Fossile Energien durch Erneuerbare zu ersetzen ist die dringendste Aufgabe zur Rettung unseres Planeten. Technisch ist die Energiewende machbar, im Kapitalismus findet sie jedoch nicht statt. Wir erklären weshalb.


Es gibt grob gesagt zwei Arten der Energieproduktion: 

  1. Fossile Energien: Sie bilden die Energiebasis des industriellen Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert. Gewonnen werden sie durch die Verarbeitung von Brennstoffen des Bodens (v.a. Kohle, Erdöl und Erdgas). Heute decken sie rund 80% des weltweiten Energiebedarfs ab. Aufgrund ihres massiven CO2-Ausstosses sind sie hauptverantwortlich für Klimaerwärmung und Umweltkatastrophen.
  2. Erneuerbare Energien: In ihren neuesten Formen ab den 1970er-Jahren entwickelt, werden sie durch die Nutzung natürlicher, zyklisch wiederkehrender Energieströme (v.a. Wasser, Sonne, Wind) gewonnen und decken rund 18% des weltweiten Energiebedarfs. Einmal installiert, stossen sie kein CO2 mehr aus – womit sie nachhaltig und sauber sind. Wasserkraft macht den Grossteil dieser Energien aus, kann aber im Vergleich zu Wind- und Solarenergie kaum mehr ausgebaut werden.  

Die zunehmende Empörung der Klimastreikenden gegenüber Wirtschaft und Politik ist mehr als gerechtfertigt. Fossile Grosskonzerne zerstören unseren Planeten, und das obschon sie rasant überflüssig gemacht werden könnten. Bereits mit den heute existierenden technologischen Mitteln zur erneuerbaren Energiegewinnung könnte der erwartete globale Energieverbrauch 2050 vollständig gedeckt werden. Technisch ist die so dringende Ablösung fossiler Energien durch Erneuerbare also möglich – eingetreten ist die viel gehypte «Energiewende» jedoch nicht. Im Gegenteil: Seit den 1990ern kam über 50 Mal mehr fossile Energie auf den Markt als erneuerbare. Die Zukunftsenergien Wind und Solar kommen im zunehmend fossilen Kapitalismus (siehe Artikel «Fossiler Kapitalismus», Ausgabe Nr. 87) nicht über eine Nebenrolle hinaus, sie decken nicht mal 5% der gesamten Energieproduktion ab.

Energiewende: ein vermeintlicher Selbstläufer

Dabei hätte die Energiewende, laut dem Plan der Bürgerlichen, ein Selbstläufer sein sollen. Mit grossen Startschuss-Subventionen wollten Regierungen (vor allem die USA, China und Deutschland) die Herstellungskosten für Solar- und Windtechnologien senken und so die nötigen Anreize für zunehmende Investitionen in erneuerbare Energien schaffen. Die erste Absicht wurde erreicht: Mit zunehmender Massenproduktion von Solarpanels und Windturbinen und der damit einhergehenden Produktivitätssteigerung sind die Preise massiv gefallen; jener von Solarenergie seit 2009 um rund 90 Prozent, jener von Windenergie um rund 70 Prozent. So sind erneuerbare Energien heute grössenteils fast oder schon ganz konkurrenzfähig zu Fossilen. 

Doch genau jetzt, wo die Wettbewerbsfähigkeit erreicht wird, steigen die dringend notwendigen Investitionen in Solar- und Windanlagen nicht mehr. Im Gegenteil: Abgesehen vom Spezialfall China sinken sie seit 2011 tendenziell. Ölriese BP, einst zweitgrösster Hersteller von Solarpanels, begründet seinen kompletten Wiederaustritt aus dem Solargeschäft 2013 wie folgt: «Es ist nicht so, dass Solarenergie keine nachhaltige Energiequelle ist, aber wir haben 35 Jahre daran gearbeitet und nie wirklich Geld damit gemacht». Doch warum?

Der übersättigte Elektrizitätsmarkt

Die Antwort liegt in erster Linie in der Übersättigung des Elektrizitätsmarktes und den damit fallenden Strompreisen. Bereits die fossilen Energieträger liefern mehr Strom, als der Markt absorbieren kann. Dieses Überangebot wird durch den neuen «grünen Strom» stark erhöht. Je mehr in erneuerbare Energien investiert und «grüner Strom» ins Netz eingespeist wird, desto mehr fällt auch der Strompreis. Denn im Gegensatz zu fossilen Energieträgern tendieren die sogenannten Grenzkosten erneuerbarer Energien gegen 0 – ihre Herstellung bedarf kaum menschlicher Arbeitskraft (einmal installiert, laufen Solar- und Windkraftwerke von selbst). So hat das gesteigerte Angebot erneuerbarer Energien nicht nur deren Preise massiv gesenkt, sondern auch die Strompreise insgesamt – in Europa durchschnittlich von 80 Euro pro Megawattstunde 2008 zu 30 bis 50 Euro heute.

Marktlogik verhindert Umstieg

Der anfängliche Erfolg erneuerbarer Energien untergräbt sich damit selbst: Mit vermehrtem Einsatz von «grünem Strom» stürzen die Strompreise ein, somit auch die Aussichten auf Profit und profitable Investitionen in der gesamten Energiebranche. Genau diese Widersprüchlichkeit des Marktes macht den Energieumstieg im Kapitalismus unmöglich. Je konkurrenzfähiger erneuerbare Energien werden, desto mehr stürzen die Strompreise. Damit sinkt die Profitabilität erneuerbarer Energien und weitere Investitionen bleiben aus. 

In Regionen mit relativ viel erneuerbaren Energien wie z.B. Deutschland oder Kalifornien zeigt sich bereits, wozu zunehmender «grüner Strom» auf dem Markt führt: Bei starkem Sonnenschein und/ oder Wind decken erneuerbare Energien dort bereits mehr als die gesamte Stromnachfrage ab, womit der Strompreis teilweise bis ins Negative abstürzt. In diesen Fällen müssen Anbieter dafür bezahlen (!), ihren Strom ans Netz bringen zu können. 

Diese tendenziell stark sinkenden und bis ins Negative fluktuierende Preise machen klar, wieso die auf maximalen kurzfristigen Profit angewiesenen Kapitalisten ihre Finger von erneuerbaren Energien lassen. Der Beweis: Bis heute wurde weltweit kein einziges Solarkraftwerk ohne massive öffentliche Gelder installiert. 

Warum Deutschland Braunkohle fördert

Massive Investitionen sind jedoch dringend nötig, um die Energiewende zu bewerkstelligen. Die Internationale Energieagentur spricht von rund 20 Billionen Dollar in den nächsten 20 Jahren, was der jährlichen Wertschöpfung der USA entspricht. Diese Investitionen braucht es nicht nur fürs Erbauen neuer mächtiger Solar- und Windanlagen, sondern vor allem auch für die Ersetzung der aktuellen Stromnetze. Denn diese sind für fossile Energien konzipiert, womit sie den Umstieg auf Erneuerbare in mehrerlei  Hinsicht verhindern. Hauptsächlich, indem sie kaum Speicherkapazitäten vorweisen (weil fossile Energien konstant produziert werden können). Ohne grosse Speicherkapazitäten können erneuerbare Energien die fossilen Energien aber unmöglich ablösen, weil sie bei wenig Wind und Sonne den Energiebedarf nicht decken können. 

Dies erklärt auch, warum Länder wie Deutschland heute genau wegen ihrem hohen Anteil an erneuerbarem Strom auch unrentable fossile Energieträger für sonnen-/ windarme Perioden durch Subventionen aufrechterhalten müssen. Hier wird uns die Absurdität der Marktlogik und ihrer Vertreter deutlich vor Augen geführt: Merkel und Co wollten Vorreiter der Energiewende sein, verkommen dabei aber zwangsläufig zu Förderern der dreckigsten Energiequellen wie Braunkohle.

Profitmotiv und Nationalstaat überwinden

Die Klimakrise ist der lebensbedrohlichste Ausdruck eines insgesamt ausgedienten Systems. Massive Investitionen in erneuerbare Energien sind eine Notwendigkeit fürs Überleben der menschlichen Zivilisation. Aber weder die Kapitalisten noch deren Staaten können die Energiewende herbeiführen. Bürgerliche Staaten werden nicht langfristig in etwas investieren, das für ihre Kapitalisten nie Profit abwerfen würde.

Dabei wäre alles da, um die Energiewende durchzuführen – Technologien, Wissen und gesellschaftlicher Reichtum. Doch die Energiewende steckt heute in einer Sackgasse – einzig weil der Kapitalismus mit seinem Profitstreben und seinen Nationalstaaten den weiteren Umbau blockieren.

Innerhalb dieses Systems hat die Menschheit keine Zukunft. Die Überwindung von Privateigentum und Nationalstaat zu Gunsten einer demokratisch geplanten Wirtschaft ist die grundlegende Bedingung, um die Menschheit vor der Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlage zu retten.

Bild: freepik

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