«Wir sind die Töchter der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet!» Dieser packende Slogan findet mehr und mehr Anklang in feministischen Kreisen. Um was geht es wirklich? Und vor allem: Welche politischen Schlussfolgerungen ergeben sich daraus?

An der JUSO Jahresversammlung vom März 2018 benutzte die JUSO-Präsidentin Tamara Funiciello eine Analogie zur Hexenjagd in der Frühen Neuzeit. Auch in Frankreich ist der Witch-Block (engl. Hexen-Block) bei Demonstrationen präsent. Der Slogan selbst ist nicht neu. Er stammt aus dem US-Feminismus der 1960er Jahre.

Allgemein wird “Hexerei” als Symbol für die Unterdrückung der Frauen und den Widerstand dagegen verwendet. Doch diese Referenz beschränkt sich – damals wie heute – fast immer auf einfache Symbolik. In diesem Artikel gehen wir hingegen in die Tiefe: Erstens wollen wir die Hexenjagd in den historischen und politischen Kontext des entstehenden Kapitalismus stellen. Zweitens kritisieren wir die politischen Strömungen, die versuchen, ihre falschen Analysen und Forderungen mit der historischen Hexenjagd zu rechtfertigen.

Die Entstehung der Lohnarbeit und die Hausarbeit
Die Hexenjagden ereigneten sich in Europa während der Übergangsperiode zwischen dem Feudalismus und dem Kapitalismus (1450 und 1650). Das Feudalsystem war gekennzeichnet durch die Ausbeutung von Leibeigenen durch den Adel. Genauer gesagt: Die Leibeigenen bearbeiteten ihr Land, waren aber verpflichtet, den grössten Teil der Agrarproduktion an den Adel abzutreten. Das Land gehörte entweder den Leibeigenen als Privatbesitz oder dem Dorf als Allmende. Doch während der Übergangsperiode zum Kapitalismus wurden die Ländereien privatisiert. Deshalb war die Mehrheit des ehemaligen Bauerntums gezwungen, Arbeit in den Städten zu suchen. Die BäuerInnen, die auf dem Land verblieben, bearbeiteten nicht mehr ihre eigenen Felder, sondern wurden von den neuen Grundbesitzern (den zukünftigen Kapitalisten) angestellt. Der Übergang zum Kapitalismus impliziert also die Geburt der LohnarbeiterInnen und der KapitalistInnen.

Auch bezüglich der Arbeitsteilung zwischen den Familienmitgliedern kam es zu grossen Umwälzungen: Das Aufkommen der Lohnarbeit bedeutete die erste räumliche Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit. Im Feudalsystem waren diese zwei Sphären auf dem Bauernhof vereint. Trotzdem herrschte eine geschlechtliche Arbeitsteilung: Die Frauen waren tendenziell für den Haushalt verantwortlich, die Männer für die Feldarbeit. Man kann folglich sagen, dass die heutige geschlechtliche Arbeitsteilung von früheren Gesellschaftsformen vererbt ist, aber durch die Entstehung des Kapitalismus massiv verstärkte wurde. Hinzu kommt, dass bereits im Anfangsstadium des Kapitalismus ein Grossteil der Frauen neben der Hausarbeit zusätzlich für Lohn arbeitete, und dies unter deutlich schlechteren Bedingungen als die Männer (z.B. 30 bis 50% Lohndifferenz).

Die Hexenjagd
Im 16. Jahrhundert war dieser Übergang geprägt von einer Verarmung der arbeitenden Klasse in Europa. Die Kaufkraft sank in weniger als 100 Jahren um 30%. Anfang des 17. Jahrhunderts kam es zu einer demographischen Krise. Das bedeutet, dass der Geburten- und Bevölkerungsrückgang die entstehende Ordnung bedrohten, da den neuen Grundbesitzern Arbeitskräfte fehlten. Überall in Europa reagierten die Staaten mit “geburtenfördernder Politik”. Damit verbunden war vor allem das strikte Verbot sowie die gewaltsame Unterdrückung von Geburtenkontrollen, Abtreibungen und nicht-reproduktiver Sexualität (z.B. Homosexualität).

Im Mittelalter wurden offen verschiedene Formen rudimentärer Geburtenkontrolle angewandt. Nun aber wurde die Fortpflanzung in den Dienst der kapitalistischen Ausbeutung gestellt. Frauen wurden zur Fortpflanzung gezwungen und erlebten dadurch eine extreme Unterdrückung, indem ihre eigenen Körper gegen sie selbst gerichtet wurden. Das Ziel war, die Reproduktion der Arbeitskraft zu garantieren. Es sollte sichergestellt werden, dass genügend Lohnabhängige verfügbar sind, um das Land zu bewirtschaften.

Die wichtigste Zielscheibe waren die “Hexen”. Das waren Frauen (und seltener Männer), die über Fachkenntnisse in Verhütungs- und Abtreibungsmethoden verfügten und als Hebammen tätig waren. Um mit diesem Wissen zu brechen, das den kapitalistischen Interessen zuwiderlief, wurde ihnen vorgeworfen, Kinder dem Teufel zu opfern. Das sind die “Hexenjagden”: Zwischen 1480 und 1650 sollen in Europa bis zu 110’000 Hexen verbrannt worden sein, davon 80% Frauen.

Hausarbeit bezahlen?
Mit welchem Ziel wurden diese Grausamkeiten vollzogen? Laut Silvia Federici – einer berühmten Intellektuellen und feministischen Aktivistin – war die Hexenjagd eine Strategie der herrschenden Klasse, um Frauen zu unterwerfen und so ihre Arbeit “unsichtbar” zu machen. Diese Lesart begründet dann den politischen Hauptanspruch Federicis: Die Entlohnung der Hausarbeit. Das erklärte Ziel ist es, die Anerkennung von Hausarbeit auf Augenhöhe mit Lohnarbeit zu erreichen.

Nun haben wir die extremen Formen der Unterwerfung von Frauen im Interesse des entstehenden Kapitalismus gesehen. Doch wie kommt Federici von Hexen zur bezahlten Haushaltsarbeit?

Es ist richtig, dass die Hausarbeit in ihrer heutigen Form mit dem Kapitalismus entstanden ist. Doch um die Gleichstellung von Hausarbeit und Lohnarbeit zu erreichen, versucht Federici in der Hausarbeit das gleiche Ausbeutungsverhältnis festzustellen wie in der Lohnarbeit. Um diesen Ansatz zu rechtfertigen, wendet sie marxistische Begriffe wie “Ausbeutung” oder “Kapital” auf die Beziehungen zwischen Mann und Frau an.

In Caliban und die Hexe wird der Körper zur “Fabrik”, “Gewalt selbst wird zur Hauptproduktivkraft” und Möbel, Utensilien und Kleidung werden als “reproduktives Kapital” bezeichnet. Auf den Punkt gebracht, die Frau – indem sie Hausarbeit leistet – arbeitet für den Mann. Oder umgekehrt: Männer beuten Frauen aus. Daraus folgt die grundlegende politische Forderung, die Entlohnung der Hausarbeit.

Ausbeutung, Familien- und Klassenkampf
Die Aufgabe der MarxistInnen und FrauenbefreiungsaktivistInnen besteht im Aufzeigen, dass kapitalistische Interessen der Frauenunterdrückung zugrunde liegen und sie sogar fördern. Diese Interessen der Herrschenden müssen wir bekämpfen. Irreführende Analogien wie der Körper als “Fabrik” oder das “reproduktive Kapital” mögen schöne Bilder liefern. Dennoch resultieren sie in falschen Analysen und politisch schädlichen Forderungen.

Federici glaubt, dass die “Macht” der herrschenden Klasse über die Unterdrückten mit der “Macht” der Männer über die Frauen vergleichbar sei. Das ist eine sehr oberflächliche Sichtweise auf das Machtverhältnis. Sie sagt nichts aus über die Ursache der ominösen «Macht» und deren Funktion im System. Sie verhüllt geradezu die Klassengegensätze zwischen den Lohnabhängigen und den Kapitalisten. Eine Vereinigung der Lohnabhängigen – unabhängig von ihrem Geschlecht – im Kampf für die gemeinsamen Ziele wird so verhindert. Um das Ausbeutungsverhältnis, das der Hausarbeit wirklich innewohnt, zu verstehen, müssen wir wissen, wer den kapitalistischen Profit einstreicht.

Lohnarbeit und Hausarbeit
In früheren Artikeln haben wir ausführlich argumentiert, dass im Kapitalismus die lohnabhängige Familie als Ganzes durch die KapitalistInnen ausgebeutet wird. Die lohnabhängige Familie hat die Aufgabe, Arbeitskräfte zu reproduzieren. Dazu ist sowohl die Lohnarbeit (notwendig, um Nahrung, Unterkunft etc. zu bezahlen) als auch die Hausarbeit (notwendig, um Essen zu kochen und Kinder aufzuziehen) unerlässlich. Somit ist es nicht der Arbeiter, der durch die kostenlose Hausarbeit der Frau einen Profit einsackt, sondern das Kapital, das die “erneuerten” Arbeitskräfte von Neuem ausbeuten kann. MarxistInnen lehnen einen “Lohn für Hausfrauen” ab: Ein solcher würde die Ausgrenzung aus dem sozialen und politischen Leben von Hausfrauen verstärken. Deshalb ist ein solcher Lohn für Hausarbeit auch keine mögliche “Zwischenstrategie”. MarxistInnen haben deshalb immer die Integration von Frauen in die Lohnarbeit gefordert. Der Kampf für bessere Lebensbedingungen soll die Einheit der Geschlechter schaffen. Die Forderung der Vergesellschaftung der Hausarbeit muss diesen Kampf immer begleiten. Insbesondere in Bezug auf die häusliche Arbeit muss dieser Kampf auch am Erwerbsarbeitsplatz geführt werden. Denn er richtet sich gegen die Kapitalistenklasse.

Hexentöchter?
Da Frauen für die Hausarbeit verantwortlich sind, scheinen Frauen für Männer zu arbeiten. Dies kann zu einem Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen führen. In dieser potenziell vergifteten Beziehung erleiden Frauen täglich sexistisches und unterdrückendes Verhalten.

Doch es ist die Kapitalistenklasse, die von der kostenlosen Reproduktionsarbeit profitiert (siehe Kasten). Seit der Entstehung des Kapitalismus wurde die gesellschaftliche Position der Frauen von kapitalistischen Interessen bestimmt. Während der Zeit der Hexenjagd nahm die Unterwerfung von Frauen besonders gewalttätige und ekelhafte Formen an. Diese Episode versinnbildlicht die Unterwerfung von Frauen zugunsten der KapitalistInnen. Die Hexenjagd zeigt auf, dass die kapitalistische Gesellschaft nach den Bedürfnissen der herrschenden Klasse – der KapitalistInnen – eingerichtet ist.

Auch der Slogan einiger JungsozialistInnen ist irreführend. Er ist zweifellos fesselnd, aber gleichzeitig wenig nützlich für unsere politische Arbeit. Er gibt keinen Hinweis darauf, wer für die Hexenjagd und die Frauenunterdrückung verantwortlich ist und wer davon profitiert. Der Slogan erklärt uns auch nicht, auf welcher Grundlage der Kampf gegen die massive Unterdrückung der Frauen geführt werden soll. Schlicht alle Menschen, die sich als Hexen bezeichnen? Oder nur Frauen gegen Männer? Das kann nicht im Interesse der SozialistInnen sein.

Unser Kampf muss unbedingt gemeinsam mit allen Mitgliedern der proletarischen Familie geführt werden. Dies bedeutet mit den Jugendlichen, den Arbeitern und den Arbeiterinnen und den Frauen, die täglich unter der doppelten Belastung leiden. Mit anderen Worten: Im vereinten Kampf für gemeinsame Interessen wird die Einheit der unterdrückten Schichten und die Einheit der Geschlechter geformt.

Dersu Heri
JUSO Genf

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