Die Pandemie stellt ArbeiterInnen vor viele neue Herausforderungen. Eine Kita-Angestellte berichtet über ihren Arbeitsalltag während der «neuen Normalität».

So wie das neuartige Virus schleichend in die Schweiz kam, so kam es genauso schleichend in mein Berufsleben. Ich arbeite in einer Kinderkrippe in Winterthur. Schon seitdem die ersten Bestimmungen des Bundes erlassen wurden, herrschte bei uns im Betrieb eine grosse Unsicherheit. Nicht nur das Personal, sondern auch die Eltern reagierten mit Sorge über jede neue Mitteilung. Alles war ungewiss und fremd. Es fühlte sich an wie die Ruhe vor dem Sturm, bis der Lockdown schliesslich bekanntgegeben wurde. Ich spekulierte darauf, dass die Kitas geschlossen und nur ein Notbetrieb für die nötigste Betreuung offengelassen werden. Gespannt verfolgte ich die Medienkonferenz mit, wo es hiess, dass die Kita-Bestimmungen den Kantonen überlassen wird. Dass der Kanton Zürich die Kitas offenliess, mit einer rechtfertigenden Empfehlung, dass die Eltern die Kinder bitte zu Hause lassen sollen, konnte ich aber nicht verstehen.

Was wir stattdessen gebraucht hätten, sind keine Empfehlungen für die Eltern, sondern dieselben, bindenden Regeln wie die Schulen und Horte: Eine Notbetreuung für die systemrelevanten Berufe, dessen Anspruch abgeklärt wird. Denn so durften wir zwar Bitten und Appelle äussern, durften die Kinder allerdings nicht ablehnen. Wenn wir Kinder betreuen, welche auch zu Hause bleiben könnten, setzen wir uns einem unnötigen Risiko aus. Ich war sehr froh, dass die meisten unserer Eltern keine Appelle benötigten, um ihr Kind zu Hause zu lassen.

Schliesslich wurde die Kurzarbeit aufgegleist und auch das Personal sehr stark reduziert. Bei jedem Kind, das während des Lockdowns zu uns gekommen ist, hat sich das Personal gefragt, ob es wirklich nötig ist. Ich habe auch erlebt, wie das Personal die Eltern und deren Situation angezweifelt haben und richtig wütend wurden. Obwohl ich natürlich auch dankbar bin, wenn die Eltern die Kinder zu Hause lassen, kann ich auch verstehen, dass es schwierig ist, Homeoffice zu machen und gleichzeitig auf das Kind aufpassen zu müssen. Ich weiss, wieviel Zeit und Aufmerksamkeit Kinderbetreuung in Anspruch nehmen kann. Daneben Homeoffice zu machen ist meist nicht möglich. Deswegen finde ich, dass alle Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen, freigestellt werden sollten. Für Eltern aus systemrelevanten Berufen soll natürlich eine gute Betreuung der Kinder möglich sein. 

«Ich fühle mich ohnmächtig und gezwungen, mich einer Gefahr auszusetzen. Ich wünschte mir, mehr Mitbestimmung über die Massnahmen und die Lockerung dieser zu haben.»

Eine Kita-Angestellte

Während des Lockdowns hat sich die innere Unruhe und Unsicherheit recht minimiert. Und dann hat der Bundesrat entschieden, den Lockdown Schritt für Schritt zu lockern. Und erneut kam das Gefühl von Unsicherheit. Von Anfang an war für mich klar, dass sich der Betrieb in meiner Kita wieder normalisieren wird, sobald die Schulen wieder öffnen. Es wird zwar gesagt, dass Kinder den Erreger weniger übertragen, es fällt mir allerdings sehr schwer, dies zu glauben. Ich fühle mich ohnmächtig und gezwungen, mich einer Gefahr auszusetzen. Ich wünschte mir, mehr Mitbestimmung über die Massnahmen und die Lockerung dieser zu haben.

Trotz der Hygienemassnahmen ist es nicht einfach, sich zu schützen und gleichzeitig den Kindern die Nähe und Sicherheit zu geben, welche sie in diesen unsicheren Zeiten dringend benötigen. Wir stehen im Graben zwischen Selbstschutz und dem Schützen der Kinder. Der sonst bereits stressige Alltag wird nun zusätzlich begleitet von einem lautlosen, unsichtbaren Feind und macht die ganze Sache noch fordernder. Ich und viele meiner Berufskollegen sind wütend über die schnelle Lockerung der Massnahmen. Wir finden, Gesundheit ist wichtiger als Profit!

Zum Schutz der Autoren werden die Berichte anonymisiert. 

Rubrik: Virus at Work

Wir veröffentlichen Berichte aus dem Alltagsleben der Lohnabhängigen, die trotz dem Coronavirus zur Arbeit gehen müssen – unabhängig davon, ob ihre Arbeit lebensnotwendig ist oder nicht. Dies soll aufzeigen, wie inkonsequent die Massnahmen des Bundes sind. Die Corona-Krise soll nicht auf den Schultern der Lohnabhängigen abgewälzt werden!

Wir fordern, dass alle, die nicht-essentielle Arbeit machen müssen, zu Hause bleiben dürfen. Nur so kann die Pandemie eingedämmt werden. Leben vor Profite!

Wenn du auch deine Geschichte erzählen möchtest, meldet dich bei info@derfunke.ch. Es ist wichtig zu streuen, wie fahrlässig mit unserer Gesundheit umgegangen wird! Schreib uns, schick uns zwei oder drei Sätze, ausführliche Berichte, oder melde dich, wenn du dies persönlich besprechen willst!

Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe 91 des Funke, welche am 26. Mai erscheint. Wenn du sie willst:

Hier kannst du das Editorial #92 «Ihre Krise und unsere» lesen.

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