Ausgehend von den USA geistert auch in heimischen Social Network Gefilden dieser Tage ein Video mit dem ominösen Titel „Kony 2012“ herum. Das etwa dreissig Minuten lange Video will den ugandischen Warlord Joseph Kony international bekannt machen und bläst zur Jagd auf ihn. Die Kampagne zeigt sowohl die Stärken als auch die Schwächen von Sozialen Netzwerken auf.

 Die Resonanz auf das Video ist zweifelsohne überwältigend: Alle Videoportale zusammengenommen, wird es bald die Grenze von 100 Millionen SeherInnen sprengen. Mit relativ bescheidenen Mitteln die Weltöffentlichkeit mit einem sozialen Anliegen zu erreichen, ist ein Verdienst, das man den Initiatoren, den „Invisible Children“, wohl zugestehen muss. Unbestritten ist, dass die von Kony angeführte „Lord’s Resistance Army“ grausame Kriegsverbrechen begeht. Doch auch die ihr gegenüberstehenden Kriegsparteien, die ugandische Regierung und die „Sudanesische Volksbefreiungsarmee“, gehen alles andere als zimperlich vor – werden von der Kampagne „Kony 2012“ aber finanziell unterstützt. Damit ist die Kampagne in „bester“ Gesellschaft: die „Sudanesische Volksbefreiungsarmee“ wurde von der Regierung Bush mit Waffen beliefert, ihre Soldaten wurden vom US-Militär trainiert. Erst im Januar berichtete die UNICEF von einer verstärkten Rekrutierung von Kindersoldaten von Seiten der „Sudanesischen Volksbefreiungsarmee“.

In den undurchsichtigen Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent, in denen sich Machtinteressen von lokalen Warlords, imperialistischen Mächten und Grosskonzernen miteinander verstricken, ist es unmöglich in einer der Konfliktparteien einen Lichtblick zu sehen. Alle Kriegsparteien schaden der Bevölkerung in unerträglichem Ausmaß, was von ausländischen Profiteuren ausgenutzt wird. In Uganda sind aktuell 100 US-Soldaten stationiert, was im Video zur Kampagne als Erfolg verkauft wird. Weiters wird suggeriert, es handle sich hier um den ersten Fall, in dem die US-Armee nicht Wirtschaftsinteressen sondern die Interessen der Bevölkerung vertrete.

Das US-Grosskapital kann aber aufatmen, auf seine Interessen wurde keineswegs vergessen: Erst 2007 wurden die Ölvorkommen im Bereich von Lake Albert auf 2,4 Millionen Barrel Öl geschätzt. Im August desselben Jahres kam es zu Zusammenstössen. „The Economist” schrieb dazu: „Landlocked Uganda cannot afford instability on the lake if it is to attract the foreign investment needed to extract and export oil.“ In Anbetracht dieser Tatsache ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die US-Soldaten, die Joseph Kony jagen sollen, in Uganda stationiert sind. Tatsächlich hat die Lord’s Resistance Army Uganda bereits 2006 in Richtung DR Kongo und Sudan verlassen. Der Lake Albert liegt jedoch ausgerechnet in der Grenzregion zur DR Kongo. Sollten westliche Konzerne in das Gebiet investieren wollen, muss die Grenze abgesichert werden. Im täglichen Kampf um Ressourcen wären häufige militärische Angriffe zu erwarten. Dabei erscheint es als blanker Hohn, wenn im Video KONY 2012 gesagt wird „[sending the troops was] not for self defense, but because it was right“. Das Orwell’sche Ministerium für Wahrheit des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama hat gesprochen.

Wir wollen den Initiatoren von „Kony 2012“ nicht unterstellen, von Anfang an mit dem Vorsatz gehandelt zu haben, die aggressive Aussenpolitik des US-Kapitals zu unterstützen. Doch was ihnen an Vorsatz fehlt, machen sie mit völliger Unkenntnis von Zusammenhängen wett. In einer kindlichen Naivität spricht man davon, dass Social Networks ausreichen würden, um die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft zu kippen und eine Privatarmee gestoppt werden muss, um Chancengleichheit für alle Kinder der Welt unabhängig von ihrer Herkunft zu garantieren. Um diese Ziele zu erreichen reicht es allerdings nicht, ein Video über Facebook zu teilen oder VertreterInnen des bürgerlichen Staates zu überzeugen. Wenn die Kampagne Erfolg hat, wird ein Warlord geschwächt oder ausgeschaltet. An seine Stelle werden aber andere, genauso brutale, treten. Das Problem ist nicht die einzelne Person, sondern sind die Umstände, die die Herausbildung solcher Persönlichkeiten fördern. Nur die Beseitigung dieser Umstände und damit die Beseitigung des Kapitalismus kann dieses Problem lösen. Erst dadurch werden die Grundlagen für eine Gesellschaft gelegt, die jedem Menschen, auch im krisengeschüttelten Zentralafrika, ein Leben in Würde und Sicherheit gewähren kann. Das Potential dafür gibt es. Dies zeigte sich in den vergangenen Monaten anhand einer Reihe von grossen Streiks und sozialen Protestbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent.

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