Zaun
I
n der Nacht zum Sonntag, dem 19. April 2015, kenterte rund 110 Kilometer vor der libyschen Küste ein Flüchtlingsboot auf seinem Weg nach Italien. Erste Schätzungen über die Anzahl der Toten beliefen sich auf rund 700, was dieser Katastrophe der Menschheit und der Menschlichkeit den unglücklichen Rekord des grössten Massensterbens der bisherigen Geschichte im Mittelmeer einbringt. Bald darauf wurde jedoch klar, dass auch diese unglaubliche Zahl noch zu tief gegriffen war. Mittlerweile geht man von an die 800 Ertrunkenen aus, überlebende Zeugen berichteten gar von rund 950. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen bleibt die Herkunft der Gestorbenen immer noch unbekannt.

ZaunSeit dem Jahr 2000 haben, laut der bisher umfassendsten, aber immer noch konservativen Datenerhebung des Projekts „The Migrant Files“, mehr als 29’000 Menschen ihr Leben auf der Flucht nach Europa verloren [1]. In den letzten Jahren ist die Zahl der Bootsflüchtlinge stets weiter angestiegen. Alleine im Jahr 2014 hat sich die Zahl gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht [2]. Und ein Ende der Flüchtlingswelle ist bei Weitem nicht in Sicht. Das Flüchtlingssterben an den zugemauerten europäischen Aussengrenzen wird schnell und sicher zu einem der prägendsten Ausdrücke eines kapitalistischen Systems, das sein inneres Gleichgewicht schon vor langer Zeit verloren hat.

Bereits in der Woche davor sind vor der Küste Libyens geschätzte 400 Flüchtlinge verschwunden. Die deutschsprachige Presse schwieg. Einige leise Stimmen empörten sich über den Zynismus der deutschen Medien, denen der Rücktritt eines Fussballtrainers weit berichtenswerter erschien als hunderte jämmerlich ertrunkene Menschen auf der Flucht nach Europa [3]. Es sei halt nichts Neues und die emotionale Distanz zum Flüchtlingssterben sei riesig, so der kritische Kommentar. Was hingegen, wenn es sich bei den Ertrunkenen um „Landsleute“ oder Westeuropäer gehandelt hätte? Eine rhetorische Frage, wir alle kennen die Antwort. Wir sehen, wie die Medien ihre Diskurse ausbilden und verfestigen. Die Nachricht, wonach muslimische Bootsflüchtlinge 12 Christen über Bord warfen, bekam insgesamt wohl mehr Aufmerksamkeit, als die während der selben Woche Verschwundenen 400.

Nun, mit dem grössten Flüchtlingssterben der Geschichte des Mittelmeeres, wurde dieses Schweigen doch gebrochen. Der Grossteil der Medien, private wie öffentliche, haben eingestimmt und singen das selbe Lied vom kollektiven Versagen der europäischen Staaten. Es sind die gleichen Medien, die alles geben auf die „europäischen Werte“ und die westliche liberale Demokratie. Es sind die gleichen, die im Namen eines abstrakten Universalismus permanent die eigene Reinheit und Überlegenheit ins Zentrum stellen und die Probleme stets beim Anderen suchen. Wenn ihre jetzige Empörung auch ernst sein mag, lassen wir uns von ihrer oberflächlichen Moral dennoch nicht täuschen. Sie fordern Lösungen von der Politik, sind aber nicht bereit, die Position dieser Politik in der Weltgeschichte zu hinterfragen; sie sind nicht bereit, auf die europäische Herrschaft und den europäischen Imperialismus, den sie mit ihrer Rhetorik tagtäglich stützen und legitimieren, auch nur im Geringsten zu verzichten. Ihr Gejammer und ihre Forderungen werden uns nicht weiterhelfen.

Auch aus den hohen Rängen der europäischen Politik ertönt nun diese vermeintliche Selbstkritik, geschmückt von der verlogenen Trauer um die Verstorbenen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz forderte schon kurz darauf „endlich Bewegung“ und eine neue Flüchtlingspolitik, kritisiert den Handlungsunwillen der Mitgliedsstaaten und will das Problem bei den Ursachen angehen. Doch sind seine Vorschläge nicht annähernd neu, sondern fussen auf der haargenau gleichen Abschottungspolitik wie bisher. Ursachen bekämpfen bedeutet für die Herrschenden notwendigerweise, das Problem zu verschieben und auszulagern. Es bedeutet, jetzt noch intensiver und mit noch mehr Geld mit nordafrikanischen Staaten zu kooperieren, um zu verhindern, dass die MigrantInnen überhaupt erst an die tödlichen Mauern der Festung Europa gelangen. EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini forderte ihrerseits ebenfalls „mehr Schutz für die Flüchtlinge“ – Lampedusa reloaded: wir werden schmerzhaft daran erinnert, wie wenig solche Worte wert sind. Lasst uns später nochmals darauf zurückkommen, weshalb auch die jüngste Szene keinen Wendepunkt darstellen wird in dieser düsteren Tragödie über den menschlichen Versuch des Überlebens.

Dass ein solches Massaker – man kann und sollte es nicht anders nennen – nicht einen Aufschrei der Massen produzierte, der die europäischen Regierungen direkt zu Fall gebracht hätte, liegt nicht zuletzt auch am inhärenten Rassismus unserer gesellschaftlichen Strukturen. Der Schwarze, wie Frantz Fanon bereits vor über 60 Jahren schrieb, ist kein Mensch: „Es gibt eine Zone des Nicht-Seins, eine höchst unfruchtbare, dürre Gegend“ [4]. Die Entfremdung, die diesem Verhältnis zu Grunde liegt, ist dieselbe, die auch dem weissen Europäer die Menschlichkeit verweigert; dieselbe, die dafür verantwortlich ist, dass Mitgefühl und Solidarität in ein Unbewusstes verdrängt werden, weil die eigene Hilflosigkeit jegliche persönliche Übernahme von sozialer Verantwortung erschwert. Es sind die Ignoranz und Hilflosigkeit einer durch und durch rassistischen Gesellschaft, welche die erwähnte emotionale Distanz verursachen und die Verstorbenen als abstrakte Zahlen erscheinen lassen; ohne Gesicht, ohne Namen, ohne Geschichte. Das ist der Nebeneffekt, der zu einer der wichtigsten Stützen der herrschenden (Un-)Ordnung geworden ist. Die Flüchtlinge kommen von aussen, haben scheinbar nichts mit unserer eigenen Realität zu tun.

Jedoch – sie kommen nicht von aussen. Sie sind vielmehr die Aus-geschlossenen, die Verdammten dieser Erde, die sich jetzt zurückmelden und Europa mit dem Höhepunkt ihres Nicht-Seins konfrontieren, dem Tod. Der gesellschaftliche Prozess, der – basierend auf der absurden Irrationalität der alles durchdringenden Marktmechanismen – zu diesem enormen, räumlich gefestigten, sozialen, ökonomischen und politischen Kontrast geführt hat, der Prozess, der auch die jüngsten Flüchtlingsströme hervorbringt, hat immer alle Seiten der Herrschaftsbeziehungen einbezogen. Er hat nicht nur den Globalen Süden verwüstet und offensichtlich einem immer grösser werdenden Teil seiner Bevölkerung nur noch die Flucht übrig gelassen; er hat auch Europa und seine Menschen verändert. Das heutige Europa und der Rest, Europa und die Migranten, sind gemeinsam und im gegenseitigen Verhältnis zueinander entstanden. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Dies zu erkennen ist eine Grundvoraussetzung, wenn man sich der Migrationsthematik annehmen will mit dem aufrichtigen Anspruch, solche Massaker auf ewig in die Geschichtsbücher zu verbannen. Es gibt kein gesundes Europa, keine gesunden EuropäerInnen. Wir sind weder geistig noch materiell intakt, vielmehr geprägt und zerrissen von diesem widersprüchlichen Verhältnis zu uns selbst und dem „Anderen“. Der ertrinkende Flüchtling ist Teil unserer Identität – einer entfremdeten Identität, die wir, genau wie die europäische Gesellschaftsstruktur, bewusst werden aufgeben, ja niederreissen müssen, soll die Migrationsproblematik gelöst werden. Daran sollte uns jedoch gar nichts reuen.
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[1] The Migrant Files“, online auf: https://www.detective.io/detective/the-migrants-files/ [zuletzt aufgerufen: 21.5.2015]

[2] Anna Reimann, „Fakten zur Flucht übers Meer: Wer sind die Flüchtlinge? Woher kommen sie?“, Spiegelonline, online auf: http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-im-mittelmeer-fakten-zu-den-bootsfluechtlingen-a-1029512.html [zuletzt aufgerufen: 21.5.2015]

[3] Robert D. Meyer, „Ein Trainer ist ihnen wichtiger als 400 Tote im Mittelmeer“, Neues Deutschland, online auf: http://www.neues-deutschland.de/m/artikel/968168.ein-trainer-ist-ihnen-wichtiger-als-400-tote-im-mittelmeer.html [zuletzt aufgerufen: 21.5.2015]

[4] Frantz Fanon, Schwarze Haut, Weisse Masken, Verlag Turia + Kant, Wien 2013, s.8.

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