MarxistInnen wird im Zusammenhang mit der Geschlechterfrage oft vorgeworfen, dass sie die Unterdrückung von Frauen als “Nebenwiderspruch” sehen. Wir wollen uns hier mit diesem Vorwurf beschäftigen und eine marxistische Antwort auf diesen geben.

Das Begriffspaar Haupt- und Nebenwiderspruch geht auf eine Schrift von Mao zurück. Die darin repräsentierten Ansichten stellen eine vulgäre Vereinfachung des marxistischen Widerspruchbegriffs dar. Wenn die beiden Begriffe im heutigen linkspolitischen Diskurs fallen, bezieht sich allerdings kaum jemand auf deren ursprüngliche Definition.

Der mit der Aussprache des Begriffs “Nebenwiderspruch” verbundene Vorwurf an MarxistInnen ist allerdings viel älter als der Begriff selbst. Wenn dieser Vorwurf ausgesprochen wird, ist damit gemeint, dass die MarxistInnen verschiedene Formen der Unterdrückung, insbesondere die Frauenunterdrückung, als nebensächliche Erscheinung des Kapitalismus und daher keiner weiterer Betrachtung würdig sähen. MarxistInnen hielten die Unterdrückung des Proletariats durch die Bourgeoisie für die einzig nennenswerte Unterdrückungsform, so die Kritik.

Unterdrückungsformen als Ausdruck einer Klassengesellschaft
MarxistInnen wissen, dass alles, was ist, erst entstehen musste und in seinem Entstehen auch immer bereits der Untergang des Bestehenden vorbereitet wurde. Als die alte, feudale Gesellschaft zum Hemmnis der Revolutionierung der Produktivkräfte wurde, war ihr Untergang zur Notwendigkeit des Fortschritts geworden und sie musste im Klassenkampf dem Kapitalismus weichen. Doch, wie Marx darlegte, genauso wie die Widersprüche, die in der alten Gesellschaft heranwuchsen, das Ende derselben bedeuteten, brachte der Kapitalismus die Widersprüche hervor, die sein Ende bedeuten werden. Heute ist der Kapitalismus längst zum Hemmnis des ökonomischen und sozialen Fortschritts geworden.

Dasselbe gilt für die mannigfaltigen Unterdrückungsformen, wie eben zum Beispiel die Unterdrückung der Frau, denen die Menschen im Kapitalismus ausgesetzt sind. Es sind Unterdrückungsformen, welche aus der kapitalistischen Produktionsweise resultieren und diese gleichzeitig stützen.

Die fortwährende Revolutionierung der Produktivkräfte kann auch als das erneute Aufheben einer spezifischen Form von Arbeitsteilung und ihre Reetablierung auf höherem Niveau gesehen werden. So ist die Entwicklung der Produktivkräfte eng mit der fortschreitenden Sozialisierung der Produktion verbunden. Im Gegensatz zum Feudalismus nimmt die Arbeitsteilung im Kapitalismus eine gesellschaftliche bzw. eine globale Dimension an. Die kleinräumige Produktion ist so gut wie überwunden.

Kapitalismus und Geschlechterfrage
Gleichzeitig wird jedoch die Revolutionierung von ganzen Wirtschaftsbereichen, welche die Reproduktion (Versorgung des Haushalts, Kinderbetreuung, Betreuung von Alten und Kranken) betreffen, unterlassen, beziehungsweise einem Teil der Bevölkerung vorbehalten. Das gilt insbesondere für die Hausarbeit, welche heutzutage in überwiegender Mehrheit als unbezahlte Arbeit von Frauen geleistet wird und die patriarchale Familie als soziale Einheit aufrechterhält. Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik gaben im Jahr 2010 drei Viertel der Frauen an, alleine für die Hausarbeit zuständig zu sein. Für die Frau, welche in der Regel gleichzeitig einer Lohnarbeit nachgeht, nachgehen muss, bedeutet dies eine enorme Doppelbelastung. So verrichtet eine Mutter, deren Kinder unter 6 Jahren sind, laut BfS (2017) wöchentlich insgesamt um die 57,8 Stunden unbezahlter Arbeit.

Die kostenlose Verrichtung von Hausarbeit ist für die KapitalistInnen sehr profitabel. Berechnet man den Wert der unbezahlten Arbeit, dann ergeben sich allein für privat geleistete direkte Betreuungsarbeit für Kinder und Erwachsene Arbeitskosten von jährlich über 80 Milliarden Franken (BfS, 2010), was etwa den jährlichen Arbeitskosten in Baugewerbe und Handel entspricht. Dass diese Arbeit eine gesellschaftlich notwendige ist, wird dabei gekonnt verschwiegen.

Ein weiterer Aspekt der spezifisch kapitalistischen Form der Frauenunterdrückung ist die Lohnungleichheit. Obwohl diese gesetzlich untersagt ist, wissen wir alle, dass sie immer noch die Regel ist. Laut dem Bundesamt für Statistik verdienten Frauen 2014 12,5% oder 866 CHF weniger als Männer mit einer vergleichbaren beruflichen Stellung. Im privaten Sektor ist die Lohndifferenz mit 14,6% noch höher. Die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern ist für die KapitalistInnen extrem profitabel. Sie verhält sich wie ein Dauerrabatt auf potente Arbeitskraft. So können die Arbeiterinnen gegen die Arbeiter ausgespielt werden, um das generelle Lohnniveau zu drücken.

Es sind diese Formen der Ausbeutung der Frau, aus denen die traditionellen patriarchalen Rollenbilder, auf deren Nährboden sich Sexismus verbreitet, resultieren. Die ArbeiterInnenklasse wird entlang des Geschlechts gespalten. Besonders heute sehen wir, wie die KapitalistInnen und ihre VertreterInnen in der Politik auf das ideologische Bild der traditionellen Familie zurückgreifen, um ihre Kürzungen an Kinderkrippen und Pflegeeinrichtungen zu legitimieren. Es gibt unzählige weitere Beispiele, wie sich die Herrschenden die verschiedenen Formen von Unterdrückung zu Nutze machen und sie dabei reproduzieren. Fest steht, dass die Bourgeoisie ein definitives ökonomisches und politisches Interesse an der Spaltung des Proletariats in verschiedene unterdrückte Teile hat.

Sozialismus und Geschlechterfrage
Jegliche Spaltung der ArbeiterInnen läuft ihren gemeinsamen ökonomischen Interessen entgegen. Die Verbindung der Kämpfe zu unterlassen, sprich den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau, von jenem gegen die Unterdrückung der gesamten arbeitenden Klasse zu trennen, bedeutet, die Spaltung der Geschlechter nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu vertiefen. Der Kampf der unterdrückten Frau muss als Kampf der unterdrückten Klasse gesehen werden. Es gilt aufzuzeigen, dass der arbeitende Mann und die arbeitende Frau im Kapitalismus beide ausgebeutet werden und dass, in dieser Ausbeutung, die spezifische Unterdrückung der Frau nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Beziehung zwischen den Geschlechtern eine Last ist. Erst wenn die gesamte Menschheit vom Joch der Ausbeutung befreit wird, wenn die Produktion in allen Bereichen vergesellschaftet wird, können Mann und Frau sich gleichwertig und befreit von den patriarchalen Ideologien begegnen.

Der Sozialismus bedingt die Aufhebung der Frauenunterdrückung, ebenso wie die endgültige Aufhebung der Frauenunterdrückung nur durch die sozialistische Revolution erwirkt werden kann. Die Frage der Prioritäten wird hinfällig.

Das heisst aber weder, dass sich die Geschlechterfrage mit der sozialistischen Revolution von selbst auflöst, noch, dass wir bis zur Revolution nichts gegen Sexismus unternehmen müssen. Ganz im Gegenteil. Auch wenn die Revolution rechtliche und ökonomische Gleichstellung erreicht und nachdem die ArbeiterInnen durch die Schule eines siegreichen Aufstandes gegen die KapitalistInnen gegangen sind, werden die jahrhundertealten Vorurteile nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Der Kampf muss unerlässlich fortgeführt werden, bis die Klassengesellschaft und jegliche Form von Unterdrückung restlos eliminiert worden sind. Nur der Sozialismus ermöglicht es aber, die ökonomische Basis der patriarchalen Familienstruktur, die unbezahlte Hausarbeit, zu überwinden. Die Vergesellschaftung der Hausarbeit und die restlose Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt sprengt den Rahmen des kapitalistischen Systems und bedingt daher die Vergesellschaftung der Produktionsmittel.

Bis dahin ist es die Aufgabe aller sozialistischer Politik, das Klassenbewusstsein zu heben. Das schliesst den konsequenten Kampf gegen alle Formen der Unterdrückung und reaktionäre Ideologien wie Sexismus und Rassismus mit ein. Diese müssen wir alltäglich in unseren Organisationen, in unserem Umfeld und in uns selbst bekämpfen. Nie darf aber eine Gelegenheit verpasst werden, aufzuzeigen, wie einE KapitalistIn von Ausbeutung und Unterdrückung profitiert. Wir können die Unterdrückungsformen auch innerhalb unserer Klasse nicht vollständig beseitigen, solange sie durch das System täglich reproduziert werden.

Unsere Aufgabe ist nicht in Haupt- und Nebenwidersprüche zu teilen. Sie ist es, den inneren Zusammenhang zwischen allen Unterdrückungsformen und dem Kapitalismus aufzuspüren und den Kampf gegen diese im Kampf gegen den Kapitalismus zu vereinen.

Nur revolutionäre SozialistInnen können den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung konsequent und bis zu seinem Ende führen.

Cyrill Schenkel
JUSO Zürich

Print Friendly, PDF & Email

Das Schreiben und Rechechieren für unsere Artikel kostet Geld. Dabei sind wir auf deine Unterstützung, als LeserInnen und UnterstützerInnen angewiesen. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, zögere nicht und lass uns deine Solidarität und Unterstützung spüren. Ob gross oder klein, jeder Betrag hilft und wird geschätzt.

Der Funke
IBAN: CH39 0900 0000 8563 7568 1
Postkonto Nr.: 85-637568-1
Bezahlungsvermerk: Spende Web
Spende
Other Amount:
Print Friendly, PDF & Email