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eltweit hat jede dritte Frau körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – meist von einem intimen Partner. Bei sexueller Belästigung liegt diese Zahl noch höher. Heute gibt es weltweiten Widerstand. Was ist der Ursprung dieser Gewalt und wie setzen wir ihr ein Ende?

Gewalt an Frauen gab es schon vor dem Kapitalismus, doch gleichzeitig liefert der Kapitalismus weiterhin die materiellen Bedingungen für das Fortbestehen dieser Gewalt. Das grösste Hindernis für die Befreiung der Frau: die bürgerliche Familie.

Die Reproduktionsarbeit (kochen, Kinder erziehen, Pflege) soll im Kapitalismus möglichst gratis und somit im Privaten verrichtet werden. Innerhalb der Familie wird diese Arbeit auch heute noch mehrheitlich der Frau zugeteilt. Diese geschlechtliche Arbeitsteilung wird nicht nur von ideologischen Argumenten gestützt, sondern auch durch die knallharten wirtschaftlichen Zwänge im Kapitalismus fortgesetzt. Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau, schlecht bezahlte und nur oft nur als Teilzeit verfügbare «Frauenberufe» wie in der Pflege – diese zum Kapitalismus gehörenden Bedingungen drücken die Frauen weiterhin in die Rolle der Hausfrau. Dadurch besteht oft eine wirtschaftliche Abhängigkeit zum Mann. Wir sehen also: Die Rolle der Frau in der Familie ist die Grundlage der Unterdrückung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft. Sie bietet somit die Basis für die Gewalt an Frauen.

Zwischen Realität und Rollenbildern

Während 71% der Frauen erwerbstätig sind, wird ihnen weiterhin die Rolle der Hausfrau zugeschrieben. Daraus entsteht die Doppelbelastung der Frau, bestehend aus Lohn- und Hausarbeit. Der Neoliberalismus verstärkt diesen Prozess: Mehr und mehr Frauen müssen arbeiten gehen, damit die Familie über die Runden kommt. Gleichzeitig wird durch die Privatisierungen des öffentlichen Dienstes die Reproduktionsarbeit weiter in die Familie verlagert. Durch Sozialabbau werden Kita-Plätze und Gesundheitskosten teurer und müssen zunehmend von der Familie selbst vollzogen werden.

Dieser Prozess steigert den Druck auf die Familie als Ganzes, sowie auf die einzelnen Familienmitglieder. Die Männer schaffen es immer weniger, tatsächlich der Rolle als Haupternährer der Familie zu entsprechen. Das Auseinanderklaffen zwischen traditionellen Rollenbilder und kapitalistischer Realität stellt ein Kontrollverlust für den Mann dar. Der steigende Druck auf die Arbeiterklasse drückt sich auch in steigender Gewalt aus. Frustrationen werden oft in die Familie getragen. Doch weshalb ist mehrheitlich die Frau das Opfer dieser Gewalt?

Die Frau als Sündenbock

Die Verantwortlichkeit für die Familie liegt heute noch immer in den Händen der Frau. Zwar wird die Familie als Ganzes von sinkenden Löhnen, gestrichenen Sozialleistungen und steigender Hausarbeit bedroht. Doch geht es der Familie schlecht, fällt das in die Sphäre der Frau. Wie bereits erklärt, wird die Frau als Mutter und Teilverdienerin in eine zumindest teilweise Abhängigkeit zu ihrem Mann gezwungen. Sie ist dem Mann unterworfen und wird als dessen Objekt angesehen. Die Frau ist also Sündenbock und Boxsack zugleich: Die Drücke aufgrund der sinkenden Lebensbedingungen werden an ihr ausgelassen.

Das kapitalistische System hält die geschlechtliche Arbeitsteilung und somit auch die Geschlechterrollen künstlich aufrecht. Die Frau soll unterwürfig, scheu und einfühlsam sein. Doch diese Rolle erleben nicht nur Mütter innerhalb der Kleinfamilie. Dieses Bild wird auf die ganze Gesellschaft projiziert und seit klein werden wir in diese Richtung sozialisiert. Jede Frau ist von diesem Rollenbild betroffen, welches seinen Ursprung in der Kleinfamilie findet. Denn während noch heute die meiste Gewalt vom eigenen Partner kommt, scheinen Belästigungen im öffentlichen Raum, auch vor allem gegen junge Frauen, ein fast alltägliches Phänomen zu werden. Eine Studie in Lausanne ergab, dass 72% der 16-25-jährigen in den vergangenen 12 Monaten in der Öffentlichkeit belästigt wurden. Anders gesagt: Im Kapitalismus sind alle Frauen potenzielle Gewaltopfer!

Dem System ausgeliefert

Der Kapitalismus hält die bürgerliche Familie, und somit die Frauenunterdrückung aufrecht. Er ist zudem unfähig, Schutz oder Hilfe zu bieten. Häufig werden Schutzsuchende in Frauenhäusern abgewiesen, weil Platzmangel besteht. Alleine im Jahr 2017 wurden 1’200 Gewaltopfer in den Frauenhäusern abgewiesen. Noch beeindruckender ist die Nutzlosigkeit der bürgerlichen Gesetze: Die Zahl der verurteilten Vergewaltiger, die schlussendlich im Gefängnis landen, ist lächerlich: Jeder dritte verurteilte (!) Vergewaltiger kriegt nur eine bedingte Haftstrafe und kann sich gleich wieder auf freiem Fuss bewegen. Hinzu kommt, dass die Statistiken von einer sehr hohen Dunkelziffer bezüglich den gemeldeten Gewaltfällen ausgehen. Frauen haben keinerlei Vertrauen in das bürgerliche Justizsystem. Doch es ist nicht nur eine rechtliche Frage: die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau gegenüber dem Mann spielt eine grosse in Rolle in der Entscheidung, sich vom gewalttätigen Mann zu trennen.

Genau gegen dies bildet sich ein weltweiter Widerstand. Nach jedem Gewaltvorfall ist die Reaktion noch lauter: nationale Mobilisierungen nach der Attacke in Genf, Massenbewegungen in Israel, Südamerika und Spanien allein im letzten Jahr. Diese hunderte Millionen Frauen (und Männer) wollen dieser barbarischen Gewalt an Frauen ein Ende setzen. Anhand unserer Analyse haben wir gesehen, dass dieser Kampf zwingend über den Kampf gegen den Kapitalismus führen muss.

Wie schlagen wir zurück?

Wir warten nicht auf die Revolution, nein, der Kampf gegen die Gewalt an Frauen muss heute geführt werden: Kämpfen für mehr und bessere Frauenhäuser, bessere Sozialleistungen und die langfristige Organisation der Frauen in Gewerkschaften. Nur durch den Kampf für den Sozialismus kann die Grundlage einer wahren Befreiung der Frau geschaffen werden. Denn die Verbesserungen der Situation der Frau, stossen im Kapitalismus an ihre Grenzen. Denn dieser ist auf die Kleinfamilie angewiesen, welche die Frauenunterdrückung zementiert und reproduziert.

Das heisst, dass wir einerseits die materielle Grundlage der Frauenunterdrückung überwinden müssen: durch die gesellschaftliche Organisierung der Hausarbeit (öffentliche und gratis Kinderbetreuung, Wäschereien und Küchen). Dies entreisst der Kleinfamilie ihre materielle Grundlage. Andererseits müssen wir einen Kampf gegen die bürgerliche Ideologie führen. Ideen ändern sich im gemeinsamen Kampf: die sexistischen Ideen, die in der Gesellschaft bestehen, werden teilweise schon durch den gemeinsamen Kampf beseitigt. Einerseits kämpfen Frauen und Männer gemeinsam für gemeinsame Interessen, nämlich für bessere Lebensbedingungen für alle. Andererseits wird durch die Organisation der Frauen deren Selbstermächtigung ermöglicht. Jedoch muss auch nach der proletarischen Revolution noch gegen alte Verhaltensmuster und Ideologien gekämpft werden. Es ist der Kampf für den Sozialismus, welcher die Geschlechterrollen wieder rausprügelt und die Befreiung der Frau ermöglicht.

Sereina W.
JUSO Genf

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