Wer heute für eine Revolution kämpfen will, muss sich mit den besten Werkzeugen ausrüsten. Alles andere ist inkonsequent. Mit welchen Ideen kommen wir zu einer klassenlosen Gesellschaft – mit Anarchismus oder Marxismus?

Der Kapitalismus steckt in seiner tiefsten Krise seit es ihn gibt. Die Bourgeoisie hat keinen Ausweg. Die reformistischen Führer der traditionellen Massenorganisationen der Arbeiterklasse helfen bei der Verwaltung der Krise. Allen voran die Jugend spürt und sieht, dass es im Kapitalismus nichts mehr zu gewinnen gibt. Sie hasst den Kapitalismus und ist angewidert vom Opportunismus der reformistischen PolitikerInnen. Es gibt einen zunehmenden Durst nach revolutionären Ideen. Nebst den Ideen des Marxismus haben auch diejenigen des Anarchismus Auftrieb. Es ist völlig verständlich, dass diese Ideen in der Jugend an Attraktivität gewinnen. Denn die Ideen des Anarchismus stehen für eine radikale Ablehnung des Status Quo und für den Sturz des Kapitalismus. Als MarxistInnen teilen wir diese Ablehnung. Aber wir sind der Meinung, dass die Ideen des Anarchismus ihrem eigenen revolutionären Anspruch nicht gerecht werden. Es sind die Ideen des Marxismus, die wir brauchen.

Philosophie

MarxistInnen und AnarchistInnen geben unterschiedliche, gegensätzliche Antworten auf eine Reihe von Fragen. Dahinter stecken unterschiedliche, gegensätzliche Philosophien. Das verstehen wir am besten, wenn wir die Entstehung dieser Ideen anschauen.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts steckte der Kapitalismus noch in den Kinderschuhen. Die Charaktereigenschaften des Systems waren noch wenig entwickelt. Man konnte noch keinen Weg vom Kapitalismus in den Sozialismus in der Realität erkennen. Das prägte die Sozialisten von damals. Sie konnten eine sozialistische Welt nur aus dem Kopf heraus konstruieren. Sie waren Utopisten

Der moderne Anarchismus setzt an diesen Ideen an. Er empörte sich mit gutem Recht über den Kapitalismus. Auf dieser Basis fragte er sich in erster Linie, wie die Welt sein sollte, und nicht, wie die reale Welt wirklich funktioniert. Es wurden Idealbilder (Utopien) einer anarchistischen Gesellschaft entworfen. Alle wirklichen Institutionen, die diesem Idealbild widersprachen, wurden verworfen. Der Anarchismus braucht also dieselbe Methode wie die utopischen Sozialisten.

Aber die Gesellschaft war in dem halben Jahrhundert nicht stehengeblieben. Der Kapitalismus entfaltete sich schnell. Mit der Industrialisierung traten die wesentlichen Gegensätze des Systems hervor. Innerhalb des Kapitalismus selbst entwickelten sich die Keime für eine neue, sozialistische Gesellschaft. So konnte der Standpunkt des Utopismus aufgehoben werden. Das taten die Begründer des Marxismus, Marx und Engels. Sie konnten den Sozialismus auf eine reale, wissenschaftliche Basis stellen.

Marxisten teilen die Empörung gegenüber Elend, Barbarei und Zynismus des Kapitalismus. Aber sich zu empören und sich bessere Welten zu erdenken reicht nicht. Empörung zeigt keinen Ausweg auf und die Welt kniet nicht einfach vor unseren Idealen nieder. Der Marxismus konstruiert nicht aus dem Kopf heraus abstrakte Prinzipien und Ideale, nach der sich die Welt richten soll. Er verfährt genau umgekehrt: Er entdeckt die Mittel zur Lösung der Probleme mit dem Kopf im Prozess der wirklichen Welt. Das ist der fundamentale methodische Gegensatz von Marxismus und Anarchismus und macht den Marxismus zu einer höheren, mächtigeren Herangehensweise.

Marx enthüllte die Bewegungsgesetze des Kapitalismus – und konnte genau dadurch sehen, wie wir die Welt wirklich verändern können. Der Marxismus erkennt, wie der Kapitalismus durch seine eigene Dynamik die Bedingungen für eine sozialistische Revolution erschafft. Er kreiert gigantische wirtschaftliche Kräfte. Diese sprengen den kapitalistischen Rahmen zunehmend und verlangen danach, den Händen der einzelnen Kapitalisten entrissen und unter die Kontrolle, Leitung und Planung der vereinten ProduzentInnen gestellt zu werden. Der Kapitalismus erschafft auch eine Klasse, die dieses Programm umsetzen kann. Die Arbeiterklasse produziert durch ihre kollektive Arbeit den ganzen gigantischen Reichtum im Kapitalismus. Ohne sie läuft keine Maschine, dreht sich kein Rad, glüht keine Lampe. Sie alleine hat dadurch die Macht, den Kapitalismus zum Halt zu bringen und eine neue, sozialistische Gesellschaft aufzubauen. MarxistInnen stellen sich deshalb voll und ganz auf den Standpunkt der Arbeiterklasse.Der Anarchismus entstand fast gleichzeitig wie der Marxismus. Dennoch hat er diesen Schritt zur Wissenschaft nicht mitgemacht und blieb in der Methode des Utopismus hängen. Das ist kein Zufall. Ideen repräsentieren immer bestimmte gesellschaftliche Klassen. Während der Marxismus auf dem Standpunkt der modernen Arbeiterklasse steht, ist der Anarchismus ein ideologischer Ausdruck des Kleinbürgertums (Bauern, Handwerker, sonstige Kleineigentümer). Das Kleinbürgertum mag den Kapitalismus hassen, aber es ist keine revolutionäre Klasse. Es besitzt kleine Mengen bürgerlichen Eigentums, an das es sich klammert. Von seinem Standpunkt aus gibt es keinen wirklichen Weg über den Kapitalismus hinaus. Es bleiben nur Empörung und Ideale. Diese haben im Anarchismus immer eine individualistische Schlagseite. Die Arbeiter sind in einen gesellschaftlichen Produktionsprozess eingespannt. Kleinbürger und Elemente aus Mittelschichten arbeiten hingegen vereinzelt. Der Anarchismus idealisiert diese Lebensbedingungen. Das Prinzip seiner Idealbilder ist immer «Freiheit des Individuums».

Staat und Revolution

Marxismus und Anarchismus duellierten sich seit jeher in der Staatsfrage. Muss die Arbeiterklasse die Staatsmacht ergreifen oder bloss den bürgerlichen Staat zerschlagen? Das ist eine Grundfrage für jeden Revolutionär.

AnarchistInnen lehnen jede Form von Staat kategorisch ab: «Wir sind in der Tat Feinde jeglicher Macht» (Bakunin). Der bürgerliche Staat muss zerschlagen werden und darf durch keinen anderen ersetzt werden. «Wir sind der Meinung, dass die notwendige revolutionäre Politik des Proletariats als unmittelbares (!) und einziges (!) Ziel die Zerstörung der Staaten haben muss.» (Bakunin) Es ist korrekt, dass der bürgerliche Staat ein Unterdrückungswerkzeug ist, dass er zerschlagen werden muss und dass eine wirklich freie Gesellschaft staatenlos sein muss. Aber die Schlussfolgerung, dass die Zerschlagung des bürgerlichen Staats das «unmittelbare und einzige Ziel» der Revolution sei, ist falsch und für die Praxis gefährlich. Es braucht einen Arbeiterstaat, um zu einer klassenlosen Gesellschaft zu kommen.

Die utopisch-individualistische Methode des Anarchismus führt zu diesem Kurzschluss. Die Welt sollte so sein, dass das Individuum durch keinerlei «Autorität» eingeschränkt ist. Jeder Staat ist aber autoritär. Darum brauchen wir unmittelbar eine Gesellschaft ohne Staat. Das erklärt nicht, warum es Staaten gibt und woher sie kommen. Der Staat wird zu etwas Mystischem: zur letzten Ursache jeglicher Unterdrückung und Ausbeutung.

Wir müssen mit der wissenschaftlichen Methode des Marxismus an die Frage herangehen. Der Kern jedes bisherigen Staats bestand aus einer begrenzten Gruppe, die als einzige in der Gesellschaft politische Gewalt innehat. Staaten entstanden, weil eine herrschende Minderheit begann, vom Produkt fremder Arbeit zu leben. Die Gesellschaft spaltet sich in Klassen mit grundsätzlich gegensätzlichen Interessen. Die herrschende Klasse braucht einen Gewaltapparat (eine besondere Gruppe von bewaffneten Menschen inklusive Gefängnisse usw.) um die Klassen, die sie ausbeutet, niederzuhalten. Der Staat ist also nicht Ursprung allen Übels, sondern das Produkt von Klassengegensätzen und Ausbeutung. Er ist Ausdruck davon und nicht Grund dafür, dass die Gesellschaft in antagonistische Klassen gespalten ist.

Diese gegensätzlichen Analysen führen zu gegensätzlichen politischen Programmen. Wenn der Staat die Ursache jeglicher Unterdrückung und Ausbeutung sein soll, dann darf auf die Zerschlagung des bürgerlichen Staats kein neuer Staat folgen. «Wenn das Proletariat die herrschende Klasse sein soll, kann man sich fragen, wen es regieren wird?», fragt Bakunin (Statism and Anarchy, unserer Übersetzung). Die Antwort auf Bakunins Frage ist sehr einfach: die reaktionäre Bourgeoisie. Die radikale Ablehnung der unterdrückerischen Staatsmacht mag verständlich sein. Aber der Anarchismus verschliesst in naiver Weise die Augen vor der Realität. Er sieht nicht, dass mit der Zerschlagung des bürgerlichen Staats die Sache noch keineswegs gegessen ist. Die herrschende Klasse ist am Tag eins der Revolution nicht einfach verschwunden – schon gar nicht auf internationaler Ebene. Sie wird alles in Bewegung setzen, um die Macht zurückzubekommen. Die Arbeiterklasse braucht einen eigenen Gewaltapparat, um die Konterrevolution abzuwehren. Der Verzicht auf einen Staat der revolutionären Arbeiterklasse bedeutet, die Revolution der Konterrevolution kampflos auszuliefern.

Bakunin hat selbst bewiesen, wie naiv seine Auffassung ist. 1870 gab es in Lyon einen lokalen Aufstand. Bakunin reiste sofort hin, stürmte das Regierungsgebäude und verkündete, der Staat sei abgeschafft. Als «Feind jeglicher Macht» hat er das Regierungsgebäude nicht militärisch verteidigt. Die Nationalgarde hat die Verschwörer problemlos entfernt und in den Knast gesteckt. 

Arbeiterdemokratie und Stalinismus

Jeder Staat bis anhin hatte die Aufgabe, im Interesse einer ausbeutenden Minderheit eine ausgebeutete Mehrheit zu unterdrücken. Ein Arbeiterstaat ist das genaue Gegenteil davon. Er ist zum ersten Mal in der Geschichte ein Staat der Mehrheit. Er hält nicht die arbeitenden, ausgebeuteten Massen unten, sondern die Minderheit: die ehemaligen Herrscher und Ausbeuter. Alle bisherigen Staaten hatten den Zweck, die Klassengegensätze aufrechtzuerhalten – ein Arbeiterstaat wird sie aufheben. Verschwinden die Klassengegensätze in der Gesellschaft, so wird es niemanden mehr zu unterdrücken geben. Der Staat stirbt ab.

Hat aber nicht der Stalinismus die Position des Anarchismus bestätigt, wonach ein Arbeiterstaat nur eine neue Form von Unterdrückung und Herrschaft auf die Welt bringt und zementiert? Die Angst vieler Anarchisten hat einen gesunden Kern. Der Stalinismus war das Regime einer parasitären, verbrecherischen, bürokratischen Kaste. Aber die Antwort ist ein klares Nein. Der Hauptgrund für die Degeneration der Sowjetunion liegt weder darin, dass die Bolschewiki die Macht übernahmen, noch in der Theorie des Marxismus. Er liegt darin, dass die Oktoberrevolution isoliert blieb. Der Sozialismus muss sich international ausbreiten, oder er wird scheitern. (Wir haben das an anderen Orten ausführlicher erklärt.)

Anarchisten schlussfolgern aus der berechtigten Abneigung gegenüber dem Stalinismus, dass ein revolutionäres Regime «föderalistisch» oder «basisdemokratisch» sein muss. Das Kind wird mit dem Badewasser ausgeschüttet. Ein Arbeiterstaat muss eine sozialistische Planwirtschaft aufbauen. Planen setzt Zentralismus voraus. Wenn jede Fabrik machen kann, was sie will, bedeutet das die Wiedereinführung von Martkmechanismen. Solcher Zentralismus bedeutet keineswegs Stalinismus. Ein Arbeiterstaat braucht Demokratie wie der Mensch Luft zum Atmen. Rationale Planung setzt Arbeiterkontrolle «von unten» voraus. Das setzt gigantische Kräfte frei. Der Arbeitstag kann sofort verkürzt werden und die Arbeiterklasse kann das politische und gesellschaftliche Leben selbst leiten. Die staatlichen Aufgaben werden nicht mehr die Aufgaben einer abgesonderten und privilegierten Beamtenschicht sein. Die Arbeiterklasse wählt die Staatsbeamten aus ihren eigenen Reihen und kann sie jederzeit abwählen. Deren Löhne werden beschränkt auf einen durchschnittlichen Arbeiterlohn. Die Bewaffnung der Arbeiterklasse ersetzt das stehende Heer. Das ist eine Arbeiterdemokratie: die demokratischste Staatsform in der Menschheitsgeschichte. 

Braucht es eine Führung?

Aber wie kommen wir dahin, dass die Arbeiterklasse die Macht übernimmt? Braucht es dafür eine Führung? Oder ist das «autoritär» und deshalb falsch?

Viele Anarchisten sind heute angewidert von der Politik der bestehenden Führung der Arbeiterklasse. Das ist mehr als nachvollziehbar. Deren Opportunismus und Reformismus ist vollständig Bankrott. Aber wir dürfen auch hier nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten. Der Anarchismus wendet sich gegen jegliche Führung im Kampf. Wir brauchen aber nicht keine Führung, sondern eine neue, revolutionäre Führung.

Die zentrale Frage ist, was die Arbeiterklasse benötigt, um ihre historische Aufgabe wahrzunehmen. Utopien bringen ihr wenig. Sie braucht vor allem Klarheit über ihre riesige Aufgabe. Denn es gibt nur den einen Weg: Sturz der Bourgeoisie, Machtübernahme, sozialistische Planwirtschaft. Die Arbeiterklasse ist nicht «spontan» ausgestattet mit Klarheit über ihre Aufgabe. Die Bourgeoisie macht alles, um diese Einsicht der Arbeiterklasse zu unterbinden. Ihre ganze Ideologie ist darauf getrimmt (Presse, Schule, Staat, Moral, Kirche). Die reformistischen Führer der Arbeiterorganisationen streuen der Arbeiterklasse Sand in die Augen. Sosehr die Abneigung gegenüber Opportunisten wie Berset usw. verständlich ist – auf Führung zu verzichten stärkt die hinderlichen Drücke auf die Arbeiterklasse von Bourgeoisie und Reformismus. Auf Führung zu verzichten heisst, die Arbeiterklasse den Ideen von Bourgeoisie und Reformismus aussetzen.

Die Massen lernen nicht aus Büchern. Sie lernen aus der unmittelbaren Lebenserfahrung. Die Hammerschläge der Krise zwingen sie, die Ideen der herrschenden Klasse und auch des Reformismus zu hinterfragen. Auf Basis von Inflation, Erhöhung von Krankenkassenprämien usw. bröckelt in der Schweiz die Idee, dass es allen gut gehe. Dieser Prozess kann beschleunigt oder gebremst werden durch eine Partei. Es ist aber im Wesentlichen ein spontaner Prozess. Es ist der Druck der objektiven Krise, der die Arbeiterklasse bis in den Kampf drängt. Hier lernt sie am Schnellsten. Gibt es z.B. einen Generalstreik, dann zeigt der bürgerliche Staat schnell sein wahres Gesicht. Im Kampf schüttelt die Arbeiterklasse bürgerliche und reformistische Ideen mit doppelter Geschwindigkeit ab und findet mehr Klarheit.

Aber ohne revolutionäre Partei und Führung bleibt die einzige Methode des Lernens diejenige von «trial an error». Die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, dass der Lernprozess durch unmittelbare Lebens- und Kampferfahrungen zu langsam ist. Eine revolutionäre Bewegung ist ihrem Wesen nach kurz. Das Zeitfenster, um die Schlussfolgerungen bis zur letzten Konsequenz zu ziehen, ist klein. Die Aufgabe einer revolutionären, theoretisch geschulten Führung besteht darin, diesen Prozess abzukürzen. Heisst das, der Arbeiterklasse «autoritär» etwas aufzuzwingen? Das verfehlt die Sache. Theorie ist Verallgemeinerung vergangener Lehren der Menschen im Kampf mit der Natur und zwischen den Klassen. Der Marxismus bringt diese Lehren in den Kampf der Arbeiterklasse. Er kann dadurch den steinigen Klärungsprozess der Arbeiterklasse beschleunigen. Er kann diese aber weder zwingen (womit?) noch hinters Licht führen.

Der Anarchismus wird durch eine falsche Methode auf eine ohnmächtige Fährte geführt. Indem er alles an seinem abstrakten, utopischen Massstab misst (Individuum, Freiheit), erscheinen jede Partei und jede Führung als «autoritär». Wir müssen eine revolutionäre Organisation aufbauen, mit theoretisch geschulten Revolutionären und den Kampf um die Führung der Arbeiterklasse aufnehmen. Darauf verzichten bedeutet, der Arbeiterklasse einen riesigen Bärendienst zu erweisen.

Wie kämpfen?

Getreu ihrem individualistisch-kleinbürgerlichen Standpunkt haben die Urväter des Anarchismus die Rolle der Arbeiterklasse nicht verstanden. Später hat der Anarchismus zumindest Lippenbekenntnisse für die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse abgegeben. Aber er hat nie verstanden, wie sich die Arbeiterklasse bewegt. Spätestens in den Kampfmethoden zeigt sich das.

Beginnen wir mit dem historischen Beispiel der anarchistischen Narodniki, der Vorgängerströmung der marxistischen Bolschewiki. Die meist studentischen jugendlichen Narodniki wollten den Sturz des Zarismus: eine Revolution, sofort, ohne Zwischenstufen. Bakunin beeinflusste die Strömung. Die revolutionäre Schicht seien die Bauern, so Bakunin, wegen ihren «revolutionären Instinkten», die man nur freisetzen müsse, wozu es weder Partei noch Theorie brauche. Aber die landlosen Bauern reagierten mit Misstrauen auf die Studenten. Die Bauern wollten einfach Kleineigentümer werden und nichts wissen von Revolution. Enttäuschung machte sich breit bei den Narodniki. Es brauchte andere Wege. Es kam zu einer Spaltung. Der linke Flügel machte eine Kehrtwende um 180 Grad. Es formierten sich hoch-zentralisierte Gruppen im Untergrund. Wenn sich die revolutionären Instinkte der Bauern noch nicht manifestieren, dann muss man sie halt wecken, in dem man den Aufstand vorzeigt («Propaganda der Tat»). Die Bauern waren unbeeindruckt davon. Es folgte nur eine Welle zaristischer Reaktion in den 1870ern. Der rechte Flügel setzt auf eine lange Periode der Vorbereitung und Überzeugung der Massen. Sie setzten auf eine «Schritt-für-Schritt»-Herangehensweise: kleine, im Hier und Jetzt mögliche Taten, nicht Aufstände.

Die Episode zeigt zwei gegensätzliche anarchistische Kampfmethoden auf: einerseits extremer, pseudo-revolutionärer Radikalismus, andererseits revolutionär getarnter Reformismus. Die exterm-linke, pseudo-radikale Kampfmethode erscheint als «Propaganda der Tat», Individualterrorismus, Schwarzer-Block-Methoden usw. Die Logik dahinter ist immer dieselbe. Die bestehende Welt muss jetzt, direkt, unmittelbar und vollständig zerschlagen werden. Kein Element der bestehenden Welt darf angefasst werden: kein Parlament, keine Partei, keine Fabrik.

Der extreme linke Radikalismus sucht Abkürzungen. Er versucht, die Aktivität der Massen zu ersetzen (Individualterrorismus) oder zumindest vorwegzunehmen (Propaganda der Tat). Bakunin war der Meinung, dass 200-300 Aktivisten ausreichen, um in den grössten Ländern eine Revolution durchzuführen. Marxisten verstehen, dass nur die Arbeiterklasse den Kapitalismus stürzen kann. Sie wird in den Kampf treten, wenn sie dazu bereit ist, keine Sekunde früher. Das sind Abkürzungen – über eine Klippe hinab. Pseudo-radikale Aktionen entfremden die Arbeiterklasse vom Kampf und solcher Aktionismus ist eine Einladung für staatliche Repression.

Dem stehen die Aktivitäten wie diejenigen des rechten Flügels der Narodniki gegenüber. Proudhon wollte z.B. ein ideales Tauschsystem gewissermassen in den Hohlräumen des Bestehenden aufbauen. So sollte Schritt für Schritt die alte Gesellschaft ersetzt werden. Genossenschaften folgen genau derselben Logik: Es soll hinter dem Rücken der alten Gesellschaft eine neue Gesellschaft aufgebaut werden. Das ist die Kehrseite der ultra-radikalen Methode. Alles Bestehende ist schlecht. Nichts davon darf angefasst oder beerbt werden. Statt alles zu zerschlagen, sollen unberührte Inseln aufgebaut werden. Der Hass gegenüber dem Status Quo endet als Suche nach «Freiräumen», die uns im Hier und Jetzt gewährt werden. Das ist Opportunismus. Es darf uns nicht überraschen, dass alle anarchistischen Klassiker neben der oberflächlich dominanten radikalen Seite eine konservative, opportunistische Seite haben. Bakunin war für die «Gleichheit der Klassen», nicht für Klassenkampf und Überwindung der Klassengesellschaft.

Theorie und Praxis

Macht oder Ohnmacht sowie Wahrheit oder Falschheit von Ideen zeigt sich in letzter Instanz in der Praxis. Der wichtigste Praxistest für den Anarchismus war die Spanische Revolution 1931-1937.

V. a. in Katalonien entwickelte sich eine Situation der Doppelmacht. De facto lag die Macht auf der Strasse, in den Händen der Arbeiterklasse, die überwiegend bei der CNT organisiert war, einer anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft. Es bildeten sich Verteidigungskomitees gegen den Faschismus und die Schlüsselindustrien standen unter Arbeiterkontrolle. Daneben existierte noch ein Staat und eine Regierung der herrschenden Klassen. Aber die Bourgeoisie hatte keinerlei wirkliche Macht mehr. Ein Brief von Regierungschef Companys an die CNT beweist das: «Heute seid ihr die Herren der Stadt und Kataloniens … Ihr habt gesiegt und alles steht in Eurer Macht. Falls ihr mich als Präsident nicht braucht oder wollt, sagt es mir jetzt.» Die CNT hätte die Macht ohne weiteres übernehmen können. Sie hätte bloss die existierenden Keimformen eines Arbeiterstaats zusammenfassen, die Macht ausrufen und auf ganz Spanien ausweiten müssen, wo ähnliche Prozesse am Passieren waren. Aber die CNT-Führung lehnte es ab, die Macht zu ergreifen. Sie appellierte – wortwörtlich! – an ihre Basis: «Legt eure Waffen nieder.» Das war Verrat der Revolution. Der Preis dafür war hoch. Die faschistische Konterrevolution, angeführt von Franco, schlug die Revolution nieder. Es folgten Jahrzehnte Diktatur.

Wir teilen den revolutionären Anspruch der meisten Anarchisten. Aber die Methode des Anarchismus ist nicht wahr und nicht revolutionär. Das rächt sich spätestens dann, wenn der Anarchismus mit der objektiven Realität konfrontiert wird. Trotzki hat einmal gesagt, der Anarchismus sei wie ein Regenschirm mit Löchern. Immer wenn man ihn wirklich braucht, ist er bestenfalls nutzlos. Die spanische Episode entstellt nicht den Anarchismus, sondern entlarvt ihn.

Wirklich revolutionäre Aktion braucht den Marxismus. Die Bedingungen für revolutionäre Explosionen entfalten sich überall auf der Welt. Die Hauptaufgabe heute ist vorbereitende Arbeit. Es müssen bewusste Revolutionäre in der Theorie des Marxismus ausgebildet und organisiert werden. Das macht die International Marxist Tendency. Und dafür brauchen wir auch dich, wenn du bereit bist, aus ehrlichem Hass gegen den Kapitalismus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Jannick Hayoz für die Redaktion
13.10.2022

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