Immer wieder kommt es zu Protesten gegen die Migrationspolitik der Bürgerlichen. Die Gesellschaft polarisiert sich zunehmend. Die Aufgabe der MarxistInnen ist es, aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung jeder Form zu kämpfen. Für uns ist klar: Wir müssen die Gräben, die bewusst geschaffen werden, überbrücken und aktive Solidarität zeigen. Um zu erfahren, wie es jungen MigrantInnen in der Schweiz ergeht, interviewten wir zwei von ihnen.

João kommt aus Portugal und macht eine Lehre als Polymechaniker. Devrim ist aus der Türkei. Sie ist in Ausbildung zur Assistentin Pflege und Gesundheit ist. Sie erzählen, wie sie migrantenfeindliche Politik wahrnehmen, von ihrer Ausbildung, ihrem Alltag und von der Geschichte ihrer Eltern.

Wie ist das Verhältnis der Lehrmeister und Direktion zu den Lernenden?

João: Die Lehrwerkstatt ist nicht profitorientiert. Der einzige Auftrag der Lehrmeister ist es, eine möglichst gute Ausbildung anzubieten. Viele unserer Lehrmeister sind sehr konservativ. Sie hassen Stühle, Pausen und Gerede. Obwohl sie selber gerne bei langen Kaffeepausen über die Lernenden lästern. Oft werden wir wie Kleinkinder behandelt. Ein arroganter Unterton ist nicht ungewöhnlich. Ich frage mich, ob die Lehrmeister Freude daran haben, uns fertig zu machen. Vielleicht wird man mit der Zeit verbittert, wenn man einerseits viel im Büro sitzt und nichts zu tun hat, und andererseits eine grosse Gruppe Lernende betreuen muss. Wir sind 80 Lernende auf 6 Lehrmeister.

Du hast Migrationshintergrund. Gibt es Probleme deswegen?

João: Es gibt vereinzelte Lehrmeister die durchblicken lassen, dass sie keine Ausländer mögen. Zum Beispiel lassen manche nur Schweizer die anspruchsvollen Arbeiten verrichten und die Ausländer machen die Fliessbandarbeit. Dialekte und Akzente werden nachgeäfft, es fallen Sprüche wie „Du bist Albaner, du klaust sowieso“. Aber nicht alle verhalten sich so.

Unter den Lehrlingen ist dies anders. Wir sind 80 verschiedene Leute, mit verschiedenen Hintergründen. Wir haben es im grossen Ganzen gut miteinander. Uns ist egal, woher man kommt. Natürlich gibt es Witze oder Sprüche, aber nichts Ernsthaftes.

Migration ein grosses Thema, wie fühlst du dich dabei?

João: Ich habe keinen Schweizer Pass und kann nicht abstimmen, was mich stört. Man könnte meinen, das würde mein Interesse mindern, aber das ist nicht so. Ich lebe hier in der Schweiz und bin kein Aussenstehender. Vor allem die Ausschaffungsinitiative oder DSI betreffen mich direkt. Ich habe keine Stimme und bin ausgeliefert. Der einzige Weg für uns Migranten ist der Kampf im Betrieb oder auf der Strasse, zusammen mit den anderen Mitarbeitern, egal welcher Herkunft.

Ich denke es wird auf politischer Ebene übertrieben. So gross ist der Graben zwischen Ausländern und Schweizern nicht, vor allem in den Niedriglohnsektoren. Meiner Erfahrung nach sind die Leute gar nicht so rassistisch wie dargestellt. Früher habe ich auf dem Bau gearbeitet. Dort lernten die Schweizer ein paar Worte Portugiesisch und die Portugiesen etwas Deutsch, was funktioniert. Auf dem Bau merkt man, dass der Portugiese nichts böses will. Spätestens, wenn der am Mittag eine Kiste Bier für alle holt, schliesst er den Schweizer nicht aus, weil er Schweizer ist.

Wann sind deine Eltern in die Schweiz gekommen?

João: Mein Vater kam anfangs der 60er in die Schweiz. In seiner Heimat war die Wirtschaft am Boden, es gab keine Perspektive. Da hörte man vom Paradies Schweiz, wo es Arbeit für alle gab. Am nächsten Tag sitzt man im Zug ohne Geld in der Tasche. Er war illegal hier, so wie viele. Aber das hat die Leute nicht interessiert. Man brauchte Arbeitskräfte für den Strassen- und Häuserbau. Oft wohnten sie zusammengepfercht in kleinen Zimmern. Nach der Arbeit ging man zusammen ein Bier trinken und dann wieder ins Zimmer, um zu schlafen. Er arbeitete lange auf der Baustelle. Dann als Metzger und schliesslich bei den Verkehrsbetrieben als Trammechaniker.

Man kam in die Schweiz mit der Idee, Geld zu verdienen und dann wieder zurück in die Heimat zu gehen. Aber dann wurden Familien gegründet und man ging nicht zurück. Menschen sind keine Zahlen die man verschieben und abbuchen kann.

War dein Vater gewerkschaftlich organisiert?

João: Ja war er. Er bezeichnet sich als Kommunist und er weiss, was ein Lesekreis ist. Aber ich glaube, damals war das normal unter Ausländern. Viele der Migranten hatten eine Linke Tradition oder sie merkten schnell, dass sie sich organisieren mussten, denn sie wurden nur für ihre Arbeitskraft in die Schweiz geholt. Man konnte kein Deutsch, war hier zum Arbeiten, schnell war man den Schweizern ausgeliefert.

Sind deine Eltern integriert?

João: Überhaupt nicht, es war auch nicht notwendig. Man wollte keine Integration, nach verrichteter Arbeit sollte man wieder gehen. Hattest du Drecksarbeit, warst du Ausländer und bliebst auch unter Ausländern, oft in der eigenen nationalen Gruppe. Eine richtige Integration hat es nicht wirklich gegeben. Mein Vater lebt hier seit 55 Jahren und bekommt keinen geraden Satz auf Deutsch heraus. Meine Mutter spricht ein bisschen besser Deutsch, da sie in der Gastronomie gearbeitet hat. Musste man eine Steuerklärung ausfüllen, fragte man den Chef und brachte eine Flasche Wein mit.

Ich bin sicher integrierter als meine Eltern. Ich habe hier die Schule absolviert und mache eine Lehre. Ich bin aber von Ausländern aufgezogen worden, die nichts von der Schweizer Kultur mitbekommen haben. Dazu in einem Ausländerquartier. Ich denke, deswegen fühle ich mich manchmal etwas fremd unter Schweizern. Mir ist aufgefallen, dass die jüngeren Generationen diesen Konflikt weniger haben.

Devrim, Gefällt dir deine Ausbildung?

Devrim: Ich habe sehr schwierige Arbeitsbedingungen. Manchmal arbeite ich 9 Tage am Stück, habe einen Tag frei und dann wieder 5 Tage. Manchmal kann ich nur 5 Stunden schlafen. Ich habe auch schon 6 Wochenenden am Stück gearbeitet, vieles davon ist eigentlich illegal. Mein Job ist physisch und psychisch eine sehr hohe Belastung. Man muss mit extremen Situationen umgehen können. Es ist auch schon zu Burnouts unter den Lernenden gekommen. Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen liebe ich meinen Job. Ich kümmre mich um Menschen, die in der letzten Phase ihres Lebens sind, alle haben eine eigene Geschichte, das gefällt mir sehr. Um eine Person richtig zu pflegen, bräuchte man eigentlich 45 Minuten. Fünf Monate lang hatten wir nur 15 Minuten Zeit. Das kann aus hygienischen Gründen auch gefährlich für BewohnerInnen sein, denn in dem Alter kann man an Infektionen sterben. Beim Pflegen nutze ich jede Minute. Mit Kleinigkeiten versuche ich den BewohnerInnen eine Freude zu machen. Nur schon ein kleines Gespräch ist für sie sehr wertvoll. Für mich ist es sehr wichtig, dass die Bewohner nicht merken, dass man im Stress ist.

Setzt du dich für die Rechte der Lernenden in deinem Betrieb ein?

Devrim: Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, zu einer Gewerkschaft zu gehen, aber es macht mir ein wenig Angst. Ich bin in der Lehre und ich könnte wegen solchen Aktivitäten rausfliegen. Es ist sehr einfach uns zu kündigen.

Solange ich noch in Ausbildung bin, setze ich mich im kleinen Rahmen ein. Ich bin jetzt verantwortlich für eine Lernende. Ich schaue, dass es ihr gut geht und dass sie nicht in dieselbe Rolle kommt wie ich, nicht zu allem Ja sagt und alles akzeptiert. Sie soll sagen, wenn es ihr zu viel wird. Ich denke es ist sehr wichtig, dass wir uns gegenseitig motivieren und unterstützen. Mit 16 musste ich Spätschichten machen und dann gleich wieder Frühschicht, was gesetzlich nicht erlaubt war. Jetzt konnten wir durchsetzen dass Minderjährigen eine zwölfstündige Ruhepause gewährleistet wird.

Nach der Ausbildung möchte ich Politik und Beruf miteinander verbinden. Ich würde gerne Berufsbildnerin werden, um den Lernenden zu helfen, sie über ihre Rechte aufklären und ihnen die schönen Seiten unseres Berufs zeigen.

Gibt es Fälle von Diskriminierung an deinem Arbeitsplatz?

Devrim: Wir sind ein bunt gemischtes Team. Deshalb spielt die Herkunft überhaupt keine Rolle. Niemand wird getrennt oder bevorzugt, auch in den Führungspositionen sind sehr viele Ausländer.

Bei der Wohnungssuche merke ich aber, dass meine Herkunft sehr wohl eine Rolle spielt. Ich habe in 3 Wochen schon 15 Absagen bekommen. Es ist sehr schwierig für mich, etwas zu finden. Ich denke man spürt auch, dass die Leute etwas verunsichert sind, was ich sehr schade finde.

Wie sind deine Eltern in die Schweiz gekommen?

Devrim: Mein Vater ist vor 27 Jahren in die Schweiz geflüchtet. Er war in der türkischen Arbeiterbewegung aktiv. 12 Jahre verbrachte er im Gefängnis, wo er auch jahrelang gefoltert wurde. Einen Monat nach der Hochzeit meiner Eltern musste er das Land verlassen.

Man versuchte ihn damals in einer Holzwerkstatt zu integrieren. Das Problem war, dass er schwere Schäden von der jahrelangen Folter erlitten hat. Er konnte also nicht wirklich arbeiten und lernte deswegen auch kein Deutsch. Er vergisst Zusammenhänge und Termine, weswegen es auch meine Aufgabe ist, seine Termine zu koordinieren. Viele seiner Genossen sind hier. Sie sind eine wichtige Stütze für ihn. Ich denke, er lebt ein bisschen in einer Blase und so musste er sich nie integrieren.

Meine Mutter ist eher integriert. Sie besuchte Deutschkurse. Ihr Traum war es, in der Pflege zu arbeiten, ihre Deutschkenntnisse haben aber dafür nicht gereicht. Seit sie hier ist, arbeitet sie in einer Putzfirma unter sehr schlechten Bedingungen; sie wird regelrecht ausgebeutet. Heute ist sie sehr stolz, dass ich in der Pflege arbeite.

Gefällt es deinen Eltern in der Schweiz?

Devrim: Meine Eltern sind sehr froh hier zu sein. Hier ist es besser als in der Türkei. Lange Zeit war es unklar, ob mein Vater in die Türkei ausgeliefert würde. Das war eine sehr schwierige Zeit für ihn. Die Türkei hat meinen Vater zerstört, er hat keine guten Erinnerungen an sein Heimatland.

Ich bin sehr gut integriert und auch glücklich hier. Ich wohne hier in der Schweiz, mein Umfeld ist hier. Deshalb kämpfe ich auch für unsere Rechte hier. Aber die Türkei ist ein Teil von mir, deshalb beschäftigt es mich sehr, was dort abgeht.

Danke für das Interview.

 

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