Lange wurde in der Linken über den Tod der Arbeiterklasse diskutiert. Die Coronakrise beweist das Gegenteil. Die Arbeiterklasse lebt und ist unsere einzige Hoffnung auf einen Ausweg aus einem Kapitalismus, der der den Menschen nur noch Elend zu bieten hat.

Viele «Linke» argumentieren, dass das klassische Industrieproletariat aus der westlichen Welt verschwunden sei, darum gäbe es keine Arbeiterklasse mehr. Dies ist ein Mythos. Corona zeigt: Die Arbeiterklasse existiert und bringt die Gesellschaft zum laufen. Es sind nicht die Kapitalisten, die Banker und Manager, es sind die Pflegenden, die VerkäuferInnen, die PöstlerInnen, welche die Krise stemmen. Es ist ihre Arbeit, die uns leben lässt.

Die Arbeiterklasse ist nicht verschwunden. Sie ist grösser und stärker denn je. Seit den 1980er Jahren hat sich die globale Arbeiterklasse mehr als verdoppelt. Sie umfasst rund 2,9 Milliarden Menschen. Politisch schien sie über Jahre zu schlummern, heute hebt sie ihr Haupt. Wir sehen weltweit eine Welle von Streiks der ArbeiterInnen, die nicht akzeptieren, dass ihre Gesundheit für Profite aufs Spiel gesetzt wird. Wir sehen PflegerInnen, die ein neues Selbstvertrauen in die Wichtigkeit ihrer Arbeit gewinnen und sich wehren werden, wenn man weiter bei ihren Arbeitsbedingungen sparen will. Die Arbeiterklasse tritt wieder auf die Bühne der Geschichte und sie ist die einzige Kraft, welche uns aus der Krise führen kann. 

Kapital und Arbeit

Entgegen dem Mythos ist die Arbeiterklasse nicht nur das Industrieproletariat. Denn die Arbeiterklasse wird nicht nach der Art ihrer Arbeit definiert, sondern nach ihrer Stellung in der Produktion. Zur Arbeiterklasse gehören alle Menschen, die  nichts besitzen als ihre Fähigkeit zu arbeiten. Um überleben zu können, müssen sie ihre Arbeitskraft an einen Kapitalisten verkaufen. Wer also auf seinen Lohn Ende Monat angewiesen ist, ist einE ArbeiterIn. 

Demgegenüber besitzt der Kapitalist Kapital, mit dem er die ArbeiterInnen für sich arbeiten lassen kann. Durch seine Arbeit schafft der Lohnabhängige Wert. Dieser wird vom Kapitalisten angeeignet. Das Kapital ist eigentlich nur angehäufte Arbeit der Lohnarbeiter. «Das Kapital setzt also die Lohnarbeit, die Lohnarbeit setzt das Kapital voraus. Die beiden bedingen sich wechselseitig.» (Marx). 

Die Arbeiter schaffen durch ihre Arbeit mehr Wert als sie als Lohn zurückerhalten. Ohne diesen «Mehrwert» gäbe es für die Kapitalisten keinen Profit. Arbeitslohn und Profit kommen also aus dem selben Topf von Wert, welcher der Arbeiter schafft. Sie stehen damit in einem direkten Gegensatz zueinander: «Der Profit steigt in dem Masse, worin der Arbeitslohn fällt, er fällt in dem Masse, worin der Arbeitslohn steigt.» (Marx). Aus diesem Widerspruch entspringt der Klassenkampf im Kapitalismus.

Warum ist die Arbeiterklasse revolutionär?

Dass Profite und Menschenleben in einem Gegensatz zueinander stehen, wurde in der Coronakrise deutlich. Die Gesundheit der ArbeiterInnen wird für Profite geopfert. Der grundlegende Klassengegensatz zwingt die ArbeiterInnen immer wieder dazu, gegen die Kapitalisten zu kämpfen. Die ArbeiterInnen haben ein natürliches Interesse daran, die Kapitalisten ganz loszuwerden, dieses marode System zu überwinden und ihre Probleme ein für alle Mal zu lösen. 

Aber sie haben nicht nur ein natürliches Interesse daran, sondern auch die Fähigkeit dazu. Die ArbeiterInnen schaffen gemeinsam den ganzen Reichtum. Das gibt ihnen eine doppelte Macht. Sie können als Klasse organisiert die Produktion zum Stillstand bringen: «Kein Rad dreht sich, kein Telephon klingelt, keine Glühbirne leuchtet ohne die Erlaubnis der Arbeiterklasse!» (Grant). Sie können aber auch die Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen umorganisieren. 

Die kapitalistische Produktion ist ein gesellschaftlicher Akt: Die ArbeiterInnen müssen zusammenarbeiten, um den Reichtum der Gesellschaft zu schaffen. Doch die Kapitalisten eignen sich die Produkte ihrer Arbeit an und verfügen darüber. Während die grosse arbeitende Mehrheit der Bevölkerung Glieder in einer langen Kette der gesellschaftlichen Produktion sind, entscheidet das Profitstreben einer Handvoll Kapitalisten über den Lauf unserer Gesellschaft. Weil die ArbeiterInnen aber gemeinsam produzieren, können sie auch die Kontrolle über die Produktion übernehmen. So würde nicht mehr eine von Profitzwang beherrschte Klasse über die Gesellschaft regieren. Sondern jene, welche auf einander angewiesen sind und deren einziges Interesse ist: das Leben geniessen zu können. Das erfordert aber letztlich, dass die Kapitalisten enteignet und die private Aneignung aufgehoben wird: Man kann nicht kontrollieren, was man nicht besitzt.

Dieses Potenzial schlummert in den ArbeiterInnen. Die Arbeiterklasse ist die revolutionäre Klasse weil sie ein Interesse am Sturz des Kapitalismus hat und diesen als handelndes Kollektiv auch stürzen kann! Ein Blick auf die Geschichte der Arbeiterbewegung beweist: Instinktiv greifen die ArbeiterInnen in revolutionären Krisen nach der Kontrolle über die Produktion, um sie nach den Bedürfnissen der Menschen neu zu organisieren. 

Wie entsteht die Erkenntnis der eigenen Macht?

Damit die ArbeiterInnen dieses Potenzial verwirklichen können, müssen sie ein «Klassenbewusstsein» entwickeln. Klassenbewusstsein bedeutet: sie erkennen ihr spezifische Rolle in der Gesellschaft und nehmen sich als Klasse wahr. Sie sehen, dass ihre Interessen unvereinbar mit denen der Kapitalisten sind und sie als Kollektiv gegen sie kämpfen müssen.

Die ArbeiterInnen haben in «normalen Zeiten» kein revolutionäres Klassenbewusstsein. Die Routine des Alltagslebens und die herrschende bürgerliche Ideologie spielen uns gegeneinander aus und halten uns so in einer passiven, untergeordneten Rolle fest. Man sagt uns «du musst besser sein als die anderen». Man sagt uns «wir sitzen alle im selben Boot» und verschleiert so die Klassengegensätze.

Aber die Realität im Kapitalismus arbeitet gegen die bürgerliche Ideologie. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise, wird es immer schwieriger, den Leuten zu erzählen, dass «jeder seines Glückes Schmied ist». Trotz harter Arbeit wird der Monat am Ende des Lohnes länger, während die Dividenden der Kapitalisten grösser werden. 

Heute wird immer offensichtlicher, dass die ArbeiterInnen die Krise stemmen. Zum Dank gibt’s Lohnsenkungen, Entlassungen oder Infektionsgefahr. Auf der anderen Seite streichen die Kapitalisten im Homeoffice Dividenden ein. Wer will uns da sagen, wir sässen im selben Boot? Ihre Ideologie und unsere Realität fangen an zu kollidieren. Unter den Schlägen dieser einschneidenden Ereignisse beginnen sich die verschwommenen Klassenlinien zu klären.

Was tun?

Auf einer globalen Ebene brechen Klassenkämpfe aus. In den USA erwacht mit der Arbeiterklasse eine gigantische gesellschaftliche Kraft (siehe Seite 14). Auch hier in der Schweiz kam es, vor allem in der Westschweiz, schon zu gewissen Kämpfen. Grössere werden kommen. Es ist in diesen Kämpfen, in denen die ArbeiterInnen ihre Stärke als Klasse kennenlernen. In den Diskussionen über ihre gemeinsame Aktion und die Reaktion ihrer Bosse und des bürgerlichen Staates entsteht das Klassenbewusstsein.

Doch die Entstehung des Klassenbewusstseins ist kein automatischer Prozess. Wollen wir den Kapitalismus stürzen, muss die Entwicklung des Klassenbewusstseins bewusst vorangetrieben werden. Das ist die Rolle einer revolutionären Organisation. 

Dies bedeutet: Wir MarxistInnen richten uns nicht an die Kapitalisten und den Bund. Wir appellieren nicht an ihre Moral und hoffen auf ihre Gnade. Nein! Wir richten uns an die ArbeiterInnen und sagen: Ihr werdet zur Arbeit gezwungen trotz Corona? Organisiert euch, diskutiert, wie man vorgeht, fällt eine Entscheidung und zieht sie gemeinsam durch. Ihr könnt kämpfen und etwas erreichen! Ihr könnt eure Probleme selber am besten lösen! Der Kapitalismus hat der grossen Mehrheit der Welt nur noch Elend zu bieten. Die einzigen, welche ihn stürzen können, sind die ArbeiterInnen. Deshalb muss die gesamte linke Politik heute darauf ausgerichtet sein, die ArbeiterInnen als Klasse in den aktiven Kampf zu ziehen und das Bewusstsein ihrer Macht zu stärken.

(Bild: Flickr)

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