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n den letzten Wochen konnte man in der NZZ Titel lesen wie: „Was sich in Venezuela abspielt, ist keine Krise – es ist eine Katastrophe“ oder „Eine neue Verfassung nach Maduros Geschmack“. Wir untersuchen die Venezuela-Berichterstattung dieser renommierten Zeitung.

Wie immer bei politischen Krisen in Venezuela schalten sich sofort die internationalen Medien ein, um die angeblich „demokratische“ Opposition zu verteidigen. So auch dieses Jahr seit Beginn der aktuellen Krise. Keine Ausnahme im internationalen Diskurs gegen die sogenannte bolivarische Revolution in Venezuela sind die Schweizer Medien, allen voran die bürgerliche NZZ.

Wessen „Staatsstreich“?
Die momentane politische Krise Venezuelas begann, als Julio Borges, ein führender Parlamentarier der Opposition, im Dezember 2016 zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde. Am 29. März eskalierte schliesslich ein seit Monaten geführter Rechtsstreit zwischen dem Parlament und dem Obersten Gerichtshof. Es folgte ein Gerichtsentscheid, welcher die Kompetenzen des Parlaments der Judikative und der Exekutive übertrug. Die Opposition antwortete mit Empörung und nannte den Entscheid einen „Staatsstreich“. Nach einigen Tagen zog der Oberste Gerichtshof die Entscheidung zurück, aber seither mobilisiert die Opposition ihre AnhängerInnen auf die Strasse.

Maduro, der unbeliebte Diktator
„Zweimal im Monat finden Massendemonstrationen statt“, verlautet die NZZ in einem Artikel im Bezug auf die Proteste der Opposition. Doch wann hat die NZZ die zahlreichen und riesigen Massendemonstrationen der sogenannten „Chavisten“ erwähnt? Die Antwort ist: Nie.

Am 19. April berichtet die NZZ: „In Caracas haben sich Tausende von Personen zu einer Massendemonstration gegen Staatschef Nicolás Maduro versammelt“. Wieder wird die Kundgebung der Arbeiterschaft bewusst verschwiegen. Diese füllt die Strassen von Caracas mit in rot gekleideten Menschen, Hautfarbe mehrheitlich dunkel, welche sich gegen die Opposition stellt. Letztere besteht aus rechtskonservativen Parteien, welche die weisse Mittel- und Oberschicht repräsentieren.

Am Tag der Arbeit füllen sich die gleichen Strassen erneut mit Hunderttausenden. Dieses Mal reisen VenezolanerInnen aus allen Winkeln des Landes in die Hauptstadt, um für das Fortbestehen der “bolivarischen Revolution” einzustehen. Kein Wort davon in der NZZ.

Am ersten Mai kündigt Präsident Maduro eine verfassungsgebende Versammlung an. Genau das wurde 2013 von der Opposition gefordert. Heute wird es dargestellt als ein weiterer Schritt in die Diktatur.

Investigativer Journalismus?
Diese einseitige Berichterstattung hat Systematik. Während die Opposition mit Strassenblockaden, bewussten gewalttätigen Provokationen an Demos und Attacken auf öffentliche Gebäude maximales Chaos verbreiten will, schieben die Medien alle Probleme der Regierung in die Schuhe. Die Todeszahl kommt immer im gleichen Satz, in dem die Oppositionsdemonstrationen und deren vermeintliche Niederschlagung durch die “staatliche Repression” genannt werden. Die bewusste Gewalt geht jedoch fast auschliesslich von der Opposition aus. Das bestätigt eine nähere Auseinandersetzung mit den Todesfällen. Die Regierung kann wohl nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass acht Plünderer beim Ausrauben einer Bäckerei an einem Stromschlag gestorben sind.

Die NZZ hält offensichtlich von gründlichen Recherchen nichts, wenn es um Venezuela geht. Stattdessen zitiert sie direkt die Sprachrohre der rechten Opposition. Dies spiegelt sich auch in ihren Quellen wieder. Im Artikel „Das reale Elend“, wird als Quelle für die Statistiken über die venezolanische Wirtschaft die Webseite DolarToday angegeben. Eine kurze Recherche ergab folgendes: Die rechts-nationalistische Webseite (sie gilt als Referenz für den Tageskurs auf dem Dollarschwarzmarkt) spricht sich nicht nur offen für den Sturz Maduros aus, sie verbreitet auch abstruse Theorien, wie dass Nicolás Maduro ein CIA-Agent sei. Es scheint so, als würde der NZZ jede Quelle recht sein, welche sich gegen das sozialistische Venezuela ausspricht.

Die Heuchelei der Medien ist nicht zu übertrumpfen. Während die NZZ 2016 die Streiks der französischen Gewerkschaften als „Kampfaktionen“ bezeichnete, welche Frankreich im „Würgegriff“ hielten, sind heute die die Anführer der Opposition „Galionsfiguren“, die blockadebauenden Randalierer einfach „Venezolaner“.

Sebastián Eisenring Diaz

MSZ Zürich

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