Rund 20’000 Leute demonstrierten unlängst in Bern für Lohngleichheit. Geschlossen hinter dieser isolierten Forderung? Keinesfalls. Viele Junge sind weitaus radikaler als die OrganisatorInnen, durchblicken deren Illusionen und finden Gefallen an den revolutionären Positionen des Funke!

«Auch die Bürgerlichen machen mit, das ist ganz wichtig!» So fasst Moderatorin Sandra Künzi die grosse Lohngleichheitsdemo ENOUGH18 am 22. September auf dem Bundesplatz in Bern zusammen. Ihre Worte sind ganz nach dem Gusto der taktgebenden Gewerkschaften Unia und VPOD, sowie der SP. Diese lechzen nämlich nach der Unterstützung von liberalen und konservativen Parteien im «Kampf» für gleiche Löhne. Auf diesem Weg wollen sie nämlich eine neue Gesetzesvorlage durchbringen, durch die gewisse Firmen die Lohndifferenzen zwischen Frau und Mann prüfen müssten. So ringt die Linke um jede Stimme der bürgerlichen Mehrheit im Parlament. Laut dem SGB würden von der Lohngleichheit schliesslich alle profitieren. Dass dies nicht stimmt, haben die Bürgerlichen erfasst: Sie schwächen die Vorlage wenige Tage später entschieden ab, da sie ihre Klasse konsequent vertreten. Anders als die Linke: Diese politisiert völlig am Bewusstsein der vielen Jugendlichen vorbei, die sich rund um das Thema der Frauenunterdrückung radikalisieren.

Gesetze als Selbstzweck
«Die institutionelle Gleichstellung der Frau reicht nicht aus, um die wirtschaftliche Befreiung der Frauen zu garantieren», findet beispielsweise Demo-Teilnehmerin Andrea (30). Gesetze seien zwar wichtig, doch hinter der Lohnungleichheit stecke ein internationales System, das Frauen in schlechter bezahlte Branchen drängt. Genau dieses System lassen die SP und die Gewerkschaften jedoch unberührt. Statt konkrete Verbesserungen der ökonomischen Situation der Frauen in der Schweiz zu verlangen, will die Linke «mit einem deutlichen Zeichen zeigen, dass es vorwärts geht». Sie unterwirft so eine potentiell sehr kämpferische Demo dem Zweck einer Gesetzesvorlage, die schliesslich nur abgeschwächt durchkommt. Wer das Aushandeln von Gesetzen als Endziel seines «Kampfes» sieht, hat den spezifisch ausgebeuteten Frauen nichts zu bieten. Denn immerhin steht die Lohngleichheit seit 37 Jahren in der Verfassung drin – davon entfernt sind wir auch heute noch um satte 18 Prozent.

Kampf gegen den Mann, oder gegen die Bourgeoisie?
Effi (19) teilt diese Ansicht: «Ein Gesetz, das reicht doch nicht!» Es müssten, erklärt sie, umfassendere Forderungen gestellt werden, welche den Vaterschaftsurlaub und die Altersversicherungen umfassen. Die Ungleichheit betreffe nämlich auch die Männer. So zum Beispiel Joris und Matthias (beide 16), die extra aus Lausanne angereist sind. Für sie ist klar: Nur geeint könne man Grosses erreichen. Dafür müsse man Druck auf die UnternehmerInnen machen. Diese radikalen Ideen stehen im Kontrast zu den gemässigten Parolen der sozialdemokratischen Führung. Diese hat es mit ihren isolierten, im System verharrenden Forderungen erneut verpasst, das enorme Potenzial der sich radikalisierenden Jugend auszuschöpfen. Wie gross dieses war, lässt sich anhand unserer gemachten Erfahrungen erahnen: An nur einem Nachmittag verkauften wir über 700 Funke-Zeitungen mit dem Extrablatt «Für Lohngleichheit – für Revolution!».

Die Einigung der Kämpfe zu einer starken Opposition
Die vielen verkauften Zeitungen und angeregten Diskussionen sind kein Zufall: Sie zeigen auf, dass viele Jugendliche mit radikalen, marxistischen Positionen erreicht werden können. Viele unter ihnen sehen hinter dem Sexismus schon lange ein System, das sich nicht durch einfache Reformen bändigen lässt. Sie wenden sich von SP und Gewerkschaften ab, um Ansätze zu suchen, die das herrschende System endgültig über den Haufen werfen wollen. Die Kompromissbereitschaft wird zu nichts führen, deshalb muss die Jugend eine starke linke Opposition bilden. Dafür reicht es nicht, die SP und die Gewerkschaften zu kritisieren: Wir müssen die Verbindungen zwischen der kapitalistischen Ausbeutung und der sexistischen Unterdrückung verstehen, um die unzähligen Kämpfe der Jugend zu einer Opposition mit Schlagkraft zu vereinen.

Nicht alle haben ein Interesse an der Lohngleichheit
Das Verständnis beginnt mit der Einsicht, dass die Forderung für ein Lohngleichheitsgesetz nicht ausreicht für die Befreiung der Frau. Es handelt sich bei der Lohndiskriminierung nämlich in erster Linie nicht um die sexistischen Einstellungen der UnternehmerInnen, die sich durch gute Argumente ändern lassen. Es profitieren nicht alle von der Lohngleichheit, im Gegenteil: Die Unternehmen profitieren auf allen Ebenen von der Unterdrückung der Frau. Diese wird durch die Arbeitsteilung in unbezahlte reproduktive Arbeit (Hausarbeit, Pflegearbeit, Erziehung) und ausbeuterische produktive Lohnarbeit aufrechterhalten. Während der Mann Vollzeitarbeit für ein Unternehmen leistet, muss die Frau sich um die Reproduktionsarbeit kümmern, weil die Kinderkrippen und andere sozialisierte Formen der Reproduktionsarbeit kaum bezahlbar sind.

Dreifachbelastung und unzureichende Löhne
In der Schweiz geben junge Familien rund die Hälfte ihres Einkommens für Kinderbetreuung aus.  Das liegt unter anderem daran, dass sich die KapitalistInnen an deren Kosten kaum beteiligen müssen. Allerdings reichen die Löhne der Männer meist nicht einmal aus, um die im Haus schuftende Frau und allfällige Kinder mit über die Runden zu bringen. Deshalb müssen viele Frauen zusätzlich zur Vollzeitbelastung des Haushalts eine Teilzeitstelle annehmen. Diese Teilzeitstellen finden Frauen meist in administrativen und sozialen Berufen, in schlechter bezahlten Branchen also. Auch wenn man die unterschiedlichen Pensen in Betracht zieht, verdienen Frauen weniger als Männer. Es ist also falsch, nur von «diskriminierender» und «erklärbarer» Lohndifferenz zu sprechen: Frauen werden strukturell unterdrückt und ausgebeutet.

Frauenkampf heisst Klassenkampf!
Wollen die Gewerkschaften und die SP von den sich radikalisierenden Jugendlichen nicht zunehmend rechts liegen gelassen werden, dürfen sie sich nicht zufrieden geben mit kurzfristigen, institutionellen Forderungen und illusionären Kompromissen. Der Kampf um die Lohngleichheit muss eingebettet werden in den Klassenkampf. Kitas, Altersheime, Mensen und Waschküchen müssen von den Unternehmen und den Reichen bezahlt werden, statt für Familien, Jugendliche und Alte kaum bezahlbar zu sein. Frauen und Männer müssen gemeinsam und geeint in den Unternehmen für höhere Löhne kämpfen. ArbeiterInnen müssen absolute Lohntransparenz in den Unternehmen verlangen, indem sie Einblick in die Geschäftsbücher fordern. Wir lassen uns nicht spalten, weder in Geschlechter, noch in Sexualitäten, noch in Nationen. Wir kämpfen gemeinsam, Menschen aller Geschlechter und unabhängig von unserer Herkunft und Hautfarbe, für den Sozialismus, für ein befreites Leben ausserhalb des Zwangs der Lohn- und der Hausarbeit.

Vita R.
ASEMA Genf

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