Sexismus, Lohnungleichheit, unbezahlte Hausarbeit. Dass Frauen auch im 21. Jahrhundert trotz Errungenschaften der ArbeiterInnen- und Frauenbewegungen den Männern nicht gleichgestellt sind, wird schnell ersichtlich. Doch wollen wir Frauenunterdrückung im Kapitalismus begreifen, dann müssen wir die Rolle der Frau im kapitalistischen (Re)Produktionsprozess verstehen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – dass diese Schlagworte der bürgerlichen Französischen Revolution angesichts der faktischen Unfreiheit, Ungleichheit und der Konkurrenz in der kapitalistischen Realität rasch zu leeren Worthülsen wurden, ist schnell bewiesen. Mit dem Slogan der «Brüderlichkeit» machte die Bourgeoisie allerdings von Beginn weg klar, dass Frauen nicht als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft gelten sollten. Bis heute bleibt das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in der bürgerlichen Gesellschaft ein ungleiches und unterdrückerisches. Zwar beseitigte die ArbeiterInnenbewegung und die Frauenbewegungen einige der schlimmsten Auswüchse der Frauenunterdrückung; in der Schweiz etwa mit dem Kampf für das Frauenstimmrecht, das Recht auf Abtreibung oder der Abschaffung der alleinigen rechtlichen Verfügungsgewalt des Mannes über «seine» Frau und Kinder.

Nichtsdestotrotz bleiben als schlagende Zeugnisse der nach wie vor bestehenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern die diversen Formen von Sexismus – von sexistischer Stereotypisierung in der Werbung bis zur Tatsache, dass nach wie vor überwiegend Frauen von sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt betroffen sind – daneben bleiben Frauen vor allem auch ökonomisch und sozial benachteiligt, was sich etwa im nach wie vor bestehenden Lohnunterschied von durchschnittlich 18,4% ausdrückt.

Doch diese verschiedenen Ausdrücke der Diskriminierung von Frauen kommen nicht von Ungefähr. Sie sind Resultat einer Gesellschaftsordnung, in der Frauen und Männern unterschiedliche Rollen zugewiesen werden. Und diese Rollenzuweisung hat eine materielle Grundlage; also eine Grundlage in der Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft die Produktion des materiellen Lebens organisiert ist.

Produktion & Reproduktion
Als MarxistInnen gehen wir davon aus, dass Gesellschaftsformationen in letzter Instanz durch die in einer Gesellschaft dominierenden Produktionsverhältnisse bestimmt sind. Vorbedingung und gleichzeitig primärer Zweck menschlicher Gesellschaft ist die gemeinsame Produktion von Lebensmitteln und die Reproduktion des eigenen Lebens. Den Grossteil ihrer Geschichte lebte die Menschheit in Gesellschaftsformen, die auf Gemeineigentum an Produktionsmitteln basierten und somit ohne Klassenunterschiede auskamen. Die Primitivität der Produktionsmethoden erlaubte keine gegenseitige Unterdrückung und Ausbeutung. Dies gilt auch für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Bis zu welchem Grad es in Stammesgesellschaften eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung gab, ist umstritten. Fest steht jedoch, dass diese Rollenverteilung, falls es sie gab, als eine ergänzende und nicht hierarchische verstanden werden muss.

Die Herausbildung der Klassengesellschaft fiel zusammen mit einem Verlust der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Das Gemeinwesen zerfiel in die (heterosexuell-monogame) Kleinfamilie als Produktionseinheit und Privateigentümerin von Produktionsmitteln. Gleichzeitig spaltete sich die gesellschaftliche Arbeit in «produktive», männlich besetzte Arbeit, und in häuslich-“reproduktive” Arbeitstätigkeiten (“Hausarbeit”), welche von nun an der Frau zugewiesen wurden. Der Mann eroberte sich somit auch die Stellung als Familienoberhaupt und damit generell eine dominante Position in der Gesellschaft. Diese geschlechtlich bestimmte Aufteilung der Produktionsverhältnisse ist die materielle Grundlage des Patriarchats, also männlicher Vorherrschaft, welches zentrales Merkmal aller bisherigen Formen von Klassengesellschaften ist.

Auch die moderne kapitalistische Produktionsweise zeichnet sich durch diese patriarchale Bestimmung der Produktionsverhältnisse aus. 2016 verbrachten Mütter in Paarhaushalten nach wie vor durchschnittlich 54,9 Stunden pro Woche mit Hausarbeit (BfS, 11.07.2017) – was mehr als einer 100%-Stelle entspricht – und aktuelle Erhebungen zu Haus- und Erwerbsarbeit zeigen, dass die Hausarbeit insgesamt überwiegend Frauen zufällt, während Männer in Paarhaushalten mit Kindern durchschnittlich nur etwa halb so viel Zeit dafür aufwenden. Die Erwerbsquote unter Frauen beträgt somit auch nur 60%, bei den Männern hingegen 75%. Diese geschlechterspezifische Arbeitsteilung entspricht also genau der oben beschriebenen patriarchalen Organisationsform der Gesellschaft – der Mann ist nach wie vor überwiegend in die “produktive” Sphäre eingebunden, während die Frau in die Reproduktionsarbeit gedrängt wird. Warum ist das so?

Hausarbeit im Kapitalismus
Der Kapitalismus basiert auf der Klassenspaltung in KapitalistInnen, welche Produktionsmittel besitzen, und in Lohnabhängige, welche nichts weiter besitzen als ihre Arbeitskraft und diese folglich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen müssen. Der Lohn, welche die KapitalistInnen den ArbeiterInnen zahlen, entspricht den Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft, also den Lebenshaltungskosten der Lohnabhängigen selbst, wobei das Produkt der Arbeit vollumfänglich den KapitalistInnen gehört. Die ArbeiterInnenklasse muss sich «als Klasse» reproduzieren können, d.h. die KapitalistInnen müssen nicht nur den Unterhalt des arbeitenden Individuums sichern, sondern auch den Unterhalt der proletarischen Familie. Da die patriarchale Struktur der Produktionsverhältnisse die Hausarbeit  in die Sphäre der Frau verlegt, wird sie gleichzeitig mit diversen Mechanismen aus der Sphäre der Lohnarbeit herausgedrängt. Deshalb müssen die Löhne der männlichen Arbeiter (im kapitalistischen Idealzustand) den Lebensunterhalt von Frau und Kind mitfinanzieren – dies ist ein wichtiger Grund, weshalb Frauen in allen kapitalistischen Ländern zwischen 10 und 20% weniger verdienen – denn die Reproduktionskosten der weiblichen Arbeitskraft sind bereits in den Löhnen der Männer enthalten. Nichtsdestotrotz reicht der Lohn des Mannes häufig nicht zum Unterhalt der ganzen Familie, so dass die meisten Frauen dennoch neben der Hausarbeit zur Lohnarbeit gezwungen sind. Wegen dieser massiven Doppelbelastung arbeiten Frauen aber viel häufiger Teilzeit und in als “Frauenberufen” abgestempelten Branchen, wo die Löhne wiederum zusätzlich tief gehalten werden.

Durch diese Mechanismen reproduziert sich die geschlechterspezifische Arbeitsteilung in den Haushalten und der Gesellschaft. Für eine junge Familie – besonders mit niedrigem Einkommen – ist es deswegen ökonomisch schlicht am rationalsten, Haus- und Lohnarbeit nach althergebrachten Rollen zu verteilen.

Wer profitiert?
Aus dieser Analyse wurden in der Vergangenheit verschiedene Schlüsse gezogen. Die Feministin Christine Delphy etwa postulierte, dass Frauen eine eigene Klasse neben KapitalistInnen und Lohnabhängigen bilden, welche durch die Männer, unabhängig von deren Klassenzugehörigkeit, in  der häuslichen Sphäre ausgebeutet werden. Denn die Hausarbeit sei eine Arbeitsleistung, welche von den Männern ohne Gegenleistung konsumiert werde. Doch diese Analyse greift zu kurz: Die unbezahlte Arbeit der Frau ist genauso unbezahlt wie die Mehrarbeit, welche der männliche Arbeiter dem Kapitalisten als Mehrwert im Arbeitsprozess zu liefern hat. Während der «Familienlohn» des Mannes die Reproduktionskosten der ganzen Familie decken soll, wird die unbezahlte Arbeit des männlichen Arbeiters als Mehrwert angeeignet – und gleichzeitig wirkt die unbezahlte Hausarbeit der Frau quasi als «Rabatt» auf die Ware Arbeitskraft und somit auf die Löhne der männlichen Arbeiter. Würde der Wert des Arbeitsprodukts weiblicher Hausarbeit bezahlt und somit in den Wert der Ware Arbeitskraft einfliessen, würde sich die Ware Arbeitskraft verteuern. Nicht der arbeitende Mann profitiert also von der Gratisarbeit der Frau, sondern das Kapital. Die KapitalistInnen probieren allerdings beständig, ArbeiterInnen verschiedener Geschlechter gegeneinander auszuspielen – so fungieren Frauen z.B. aufgrund ihrer tieferen Löhne häufig als Lohndrückerinnen, was Unmut unter männlichen Kollegen und somit sexistische Ressentiments befördert und die gemeinsame Aktion als ArbeiterInnenklasse erschwert.

Sozialismus, Frauenbefreiung und Vergesellschaftung der Hausarbeit
Die ArbeiterInnenklasse ist kein homogenes Subjekt – spaltende Ideologien wie Rassismus und Sexismus innerhalb des Proletariats sind eine Realität, und es bleibt eine zentrale Aufgabe einer ArbeiterInnenorganisation, diese Ideologien aktiv zu bekämpfen. Denn objektiv besteht kein Interessengegensatz zwischen männlichen und weiblichen ArbeiterInnen, genauso wenig wie zwischen ArbeiterInnen verschiedener Nationalitäten.

Gerade weil, um mit der marxistischen Feministin Frigga Haug zu sprechen, «Geschlechterverhältnisse in die Produktionsverhältnisse eingelassen» sind, besteht vielmehr eine Interessensidentität innerhalb der ArbeiterInnenklasse – die arbeitende Frau hat genauso wie der arbeitende Mann ein Interesse an der Überwindung des Kapitalismus. Weil die unterdrückende Natur der vorherrschenden Produktionsverhältnisse der Frau nach wie vor ein Grossteil der häuslichen Arbeit aufbürdet, ist das Ende der weiblichen Knechtung durch die Hausarbeit eine Bedingung für ihre Befreiung.

Die einzige Möglichkeit der Aufhebung patriarchal bestimmter Reproduktionsarbeit besteht daher in der Vergesellschaftung der Hausarbeit. Putz- und Wascharbeiten, Kochen, Kinder- und Altenbetreuung könnten alles Arbeiten sein, welche von Gesellschaftsmitgliedern unabhängig des Geschlechts ausgeführt werden können. Doch unter kapitalistischen Bedingungen sind solche Dienstleistungen ausserhalb der Familie nur einkommensstärkeren Familien zugänglich. Daher müssen solche Einrichtungen verstaatlicht werden und unentgeltlich zur Verfügung stehen. Die öffentliche Finanzierung solcher Programme (welche mit massiven Kosten verbunden wären) würde aber auf die Profitraten des Kapitals drücken, so dass die Verwirklichung dieser Forderung notwendigerweise den kapitalistischen Rahmen sprengt. Das Kapital hat ausserdem ein existentielles Interesse an der Aufrechterhaltung der Kleinfamilie als Produktionseinheit und der patriarchalen Arbeitsteilung. Es profitiert von der unbezahlten Hausarbeit, welche die Ware Arbeitskraft verbilligt, von den tieferen Löhnen der weiblichen Arbeiterinnen, und von der Möglichkeit, Frauen und Männer gegeneinander auszuspielen – schon nur deswegen ist die Vergesellschaftung der Hausarbeit unvereinbar mit kapitalistischer Profitlogik. Nur wenn wir die Produktionsmittel vergesellschaften und demokratisch planen, sprich: die Wirtschaft unter unsere Kontrolle bringen, dann können wir die Grundlage legen für die freie Entfaltung jedes Individuums, unabhängig seines Geschlechts.

Julian Scherler
Juso Stadt Bern

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