Um Ruhe und Fortschritt im Westen zu ermöglichen, benötigt der Kapitalismus Bürgerkrieg, Armut und Elend am anderen Ende der Welt. Seit Dezember letzten Jahres wehren sich aber die SudanesInnen gegen ihr schweres Los. Der Druck der aufständischen Massenbewegung führte am 11. April zur Absetzung des Diktators al-Bashir, der 30 Jahre an der Macht war. Dennoch wachsen die Proteste weiterhin von Tag zu Tag an.

Zurzeit ist ein militärischer Übergangsrat formell an der Macht, aber faktisch regieren die Massen selbst.

Das Grundgesetz der Revolution

Lenin, der bedeutendste Marxist des 20. Jahrhunderts, hat anhand einer konkreten Analyse verschiedener revolutionärer Wellen der Menschheitsgeschichte ein Grundgesetz der Revolution formuliert: «Zur Revolution genügt es nicht, dass sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewusst werden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, dass die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können.» Diese Merkmale einer revolutionären Situation sind im heutigen Sudan mehr als erfüllt. Lenin weist zudem an einer anderen Stelle darauf hin, dass für eine siegreiche Revolution ausserdem eine revolutionäre Partei unabdinglich ist. Auch das zeigt sich in den aktuellen Entwicklungen im Sudan schlagend.

Nichts ist, wie es mal war

Der Sturz des Diktators hat den Massen Selbstbewusstsein verliehen. Die zunächst aufständische Stimmung unter den Protestierenden hat sich dann schnell zu einer revolutionären Euphorie entwickelt. Frauen, welche in der sudanesischen Gesellschaft wie Privateigentum der Männer behandelt werden, und Jugendliche, die vor der Wahl zwischen einer lebensgefährlichen Flucht nach Europa und der absoluten Perspektivlosigkeit im eigenen Lande stehen, sind von einem Tag auf den anderen zu den VorreiterInnen der Bewegung geworden. In Zeiten des revolutionären Aufstandes durchschauen die unterdrückten Schichten nicht nur die Lügen des Regimes, sondern betreten die Bühne der Geschichte und fühlen ihre eigene Macht. Das Bewusstsein der ArbeiterInnen, in dem der miserable Status quo jahrelang als alternativlos erscheint, ändert sich in einer revolutionären Situation von Minute zu Minute.

Die hohen Militärs und der Rest der alten herrschenden Clique wollen um jeden Preis die Macht behalten. Als sich der Vizepräsident nach dem Sturz al-Bashirs an die Spitze des Regimes stellen wollte, wurde auch er innerhalb von 24 Stunden vom Militär weggeputscht. Das alte Regime hat unter dem Druck der Massen nicht nur ihre führenden Figuren fallen lassen, sondern zeigt sich sogar bereit, gewisse Sozialreformen durchzuführen. Aber damit geben sich die RevolutionärInnen Sudans nicht zufrieden. Sie wissen, dass das nur leere Versprechen sind. Sie lehnen richtigerweise jegliche Beteiligung der Generäle an einer zukünftigen Regierung ab und fordern eine zivile Regierung, die alle Schichten und Minderheiten der Bevölkerung repräsentiert.

Auf den Strassen regieren die Massen

Auch wenn die militärische Führung sich weiterhin an die Staatsmacht klammert, baut sich auf den Strassen Khartoums die Macht der arbeitenden und unterdrückten Klassen auf. Hier haben die Protestierenden ihr Schicksal in die eigenen Händen genommen. Die Journalistin Opheera McDoom hat die Stimmung in Khartoum festgehalten: Strassen – früher von Müll überfüllt – werden heute täglich von jungen RevolutionärInnen geputzt. Überall stehen Zelte, unter denen Freiwillige Wasser und Essen verteilen. Eine von freiwilligen ArbeiterInnen geführte Apotheke verteilt gratis Medikamente. Die Demonstrierenden haben sogar ihre eigene Selbstverteidigung organisiert. Bewachte Barrikaden und Strassensperren aus Stacheldraht und Ziegelsteinen verhindern die Versuche des Militärs oder anderer reaktionärer Kräfte, die Sitzblockaden mit Gewalt aufzulösen. Aus den Trümmern des alten Staates steigt auf den Strassen Khartoums ein neuer Ministaat empor.

In solchen revolutionären Zeiten entfesselt sich das kreative Potenzial der Menschen, die sich langsam der eigenen gesellschaftlichen Macht bewusst werden. Im Akt der Revolution schaffen sie sich die von ihnen geforderte neue Gesellschaft durch die Selbstorganisation ihres Alltags nach ihren eigenen Bedürfnissen. Statt regiert zu werden, regieren sie sich selber und erfahren so am eigenen Leibe, dass nur die ArbeiterInnenklasse selbst fähig ist, ihre Probleme und Sorgen zu beheben.

Kein Vertrauen in die KapitalistInnen!

In allen revolutionären Situationen der letzten 100 Jahren haben wir gesehen, dass solche Strukturen der Selbstorganisation, die im Kampf gegen das alte Regime entstehen, den Keim des künftigen ArbeiterInnenstaates bilden. Diese frühen Formen der Selbstorganisation in Khartoum müssen ausgebaut werden. Durch das Aufbauen von Streikkomitees in den Nachbarschaften und Betrieben und ihre nationale Vernetzung durch demokratisch gewählte Delegierte wären die Massen bereit, die Macht endgültig selbst zu übernehmen. Das ist die konsequente Schlussfolgerung der Hauptforderung der Bewegung nach einer zivilen Regierung. Nur eine Regierung der Lohnabhängigen wird fähig sein, mit dem Kapitalismus zu brechen – und nur so kann das Elend im Sudan überwunden werden.

Statt aber diese Selbstregierung weiterzuentwickeln, verhandelt die Sudanesische Organisation der Professionellen (SPA), eine Gewerkschaft der oberen Mittelschicht und die führende Organisation der Bewegung, mit den Generälen. Sie will eine Regierung sowohl aus zivilen Mitgliedern und alten Militärs in die Wege leiten. Dabei missachten sie das Verlangen der revolutionären Massen nach einer zivilen Regierung und appellieren stattdessen an die militärische Führung für mehr Mitspracherecht.

Aus den alten Fehlern lernen – Die revolutionäre Partei aufbauen!

Es gibt keinen Grund auf irgendjemanden zu warten, der die Forderungen der Bewegung umsetzt. Die Massen können nur auf ihre eigene Kraft zählen. Aber die aktuelle Führung der Bewegung ist nicht bereit, konsequent mit dem alten Regime zu brechen. Die herrschende Klasse ist gespalten, die Massen erheben sich, die Machtübernahme ist zum Greifen nah. Doch die Erfahrungen der vergangenen Revolutionen und revolutionären Situationen zeigen, dass dies alleine nicht reicht. Es braucht die revolutionäre Führung, von der Lenin gesprochen hat, es braucht eine revolutionäre marxistische Partei, die aus den vergangenen Kämpfen gelernt hat und den arbeitenden Massen des Sudan den Weg zu ihrer Machtübernahme und Selbstbefreiung weisen kann. Wenn sich die Massen hinter einem revolutionären Programm vereinen und die Macht übernehmen, wird das der Funke sein, der sich auf die ganze Region ausbreiten wird.

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