FILMKRITIK – SEASPIRACY weist die Verantwortung der Zerstörung der Meere der
Fischindustrie zu. Diese systematische Analyse würde eine systematische Schlussfolgerung
erfordern: Nur ein Bruch mit diesem ausbeuterischen System kann diese Piraterie stoppen.

Riesige industrielle Flotten rasieren täglich hektarweise den Meeresboden ab (gemäss Film
3.9 Mrd Hektar pro Tag). Sie beuten dabei alles aus, was ihnen in die Quere kommt.
Gesamte Ökosysteme werden skrupellos zerstört. Und die kontinuierliche, industrielle
Überfischung macht eine Regenerierung unmöglich. Aufgrund dessen stellt sich der
Filmemacher Ali Tabrizi die Frage, wie die Meere gerettet werden können. Er kommt auf
seiner Suche nach Antworten schnell zur Feststellung, dass die Fischindustrie und seine
Verteidiger dafür hauptverantwortlich sind. Seine Schuldzuweisung ist korrekt, doch seine
Schlussfolgerung, wie wir das Meer retten können, nicht. Sein Appell, Fischprodukte zu
boykottieren, ist kein Lösungsansatz.

Grossen Fische fressen die kleinen

Die grossen, industriellen Flotten operieren wie riesige Unternehmen mitten auf dem Meer
und vereinen zahlreiche verschiedene Industriezweige wie Fischfang, Verarbeitung und
Abpackung. Diese Grosskonzerne haben seit Jahren aufgrund der Überfischung in Europa
ihre Produktion in ressourcenreichere Meere verlegt, um schneller und mehr Profite zu
erwirtschaften. Kleinere Kanufischer haben, wie der Film zeigt, keine Chance gegen diese
grossen Flotten zu konkurrenzieren. Die Logik der kapitalistischen Konkurrenz hat sie längst
aus dem Kampf um die übriggebliebenen Ressourcen der Meere disqualifiziert. Das Problem
ist systematisch und kann nur durch die Überwindung des Systems gelöst werden.

Institutionen im Dienst des Grosskapitals

Ali Tabrizi weist nicht nur auf das unersättliche Streben nach Profit der Fischindustrie hin,
sondern erklärt auch, dass Nachhaltigkeitslabels wie MSC derselben Logik folgen und so für
die Zerstörung der Umwelt mitverantwortlich sind. Grössere Quantität an zertifizierten
Fischprodukten heisst für sie mehr Profit und so handeln sie im Interesse des Grosskapitals
und nicht der Umwelt.

Auch die Staaten und die EU stecken laut Film mit den Fischkonzernen unter einer Decke.
Und das nicht nur wegen den jährlich 35 Milliarden US-Dollar Subventionen, die die
Fischindustrie von ihnen erhält. Tatsächlich kann die Ausbeutung der Meere laut EU und
UNO als Entwicklungshilfe durchgehen, da sie privatwirtschaftliche Tätigkeit fördern. Dem
grössten europäischen Player der Fischindustrie, Spanien, ermöglicht dies seine Flotten ohne
Hindernisse in afrikanische Länder umzuschiffen, und das unter dem Schirm der
Entwicklungshilfe. Staat und EU führen also Politik des Grosskapitals und verteidigen das
kapitalistische System und nicht die Zukunft der Menschheit oder des Planeten.

Eine Klassenfrage

«Wir führen einen Krieg gegen die Ozeane, gewinnen wir diesen Krieg, überleben wir
nicht.», sagt Cyrill Gutsch, Gründer eines Umweltschutzunternehmens im Film. Doch wer
führt diesen Krieg? Die grosse Mehrheit der Menschen schlägt keine Profite aus der
Ausbeutung der Meere. Es sind nicht die versklavten philippinischen Arbeitenden, die
jahrelang zu lebensbedrohenden Arbeitsbedingungen auf See gezwungen werden. Auch
nicht die westafrikanischen Kanufischer, die aufgrund der industriellen Fischerei ihr Leben
auf hoher See riskieren müssen, da es am Ufer nichts mehr zu fischen gibt. Genauso wenig
sind es die Konsumentinnen, die vom Marketing der Nahrungsmittelkonzerne getäuscht
werden. Die gesamte Arbeiterklasse leidet unter dem Profitmotiv der Kapitalisten. Und die
Ausbeutung der Meere ist keineswegs in ihrem Interesse. Der Krieg gegen die Ozeane ist
nicht der, der Arbeiterklasse, sondern der Kapitalisten. Der Kampf der Arbeitenden, ist
Klassenkampf.

System change, not climate change

Laut dem Filmemacher gibt es im Kapitalismus keinen nachhaltigen Fischfang mehr und
deshalb ruft er dazu auf, keine Meeresfrüchte mehr zu konsumieren. Doch nicht nur die
Fischindustrie profitiert vom Fischfang. Solange die Produktion von den Kapitalisten
kontrolliert wird, tauchen neue Marktnischen auf, um von den Ressourcen der Meere zu
profitieren. Fischöl beispielsweise, wird nebst Fischfutter zu Omega 3 Kapseln und Tierfutter
verarbeitet. Auch Pharma- und Lebensmittelkonzerne profitieren also von der Ausbeutung
der Meere. Konsumentinnen und Arbeiterinnen haben, solange die Produktionsmittel im
Besitz der Kapitalisten sind, keine Macht über wieviel, was und wie produziert wird. Doch die
Klimastreikenden zeigen mit dem Finger darauf, «System change not climate change». Die
Rettung der Meere fordert eine systematische, grundlegende und internationale Umwälzung
der Wirtschaft. Und nur eine demokratisch geplante Produktion, kontrolliert durch die
Arbeiterklasse, kann eine Wirtschaft in Harmonie mit den Meeren garantieren. Unser
Konsumverhalten kann diesen Wandel nicht hervorbringen, sondern nur eine geeinte,
organisierte Arbeiterklasse.

Sarah Baumann
JUSO Bern

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