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aum ein Thema wird in den bürgerlichen Medien so negativ dargestellt wie die Russische Revolution. In ihrer Angst vor dem revolutionären Vorbild werfen sie alle Redlichkeit über Bord.

Nacktbaden im Entlebuch (Luzerner Zeitung), seine abschätzige Meinung über die spiessbürgerliche SP (NZZ) und natürlich die Zugfahrt im April 1917: Diese und weitere kuriose Anekdoten finden sich in der Schweizer Presse zuhauf über Lenins Aufenthalt in Bern und Zürich. Die Darstellung als lächerlicher Kauz passt ins allgemeine Schema: die Oktoberrevolution zu delegitimieren und mit allerlei absurden Argumenten als Wurzel allen Übels des 20. Jh. darzustellen.

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Revolution oder Putsch
Eine der gängigsten Erzählungen der bürgerlichen Medien ist diejenige der Oktoberrevolution als ein Putsch einer kleinen, verschworenen Gruppe von Revolutionären um Lenin. So wird u.a. in der Aargauer Zeitung von den Bolschewiki als „Minderheitskommunisten“ gesprochen. Auch der in bürgerlichen Kreisen gefeierte Osteuropahistoriker Jörg Baberowski bemüht in der NZZ Geschichte (Nr. 8, Januar 2017) die Erzählung eines Putsches, dem jegliche Legitimation gefehlt habe.

Erklärungsnotstand
Das Problem der Putsch-These: Wie hätte eine solch kleine Gruppe, ohne jegliche Unterstützung der Bevölkerung, einfach die Macht an sich reissen können?

In Wirklichkeit wurde die Absetzung der provisorischen Regierung durch eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung getragen. Durch ihr Eintreten für die Beendigung des Krieges und ihr offenes Werben für die Macht der Sowjets konnten die Bolschewiki nach und nach die Unterstützung der ArbeiterInnen und Soldaten in den Sowjets und auf den Strassen gewinnen. Von einer isolierten Gruppe mit knapp 10'000 Mitgliedern wuchsen sie bis zum Oktober zu einer Massenpartei mit 500'000 an. Erst als sie sich sicher waren, dass die ArbeiterInnen und BäuerInnen hinter ihnen standen, beschlossen sie den Aufstand. Die Unterstützung der Bevölkerung zeigte sich konkret im gleichzeitig zum Oktoberaufstand stattfindenden zweiten Allrussischen Sowjetkongress, in welchem sie mit Verbündeten die absolute Mehrheit hatten.

Die Menschen wählten in Fabriken, Bezirken und Garnisonen ihre Delegierten, die ihnen direkt rechenschaftspflichtig waren und die sie jederzeit absetzen konnten. Baberowski stellt sich prinzipiell dagegen, dass die Sowjets eine legitime Vertretung der Massen waren - einen Beweis dafür bleibt er schuldig. Wesentlich präzisere Darstellungen können beispielsweise bei den Historikern Alexander Rabinowitch oder E. H. Carr nachgelesen werden.

Radikale Bolschewiki vs. liberale Regierung
Sehr beliebt in den bürgerlichen Medien ist auch die Gegenüberstellung der radikalen, brutalen Bolschewiki und der „liberalen“ provisorischen Regierung. Die FAZ schreibt von demokratischen Reformen und bürgerlichen Grundrechten, welche die im März eingesetzte Übergangsregierung in die Wege geleitet habe. Die US-amerikanische Historikerin Anne Applebaum spekuliert im Interview mit der NZZ Geschichte, dass sich Russland zu einer friedlichen Demokratie entwickelt hätte, wenn sie nur mehr Zeit gehabt hätte.

Dabei werden die zunehmend diktatorischen Tendenzen der Regierung Kerenskis völlig ausser Acht gelassen. Mit immer stärkerer Opposition von unten konfrontiert, setzten die Bürgerlichen Russlands lieber auf eine Militärdiktatur. (Vgl. Das Aufbäumen der Revolution: Die Kornilow-Affäre in dieser Ausgabe.)

Weshalb die Verleumdung?
Insgesamt zeichnet sich eine Mehrheit der Berichterstattungen durch eine völlige Verzerrung der Entwicklungen aus. Der Revolution wird jegliche Legitimität abgesprochen, das massive Wachstum der Bolschewiki erst gar nicht erwähnt. Genauso wenig halten sich „seriöse“ HistorikerInnen wie Baberowski mit „Details“ wie dem politischen Programm der Bolschewiki auf, mit welchem diese überhaupt erst die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen konnten.

Weshalb investieren die bürgerlichen KommentatorInnen noch heute so viel Energie darauf, die Russische Revolution in den Dreck zu ziehen? Diese Hetzkampagne ist Ausdruck der Angst der herrschenden Klasse vor einer erneuten Revolution. Medien aus aller Welt werden auch in den nächsten Monaten nicht aufhören, verbal auf die Revolution einzuprügeln. Die Russische Revolution ist eine Zielscheibe, weil sie für die erstmalige Machteroberung der ArbeiterInnen und als leuchtendes Beispiel für den Sturz der kapitalistischen Ordnung steht.

Basil Haag
JUSO Baselland

Bild: Wikimedia

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