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nsere Welt ist geprägt von Gewalt, in erster Linie gegen die Lohnabhängigen. Natürlich erzeugt jede Gewalt auch Gegengewalt. Mal wird uns Gewalt als moralisch «gut», mal als «schlecht» verkauft. Wir wollen uns in diesem Artikel der Frage widmen, was für Interessen dahinterstecken, und ob es aus Sicht der arbeitenden Klasse so etwas gibt wie legitime Gewalt.

Ihre Gewalt und unsere
Schalten wir den Fernseher ein oder lesen die Zeitung, werden uns verschiedene Formen der Gewalt unter unterschiedlichen moralischen Etiketten verkauft. Mal wird Gewalt als «moralisch gut» verkauft – wie z.B. die militärische Intervention im Osten der Ukraine gegen die Separatisten. Oder in einem anderen Fall als schlecht – wie z.B. letztens in Bern die Gewalt von Hausbesetzern gegen die Polizei. In den USA landet man für kleinere Diebstähle bereits im Gefängnis, während das Land schon seit langem auf der ganzen Welt «gerechte» Kriege führt. In Brasilien wurden die Massen, die man für die WM aus den Favelas vertrieb, für ihre Steinwürfe verurteilt. Unzählig sind die Beispiele, wo unsere Gesellschaft bzw. die Medien Gewalt – je nachdem, in wessen Interesse sie geschieht – mit einem positiven oder eben negativen moralischen Vorzeichen versehen. Dies kommt nicht von ungefähr, sondern ist bedingt durch unser Gesellschaftssystem.

Eine Moral für die Herrschenden
«Sie können mit einem Bajonett alles machen, aber Sie können nicht darauf sitzen», soll Charles-Maurice de Talleyrand – französischer Außenminister unter Napoleon – gesagt haben. Was für seine Zeit richtig war, stimmt für jede entwickelte Gesellschaft, welche in Klassen gespalten ist. Die herrschende Klasse braucht zwangsläufig neben dem Mittel der Gewalt – ihrem Militär, ihrer Polizei – auch andere Mittel, um für Ruhe und Stabilität zu sorgen. Eines ist eine moralische Rechtfertigung der eigenen Herrschaft, um die Gesellschaftsform aufrecht zu erhalten, in der sie die Herren sind.

Machen wir dazu zwei kurze Beispiele: Im Mittelalter waren es Adelige, welche über die Bauern geherrscht haben. Diese mussten entweder Waren umsonst abliefern, oder aber auf den Feldern der Adligen umsonst arbeiten. Natürlich hatten die Adligen einen militärischen Apparat zur Verfügung, um die Bauern zu unterdrücken, sollten diese den Forderungen nicht nachkommen. Dieser militärische Apparat ist jedoch nur begrenzt fähig, die Bauern niederzuhalten. Also muss der Adel dafür sorgen, dass die Bauern auch glauben, dass die Herrschaft des Adels rechtmässig und gut ist, indem er den Bauern seine Moral aufzwängt. Der Apparat dafür war die Kirche, welche die Adeligen als von Gott installiert anpries, und dafür auch etwas von den Früchten der Bauernarbeit abhaben konnte. So wurden die Bauern (bis zu einem gewissen Grad) auch geistig geknechtet, indem die Gewalt an ihnen durch die Kirche moralisch gerechtfertigt wurde.

Bei uns, in der bürgerlichen Gesellschaft, sind die Herrschaftsverhältnisse weniger offensichtlich. Die herrschende Klasse, die Bourgeoisie, herrscht über die Lohnabhängigen. Während die Bourgeoisie die Produktionsmittel besitzt, müssen die Lohnabhängigen ihre Arbeitskraft verkaufen. Dadurch sind die ArbeiterInnen im Kapitalismus, wie Marx das ausdrückte, “frei” in doppeltem Sinne: Einerseits gehören sie nicht als ganze Personen einem Kapitalisten oder einer Kapitalistin. Sie gehören sich als Personen selbst und betreten so den Arbeitsmarkt immer wieder als (juristisch) freie Personen und dürfen als freie Personen ihre Arbeitskraft verkaufen. Andererseits “geniessen” die ArbeiterInnen aber auch die Freiheit, frei zu sein von jeglichen Mitteln, die sie selbständig produzieren lassen würden; sie besitzen nichts als ihre eigene Arbeitskraft und müssen diese verkaufen. So entpuppt sich die Freiheit der ArbeiterInnen im Kapitalismus als der Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verscherbeln.

Die Macht, welche die Bourgeoisie hat, läuft also über den Besitz von Produktionsmitteln, weil dieser sie befähigt, sich die Arbeit der ArbeiterInnen anzueignen und aus dieser Profit rauszuschlagen. Deswegen sind sie auch darum bemüht, eine Moral zu verbreiten, welche die Verteidigung ihres Privateigentums und dessen Ausweitung – wenn nötig auch mit roher Gewalt – legitimiert.

Die moralischen Grundsätze, welche im Kapitalismus zählen, sind natürlich nicht alle grundsätzlich abzulehnen, weil sie der Bourgeoisie nutzen. Natürlich unterstützen wir die Freiheiten des Individuums, seine Meinung frei äussern zu können und die demokratischen Mittel zu nutzen, welche die parlamentarische Demokratie bietet. «Du sollst nicht stehlen» mag ein moralisches Gebot zum Schutz des Privateigentums der Bourgeoisie sein, doch auch wir besitzen materielle Dinge, welche wir vor Diebstahl und Raub geschützt sehen wollen. Auch das Recht auf unser Leben, welches im Grundsatz «du sollst nicht töten» ausgedrückt ist, wollen wir nicht missen. Sehen die KapitalistInnen jedoch schwarz für ihre Profite oder ist ihr Privateigentum in Gefahr, so zählen die moralischen Grundsätze nur noch für die arbeitende Klasse.

Zerfall der bürgerlichen Moral
Der Kapitalismus verspricht den Menschen, zumindest in der westlichen Welt, ein Leben in Demokratie, Sicherheit vor Gewalt und mit Arbeit für die Arbeitswilligen. Während des kapitalistischen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg stimmte dies auch bis zu einem gewissen Grad. Es war den Lohnabhängigen in dieser Zeit möglich, sich durch geeintes Auftreten gewisse Rechte und gewissen Wohlstand zu erobern. So erkämpften sie das Recht, über kleine Veränderungen abzustimmen. Es gab höhere Renten und Löhne und die Arbeitsbedingungen wurden ebenfalls verbessert. Das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Profite der herrschenden Klasse wurden nicht hinterfragt, da die herrschenden Verhältnisse mit ihrem eigenen Wohlergehen nicht offensichtlich arg im Widerspruch standen.

>Doch die Krise des Kapitalismus offenbart das wahre Gesicht der bürgerlichen Moral. Die Demokratie wird abgeschafft, sobald die Profitinteressen gefährdet sind und Gewalt ist die Antwort, wollen die ArbeiterInnen dies nicht einfach akzeptieren. So geschehen in Griechenland am 5. Juli 2015, als die Bevölkerung gegen die Reformen stimmte, welche sie noch mehr an den Abgrund ihrer Existenz gedrängt hätten. Trotz der überragenden Mehrheit, welche dagegen stimmte, wurden die Reformen durchgesetzt. Während im heutigen Zustand des Kapitalismus kein Raum mehr da ist für Demokratie, bleibt sehr wohl Raum für Tränengas, Stockschläge und Gummischrot gegen jene Menschen, die nicht einfach akzeptieren wollen, dass man die Profite der herrschenden Klasse auf ihre Kosten rettet.

Auch die Gewalt, vor welcher der bürgerliche Staat die Bevölkerung zu schützen vorgibt, wird zur Tugend, wenn es darum geht, das Privateigentum und die Profite zu verteidigen. Dies fängt im Kleinen an, wo mit roher Gewalt gegen DemonstrantInnen und HausbesetzerInnen vorgegangen wird und hört bei der Massenvernichtung einer aufständischen Bevölkerung auf. Aus «du sollst nicht töten» wird kurzerhand «du musst töten». Egal ob in Indonesien, Chile oder der Schweiz. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der bürgerliche Staat in Situationen des verstärkten Klassenkampfs gewillt ist, die eigene Bevölkerung zu töten.

Am besten jedoch demaskiert sich die bourgeoise Moral, wenn es darum geht, in fremde Länder einzumarschieren. Die arbeitende Klasse, welche dazu erzogen wurde, ihren Mitmenschen keinen Schaden zuzufügen, wird mit Tötungsbefehl auf die arbeitende Klasse eines anderen Landes gehetzt. Und das mit dem einzigen Ziel, Rohstoffe oder strategische Vorteile zu erlangen – also das eroberte Land zu berauben. Nichts bleibt mehr übrig von «du sollst nicht stehlen» und «du sollst nicht töten», sobald der Bourgeoisie die nationalen Grenzen zu eng geworden sind, um weiterhin gediegen Profit machen zu können.

Gegengewalt
Wenn es für die herrschende Klasse unmöglich geworden ist, die Verteidigung ihrer Interessen mit der von ihren Institutionen verbreiteten Moral in Einklang zu bringen, geht dies natürlich nicht am Bewusstsein der geknechteten Klassen vorbei. Wenn die bürgerliche Moral sich enttarnt, dann beginnt auch die Bevölkerung, ihr den Gehorsam zu verweigern. Revolutionäre Gedanken erobern die Köpfe der Menschen. Beispielsweise wird der Privatbesitz leerstehender Häuser nicht mehr als heiliges Recht angesehen, sondern als perverser Fehler, und die Bereitschaft in den Menschen wächst, die alten Regierungen wegzufegen, um Platz zu machen für eine gesellschaftliche Kraft, die ihnen Lebensverbesserungen auf Kosten der Reichen verspricht.

Und natürlich führt die Gewalt der herrschenden Klasse auch zu Gegengewalt seitens der Unterdrückten. Tränengas wird mit Steinen begegnet. Hunger mit Plünderungen, Panzern mit Kugeln. Zahlreiche Linke, die sich selbst gerne PazifistInnen nennen, verurteilen die Gewalt der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, da man sich so auf das gleiche, niedere Niveau herablasse, und schlagen stattdessen vor, friedlich zu bleiben. Sie treffen die Annahme, Gewalt liesse sich beenden, indem man einfach die andere Wange hinhalte. Den Worten Jesu halten wir die Worte Sartres entgegen: «Seht doch endlich folgendes ein: wenn die Gewalt heute Abend begonnen hätte, wenn es auf der Erde niemals Ausbeutung noch Unterdrückung gegeben hätte, dann könnte die demonstrative Gewaltlosigkeit vielleicht den Streit besänftigen. Aber wenn das ganze System bis zu euren gewaltlosen Gedanken von einer tausendjährigen Unterdrückung bedingt ist, dann dient eure Passivität nur dazu, euch auf die Seite der Unterdrücker zu treiben.»

Gegenmoral
Wenn nun die bürgerliche Moral sich für die Bourgeoisie nicht mehr als tauglich erweist, dann ist sie das für uns noch weniger. Unsere Moral bestimmt sich über das Ziel, eine Gesellschaft zu schaffen, welche keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr kennt. Der gewaltsamen Aneignung unserer Arbeit durch die Bourgeoisie setzen wir unsere Gewalt der Enteignungen entgegen. Der Waffengewalt der Bourgeoisie setzen wir unsere eigene Waffengewalt entgegen.

Wer die Gewalt der Unterdrückten gegen die Unterdrücker moralisch auf dieselbe Ebene stellt, stellt sich auf die Seite der Unterdrücker. Nicht nur ist diese Vorstellung konterrevolutionär, sie ist schlicht und einfach falsch. Die Gewalt der ArbeiterInnenklasse hat eine ganz andere Qualität als die der Bourgeoisie. Sie verfolgt nicht das Ziel, sich andere Menschen zu unterjochen und von ihrer Arbeit zu leben. Wenn die ArbeiterInnenklasse sich bewaffnet erhebt, so ist es Gewalt gegen die Jahrtausende alte Gewalt der Klassenunterdrückung. Es ist Gewalt mit dem Ziel, unter jegliche organisierte Gewalt ein für alle Mal einen Schlussstrich zu setzen. Was gibt es moralischeres, als – in Marx Worten – «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist»?

Pascal Béton
Bern

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