Der russische Revolutionär Leo Trotzki war geistig auf allen Kontinenten zu Hause. Hier argumentiert er gegenüber US-LeserInnen, warum Sozialismus gerade für die USA eine gute Idee ist. Ein Auszug aus der Textsammlung Denkzettel.

Wenn Amerika infolge der Schwierigkeiten und Probleme, mit deren Lösung Ihre kapitalistische soziale Ordnung nicht fertig wird, kommunistisch werden sollte, so wird es entdecken, dass der Kommunismus, weit davon entfernt, eine unerträgliche bürokratische Tyrannei und Reglementierung des Individuums zu bedeuten, zu mehr individueller Freiheit und gemeinsamem Wohlstand führen wird.

Gegenwärtig sehen die meisten Amerikaner den Kommunismus einzig im Licht der Erfahrungen, die man mit der Sowjetunion gemacht hat. Sie haben Angst, der Sowjetismus würde in Amerika dieselben materiellen Ergebnisse hervorrufen, wie er sie dem kulturell rückständigen Volk der Sowjetunion beschert hat. Sie fürchten sich davor, der Kommunismus könnte Sie in ein Prokrustesbett zwängen[…] Es schaudert Sie bei dem Gedanken, dass Amerikaner hinsichtlich ihrer Kleidungs- und Essgewohnheiten unter Aufsicht gestellt werden könnten; dass Sie von Hungerrationen leben müssten; stereotype offizielle Propaganda in den Zeitungenlesen müssten; dass Sie Entscheidungen, die ohne Ihre aktive Mitwirkung zustande kamen, ohne viel zu überlegen Ihre Zustimmung geben müssten; dass Sie aus Angst vor Gefängnis und Verbannung Ihre Gedanken für sich behalten und Ihre Sowjetführer in der Öffentlichkeit laut preisen müssten. Sie fürchten […] bürokratische Tyrannei und unerträglichen Bürokratismus im alltäglichen Leben. Sie fürchten, dass sowohl in den Künsten und Wissenschaften als auch im Alltagsleben eine seelenlose Gleichförmigkeit Einzug halten würde. Sie fürchten, dass jede politische Spontaneität und die (vermeintliche) Freiheit der Presse durch die Diktatur einer monströsen Bürokratie zerstört werden würde. Und es schaudert Sie bei dem Gedanken, dass Ihnen die unbegreifliche Sprache der marxistischen Dialektik und der strengen Sozialwissenschaften glatt von der Zunge gehen könnte. Sie fürchten, mit einem Wort, dass Sowjetamerika das Ebenbild der Ihnen vermittelten Version Sowjetrusslands werden wird.

[…]Doch wird die amerikanische kommunistische Revolution im Vergleich zur bolschewistischen Revolution in Russland, gemessen am gesellschaftlichen Reichtum und an der Bevölkerung, unbedeutend sein, gleichgültig wie gross ihre relativen Kosten sein werden. Der Grund dafür ist, dass ein revolutionärer Bürgerkrieg nicht von der Handvoll Leute an der Spitze – den fünf oder zehn Prozent, denen neun Zehntel des amerikanischen Reichtums gehören – ausgefochten wird; sie könnte ihre konterrevolutionären Armeen nur aus den unteren Zwischenklassen rekrutieren. Aber auch die Revolution könnte diese mit Leichtigkeit unter ihr Banner scharen, indem sie ihnen zeigt, dass nur die Unterstützung der Sowjets ihnen Aussicht auf Rettung bietet. Jeder unterhalb dieser Gruppe ist wirtschaftlich für den Kommunismus schon vorbereitet. Die Wirtschaftskrise hat unter Ihrer Arbeiterklasse gewütet und den Farmern, die bereits durch die lange landwirtschaftliche Flaute des Nachkriegsjahrzehnts geschädigt waren, einen vernichtenden Schlag versetzt. […]

Wer wird sonst noch gegen den Kommunismus kämpfen? Die Wachmannschaften Ihrer Milliardäre und Multimillionäre? Ihre Mellons, Morgans, Fords und Rockefellers? Sie werden in dem Augenblick zu kämpfen aufhören, in dem sie niemand mehr finden, der für sie kämpft.

Die amerikanische Sowjetregierung wird die Kommandohöhen Ihres Wirtschaftssystems, die Banken, die Schlüsselindustrien und das Transport- und Kommunikationssystem fest in die Hand nehmen. Sie wird dann den Farmern, den kleinen Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten eine ausreichend lange Bedenkzeit geben, während deren sie sehen können, wie gut der verstaatlichte Sektor der Wirtschaft funktioniert. Hier können die amerikanischen Sowjets wahre Wunder schaffen. […] Die nationale Industrie wird längs des Förderbands Ihrer modernen, ständig produzierenden, automatisierten Fabriken organisiert werden. Die wissenschaftliche Planung kann der einzelnen Fabrik entlehnt und auf Ihr ganzes Wirtschaftssystem ausgedehnt werden. Die Ergebnisse werden erstaunlich sein. […]

Ihre technische Ausrüstung und Ihr Reichtum ist der grössere Aktivposten Ihrer künftigen kommunistischen Revolution. Ihre Revolution wird einen sanfteren Charakter als die unsrige haben; Sie werden Ihre Energien und Hilfskräfte nicht in kostspieligen sozialen Konflikten verschwenden, nachdem einmal die Hauptfragen entschieden sind; und Sie werden infolgedessen desto schneller vorankommen.[…] Tatsächlich wird der Sieg des Kommunismus in Amerika – der Hochburg des Kapitalismus – den Kommunismus in anderen Ländern verbreiten. […]

Innerhalb weniger Wochen oder Monate des Bestehens amerikanischer Sowjets würde der Panamerikanismus eine politische Realität. Die Regierungen von Mittel- und Südamerika würden von Ihrer Föderation wie Eisenspäne von einem Magneten angezogen werden. […] Ich wette, die westliche Hemisphäre würde sich am ersten Jahrestag der amerikanischen Sowjets als die Vereinigten Sowjetstaaten von Nord-, Mittel- und Südamerika mit der Hauptstadt Panama wiederfinden.

[…] Eine Sowjetregierung ist das umfassendste aller möglichen Systeme, eine gigantische Verallgemeinerung in Aktion. Der Durchschnittsmensch liebt weder Systeme noch Abstraktionen. Es ist die Aufgabe Ihrer kommunistischen Staatsmänner, dafür zu sorgen, dass das System die Güter liefert, die der Durchschnittsmensch begehrt: sein Essen, Zigarren, Unterhaltung, die Freiheit, sich seine Krawatten selbst auszusuchen, sein eigenes Haus und sein eigenes Auto. Es wird in Sowjetamerika leicht sein, ihm diese Bequemlichkeiten des Lebensstandards zu geben.

Die meisten Amerikaner haben sich dadurch, dass wir in der UdSSR ganze neue Basis-Industrien errichten mussten, irreführen lassen. So etwas könnte in Amerika, wo man schon gezwungen ist, die Bewirtschaftung des Bodens einzuschränken und die industrielle Produktion zu verringern, nicht vorkommen. In der Tat wird Ihre gewaltige technologische Ausrüstung durch die Krise lahmgelegt; die Forderung nach ihrer Nutzbarmachung ist bereits unüberhörbar. […]

Ihre Regierung wird sich dabei auf eine grosse Klasse kultivierter und kritischer Verbraucher stützen können. Durch die Zusammenfassung der verstaatlichten Schlüsselindustrien, Ihrer Privatunternehmungen und demokratischen Verbraucherorganisationen werden Sie rasch ein äusserst flexibles System entwickeln, um die Bedürfnisse Ihrer Bevölkerung zu befriedigen. […]

Wenn es dem Sozialismus gelingt, das Geld durch administrative Kontrolle zu ersetzen, kann man eine feste Goldwährung aufgeben. Dann wird das Geld zu gewöhnlichen Papierscheinen, wie es Strassenbahnscheine oder Theaterkarten sind. Mit dem Fortschritt des Sozialismus werden auch diese Papierzettel verschwinden, und wenn es für jeden von allem mehr als genug gibt, wird eine Kontrolle über den individuellen Verbrauch – sei es durch Geld oder durch die Verwaltung – nicht mehr nötig sein! […]

Sowjetamerika wird unsere bürokratischen Methoden nicht nachahmen müssen. Bei uns hat der Mangel an den elementaren Lebensgütern dazu geführt, dass sich jeder um einen Extra-Laib Brot, eine Extra-Elle Stoff gehörig balgen muss. In diesem Kampf spielt unsere Bürokratie den Vermittler, den allmächtigen Schiedsrichter. Sie hingegen sind viel wohlhabender und würden es nicht sehr schwer finden, Ihre ganze Bevölkerung mit allem Lebensnotwendigen zu versehen. Ausserdem würden Ihre Bedürfnisse, Geschmacksrichtungen und Gewohnheiten es Ihrer Bürokratie nie erlauben, das Nationaleinkommen zu verteilen. Statt dessen wird sich Ihre ganze Bevölkerung, wenn Sie Ihre Wirtschaftsgesellschaft so organisieren, dass für die Deckung menschlicher Bedürfnisse und nicht für private Profite produziert wird, um neue Richtungen und Gruppen scharen, die miteinander kämpfen und es verhindern werden, dass eine arrogante Bürokratie sie bedrückt.

[…] Bei uns sind die Sowjets infolge des politischen Monopols einer einzigen Partei, die selbst zur Bürokratie wurde, bürokratisiert worden. Diese Situation ist Resultat der aussergewöhnlichen Schwierigkeiten sozialistischer Pionierarbeit in einem armen und rückständigen Land.

Die amerikanischen Sowjets werden stark und lebendig sein; für solche Massnahmen, wie sie die Umstände in Russland erzwangen, wird weder Bedürfnis, noch Gelegenheit sein. Ihre unbussfertigen Kapitalisten werden sich natürlich in dem neuen Rahmen nicht wohlfühlen. Man kann sich Henry Ford schwerlich als Vorsitzenden des Sowjets von Detroit vorstellen.

Doch ein grosser Kampf zwischen Interessen, Gruppen und Ideen ist nicht nur vorstellbar, sondern unvermeidlich. Ein-, Fünf- und Zehnjahrespläne auf dem Gebiet der Wirtschaftsentwicklung; nationale Erziehungspläne; der Bau neuer Hauptverkehrswege; die Umwandlung der Farmen; das Programm zur Verbesserung der technologischen und kulturellen Ausrüstung Lateinamerikas; ein Programm für stratosphärische Kommunikation; die Eugenik – all das wird zu Kontroversen, heftigen Wahlkämpfen und leidenschaftlichen Debatten in den Zeitungen und in öffentlichen Versammlungen führen.

Denn Sowjetamerika wird das Pressemonopol der Spitze der sowjetrussischen Bürokratie nicht kopieren! Obgleich Sowjetamerika alle Druckereien, Papierfabriken und Verteilungsmittel verstaatlichen würde, wäre das eine bloss negative Massnahme. […] Sowjetamerika wird die Frage, wie die Macht der Presse in einem sozialistischen Regime funktionieren soll, auf neue Weise lösen müssen. […] Über Herstellung und politischen Gehalt von Publikationen würde dann nicht das persönliche Bankkonto, sondern würden Gruppen-Ideen entscheiden. […] Das reiche Sowjetamerika kann riesige Geldmittel für Forschung und Erfindungen, für Entdeckungen und Experimente auf allen Gebieten bereitstellen. Sie werden Ihre kühnen Architekten und Bildhauer, Ihre unkonventionellen Dichter und kühnen Philosophen nicht vernachlässigen. […]

Heute sind Sie völlig unvorbereitet dazu gezwungen, sozialen Widersprüchen ins Auge zu sehen, wie sie unvermutet in jeder Gesellschaft entstehen. Sie haben die Natur mit Hilfe der Werkzeuge erobert, die Ihr Erfindergeist geschaffen hat, nur um zu sehen, dass Ihre Werkzeuge Sie beinahe selbst vernichtet haben. Im Gegensatz zu allen Ihren Hoffnungen und Wünschen hat Ihr unerhörter Reichtum ein unerhörtes Elend erzeugt. Sie haben entdeckt, dass die soziale Entwicklung keinem einfachen Schema folgt. Daher sind Sie der Dialektik in die Arme getrieben worden – um dort zu bleiben. Es gibt kein Zurück von ihr zu dem Denken und Handeln, das im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert vorherrschte. […]

Eine letzte Prophezeiung: Im dritten Jahr der Rätemacht in Amerika werden Sie nicht mehr Kaugummi kauen …

Leo Trotzki, 1934

Den Text in voller Länge sowie viele andere bedeutende Schriften Trotzkis findest du in dem Buch der Denkzettel. Dieses kannst du unter redaktion@derfunke.ch bestellen!