Können Kunst und Kultur im Kapitalismus blühen? Ein marxistischer Beitrag zur Notwendigkeit der Befreiung der Kunst von ihrer kapitalistischen Zwangsjacke.

Kunst und Kultur gibt es fast so lange, wie es Menschen gibt. Heute sind sie für Millionen von uns ein wichtiges Mittel, unsere Umwelt zu reflektieren, sowohl in der Produktion von Bildern, Theatern und Songs, wie auch in deren Konsum. Kunst kann aber auch ein politisches Kampfmittel sein, wie der 2018 erschienene Film «No Apologies» eines schweizerisch-afrikanischen Künstlerkollektivs beweist. Betroffene People of Colour berichten von brutalster Polizeigewalt in der Schweiz. Dass der Waadtländer SVP-Kantonsrat Deillon den Film an Schulen verbieten wollte, unterstreicht dessen brandgefährlichen Charakter für die Herrschenden.

Spätestens seit der Corona-Krise müssen sich Kunstschaffende wie SängerInnen, Theaterschaffende, DJ’s etc. zunehmend um ihre Existenz sorgen. Krisen bringen immer bestehende Widersprüche ans Licht, hier den Widerspruch zwischen der freien Entfaltung der Kunst und dem Kapitalismus. Im Kapitalismus ist die grosse Mehrheit gezwungen, zur Sicherung ihrer Existenz für einen Lohn zu arbeiten. Für (potentielle) Kunstschaffende heisst das: Suche ich einen möglichst sicheren Job oder riskiere ich diese halbwegs sichere Lebensgrundlage, um mich künstlerisch zu verwirklichen?

Zwangsjacke Kapitalismus

Möchte man etwa im Theater arbeiten, muss man allein für eine Regieassistenz viele Wochen 100% gratis für sie gearbeitet haben (eine so genannte Hospitanz). Und wie nach vielen Praktika ist finanzielle Sicherheit keine Garantie: 75% der Theaterschaffenden in der Schweiz waren noch vor Corona von einem zweiten Einkommen abhängig. So verwerflich die ausbeuterische Praxis der Hospitanz ist, das Problem sind nicht Theater per se, sondern Theater und Kunst allgemein im Kapitalismus.

Kunst machen oder sich nur einen Zugang zu verschaffen ist ein Luxus, den sich die meisten nicht leisten können und daher oft nicht riskieren. Kunst im Kapitalismus kann nur exklusiv sein. Der Kapitalismus verschwendet natürliche Ressourcen, Wohnung und Nahrung, aber auch massives menschliches Potenzial und Talent. Unter verschiedenen Bedingungen entwickeln Menschen ihre potenziellen Fähigkeiten auf verschiedene Weisen. Wie viele Schweinehirten haben das Potenzial eines Aristoteles? (Trotzki)

Exklusivität der Kunst ist im Kapitalismus nicht neu. Kunst konnte erst aufblühen, als die menschlichen Produktivkräfte so weit entwickelt waren, dass ein Teil der Gesellschaft nicht arbeiten musste. Wer nicht den grössten Teil seines Alltags für sein Überleben schuften muss, hat Zeit und Kraft für anderes: Die antike Kunst und Wissenschaft blühte auf dem Boden der Sklavengesellschaft. Der Zugang zu Kunst war also schon immer eine Klassenfrage. Der einzige Weg, die Kunst für alle zu befreien, ist der Sozialismus.

Fruchtbarer Boden im Sozialismus

Im Gegensatz zur Antike sind die Produktivkräfte nun so fortgeschritten, dass auch dann für alle genug Nahrung und guter Wohnraum gesichert wäre, wenn alle massiv weniger arbeiten würden. Das einzige Hindernis ist der Kapitalismus, wo Produktion und Verteilung keinem gesellschaftlichen Plan folgen. Planen wir sie demokratisch, anstatt sie der Anarchie des Marktes für Profit zu überlassen, können wir allen ein menschenwürdiges Leben sichern. Nutzen wir Wissenschaft und Technik, um das Leben tatsächlich einfacher zu machen, anstatt uns durch sie vom Arbeitsmarkt verdrängen zu lassen, sinkt unsere Arbeitszeit. Es gibt keine objektive Grundlage mehr für die Exklusivität der Kunst.

Auf einer Grundlage, die uns von materiellen Sorgen befreit, die den grössten Teil unserer Zeit und Kraft in Anspruch nehmen, kann alles unterdrückte Potenzial in Wissenschaft und Kunst endlich freigesetzt werden. Was für eine kleine Minderheit der Antike galt, gälte nun für alle Menschen. Man hätte genug Zeit, die schönsten Seiten der Menschen und ihrer Schöpfungskraft zu entwickeln und wäre nicht ausgelaugt von einer zermürbenden geistlosen Arbeit. Dazu wieder Trotzki: «Der durchschnittlicheMenschentyp wird sich zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben». Kunst und Kultur verlieren ihren Klassencharakter, verwandeln sich aus einem exklusiven in ein gesellschaftliches Gut.

Der Kapitalismus ist für Kunst eine Zwangsjacke. Um sie zu befreien, müssen KünstlerInnen sowohl ausserhalb von als auch in ihr mit den Lohnabhängigen für den Sozialismus kämpfen. Wir haben nichts zu verlieren und dies zu gewinnen: Den Sprung vom Reich der Notwendigkeit sich um Geld, Wohnung und Nahrung sorgen zu müssen, zur Freiheit aller, sich als Menschen entfalten zu können.

Felix L., Juso Stadt-Bern
Zitat: Der Zugang zu Kunst war schon immer eine Klassenfrage.

Bild: flikr

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