Mit dem Thema der psychischen Erkrankung wird jede Person im Verlauf ihres Lebens direkt oder über Bekannte konfrontiert. Obwohl diese Problematik in den letzten Jahren häufiger thematisiert wird, kommt der kapitalismuskritische Aspekt zu kurz. Dies wollen wir hier nachholen und versuchen, psychische Erkrankungen als Ausdruck der Entfremdung im Kapitalismus aufzuzeigen.

Der gesellschaftliche Druck ist von allen Seiten zu spüren. Der Chef oder die Chefin fordert mehr Engagement, der Kontostand löst Besorgnis aus und der Alltag besteht nur aus einem Haufen von Pflichten. Dieser Druck wird in Krisenzeiten wie der jetzigen bei der Mehrheit der ArbeiterInnen verstärkt. Viele leiden unter längeren Arbeitstagen; Arbeitslosigkeit droht oder ist bereits Realität. Es offenbart sich schreiend, dass in unserer Gesellschaft der Profit der KapitalistInnen vor dem allgemeinen Wohlbefinden der Bevölkerung steht: Die Krise wird auf die ArbeiterInnen abgewälzt, was wir zu spüren bekommen.

Das Ausmass psychischer Erkrankungen in der Schweiz
Der erhöhte gesellschaftliche Druck führt bei den meisten Menschen zu psychischen und physischen Leiden. Das breite Spektrum psychischer Störungen beinhaltet die Depression und Schizophrenie, aber auch weniger anerkannte Erkrankungen wie die Substanzabhängigkeit und Essstörungen. Psychische Erkrankungen sind die häufigsten und zugleich unterschätzten Erkrankungen unserer Gesellschaft.

Das Ausmass des Problems ist verheerend und wird von der Mehrheit der Bevölkerung massiv unterschätzt. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein steigender Anteil an IV-Beratungen aufgrund von psychischen Störungen bemerkbar gemacht. Zwischen 1986 und 2006 haben psychische Störungen als Invaliditätsursache um das Neunfache zugenommen. Jedes Jahr erkrankt mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung (27 EU-Länder und die Schweiz) an einer psychischen Störung. Dies entspricht 164.7 Millionen Menschen pro Jahr. JedeR vierte ArztbesucherIn leidet unter einer psychischen Störung (WHO).

Eine individualisierte Therapie genügt nicht
Die Therapieverfahren versuchen Stressbewältigungsstrategien und Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu fördern. Die Wiedereinbindung in den Arbeitsmarkt ist eines der höchsten Ziele der Therapien. Eine stets steigende Anzahl an Arbeitsunfähigen und SozialgeldbezügerInnen wäre nicht mit der jetzigen profitorientierten Wirtschaft vereinbar. Schauen wir uns die vorherrschenden Therapieformen etwas genauer an:

Heutzutage besteht der Grossteil der Therapien aus langzeitiger Medikamentengabe. Dies füllt die Taschen der Pharmakonzerne und dient weiterhin rein zur Symptombekämpfung, wenn sie nicht in Kombination mit einer Psychotherapie verabreicht wird. Die Medikamente greifen in den Hormonhaushalt des Gehirns ein und korrigieren ein allfälliges Ungleichgewicht. Leider kann man mit der heutigen Technologie die Hormonwerte nicht bestimmen und wendet die fragliche Trial-and-Error-Methode an. Aus langjähriger Erfahrung mit den Medikamenten wissen wir, wie sie respektive welche funktionieren. Der heutige Wissensstand über den Hormonhaushalt und sein komplexes Zusammenspiel mit jeglichen körperlichen Funktionen ist aber weiterhin relativ bescheiden.

Die zweite Säule der Behandlung ist die weitaus persönlichere Methode der Psychotherapie. Hier wird der Patient oder die Patientin durch die schwierigen Phasen der Erkrankung begleitet und lernt, wie er/sie sich bei zukünftigen Rückfällen eigenständig wieder zurück auf die Beine bringen oder bei einem Weiterbestehen der Erkrankung die bestmögliche Lebensqualität erreichen kann. Solche individualisierten Therapieansätze haben in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht und damit etlichen Menschen geholfen oder sie geheilt.

Nichtsdestotrotz verhindern sie nicht das Auftreten von psychischen Störungen. Auch wenn westliche Staaten vermehrt Geld in die Prävention investieren, werden die kapitalistischen Produktionsverhältnisse nicht als die Hauptursache begriffen. Das Ziel der staatlichen Prävention besteht nur in der Sicherung einer produktiven Arbeitskraft. Durch die Beseitigung der ausbeuterischen Produktion und die Sicherstellung eines menschenwürdigen Daseins für alle könnten viele gesellschaftliche Faktoren, die zur Erkrankung führen, beseitigt werden.

Die Krankheitsentwicklung
Doch was sind überhaupt mögliche Ursachen dieses weitverbreiteten Problems? Die Entstehung einer psychischen Erkrankung lässt sich nicht nur durch die Arbeitsbedingungen erklären. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist die meist verbreitetste Methodik zur Analyse der Krankheitsentwicklung in der Psychiatrie. Auf der Basis individueller Schwachstellen genetischer, biologischer und sozialer Art führen unvorhersehbare Belastungen zur Erkrankung.

Somit bestimmen wenig veränderbare Faktoren wie die Genetik des Menschen, aber auch dynamisch gesellschaftliche Faktoren, wie zum Beispiel die Erziehung, das soziale Umfeld oder die Arbeitsbedingungen, die Anfälligkeit. Daraus lässt sich ableiten, dass wir durch Rücksicht auf unsere psychische und körperliche Gesundheit und verbesserte soziale Strukturen die Belastungen auf uns und somit unsere Anfälligkeit auf psychische Störungen minimieren können. Eine Welt mit niedrigeren Raten an Erkrankungen und effektiveren Therapien ist möglich.

Entfremdung im Kapitalismus
Diese Welt kann erst vollständig mit der Überwindung des Kapitalismus entstehen. Denn eine effektive Bekämpfung der dynamischen Ursachen psychischen Leidens ist im Rahmen der aktuellen Produktionsverhältnisse nicht möglich, weil die Arbeit im Kapitalismus entfremdet ist. Was heisst das? ArbeiterInnen im Kapitalismus sind lohnabhängig: sie verkaufen als jeweils Einzelne auf dem Markt ihre Arbeitskraft und, wenn das klappt, gehen sie für einen Kapitalisten oder eine Kapitalistin arbeiten und erhalten Ende Monat ihren Lohn. Obwohl die ArbeiterInnen natürlich ihre Tätigkeit selbst ausführen, ist doch das, was „ihre“ Arbeit bestimmt, etwas ihnen ganz Fremdes: die Logik des Kapitals. Das beeinflusst das Verhältnis der ArbeiterInnen zu ihrer eigenen Arbeit: Sie erscheint ihnen fremd. Das drückt sich in einer Vielzahl von Phänomenen aus: vielen Menschen erscheint ihre Arbeit sinnlos; der Druck am Arbeitsplatz steigt ganz unabhängig von der eigenen Kontrolle; die Arbeit langweilt tödlich. Und da Arbeit die Grundlage des gesamten Zusammenlebens ist, durchdringt ihr entfremdender Charakter alle Facetten des Lebens.

Das Dilemma der psychischen Erkrankung
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell zeigt uns, dass durch die fehlende soziale Unterstützung, durch zusätzliche Belastung und durch entfremdete Arbeitsbedingungen die Anfälligkeit auf eine psychische Erkrankung steigt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit und der Bedrückung ist häufig der Auslöser einer psychischen Erkrankung. Sobald wir uns als Einzelspieler im stetigen Wettkampf sehen, fallen die soziale Sicherung und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gesellschaft weg. Das Gefühl der Einsamkeit und wiederum die Gefahr einer seelischen Erkrankung steigen.

In dieser Betrachtungsweise offenbart sich ein schädlicher Aspekt des Kapitalismus: Dem zunehmenden gesellschaftlichen Druck, der gemäss dem Modell ein wesentlicher Faktor der Erkrankungen ist, liegt die entfremdete Arbeit – der Faktor, der von der akademischen Psychiatrie völlig vernachlässigt wird – zugrunde. Die Mehrheit der Erwerbstätigen ist zwar angeblich mit ihrer Arbeitssituation zufrieden, dennoch berichten fast 42% von einer hohen arbeitsbedingten psychischen Belastung (Obsan Bericht 52).

Nicht nur ist die entfremdete Arbeit die Ursache vieler psychischer Erkrankungen. Sie hindert uns auch daran, zu erkennen, dass gesellschaftliche Verhältnisse deren Auslöser sind: Durch die Entfremdung erscheinen uns unsere Arbeit und die Gesellschaft als fremd, unveränderbar und uns beherrschend. Somit erscheinen uns die gesellschaftlichen Umstände, wie zum Beispiel die Lohnarbeit, als versteinerte Begebenheiten und wir scheinen nichts anderes als unser eigenes Verhalten ändern zu können. Die ganze Welt, die wir durch unsere Arbeit tagtäglich erschaffen, erscheint uns fremd und ausserhalb unserer Kontrolle. Wir werden sogar von ihr beherrscht, anstatt sie zu beherrschen. Somit wird der eigene Einfluss auf diese gesellschaftlichen Beziehungen nicht wahrgenommen.

Durch die Entfremdung glauben wir, dass unsere psychischen Schwächen und Sorgen nicht Folgen gesellschaftlicher Beziehungen sind, sondern unsere eigenen Charakterfehler. Wem es so erscheint, als ob die Welt etwas gänzlich von ihm Unbeeinflussbares ist, der sucht die Lösungen für Probleme natürlich da, wo er meint, er könne was verändern: in den eigenen vier Wänden, bei sich selbst. Dem wird natürlich nachgeholfen: Uns wird konstant eingeredet, wir seien die alleinigen MeisterInnen unseres Schicksals. So ist es nachvollziehbar, dass wir uns selber für unsere Sorgen und Leiden beschuldigen.

In ihrer Widersprüchlichkeit verhindert die Entfremdung, ein erfüllendes Leben zu führen und ein Bewusstsein zu entwickeln, das uns vom Hamsterrad befreit. In unserem Beispiel bedingt die Entfremdung das psychische Leiden und verhindert das Erkennen seiner Ursachen. Es gibt sozusagen ein Dilemma der psychischen Erkrankung: Entfremdung liegt der psychischen Erkrankung zugrunde und verhindert gleichzeitig ihre radikale Bekämpfung. Es kann nur durch eine tiefgreifende Umstrukturierung unseres Zusammenlebens bekämpft werden.

Eine freie Gesellschaft für alle!
In der Hinsicht der seelischen Gesundheit offenbaren sich die gegensätzlichen Interessen der KapitalistInnen und der ArbeiterInnen. Eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, inhumane Arbeitsteilung und ein armseliges Gehalt vergrössern die Profitrate der KapitalistInnen auf Kosten der ArbeiterInnen und ihrer psychischen Gesundheit. Demnach muss eine konsequente Prävention einen revolutionären Charakter besitzen. Wir müssen also die Massen aus der Politikverdrossenheit der Entfremdung locken und ihnen bewusst machen, dass nicht sie selber, sondern der Kapitalismus das meiste psychische Leiden verursacht.

Ein organisierter, politischer Kampf schafft dieses Klassenbewusstsein, indem er immer mehr Leute einbezieht. Nur durch die Erkenntnis und die Analyse können wir die verkehrte Gesellschaft in der Praxis richtig herum stellen und uns eine Chance auf ein selbstverwirklichendes Leben erkämpfen. Denn der selbstbestimmte Mensch soll fern vom Leistungsdruck des aktuellen Wirtschaftssystems frei über seine Lebenstätigkeit entscheiden können. Eine wahre Demokratie, also eine Wirtschaft unter ArbeiterInnenkontrolle würde die Massen aus der kapitalistischen Entfremdung befreien.

Wir leiden alle unter dem gesellschaftlichen Druck und den Widersprüchen des Kapitalismus. Nur ist den Allermeisten die wahre Ursache unseres Unglücks noch nicht bekannt. Unsere Aufgabe besteht darin, die Widersprüche aufzuzeigen und für eine sozialistische Alternative zu kämpfen!

Abhinav Madhavarapu
JUSO Stadt Bern

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