Mit einer Doku über 11 Künstler, die seit den 90er Jahren französischen Rap ausmachen, erzählt ARTE die Geschichte des Klassenkampfes in Frankreich. Ihre Songtexte erlauben die eine Einsicht in die prekärsten Gegenden des Landes.

Als Frankreich 1990 durch die Unruhen in Vaulx-en-Velin und den Pariser Banlieues erschüttert wird, findet diese Bewegung ihren musikalischen Ausdruck in einem in Frankreich noch neuen Genre: Dem Rap. In Saint-Denis vertont Suprême NTM in ihrer Musik die ganze Wut der jungen Generation französischer Immigranten, welche brutal unter Krise zu leiden hatte. Suprême NTM spricht über Polizeigewalt, Rassismus und Klassenunterschiede. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten und der Rap wird zu einem wichtigen Genre der französischen Musik. Immer mehr Junge finden Gefallen an dieser Musikrichtung, die ihnen als Mittel dient, um von den Problemen der Stadt, dem Drogenhandel und der alltäglichen Gewalt zu erzählen, aber auch um von der Verbundenheit zu ihrem Viertel und dessen BewohnerInnen zu berichten. Von Anfang ist das Misstrauen gegenüber dem Staat gross bei diesen Künstlern, die nie als vollständige Bürger akzeptiert worden waren.

Unter den Hunderten von Jungen, die sich auf diese Musik stürzen, stechen einige besonders hervor. MC Solaar, der ebenfalls aus den Pariser Vororten stammt, brachte mit «Bouge de là» (Verschwinde von hier) einen Hit heraus, der diese Themen mit einem humorvolleren Ton aufgreift. Später begann er, die Probleme der Banlieue auf einem politisch höheren Niveau anzusprechen: Den amerikanischen Imperialismus, Kapitalismus, Korruption. Von Beginn an vermischt der Rap mehr oder weniger bewusst Unterhaltung mit politischen Botschaften. 1993 entsteht in Marseille die Rapgruppe IAM mit ihrem legendären Lied «Demain c’est loin» (Morgen ist weit weg), in dem das Probleme der Jugend aus den Banlieues aufgeworfen wird, die ihren Platz in der Welt zu finden versucht und die „finanziellen Entscheidungsträger, voller Scheiße in ihren Augen“ angreift.

Rap und politisches Bewusstsein

Seit seiner Entstehung setzt sich der französische Rap offen mit Politik auseinander. Denn wenn man von der Situation in den Banlieues erzählt, sind die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der französischen Gesellschaft nie weit entfernt. Auch heute bleibt dieser Teil des Genres lebendig und seine Texte sind so scharf und provozierend wie eh und je. In «Lettre à la République» (Brief an die Republik) spuckt Kery James ins Gesicht Kolonialfrankreichs, das «seine Nation auf Blut errichtet hat und nun andere belehren will». Die Rapper stellen Forderungen auf, zeigen auf die Verursacher ihrer Probleme, den «Abschaum, den man mit eisernem Besen auskehren sollte» (ein Zitat aus Sarkozys Rede über die Banlieues) und rufen das Volk zum Aufstand auf.

Weed, Waffen und Geld

Es wäre jedoch elitär zu denken, dass nur die «bewussten» Rapper die Probleme der Banlieue-Jugend ausdrücken. In diesem Umfeld, in dem es keine legalen Möglichkeiten gibt, um die Utopie des individuellen Erfolgs zu nähren, existiert auch die idealisierte Vorstellung vom Leben eines Drogendealers als reich, gefürchtet und gewalttätig, bei dem der soziale Erfolg an der Größe des Autos gemessen wird. Dealen stellt in diesen prekären Gebieten oft die einzige Möglichkeit dar, dem Elend zu entkommen oder zumindest genug zu essen zu haben.

Aber die Ausgangsbedingungen bleiben dieselben wie für die ,,bewussten‘‘ Rapper und der Gangsta-Rap trägt immer noch ein Misstrauen gegenüber der heutigen Gesellschaft und dem unterdrückerischen Staat in seiner DNA. So ist auch das Beleidigen von Politikern im Rap längst gang und gäbe. Die Grenze zwischen bewusstem und kommerziellem Rap ist manchmal oftmals verschwommen, wie beispielsweise bei Fianso, der für seine Schusswaffen-Adlibs bekannt ist, aber auch am Benefizkonzert zur Unterstützung der Familie von Adama Traoré teilgenommen hat, welcher 2016 von der französischen Polizei ermordet worden war.

Auf dem Weg zu immer grösserer Vielfalt

Rap ist heute das meistgehörte Genre in Frankreich, gleich hinter den USA. Unter den gegebenen Bedingungen ist es normal, dass sich das Genre entwickelt und über die Pariser und Marseiller Banlieues hinauswächst. Auch «Weisse aus der Provinz» wie Orelsan konnten sich den Rap aneignen. Aber Rap bleibt weitgehend die Musik der ArbeiterInnenklasse. Trotz aller Versuche der Musiklabels den politischen Inhalt des Rap durch eine Übertreibung der Figur des Gangsta-Raps zu neutralisieren, bleibt es der Ausdruck der Radikalisierung eines immer grösser werdenden Teils der französischen Jugendlichen, insbesondere bei jenen mit Migrationshintergrund. Es genügt zu sehen, dass Strophen aus der jüngsten Zusammenarbeit der Marseiller Rapper Jul und SCH, bereits bei Demonstrationen verwendet wurden, obwohl es sich eigentlich nicht um einen politischen Text handelt: «In organisierten Banden kann uns niemals in bestimmte Bahnen lenken»  ist schließlich nicht so weit entfernt von «Proletarier aller Länder vereinigen sich».

Charles Tolis
JUSO Genf

Bild: Pixabay

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