Die Schweiz hat den weltweit zweithöchsten Anteil an Teilzeit arbeitenden Frauen. Die fatalen Auswirkungen entblössen den zutiefst reaktionären Charakter des Schweizer Kapitalismus.

59% der angestellten Frauen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Nur die Niederlande weist einen noch höheren Anteil auf. Der Antrieb dahinter ist offensichtlich, denn die Schweizer Kapitalisten profitieren gleich doppelt: Einerseits können sie die Arbeitskraft der Frauen auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten. Andererseits ermöglicht die Teilzeitarbeit, dass die Frauen dennoch gratis die Hausarbeit verrichten können. Auch heute noch erledigen Frauen den Grossteil der Haus- und Betreuungsarbeit – fast zweimal so viel wie die Männer. Die Teilzeitarbeit ist ein entscheidender Pfeiler der Frauenunterdrückung in der Schweiz.

Mütter, Doppelbelastung, Sexismus

Frauen mit jungen Kindern weisen die höchsten Teilzeitanteile auf (82,3%; Väter in derselben Situation: 13,4%). Die meisten Frauen geben familiäre Verpflichtungen als Hauptgrund für ihren Teilzeitjob an. Für die wenigen Teilzeit arbeitenden Männer hingegen sind Ausbildung und zeitaufwändige Hobbies die angegebenen Gründe. Klar ist: Im Schweizer Kapitalismus sollen sich auch noch im Jahr 2019 die Frauen um den Haushalt kümmern!

Dies hat natürlich starke Auswirkungen auf die Rolle der Frau innerhalb der Familie und schliesslich in der Gesellschaft. Gemäss dem Bundesamt für Statistik sind die Teilzeit-Frauen mit ihren kleineren Arbeitspensen für nur 24% der Familieneinkommen verantwortlich. Damit sind die Frauen materiell von den Männern abhängig. Als «Hausarbeiterin» im privaten Haushalt erscheint es so, als würde die Frau für den Vollzeit angestellten Mann arbeiten. Es scheint, als wäre der Mann der Besitzer der Frau. Aus diesem Abhängigkeitsverhältnis können sehr vergiftete Beziehungen zwischen Mann und Frau entstehen. Diese Abhängigkeit stellt die Ursache für die Frauenunterdrückung in allen ihren hässlichen Facetten dar. In vergangenen Artikeln haben wir uns intensiv mit beispielsweise Gewalt an Frauen, Lohnungleichheit, Essstörungen oder Abtreibungsverboten befasst.

Prekäre Jobs und Rollenbilder

Doch zurück zur Teilzeitarbeit. Diese «erlaubt» es den Frauen also, einer Doppelbelastung ausgesetzt zu sein: Hausarbeit und Lohnarbeit. Für diese «Möglichkeit» sollen die Frauen aber ihrem Kapitalisten gefälligst dankbar sein und miese Arbeitsbedingungen akzeptieren. So sind Teilzeitstellen oft von tieferen Löhnen, befristeten Arbeitsverträgen, unregelmässigen Arbeitszeiten, Arbeit auf Abruf und schlechten Sozialversicherungsleistungen gekennzeichnet.

Die doppelten Ansprüche, welche an Frauen im Kapitalismus gestellt werden, sorgen dafür, dass Frauen gezielt in prekäre Jobs gedrängt werden. In der Folge sind Teilzeitstellen oftmals «typische Frauenberufe» wie Sekretärinnen, Erzieherinnen oder im Gesundheitssektor (jeweils fast 60% Teilzeitstellen). In traditionellen «Männerberufen» – beispielsweise auf dem Bau – finden sich hingegen kaum Teilzeitjobs. Dies bedeutet, dass die Teilzeitarbeit auch ein Hebel ist, um die traditionellen Rollenbilder weiter aufrechtzuerhalten.

Die Gewerkschaften haben es bisher vernachlässigt, die Teilzeit arbeitenden Frauen gewerkschaftlich zu organisieren. Obwohl schweizweit jedeR fünfte Lohnabhängige Mitglied einer Gewerkschaft ist, sind im Dienstleistungssektor nur 8% der Beschäftigten organisiert. Auch in anderen Berufen mit hohem Frauenanteil sind die Organisationsgrade verschwindend klein: Unterrichtswesen und Erziehung 6%, Gesundheitswesen 3%, Reinigung 6%. Dies eröffnet wiederum den Kapitalisten optimale Bedingungen, um maximale Profite aus den Beschäftigten herauszupressen, ohne entsprechende Gegenwehr erwarten zu müssen.

Reaktionäre Schweiz

Der Kapitalismus ist dringend darauf angewiesen, dass ein Grossteil der Hausarbeit gratis von den Frauen erledigt wird. Denn die herrschende Klasse will so wenig wie möglich für die notwendige Hausarbeit bezahlen. In der Schweiz ist insbesondere die öffentliche Kinderbetreuung verheerend schlecht ausgebaut. So deckt das Kinderkrippen-Angebot 11%, die Mittagstische 10% und die Tagesschulen nur 6% der Kinder in der Schweiz ab. Dies bedeutet schliesslich, dass sich die Familien selbst – das heisst meistens die Frauen – um ihre Kinder kümmern müssen. Und dafür eben gezwungen sind, prekäre Teilzeitstellen anzunehmen.

Hinzu kommen zahlreiche weitere Rahmenbedingungen, welche die Doppelbelastung der Frau zementieren. Die Schweiz ist auch das zweitletzte Land in West- und Nordeuropa betreffend finanzieller Unterstützung für Familien. Auch die Betreuung der Alten und Behinderten (ebenfalls mehrheitlich von Frauen erledigt) wird in der Schweiz speziell stark in die Verantwortung der Privathaushalte gelegt: Während in den OECD-Ländern durchschnittlich 85% der Langzeitpflege «öffentlich-solidarisch» finanziert wird, liegt dieser Anteil in der Schweiz bei unter 40%. Hinzu kommt, dass ein zweifacher Lohn innerhalb der Familie oft steuerliche Nachteile mit sich bringt. Und schliesslich kommt noch die allseits bekannte Abwesenheit eines gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs in der Schweiz.

Den gesetzten Rahmen sprengen!

Dies zeigt, wie eng der Rahmen ist, den uns der Kapitalismus steckt. Die knallharten Bedingungen des Schweizer Kapitalismus – schlechte öffentliche Kinderbetreuung, Lohnungleichheit, offener und versteckter Sexismus, usw. – sind mächtiger als unsere individuellen Werte. Eine Studie der Uni Lausanne hat ermittelt, dass auch Paare mit fortschrittlichen Wertevorstellungen in eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau fallen, sobald sie Kinder bekommen. Das heisst, dass abstrakte Forderungen nach einer «gerechteren» Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau wirkungslos verpuffen, da im Schweizer Kapitalismus die Grundvoraussetzungen dafür gar nicht gegeben sind.

Die allermeisten Menschen in der Schweiz haben ein klares Interesse an guten Jobs zu guten Löhnen, an einem flächendeckendes Krippennetz und an der Selbstbestimmung der Frau. Wenn also der kapitalistische Rahmen diese Bedürfnisse nicht befriedigen kann, dann muss er eben gesprengt werden. Dies bedeutet auch, dass der Frauenkampf als Klassenkampf geführt werden muss: Gemeinsam mit den lohnabhängigen Männern. Und gegen die Klasse der Kapitalisten, welche die Frauen gleich mehrfach ausbeuten.

Aus dieser Analyse müssen wir konkrete Forderungen ableiten, damit wir uns kampffähig machen. Um gegen die Frauenunterdrückung und die verheerenden Auswirkungen der Teilzeit-Arbeit im Kapitalismus zu kämpfen fordern wir:

  • Kostenlose Kindertagesstätten, Kantinen und Pflegeplätze in Quartier und Betrieb! Bezahlt durch stark progressive Steuern! 
  • 12 Monate Elternschaftsurlaub für Mütter und Väter!
  • Eine drastische Reduktion der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn!

Dersu Heri
JUSO Genf

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