Klassenstandpunkt wird klar, welche gesellschaftlichen Zwänge und Einflüsse auf einen einwirken und einen bestimmen.

Das Klassenbewusstsein entsteht also in der Kombination des Klassenstandpunktes und der Organisierung. Das Individuum wird über seine eigenen Grenzen getrieben und erkennt das Gemeinsame in den verschiedenen Interessen. Die eigene gesellschaftliche Macht wird ersichtlich. In dem Masse wie dieses Klassenbewusstsein steigt, steigt die eigene Handlungsfähigkeit. Je kräftiger die klassenbewusste Organisation, desto weicher und formbarer werden die gesellschaftlichen Strukturen. Die sozialen Institutionen und die Sachzwänge der herrschenden Ordnung werden nicht mehr als etwas natürlich Gegebenes angeschaut, dem man ohnmächtig gegenübersteht, sondern vielmehr als etwas gesellschaftlich Geschaffenes, das verändert werden kann. Der Weg nach vorne öffnet sich und wir gewinnen die Gestaltungskraft.

Aneignung der Welt

Die Zeichen, dass das oben skizzierte Projekt gelingen kann, stehen heute gut. Das Vorhaben, eine gesellschaftliche Kraft aufzubauen und aktiv das Klassenbewusstsein zu fördern, geschieht nicht in einem Zustand der gesellschaftlichen Starre. Die Strukturen, denen wir unterworfen sind, haben eine von unserem Willen unabhängige Dynamik, die durch die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise bestimmt ist. Diese Dynamik hat selbst starke Auswirkungen auf das Bewusstsein der Massen. Hätte der Kapitalismus nicht die Tendenz, immer mehr Lohnabhängigen ein anständiges Leben zu verunmöglichen, entstünde auch bei der besten politischen Arbeit kein Klassenbewusstsein. Die Entwicklung der Reallöhne hält nicht Schritt mit dem technologischen Fortschritt – die Realität und die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft von Eigenverantwortung und Eigenverdienst klaffen auseinander. Zurzeit sehen wir weltweit, wie immer grössere Einschnitte in die Lebensbedingungen dazu führen, dass sich die betroffenen Lohnabhängigen nach einer politischen Alternative umsehen und selbst zu kämpfen beginnen. Überall wird das Bewusstsein der betroffenen Menschen aufgewirbelt.

Wir befinden uns in einer tiefen Krise des globalen Kapitalismus, die in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen wird. Ein Zurück in einen Zustand des wirtschaftlichen und sozialen Gleichgewichts ist nicht absehbar. Die Bourgeoisie hat nur noch repressive Lösungen anzubieten, die gleichzeitig aber die gesellschaftliche Stabilität und damit ihre eigene Grundlage untergraben. In einer solchen Phase steigt der Einsatz unserer politischen Arbeit gewaltig. Die Möglichkeiten einer alternativen Politik auf Massenbasis erhöhen sich; damit aber auch die Gefahr dessen, was droht, wenn diese Möglichkeiten nicht genützt werden.

Auch in der Schweiz regt sich bereits vieles, insbesondere rund um die Kämpfe gegen Sparmassnahmen. Solche spontanen Reaktionen auf die sich verschärfenden Widersprüche führen aber nicht automatisch zu klassenbewusster Aktion. Diese Kämpfe müssen aufgenommen, ausgeweitet und auf ein höheres politisches Niveau gehoben werden. Sie müssen in eine politische Kraft eingegliedert werden, in der die demokratische Mitbestimmung zur Selbstermächtigung aller führt. Mit Stellvertreterpolitik lässt sich keine Gesellschaft verändern. Genau dort, wo bereits Widerstand aufflammt, liegt der Anknüpfungspunkt für die Organisierung und Herausbildung einer wirklichen politischen Kraft – eine die selbst agieren kann, statt nur spontan auf äusseren Druck zu reagieren.

Die Passivität, so nachvollziehbar sie aus soziologischer Sicht sein mag, bedeutet einzig, dass das eigene Handeln die herrschende Ordnung aufrechterhält. Darauf zu verzichten, sich zu vereinen und gegen den Strom zu stellen, bedeutet weiter vom Strom getrieben zu werden. Der Pessimismus wird damit zur selbsterfüllenden Prophezeiung: der Glaube, dass man selbst nichts verändern kann, führt nur dazu, dass sich nichts in wünschenswerter Weise verändert. So wird das Feld der herrschenden Klasse überlassen.

Zentralbild Quasch/Krueger 8.11.1954 "Deutsche Begegnung" der Geistesschaffenden in Berlin 1954 Mehr als 500 Teilnehmer aus verschiedensten geistigen Kreisen kamen als Vertreter verschieder religiöser und politischer Bekenntnisse in Berlin zusammen, um zu beraten, wie die Verständigung der Deutschen untereinander verstärkt werden kann. In Beratungen, die im demokratischen Sektor und in den Westsektoren Berlins stattfanden, sprachen sich die Tagungsteilnehmer zu 3 Referaten aus, welche die Grundlage der "Deutschen Begegnung" bildeten. UBz: Auf der Eröffnungsberatung am 6.11.1954 in der Volksbühne am Luxemburgplatz: Es sprach Professor Dr. Ernst Bloch. / Bundesarchiv, Bild 183-27348-0008 / CC-BY-SA 3.0

Ernst Bloch. / Bundesarchiv, Bild 183-27348-0008 / CC-BY-SA 3.0

Angebracht ist heute alleine die Haltung, welche der marxistische Philosoph Ernst Bloch treffend den „militanten Optimismus“ genannt hat. Kein naiver Optimismus, der die Schwierigkeit unserer Aufgabe ausblendet, aber auch kein fatalistischer Pessimismus, der das Vorhandensein von realen Handlungsmöglichkeiten abstreitet. Vielmehr ein Optimismus, der weiss, dass der Kapitalismus in seiner Phase des Niedergangs ist und es an unserem Kampf liegt, ob wir in einer freieren menschlichen Gesellschaft ankommen, oder in einer, die auf noch stärkeren und direkteren Unterdrückungsformen fusst. Die Einsicht in das Funktionieren der Gesellschaft durch eine nüchterne und korrekte Analyse lässt uns immer reale Möglichkeiten erkennen, wie verändernd in die Gesellschaftsstrukturen eingegriffen werden kann; ob wir uns dieser Möglichkeiten bedienen, liegt an uns selbst. Verneinen wir uns nicht selbst. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wir haben immerhin eine Welt zu gewinnen, unsere Welt.

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