„Eine neue Studentenideologie verbreitet sich in der Welt – es ist die entwässerte Version des jungen Marx, die sich Situationismus nennt.“ schrieb im April 1967 der Daily Telegraph. Was ist das für eine künstlerisch politische Strömung, die insbesondere das europäische Bürgertum in den 60er Jahren in Angst und Schrecken versetzte.

Die Situationistische Internationale (S.I.) ist 1957 in der Nähe von Monaco gegründet worden. Da ihre Handvoll an Mitgliedern – ihre Zahl stieg niemals über vierzig – hauptsächlich in europäischen Städten aktiv waren, hat ihr Internationalismus nur symbolische Bedeutung. Gründungsmitglied war unter anderem Guy Debord, welcher auch die Schlüsselfigur in der Entwicklung der situationistischen Theorie darstellte. Zur Gründung der S.I. verfasste er die programmatische Schrift Rapport über die Konstruktion von Situationen. Darin wird die unmittelbare Aufgabe der S.I. formuliert, nämlich innerhalb der Arbeiterparteien die Notwendigkeit einer konsequenten ideologischen Aktion zu verfechten, um auf dem Gebiet der Leidenschaften gegen den Einfluss der Propaganda-Methoden des hoch entwickelten Kapitalismus zu kämpfen.

In Debords 1967 erschienenen Hauptwerk Die Gesellschaft des Spektakels wird festgehalten, dass sich die Wirtschaft im Kapitalismus verselbstständigt, zu einer autonomen Macht wird und somit das Leben der Menschen beherrscht. Demgegenüber sollte die Kunst nicht mehr in den Dienst der Revolution gestellt werden, sondern die Revolution der Gesellschaft sollte zur Kunst werden.

Ein situationistisches Meisterstück
Die Aktionen der Situationisten wurden hauptsächlich innerhalb dieser künstlerischen Avantgardebewegung wahrgenommen, jedenfalls bis zum Frühling im Jahre1966. Im Frühjahr 1966 trat der neugewählte Vorstand der Studentenorganisation von Strasbourg mit der Anfrage «Wir haben ein Stück Macht, das wollen wir kaputtmachen» an die S.I. heran und überliessen ihnen die Vereinskasse. Diese liess sich nicht bitten und so flossen die ihnen anvertrauten Finanzen in 10’000 Exemplare einer Broschüre mit dem Titel Über das Elend im Studentenmilieu.

Die S.I. übt darin fundamentale Kritik am Studierenden als unmündig und abhängig gehaltenem Mitglied der Gesellschaft. So lautet der erste Satz: „Ohne grosse Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, dass der Student in Frankreich nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist.“ Mit dieser Publikation wurde eine Situation geschaffen, in welcher der Situationismus die Gesellschaft zwang, eine gegen sie gerichtete revolutionäre Kritik zu finanzieren und zu propagieren. Darauf schaltete sich sogar General De Gaulle ein und bezeichnete die Anhänger der S.I. als anarchistische Unruhestifter.

Schlagkraft der Zusammenarbeit
In der Literatur werden die Situationisten und ihre Idee eine Situation zu konstruieren, welche die herrschende Klasse bewusst und systematisch provoziert, oftmals gar als Auslöser der ganzen Ereignisse im Mai 68 porträtiert. Entscheidender für die Rolle der Situationisten in den revolutionären Bewegungen des Mai 1968 war jedoch, dass die l’Union Nationale des Etudiants de France (UNEF) die Forderungen der Situationisten unterstützte. Von Über das Elend im Studentenmilieu wurden darauf über 300›000 Exemplare gedruckt, sodass sich nach dem Strasbourger Vorbild in weiteren Universitäten Frankreichs kleine Gruppen bildeten, die mit der S.I. sympathisierten.

Arbeit? Niemals.
Im Mai 1968 erfolgte die Besetzung der Universität Sorbonne in Paris, weil den Studierenden eine Versammlung im Gebäude untersagt wurde, um gegen die Schliessung der Universität Paris-Nanterre zu protestieren. Die Werktätigen solidarisierten sich mit den Studierenden, nachdem die Studierendenproteste durch den Repressionsapparat des Staats brutal niedergeschlagen wurden. Die Lohnabhängigen traten in einen Generalstreik, der ganz Frankreich lahmlegte.

In ganz Frankreich verbreiteten sich Zitate aus den Schriften der S.I. an den Wänden. Besonders populär waren Slogans wie: „Unter dem Pflaster liegt der Strand.“ (Sous les pavés, la plage); „Arbeit? Niemals.“ (Ne travaillez jamais) und „Die Schönheit liegt auf der Strasse.“ (La beauté est dans la rue). Für die S.I. in ihrem Selbstverständnis als avantgardistische Gruppierung bedeutete diese Popularität jedoch das Ende. 1972 gab die Gruppe ihre Selbstauflösung bekannt.

 Ariane Müller
JUSO Aargau

 

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