Nach der erfolgreichen marxistischen Herbstschule Revolution 2021 mit 130 Teilnehmern, möchten wir die Referate der Workshops einem breiteren Publikum zugänglich machen. Sarah-Sophia Varela erklärt in diesem Referat, wie die objektiven Gesetzmässigkeiten in der Geschichte mit den subjektiven Handlungen einzelner Menschen zusammenwirken. Sie gibt uns Antworten auf die brennenden Fragen: Wie können wir bewusst in die Geschichte eingreifen? Welche Rolle können wir heute spielen?

Dem Marxismus wird von seinen Gegnern oft «ökonomischer Determinismus» vorgeworfen. Angeblich würden Marxisten glauben, dass alleine die wirtschaftlichen Kräfte den Ausgang der menschlichen Geschichte bestimmen. Die einzelnen Menschen hätten keine Möglichkeit, durch ihr bewusstes Handeln in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Diese fatalistische Karikatur des Marxismus hat überhaupt nichts mit dem echten Marxismus zu tun. Die marxistische Philosophie lässt uns verstehen, wie die mächtigen objektiven Kräfte in der Geschichte mit den bewussten subjektiven Handlungen einzelner Menschen zusammenwirken.

Wir veröffentlichen hier ausserdem das Transkript des Referates zur inhaltlichen Unterstützung:

Die Rolle des Individuums in der Geschichte

Einleitung

Ich glaube die meisten Leute sind hier, weil sie die Welt wie sie ist nicht mehr aushalten. Das vor lauter Pandemie, Wirtschaftskrise, Unterdrückung und Klimakatastrophe unsere Zukunft nicht gerade motivierend ist. Die Welt ist in einem schrecklichen Zustand, ein unüberschaubares Chaos an Katastrophen. Es scheint so als wäre die Büchse der Pandora geöffnet. Auf eine Plage kommt die nächste.

In der Linken herrscht Pessimismus. Alle sind beleidigt, weil das CO2-Gesetz abgelehnt wurde. Nirgendwo scheint es einen Ausweg aus diesem Ghetto zu geben. Ich glaube für uns alle hier ist es eine Tatsache, dass die Welt verändert werden muss. Aber da wir aufgrund der Klimakrise nicht mehr viel Zeit haben, können wir nicht alle losrennen und irgendetwas machen. Wir müssen herausfinden, was wirklich Resultate liefert. Wir wollen uns heute der Frage widmen, kann man die Welt überhaupt verändern und was kann das Individuum dafür tun?

Voluntarismus und Fatalismus

Um herauszufinden, welche Rolle wir in der Geschichte einnehmen können, müssen wir verstehen was das Verhältnis vom Mensch zu seiner Umwelt, also zur Natur und Gesellschaft ist. Diese Frage ist die Frage, welche die bisherige Philosophie am meisten prägte. Gerade in der Frage, wie Geschichte gemacht wird, gibt es zwei extreme Positionen, welche sich gegenüberstehen: Der Voluntarismus und der Fatalismus.

Auf der einen Seite der Voluntarismus. Voluntarismus bedeutet eigentlich: Der treibende Faktor der Geschichte ist der freie Wille der Menschen. Man muss einfach eine geniale Idee haben und die Kraft diese umzusetzen. Also eines Tages wachte Thomas Edison auf und hatte Bock auf Glühbirnen. Dass er diese erfinden wollte, hatte nichts mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu tun. Er war einfach genial, hatte eine gute Idee und setzte diese um. Er hätte aber auch was ganz Anderes erfinden können und so wäre die Geschichte vielleicht ganz anders verlaufen.

Für Voluntaristen ist Geschichte das Resultat des freien Willens Einzelner und wird somit zufällig. Sie lehnen jegliche Gesetzmässigkeiten und Entwicklungen, die aufeinander basieren, ab. Henry Ford: Geschichte ist einfach ein verdammtes Ding nach dem anderen». Die Schlussfolgerung aus dieser Geschichtsauffassung ist:  Man muss einfach eine gute Idee haben und die umsetzen. Wir können die Geschichte gestalten, wie wir Bock haben.

Aber hier ist das Problem. Wenn man einfach nur bessere Ideen haben muss, warum haben wir die nicht und Leben immer noch im Kapitalismus? Oder wieso können wir andere nicht einfach von den besseren Ideen überzeugen? Es gibt viele AktivistInnen, welche voluntaristisch handeln. Sie denken, sie müssen einfach laut genug sein, damit ihre besseren und logischeren Ideen gehört und umgesetzt werden. Dann ketten sie sich vor eine Bank oder blockieren den Strassenverkehr zu den Stosszeiten. Dann regen sich die Leute über die AktivistInnen auf, weil diese ihr Leben anstrengender machen und die AktivistInnen regen sich über die Leute auf, weil diese sich durch diese Aktionen nicht überzeugen lassen. So kommt es das viele AktivistInnen nach einer anstrengenden Phase der Hyperaktivität desillusionieren und aufgeben. Der Voluntarismus verunmöglicht es uns die tatsächlichen Hebel der Veränderung zu finden und wir bleiben ohnmächtig. Dieser blinde Versuch in die Geschichte der Menschen einzugreifen, führt oftmals zur gegenteiligen Position, dem Fatalismus. «Man kann eh nichts ändern, Menschen sind einfach gierig und scheisse».

Fatalisten sind der Meinung, dass alles von Anfang an vorherbestimmt ist und wir uns unserem Schicksal ergeben müssen. Der französische Materialist Laplace sagte zum Beispiel: Wenn man weiss, was der Zustand jedes Teilchen vom Universum ist, kann man genau voraussagen, wie sich das Universum entwickeln wird. Kein Platz für Zufälle, vor allem nicht für Menschen, die in die Geschichte eingreifen und sie verändern. Das Universum, Welt und menschliche Gesellschaft folgen eisernen, mechanischen Gesetzen, in denen wir gefangen sind.

Das ist auch das, was uns Marxisten vorgeworfen wird. Wir wären Fatalisten, die sagen die Ökonomie bestimmt alles, der Kommunismus ist deshalb unaufhaltbar, Menschen und ihr Wille hätten gar keine Rolle in der Geschichte. Aber hier müssen wir klar sein: diese Darstellung ist eine Karikatur des Marxismus. Wir sagen nicht, dass die Entwicklung der Natur und der Gesellschaft im vornherein und für allemal bestimmt sind. Auch nicht, dass Menschen einfach ihrem Schicksal erlegen sind, wie ich später aufzeigen werde.

Es gibt Gesetzmässigkeiten

Wir vertreten keine fatalistischen aber einen deterministischen Standpunkt. Wir sagen, die Dinge um uns herum, die historischen Ereignisse passieren nicht zufällig, sondern sie sind bestimmt. Sie passieren aus einem Grund.  Diesen Grund kann man erforschen und es gibt Gesetzmässigkeiten, die man entdecken kann.

Die weitverbreitete Annahme, dass es in der menschlichen Gesellschaft und in der Geschichte keine Gesetzmässigkeit gibt, leitet sich aus dem vorherrschenden Idealismus ab: Der Geist und damit alles was Menschen machen, ergibt sich nicht aus der Materie, sondern ist etwas fundamental Verschiedenes zum Rest der Welt. Diese Ansicht bekämpfen wir. Wir sagen: der Geist ist das höchste Produkt der Materie und unterliegt wie alles andere gewissen Regeln. Wie die Natur kann die Gesellschaft und die Geschichte deshalb studiert und verstanden werden.

Ob man diese Gesetzmässigkeiten entdecken konnte, ist eine Frage des Stands der Produktivkräfte. Mit Produktivkräften sind alle natürlichen technischen, geistigen Ressourcen gemeint, welche der Gesellschaft zur Verfügung stehen, um Dinge, die wir brauchen um zu überleben, zu produzieren. Also eigentlich des Niveaus der menschlichen Fähigkeiten die Welt zu verstehen und sie ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Die historischen Gesetzmässigkeiten zu erkennen war der Verdienst von Marx. Einerseits natürlich, weil er ein Genie war, aber vor allem, weil die bisherige Entwicklung der Naturwissenschaften, der Philosophie, Ökonomie und konkret der Entwicklung des Kapitalismus und der Arbeiterklasse ihm diese Erkenntnisse erlaubten.

Was sind die Gesetzmässigkeiten?

Marx und Engels haben herausgefunden, dass die Menschen das Produkt der Gesellschaft sind, worin sie leben. Aber dass es eben die Menschen sind, die ihre Gesellschaft machen. Durch das kollektive Einwirken der Individuen in die Umwelt verändern sie diese, aber auch sich selbst. Dies hat zur Folge, dass die Produktivkräfte und die Gesellschaft entwickelt werden und Geschichte geschrieben wird. Der Antrieb der Geschichte ist es, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wie tun wir das? In dem wir mehr und mehr über die Welt, in der wir leben, herausfinden und sie uns zu Nutze machen. Die Menschheit strebt vom Niederen zum Höheren. Wir haben angefangen mit rudimentären Messern aus scharfen Steinen. Heute bauen wir Atomkraftwerke und anderer kranker Scheiss.

Antike – Feudalismus – Kapitalismus; keine zufällige Entwicklung

Schauen wir uns das konkret in der Geschichte an. Aus der antiken Sklavenhaltergesellschaft entwickelte sich der Feudalismus. Aus dem Feudalismus der Kapitalismus. In der Schule habe ich mehr oder weniger gelernt, dass wäre die dekadente Kuh Marie Antoinette nicht gewesen, hätte es die bürgerliche Revolution nicht gegeben. Oder wenn sie willig gewesen wäre sich zu verändern, hätte sie diese verhindern können. Aber diese Erklärung ist viel zu einfach. Schaut man sich die Entwicklung genauer an, sieht man, dass sich im Schoss der feudalen Beziehungen eine neue Klasse bildete, welche fähig war, die Menschheit einen Schritt weiter zu bringen. Das war die Klasse der Bourgeoisie. Der Adel hingegen hatte jegliche historische Berechtigung verloren. Was einst einen Fortschritt brachte, wird zum Hindernis. Der Adel verschlang nur die Ressourcen der Gesellschaft und wurden zu einem Klotz am Bein der Gesellschaft. Sie und ihr Staat hinderte die Bourgeoisie daran, ihre Geschäfte voll entfalten zu können und so die Produktivkräfte zu entwickeln. Gleichzeitig hungerten sie die Bevölkerung aus. Es war klar, die Umstände waren nicht mehr tragbar. Die Bürgerlichen mussten zusammen mit den Bauern den Adel stürzen, die Macht übernehmen und erbrachten den Durchbruch des Kapitalismus. Das war nicht einfach ein schöner Gedanke. Sondern es waren die materiellen Interessen, eine Frage des Überlebens der Bourgeoise und vor allem der armen Bauern, dass der Adel gestürzt werden musste.

Das Spannende ist ja, dass sich diese Entwicklung heute auf einer höheren Ebene wiederholt. Der Kapitalismus stellte einen grossen Fortschritt für die Menschheit dar. Technisch, philosophisch, in Sachen Lebensqualität. Er hat die Produktivkräfte heftig entwickelt. Wir sind das erste Mal an einem Punkt, wo man sagen kann: Hunger ist ein künstlicher Zustand, der nicht aufgrund von Mangel, sondern aufgrund des Kapitalismus existiert. Aber wie Marx immer betont: Dinge entstehen und vergehen. Sie haben einen Aufschwung und einen Niedergang. Ich glaube in diesem Raum ist es unumstritten, dass sich der Kapitalismus im Niedergang befindet. Unsere herrschende Klasse ist bankrott. Ich habe vorher Marie Antoinette erwähnt. Ich glaube auch wir haben unsere eigene Marie Antoinette. Nämlich Jeff Bezos, nur ist er schlimmer als sie. Der reichste Mann der Welt setzt seine finanziellen und wissenschaftlichen Ressourcen während einer Pandemie dafür ein, auf einem riesen Penis ins Weltall zu fliegen. Ich glaube eine bessere Illustration des Bankrotts der Kapitalistenklasse finden wir nicht. Sie nützen nichts mehr und kosten uns nur.

Aber wer bewältigt die Pandemie? Es sind die Lohnabhängigen. In den Spitälern, in den Laboren, im Detailhandel, Logistik und, und, und… Die Reichen chillen im Weltall und wir lösen hier unten die Probleme mit unserer Arbeitskraft. Wie im Feudalismus hat sich auch im Kapitalismus eine Klasse gebildet, welche fähig ist, die Zukunft auf ihren Schultern zu tragen, die Probleme der Gesellschaft zu lösen und uns vorwärts zu bringen.

Und das ist der wichtigste Punkt. Der Sozialismus ist kein Wunsch von uns Marxisten. Er ist der nächste notwendige Schritt in der historischen Entwicklung der Gesellschaft.  Wie sich der Kapitalismus aus dem Feudalismus entwickelte, entwickelte sich das Potenzial für den Sozialismus im Schosse des Kapitalismus. 

Das sind Gesetzmässigkeiten

Das sind eben die Gesetzmässigkeiten in der Geschichte, die Marx entdeckte. Wir Menschen müssen erst unsere Bedürfnisse befriedigen. Wir müssen essen, trinken, uns kleiden, wohnen etc. Indem wir diese Dinge produzieren, entwickeln wir die Produktivkräfte. Aus den Beziehungen, die wir miteinander eingehen um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, entwickelt sich die gesellschaftliche Grundlage; die Ökonomie. Auf deren Basis entstehen Ideen, der Staat, Politik, Kultur, Religion und so weiter. Es sind nicht die Ideen, welche die Geschichte antreiben, sondern umgekehrt sind die Ideen Ausdruck der Gesellschaft auf einer bestimmten Entwicklungsstufe.

Weil wir aber nach immer besseren Möglichkeiten zur Produktion suchen, verändern sich die Produktivkräfte und sie geraten in Widerspruch mit dem herrschenden System. Das System, also die Art und Weise, wie die Produktion organisiert ist, wird zu einem Hindernis. Es muss überwunden werden und die Menschen organisieren ihr Leben neu. So dass der neu gewonnene Fortschritt der Produktivkräfte genutzt werden kann.  Der Kampf der Bourgeoisie gegen den Adel und der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie sind Ausdruck von diesem wiederkehrenden Prozess. Was entsteht ist dem Niedergang geweiht, das gilt nicht nur für Leben und Tod, sondern auch für eine Gesellschaftsform.

Freier Wille

Darum ist auch der sogenannte «freie Wille» der Menschen ein Mythos. Denn so wie die ökonomische Grundlage unser Leben bestimmt, bestimmt es auch unsere Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse. Das ist der materialistische Standpunkt: die Natur ist das Primäre, wir werden in eine Welt hineingeboren also denken wir entsprechend der Logik dieser Welt. Unsere soziale Existenz bestimmt unser Bewusstsein, die Art und Weise, wie wir denken.

Ich zum Beispiel bin eine Lohnarbeiterin im Kapitalismus. Was sind meine Bedürfnisse? Ich möchte gerne mehr Lohn haben, um meine Lebensqualität steigern zu können. Ich möchte gerne mehr Ferien, um mein Leben mehr geniessen zu können. Ich würde gerne an meinem Arbeitsplatz für meine Arbeit geschätzt werden. Natürlich träume ich von einem Lottogewinn.

Und welche wirklich freien Entscheidungen habe ich? Ich habe es mir lange überlegt. Ich kann mich entscheiden, ob ich mit dem Fahrrad oder mit dem Bus zur Arbeit gehe. Ich kann mir frei aussuchen, was ich auf meine Zalando-Wunschliste setze, ob ich Bio oder nicht Bio kaufe, oder wohin ich in die Ferien gehe, oder bei welcher Krankenkasse ich sein möchte. Und so frei ist diese Entscheidung auch nicht, weil am Ende des Tages determiniert mein Lohn auch meine Zalando-Wunschliste auf fatale Weise!!

Wir sehen meine Bedürfnisse (und die meisten Leute haben dieselben wie ich), sind absolut geprägt von der kapitalistischen Produktionsweise, also der heutigen Produktionsweise. Einem System, in dem wir unsere Existenz durch Lohnarbeit und dem Konsum von Gütern sichern. Im Feudalismus wollte ein Bauer frei von seinem Grundbesitzer sein und genug Land haben, um zu überleben. Wir wollen kein Land, sondern höhere Löhne, tiefe Mieten und Krankenkassenprämien. Das bedeutet natürlich: Wenn wir finden «es reicht!», richtet sich unsere Wut gegen den Chef, der unsere Arbeitsbedingungen angreift und dann gegen den Staat, der unseren Chef schützt.

Überleitung: warum ist unser Determinismus nicht mechanisch

Wir haben nun gesehen, dass die Geschichte nicht einfach willkürlich passiert, sondern, dass sie gewissen Gesetzmässigkeiten folgt. Weiter haben wir gesehen, dass der freie Wille der Menschen eine Illusion ist, denn die Grundlage unseres Denkens findet sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Bedeutet das nun, so wie die Fatalisten sagten, dass wir Menschen einfach ein blindes Rad in der Geschichte und unserem Schicksal ausgesetzt sind? Dass Ideen, Persönlichkeiten etc. keine Rolle spielen? Nein, das bedeutet es natürlich nicht.

Um die Frage richtig zu beantworten, müssen wir erst verstehen, was Geschichte überhaupt ist.  Marx argumentiert gegen die Fatalisten folgendermassen: «Die Geschichte tut nichts, sie „besitzt keinen ungeheuren Reichtum“, sie „kämpft keine Kämpfe“! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die „Geschichte“, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.»

Geschichte wird also geschrieben von den realen Menschen, die ihre Interessen verfolgen. Die Konsequenzen der handelnden Menschen werden nicht vorausgesehen. Die marxistische Methode kann uns dabei helfen, dies zu ändern. Wir müssen herausfinden, wann man etwas beeinflussen kann und wann Ideen und Gedanken wirklich eine Macht haben können. 

Freiheit und Notwendigkeit

Menschen machen also ihre eigene Geschichte. Aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, sondern unter Bedingungen, die Produkt der Vergangenheit sind und die sie nicht selbst wählen können. Sobald wir aber erkannt haben, welche historischen Gesetze über uns herrschen, können wir diese für unsere Zwecke ausnutzen. Man kann sagen; wir machen aus einem Ding an sich, ein Ding für uns.

Nehmen wir ein Beispiel aus der Natur: Die Dampfmaschine. Wenn man den Wasserdampf nicht kennt, hat man schnell Probleme. Plötzlich ist das Wasser verdampft, oder man verbrennt sich, oder viel Schlimmeres. Hat man aber einmal gecheckt, dass man den Druck von Wasserdampf nutzen kann, um schwere Maschinerie zum Laufen zu bringen, hat man viel gewonnen. Ja man konnte damit sogar die ganze Industrie revolutionieren und der gesamten menschlichen Entwicklung einen enormen Boost geben. Wir sehen das Ding an sich – «Wasserdampf» – ist gefährlich, wenn man es nicht versteht. Aber wenn man es studiert und begreift, es zu einem Ding für uns macht, können wir es nutzen und wundervolle Dinge damit tun, die uns helfen.

Gerade beim Beispiel der Dampfmaschine sehen wir, dass die Menschen die Geschichte nicht aus freien Stücken machen. Die erste Dampfmaschine wurde im ersten Jahrhundert nach Christus erfunden. Aber in der Antike brauchte die herrschende Klasse keine Dampfmaschinen für die Produktion. Sie hatten Sklaven, welche die harte Arbeit verrichteten. Die herrschende Klasse hatte keinen Grund ihnen das einfacher zu machen. Schon damals war die Dampfmaschine eine brillante Idee, aber sie blieb einfach ein lustiges Spielzeug der herrschenden Klasse. Die Idee Dampfmaschine, welche später eine entscheidende Rolle spielte, blieb wirkungslos. Wir sehen die gleichen Ideen haben je nach historischen Umständen eine andere Wirkung. Eine Idee kann nur bahnbrechend sein, wenn sie von der Gesellschaft wirklich gebraucht wird und sie ihrem Entwicklungsgang entspricht.

Und das ist verdammt wichtig zu verstehen, wenn man die Welt verändern will. Freiheit bedeutet nicht einfach tun und lassen zu können, was man will. Oder die Gesetzmässigkeiten der Welt abzuschaffen. Egal wie fest wir wollen, wir können Ebbe und Flut nicht abschaffen. Sie sind eine Notwendigkeit. Aber wir können erkennen, dass Ebbe und Flut notwendig sind, sie verstehen und nutzen, damit Gezeitenkraftwerke bauen. Dann sind wir frei, können sie gebrauchen und werden nicht mehr von ihnen regiert.

Gleiches gilt für die Gesellschaft. Unsere Ideen und unser Wille sind nicht frei. Sie sind Produkt von den Umständen, in denen wir leben.  Aber wenn wir die Geschichte anschauen, sehen wir trotzdem, dass es immer wieder Menschen gab, welche mit ihrem Willen eine entscheidende Rolle einnahmen. Das liegt daran, dass diese Menschen es geschafft haben, ein Bedürfnis, das von der gesamten Gesellschaft gestellt wurde, zu befriedigen. Nehmen wir zum Beispiel Napoleon: Seine Herrschaft veränderte den Lauf der Geschichte. Das konnte er aber nur, weil die neue junge herrschende Klasse die Bourgeoisie nach dem Chaos der Französischen Revolution endlich Ruhe und Ordnung brauchte. Es brauchte eine Phase der Stabilität, damit der Kapitalismus florieren und sich durchsetzen konnte. Das war eine gesellschaftliche Notwendigkeit und Napoleon war der beste Mann, der sich dafür fand. Dabei drückte Napoleon der Geschichte seinen persönlichen Stempel auf, er erledigte die Dinge nach seiner Art. Aber wirklich wirksam war er nur, weil sein Handeln der allgemeinen Richtung, welche die Gesellschaft einschlug, entsprach. Hätte er in eine andere Richtung gedrängt, wäre er gescheitert. Wir sind Produkte von unseren Umständen, aber, wenn wir den Nerv der Zeit treffen, können wir die geschichtlichen Geschehnisse beeinflussen und einen mächtigen Faktor werden.

Wollen wir also heute etwas verändern, müssen wir verstehen, was die heutigen gesellschaftlichen Bedürfnisse sind. Im Kapitalismus ergeben sich unsere gesellschaftlichen Verhältnisse aus der unbewussten Tätigkeit der Menschen. Das Einzige, was wir bewusst tun, sind Entscheidungen treffen, welche unsere persönlichen Ziele betreffen. Das Problem ist aber, aus diesen persönlichen, frei erscheinenden Entscheidungen aller Menschen zusammen, ergeben sich unvorhergesehene Folgen, welche die gesamte Gesellschaft berühren. Was dann unsere Beziehungen, die wir Menschen untereinander eingehen, wieder beeinflusst. Aus den freien Individuellen Entscheidungen, ergibt sich eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wie bei den Naturgewalten, müssen wir es schaffen, diese Notwendigkeiten zu erkennen und sie für unsere Zwecke zu nutzen.

Die Rolle der Arbeiterklasse

Also jeder Kapitalist ist «frei» ein Unternehmen zu gründen und Arbeiter auszubeuten. Diese Entscheidung erscheint als eine freie, persönliche Entscheidung. Nehmen wir aber die Kapitalisten zusammen, die alle die individuelle freie Entscheidung getroffen haben Arbeiter auszubeuten, sehen wir, wie diese persönliche Freiheit zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit wird. Denn die individuellen Kapitalisten stehen in Konkurrenz zueinander und müssen sich gegeneinander behaupten. Auf dem Markt siegen können sie nur durch die Steigerung der Ausbeutung der ArbeiterInnen. Also jeder einzelne Kapitalist entscheidet individuell die Löhne zu senken und so mehr Profit zu machen. Aber alle Kapitalisten sind dazu gezwungen. Ihre individuellen Entscheidungen, die auf einer objektiven Notwendigkeit basieren, haben zusammen unvorhersehbare Konsequenzen, welche die gesamte Gesellschaft betreffen. Aus der freien Entscheidung eines Individuums ergibt sich der notwendige Klassenkampf. Denn so stacheln sie nur die gesamte Klasse der ArbeiterInnen an. Deshalb sagt Marx im Manifest auch, dass die Klasse der Bourgeoisie ihren eigenen Totengräber schafft.

Schauen wir die Arbeiterklasse an. Die grosse Mehrheit der Gesellschaft ist nicht frei zu machen, auf was sie Bock hat. Nein die grosse Mehrheit ist gezwungen arbeiten zu gehen und so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir können höchstens entscheiden, wer uns ausbeutet und auch diese Entscheidung ist eine Farce, denn wir nehmen meistens den Job, welchen wir bekommen, nicht den, welchen wir wollen. Wenn unser Chef zu asozial ist, können wir die freie Entscheidung treffen uns zu organisieren, zu einer Gewerkschaft zu gehen. Meistens werden wir nicht als Individuum angegriffen. Sondern die ganze Belegschaft eines Betriebs, einer gesamten Branche, oder die gesamte Arbeiterklasse durch Sparmassnahmen. Wir ArbeiterInnen sind alles verschiedene Individuen, die aber alle ein ähnliches Leben führen. Wir haben ähnliche Bedürfnisse und machen ähnliche Erfahrungen am Arbeitsplatz. Wir alle werden immer wieder an einen Punkt gebracht, wo wir sagen, es reicht, ich hasse meinen Chef und ich habe mehr verdient. Uns so entspringt unsere individuelle freie Entscheidung sich zu organisieren einer gesellschaftlichen Notwendigkeit, die einen Einfluss auf den Gang der Geschichte hat. Nämlich in Form des Klassenkampfs.

Wir sehen: alle Menschen sind objektiven Gesetzen ausgesetzt. Niemand kann sich ihnen entziehen. Ein Kapitalist, der nett sein will, kommt früher oder später in eine Krise, weil er gezwungen ist, sich in der Konkurrenz durchzusetzen. Wir ArbeiterInnen können nicht einfach nicht arbeiten gehen, ausser wir wollen allein im Wald wohnen. Aber wir wollen nicht flüchten. Wir wollen, was uns zusteht. Nämlich ein schönes Leben! Also müssen wir uns wehren. In dieser Auseinandersetzung zwischen Bourgeoisie und ArbeiterInnen wird die Grundlage für eine neue, höhere Gesellschaftsform geschaffen. Denn die ArbeiterInnen müssen der herrschenden Klasse die Kontrolle und Leitung über die Gesellschaft entreissen, um ihre Interessen durchzusetzen. Diese Tendenz kann man beim Studium der Geschichte der Arbeiterbewegung immer wieder beobachten. Der Prozess des Klassenkampfs ist eine notwendige Gesetzmässigkeit im Kapitalismus, welche sich aus der Funktionsweise des Kapitalismus ergibt. 

Im Kapitalismus herrschen das Privateigentum und die blinden ökonomischen Kräfte über uns. Sie zwingen uns Dinge zu tun und zu ertragen, welche wir gar nicht wollen. Bestes Beispiel ist die Klimakrise. Alle wissen, wir sind am Arsch… Niemand tut etwas, weil der Markt den Menschen diktiert. Die Arbeiterklasse hat aber die Fähigkeit das Privateigentum abzuschaffen und alle ökonomischen Ressourcen unter ihre Kontrolle zu bringen. Dann können Menschen erstmals als kollektiv und bewusst nach dem Gesamtinteresse der Menschen wirtschaften. So gelangen wir ins Reich der Freiheit. Wo wir nicht mehr von ökonomischen Kräften hin und hergeworfen werden, sondern selber entscheiden, wie die Welt gestaltet werden soll. Damit wir dahin kommen, müssen wir aber verstehen, was heute unsere Aufgabe ist.

Also: der Klassenkampf entspringt dem kapitalistischen System, das auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen durch die Kapitalisten basiert. Es ist nicht eine Frage, ob einem das gefällt oder nicht. Oder ob man für die Revolution oder dagegen ist. Nein, Revolutionen kommen notwendigerweise. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir diese, wie bei den Naturgewalten, für uns nutzen. Wir wissen, dass die Arbeiterklasse gegen ihre Ausbeutung aufstehen muss und dass sie eine Gesellschaft aufbauen kann, die frei von Unterdrückung ist. Das ist nicht etwas Mystisches, sondern einfach Milliarden von Individuen, die keinen Bock mehr auf diesen Scheiss haben und merken, dass sie fett ausgenutzt werden. Diese Milliarden von Individuen mit ihrem Willen können eben zusammen zu einer gesellschaftlichen Kraft werden und sie nach ihren Interessen verändern. Wenn wir diese objektive Entwicklung – die Arbeiterklasse radikalisiert sich unabhängig von unserem Willen – verstehen, können wir da eingreifen und den Prozess beschleunigen und der Arbeiterklasse zur Macht verhelfen.

Marx hat durch sein Studium der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Entwicklung diese objektiven Entwicklungsgesetze herausgefunden und diesen Prozess können wir heute auf der ganzen Welt beobachten. Jetzt ist es die Aufgabe der Revolutionäre diese Erkenntnis zu gebrauchen und der Arbeiterklasse zum Sieg über die Kapitalisten zu verhelfen. Dafür brauchen wir die richtigen Ideen, welche uns bei dieser Aufgabe helfen. Dieser Kampf ist die einzige wirkliche Freiheit, die wir im Kapitalismus haben können.

Die Rolle des Individuums

Wenn wir sagen, der Klassenkampf hat eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist und der Sozialismus als nächster historischer Schritt dem Kapitalismus folgen muss, bedeutet das, dass wir nichts dafür tun müssen und es gar nicht auf uns ankommt? Können wir einfach abwarten, bis der Sozialismus automatisch kommt? Leider bedeutet es das nicht. Der Klassenkampf ist ein realer Kampf, den man gewinnen oder verlieren kann.  Wir haben gesehen: Geschichte ist nichtsals die Tätigkeit der ihrer Zwecke verfolgenden Menschen. Unsere Gesellschaft ist in zwei grosse Lager gespalten: Die Bourgeoisie kämpft aktiv für ihre Interessen. Sie verteidigt ihr System und ihre Stellung mit aller Gewalt. Das bedeutet; wir müssen aktiv dafür kämpfen, um die Bourgeoisie zu besiegen.

Kommen wir zu der Frage, was kann ich tun, um die Welt zu verändern?
Wir sagen, die Geschichte der Menschen unterliegt Gesetzmässigkeiten. Aber wir sehen immer wieder Persönlichkeiten, welche eine entscheidende Rolle in der Geschichte einnehmen. Nehmen wir Donald Trump als Beispiel. Es ist offensichtlich, dass er die Polarisierung in den USA befeuerte. Aber er hat sie nicht einfach befeuert, sondern er entspringt demselben Prozess der Polarisierung. Die Zuspitzung der Widersprüche in den USA ermöglichten seinen Sieg überhaupt erst. Er hat also nicht in einer entspannten Gesellschaft einfach so die Polarisierung eingeführt, sondern er hat sie mit seinem Auftreten auf der Bühne der Politik verstärkt.

Aber auch der Charakter von Trump ist nicht zufällig. Er ist ein rassistisches und sexistisches Schwein mit viel Cash. Mit Sexskandalen Korruption etc. Das entspricht durchaus dem Durchschnitt der herrschenden Klasse in der USA. Ich glaube es gibt wenige etablierte Politiker in den USA, die nicht irgendwie in den Epstein-Sexskandal verwickelt waren. Was zufällig an ihm ist, ist einfach, dass er den verrotteten Zustand der herrschenden Klasse in der USA am offensten und entschiedensten zur Schau trägt.

Donald Trump entspringt den materiellen Bedingungen der USA. Deshalb kann er auch nicht irgendwas machen, sondern muss sich innerhalb der etablierten Spielregeln bewegen. Der Handelskrieg mit China ist gewissermassen eine ökonomische Notwendigkeit. Im Kapitalismus stehen die Länder in Konkurrenz zueinander. China wird immer mehr zur Bedrohung für die Vormachtstellung der USA. Also greift man sich gegenseitig an. Das macht Biden auch. Aber Trump und Biden machen es eben anders. Trump auf seine Weise, mit Beleidigungen, verrückten Tweets etc., die dazu führen, dass die Fronten sich schneller verhärten. Mit seinem Verhalten beschleunigt er die sich schon länger anbahnende Konfrontation, nicht nur im Handelskrieg, sondern in der ganzen Gesellschaft. Biden macht den Handelskrieg versteckter als Trump. Er verkörpert den bemitleidenswerten Versuch der amerikanischen herrschenden Klasse, die Polarisierung aufzuhalten und das soziale Gleichgewicht wiederherzustellen. Nur leider ist es zu wenig und zu spät. Die Arbeiterklasse in den USA hat angefangen sich zu bewegen. Gerade wird in den USA von dem Striketober (Streik-Welle im Oktober) geredet. Sie können den Prozess des Klassenkampfs mit Biden höchstens bremsen, aber nicht verhindern. Es ist klar, dass es zu einem heftigen Clash zwischen den US-ArbeiterInnen und ihrer herrschenden Klasse kommen wird.

Und das ist eben gerade der Unterschied zwischen den verzweifelten US-Kapitalisten und Politikern und uns Revolutionären. Sie versuchen die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnabhängigen aufrecht zu erhalten. Wir kämpfen dagegen. Ihr Pech ist nur, dass sie ein System verteidigen, dass seine Lebensdauer überschritten hat. Sie kämpfen für die Vergangenheit. Der Kapitalismus bietet der Mehrheit auf diesem Planeten nur noch Elend und Klimakatastrophen. Wir hingegen kämpfen für die Zukunft. Das Potenzial des Sozialismus bildet sich aus dem Schoss des Kapitalismus und ist die nächste Etappe, welche wir erreichen müssen. Das haben wir nicht frei erfunden, sondern durch das Studium der Entwicklung des Kapitalismus herausgefunden. Wir wissen was kommen muss, jetzt müssen wir es geschehen lassen.

Organisation und Individuum

Dieses Verständnis gibt uns Kraft, die harte Arbeit auf uns zu nehmen. Wir wissen, dass es möglich ist, wir wissen auch, dass wir den Wind der Geschichte in den Segeln haben. Wir müssen es nur tun! Je mehr wir verstehen, dass wir der historischen Notwendigkeit folgen, desto entschiedener kämpfen wir dafür.

Ich habe vorher aufgezeigt, wie der Klassenkampf im Kapitalismus eine Notwendigkeit ist. Dass können wir aktuell beobachten. Auf der ganzen Welt nehmen Streiks zu, Aufstände kommen auf. Die globale Arbeiterklasse fängt sich an zu regen und um ihre Zukunft zu kämpfen. Dieser notwendige Prozess, müssen wir beschleunigen und ihm zum Durchbruch verhelfen. Wir müssen der Arbeiterklasse helfen zu verstehen, dass ihr individuelles Interesse mit dem ihrer Kollegen, mit der grossen Mehrheit zusammenfällt und sie die Kraft hat, den Kapitalismus zu stürzen und ein neues System frei von Unterdrückung aufzubauen. Wir vereinen die Milliarden Willen unter dem Banner des Sozialismus. So können die ArbeiterInnen zu einer gesellschaftlichen Kraft werden, die erstmals bewusst in die Geschichte eingreift und sich von ihrer Unterdrückung befreit.

Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung haben wir gelernt, dass es dafür eine revolutionäre Organisation braucht. Innerhalb dieser Organisation können grosse Persönlichkeiten eine entscheidende Rolle spielen. Das beste Beispiel ist Lenin und die Bolschewiki. Ohne Lenin hätte es die Russische Revolution in dieser Form nie gegeben. Er war der weitsichtigste und entschiedenste Kämpfer der Arbeiterklasse und boxte mit unvergleichlicher Sturheit die richtigen Positionen in seiner Partei durch. Aber Lenin ist nicht als Lenin geboren. Er war kein zufälliges Element der historischen Entwicklung, sondern Produkt der gesamten vergangenen russischen Geschichte. In dem er die Bolschewiki erzog, erzog er sich an ihr. Wir können sagen, seine Charaktereigenschaft Sturheit war zufällig. Das stimmt zum Teil, aber seine Epoche verlangte dies auch von ihm. Gleichzeitig war es auch sein politisches Verständnis, das Wissen, dass er mit dem objektiven Gang der Geschichte geht, was ihm Selbstsicherheit gab.

Aber auch wenn Lenin brillant und unverzichtbar war. Ohne die Bolschewiki wäre er nichts gewesen. Es braucht eine starke revolutionäre Organisation, ein fähiges Kollektiv, welche es schafft die Interessen der ArbeiterInnen bis zum Schluss zu vertreten. Wir dürfen nicht darauf hoffen, dass ein Lenin daherkommt. Auch wenn es klar ist, dass die kommenden Klassenkämpfe brillante Vertreter der ArbeiterInnen hervorbringen werden. Wir können nicht darauf warten und hoffen. Sondern wir müssen dafür sorgen, dass wir möglichst viele fähige Revolutionäre haben, welche gemeinsam die Lektionen aus der Geschichte ziehen. Das ist nur möglich, wenn wir uns gemeinsam dieselben Fähigkeiten aneignen. Indem wir uns die marxistische Methode aneignen, welche es uns erlaubt Einsicht in die objektiven Prozesse zu haben und darin einzugreifen. Nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. Darum bauen wir die IMT (International Marxist Tendency) auf.  

Schluss – Sozialismus oder Barbarei

Wir haben gesehen, der Sozialismus ist nicht einfach eine schöne Idee. Er ergibt sich aus den Gesetzmässigkeiten der menschlichen Entwicklung. Er ist die nächste Stufe, die die Menschheit nehmen muss. Aber das heisst nicht, dass das automatisch passiert. Rosa Luxemburg hat beim Ausbruch des ersten Weltkriegs gesagt, es stelle sich die Frage von Sozialismus oder Barbarei. Die Tendenzen zur Barbarei sehen wir heute auch. In den Pressebildern von Afghanistan, wo die Taliban im Regierungsgebäude sitzen. In der Zunahme von Feminiziden auf der ganzen Welt. Der Verelendung breiter Schichten, der Opfer der Pandemie, und den Klimakrisen, denen wir einfach ohnmächtig zuschauen müssen. Und all das, obwohl der gesellschaftliche Reichtum und die technischen Möglichkeiten immens sind. Wir sagen die Barbarei ist eine Option, welche sich immer mehr abzeichnet, aber es gibt eben auch die Option des Sozialismus, dessen Notwendigkeit sich immer mehr aufdrängt. Sozialismus oder Barbarei. Es ist ein entweder oder. Es gibt nichts dazwischen. Welche Option sich durchsetzt kommt drauf an, wer den Kampf gewinnt. Die ArbeiterInnen oder die Bourgeoisie. Und das ist genau unsere Aufgabe: Wir haben bereits jetzt diese Einsicht und verstehen vor welcher Entscheidung wir stehen, wir kennen sogar die Mittel, wie wir die Barbarei verhindern können – darum müssen wir unsere ganze Kraft dafür einsetzen, dass die ArbeiterInnen diesen historischen Kampf gewinnen. Die Menschen machen ihre eigene Geschichte. Wir müssen unsere Geschichte schreiben und dafür kämpfen, dass der Sozialismus sich durchsetzt.

Ich habe vorhergesagt, dass die Barbarei sich abzeichnet. Aber es zeichnet sich eben auch das Gegenteil ab. In einem Land nach dem anderen stehen die Menschen auf und wehren sich gegen die barbarischen Bedingungen. Generalstreik in Südkorea. Striketober in den USA. Streikwelle in der Türkei. Das sind nur ein paar Beispiele im Monat Oktober 2021 allein. Im letzten Jahr sahen wir Lateinamerika in Aufruhr. Kämpfe in Asien, Afrika. Auf dem ganzen Planeten streben die ArbeiterInnen zunehmend nach einem besseren Leben. Dass sind heroische Kämpfe von Millionen Individuen, welche die Zukunft darstellen.

Aber was ist mit ihren Organisationen? Ich habe am Anfang erwähnt, dass die Linken pessimistisch und beleidigt sind. Es ist ein Fakt, dass heute auf der globalen Ebene die ArbeiterInnen ihren Organisationen voraus sind. Oder besser gesagt, sie keine Organisation haben, welche entschieden und bis zum Schluss für ihre Interessen kämpft. Wir Marxisten sind keine Pessimisten – im Gegenteil, wir fangen an aufzublühen: Weil wir in den Kämpfen der ArbeiterInnen das unbewusste Streben nach Sozialismus entdecken. Und wir wissen, dass es unsere Aufgabe ist, dieses unbewusste Streben bewusst zu machen.

Dafür müssen wir eine revolutionäre Organisation aufbauen, welche fähig ist dies zu tun. Und hier haben wir die Antwort zu: Was kann ich machen, um die Welt zu verändern? Wir haben gesehen, dass ein Individuum alleine nicht wirklich eine Handlungsmacht hat. Sogar Lenin wäre ohne die Bolschewiki nichts gewesen. Aber als Teil einer starken Organisation gewinnt man an Schlagkraft.

Wir haben auch gesehen, dass wir die Geschichte nicht irgendwie verändern können. Sondern dass wir erkennen müssen, in welche Richtung sich die Gesellschaft bewegt und wir so diesen Prozess beschleunigen können. Das bedeutet wir müssen uns die marxistische Methode aneignen und zu fähigen Revolutionären werden, welche die ArbeiterInnen hinter dem Banner des Sozialismus vereinen können. Und dafür braucht es jede und jeden!

Das spannende ist, je mehr wir über das Funktionieren der Welt lernen, je mehr Einsicht wir darin haben, dass der Sozialismus ein notwendiger Schritt in der Geschichte ist. Desto entschiedener kämpfen wir dafür. Je mehr wie erkennen wie sich die Barbarei durch die Gesellschaft frisst, aber gleichzeitig erkennen, was für eine immense Kraft die Arbeiterklasse hat, verstehen wir, dass wir den richtigen Kampf führen. Wir verstehen, dass wir den Wind der Geschichte in den Segeln haben und dass, wenn wir entschieden genug sind, uns nichts aufhalten kann. Ich selber habe das gecheckt. Der Kampf für den Sozialismus ist für mich zu einer Notwendigkeit geworden, welche mir die grösste Freiheit gibt. So habe ich es geschafft aus der Ohnmacht, welche diese Welt uns auferlegt, auszubrechen und tätig zu werden. Um es mit Luther zu sagen: «Ich stehe hier, ich kann nicht anders». Ich lade euch alle ein, euch uns anzuschliessen, mit uns die Welt zu studieren und der Arbeiterklasse zu verhelfen die Macht zu ergreifen!

Zur weiteren Vertiefung in die marxistische Philosophie und speziell der Verteidigung des Materialismus empfehlen wir folgende Artikel und Bücher:

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