“Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat”. Was Rosa Luxemburg damit meinte, hat der britische Regisseur Ken Loach sehr gut verstanden. Sein Markenzeichen ist die schonungslose Sozialkritik durch einfaches Darstellen von realistischen Charakteren. Auch in seinem neusten Film “I, Daniel Blake” quillt die nackte Realität aus allen Poren.

Der am diesjährigen Filmfestival in Locarno vorgestellte Film handelt von Daniel Blake, einem 59-jährigen Arbeiter, und von den Schikanen des britischen Sozialwesens. Nach einem Herzinfarkt arbeitsunfähig geworden, verarmt der Protagonist, da er mit dem Sozialsystem nicht zu Schlage kommt.

Auf ebendiesem Sozialsystem liegt auch der Hauptfokus des Films: Dieses ist auf reine Schikane ausgelegt, kalt und unbarmherzig. Dabei hatte Daniel Blake sein Leben lang gearbeitet, seine kranke Frau gepflegt und immer alle Rechnungen pünktlich bezahlt. Nun darf er nicht mehr arbeiten, bekommt aber auch kein Geld, auf Grund einer Lapalie: Er hat ein Formular falsch ausgefüllt. Auf dem Amt interessiert das niemanden, Regel ist Regel. Ein Rekurs dauert lange. Die Formulare wären online, aber Blake hat noch nie im Leben einen Computer bedient.

Keine Arbeit und kein Geld
Um etwas Geld zu erhalten, muss er auf seine alten Tage 35 Stunden in der Woche eine Arbeit suchen. Er zieht von Fabrik zu Fabrik, um nach Arbeit zu fragen, die es nicht gibt. Wenn es sie gäbe, könnte er sie nicht annehmen – er ist ja krank. Dabei hat er ständig mit den absurden Vorschriften und der pingeligen Kontrolle des Amtes zu kämpfen. All das zeigt uns Ken Loach mit einer stoischen Nüchternheit: Ohne kitschige Übertreibungen. Nur echte Situationen, echte Charaktere darzustellen, das ist die Absicht. Es tauchen weitere Figuren des verarmten Norden Englands auf: Ein junger Nachbar, der von den schlecht bezahlten Jobs genug hat und jetzt gefälschte Sneakers verkauft, sowie die alleinerziehende Mutter Katie.

Filmpreis vom Klassenfeind
Katie stellt die zweite wichtige Figur des Films dar. Sie ist gerade mit ihren zwei Kindern aus London hergezogen. Weil sie einen Termin verpasste, wurde ihr das Sozialgeld gekürzt. Eigentlich wollte sie studieren, doch die Familie hat nicht einmal mehr genug Geld für Essen, Heizung oder Strom. Sie trifft auf Dan, dieser hilft ihr bei Reparaturen und passt auf die Kinder auf, während sie nach Arbeit sucht. Sie isst tagelang nichts, damit ihre Kinder essen können, während diesen die Schuhe kaputtgehen. Doch es ist nicht genug. Sie bricht zusammen, beginnt sich zu prostituieren.

Es ist kein schöner Film. Er ist sicherlich gut gemacht und Ken Loach zeichnet sehr überzeugend die Realität, aber diese ist dunkel. Von der Qualität spricht auch die Auszeichnung am Filmfestival in Cannes. In Locarno gewann “I, Daniel Blake” den Publikumspreis – ironischerweise von der UBS gesponsert.

“Versus” – Immer weiterkämpfen
Es ist nicht sein erster Film. Davon zeugt der gleichzeitig erschienene Film über das Leben und Werk von Ken Loach: “Versus”. Es ist eine bunte Collage über einen Regisseur, der die Arbeiterklasse ins Zentrum seines Schaffens stellt. Mit alten Fotos, Filmausschnitten und Interviews kommen wir seinem Werk näher. Seine Kämpfe werden dargestellt, die er führen musste, um all seine Filme zu finanzieren. Die Tricks, mit denen er der BBC vorgaukelte, eine romantische Komödie zu drehen, während er in Wahrheit Docker zeigt, die Sowjets gründen, sind amüsant. Es ist ein Regiseur, der für einmal nicht nur die Reichen und Adeligen, sondern Arbeitercharaktere zeigt. Die bürgerlichen Kritiker glühen vor Zorn, sie können nicht begreifen, wie dieser schüchternen Gentleman immer weitermacht, angetrieben von dem Feuer, dass ihn ihm brennt.

Immer weiter kämpfen!
Ken Loach will die Welt zeigen wie sie ist. Er arbeitet am liebsten mit Laien-Schauspielern, weil diese authentischer seien. Entgegen der allgemeinen Praxis dreht Ken seine Filme chronologisch, die DarstellerInnen sollen die Charaktere wirklich entwickeln. Einige, die mit Ken gearbeitet haben, erzählen wie sie in den Bann dieses stillen Mannes geraten sind, der so unglaublich viel Kraft in sich trägt.

Etwas nervös und überwältigt wirkt Ken Loach schliesslich, als er vor die 5000 Menschen auf der Piazza Grande in Locarno tritt. Doch gefragt nach dem Thema “Widerstand” in seinen Filmen, wird er sicherer. Er erzählt vom Nachkriegsboom in England, von den verstaatlichten Minen und Eisenbahnen – immer sicherer und sicherer im Sprechen. “Und dann kam Margret Thacher”, meint er nur. “Von klein auf wird uns erzählt: Es gäbe keine Alternative. Ich aber glaube, dass es eine gibt: Wir müssen nur dafür kämpfen!”

Lukas Nyffeler
Juso Stadt Bern

Trailer:

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