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SSSTÖRUNGEN – Obschon weit verbreitet, sind Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie auch in der Schweiz gesellschaftliche Tabuthemen. «Verändere dich selbst», lautet das vorherrschende Motto bezüglich des Umgangs mit seinem Körper. Eine Maxime mit oftmals verheerenden Folgen.

«Wie verliere ich 5 Kilo in einer Woche?» Fragen wie diese sind ständig in Zeitschriften aufzufinden. Gesund, sportlich, schlank und sexy: Die vorherrschenden Schönheitsideale üben einen ständigen Druck auf Männer und tendenziell noch mehr auf Frauen aus. Aber für die allermeisten Menschen ist es schlicht unmöglich, diesen aufgezwungenen Anforderungen auch wirklich zu entsprechen. Denn um einen gesunden, schlanken oder athletischen Körper zu haben, braucht man Zeit und Geld: Fürs Einkaufen und Zubereiten nahrhafter Mahlzeiten, fürs regelmässige Training oder für die Sorge um den eigenen Körper. Zeit und Geld – Ressourcen über die ein Grossteil der Lohnabhängigen schlichtweg nicht oder kaum verfügt. Ein wenig bekannter Effekt dieses Widerspruchs: Bis zu 70 Millionen Menschen weltweit sind von einer Essstörung betroffen – 20 Prozent davon sterben mangels Behandlung. Die Typen von Essstörungen sind divers, die Ursachen variieren. Dieser Artikel beschränkt sich deshalb auf die Krankheiten Anorexie und Bulimie, an denen auch in der Schweiz geschätzte zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden.

Formen der Essstörungen

Die Bulimie (bulimia nervosa) ist eine Essstörung, die von wiederkehrenden Essanfällen und anschliessenden «Gegenmassnahmen» gekennzeichnet ist (Erbrechen, Abführmittel, Fasten oder exzessiver Sport). Im Gegensatz zur Anorexie sind die Betroffenen meist «normalgewichtig». Nebst den Essattacken zeichnet sich die Krankheit durch eine gestörte Körperwahrnehmung, starken Leidensdruck und ein geringes Selbstwertgefühl mit ausgeprägter Neigung zu Depressionen aus.
Auch bei der Anorexie besteht eine extreme Angst vor der Gewichtszunahme, doch anders als bei der Bulimie liegt hier ein starker Gewichtsverlust vor. Dies und die damit einhergehende Mangelernährung kann zu schwerwiegenden körperlichen Folgen führen, welche nicht selten durch psychische Störung begleitet sind. Klar führen bei beiden Erkrankungen unterschiedlichste Gründe zu verschiedenen individuellen Krankheitsbildern. Gleichwohl gibt es gesellschaftlich bedingte Ursachen, die allgemein für das Auftreten der Krankheiten eine Rolle spielen. Die Offensichtlichste? Sozial konstruierte Schöheitsideale.

Schlank war nicht immer schön

Wir werden von klein auf ständig und in vielen Bereichen mit den herrschenden Schönheitsidealen konfrontiert. Schon in jungen Jahren versuchen wir, unter enormem sozialen Zwang und meist unbewusst, diesen zu entsprechen. Doch wie alle Ideen, verändert sich auch das Schönheitsideal im Laufe der Zeit mit den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen. In vorkapitalistischen, von allgemeiner Knappheit gekennzeichneten Gesellschaften war Übergewicht als Symbol für Erfolg und Macht das vorherrschende Ideal. Aber mit der Industrialisierung und der damit massiv gesteigerten Nahrungsmittelproduktion verkommt die soziale Bedeutung von Übergewicht zu ihrem Gegenteil: mangelnder Selbstkontrolle. Disziplin und Kontrolle werden heute durch einen schlanken und dünnen Körper repräsentiert.

Von vermeintlicher Kontrolle …

Im ausbeuterischen, von alltäglichem Stress und Zwang geprägten Kapitalismus können gerade mal rund fünf Prozent der Bevölkerung dem «idealen» Körperbild tatsächlich entsprechen. Für den beträchtlichen «Rest» ist das Erreichen der Ideale aufgrund von Zwang und Druck bei der Arbeit und sonst im Alltag nicht nur unmöglich, man hat auch das Gefühl, nichts an den beschränkenden Faktoren ändern zu können. Es herrscht ein Gefühl der Machtlosigkeit: Obschon Zwänge und Normen von Menschen geschaffene – also gesellschaftliche – Konstrukte sind, erscheinen sie dem einzelnen Individuum im Kapitalismus als fremdbestimmt und somit unbeeinflussbar. In einer Welt, in der man kaum etwas kontrolliert, liegt der Versuch nahe, wenigstens einen bestimmten Aspekt des Alltags um jeden Preis im Griff haben zu wollen. Dies kann sich zum Beispiel über die zwanghafte Kontrolle des Essverhaltens ausdrücken.

… zum Verlust der Kontrolle

Eine exzessive Kontrolle über Nahrung und Gewicht ist also mitunter ein Versuch, die Kontrolle über das eigene Leben und den eigenen Körper zurückzugewinnen. Der oftmals besessene Fokus auf die täglich verbrauchten Kalorien dient gewissermassen als Kompensation für die meisten anderen Aspekte des Alltags, die einem vorbestimmt und aufgezwungen erscheinen. Da die einzig greifbare Möglichkeit der Veränderung eine individuelle ist, wird der Fokus auf diese persönlichen Entscheidungen gelegt, anstatt die eigene Energie in die Veränderung der Gesellschaft zu stecken. Und im Falle von Personen, die an Anorexie und Bulimie leiden, wird diese vermeintliche Kontrolle zu ihrem Gegenteil: Indem die Kontrolle über die Nahrung und das Gewicht «gewonnen» wird, geht sie erst recht verloren. Nahrung und Gewicht bestimmen zunehmend das Leben der Betroffenen. Was häufig mit dem Wunsch nach einem «perfekten» Körper beginnt, endet in einer Sucht: mehr Gewichtsverlust, mehr Kontrolle, aber auch Verlust der Kontrolle durch Essattacken.

Dreifacher Druck für Frauen

Frauen sind von Anorexie und Bulimie klar stärker betroffen (je rund zehn Mal mehr). Dies kann einerseits durch die Position der Frau im Kapitalismus in der Reproduktion und Produktion erklärt werden: Der überwiegende Teil der Hausarbeit, auch heute noch, wird von Frauen geleistet. Gleichzeitig waren beispielsweise in der Schweiz noch nie so viele Frauen auf dem Arbeitsmarkt tätig wie heute (vorwiegend Teilzeitjobs). Diese Doppelbelastung macht das Erreichen der Ideale für Frauen noch «unmöglicher» als für Männer. Andererseits werden Frauen durch ihre relative (historische) Abhängigkeit zum Mann in der Tendenz mehr hinzu Disziplin und Kontrolle gedrängt – gerade hinsichtlich des Körpers: «Schön und attraktiv sein, damit einem die Männer begehren» – ein typischer Anspruch von Eltern, der Werbung etc. In dieser sozialisierten Rolle suchen Frauen tendenziell mehr den Fehler bei sich, was in einen selbstzerstörerischen Teufelskreis führen kann.

Raus aus dem Teufelskreis

Dünn und hübsch zu sein, wird uns im Kapitalismus als Erfolgsgarantie fürs Leben unter die Nase gerieben. Die Welt könne halt nicht verändert werden, aber sich selbst verändern, das würde gehen. Wer’s nicht schafft, sei eben selbst schuld. Im Kapitalismus werden Probleme und Krankheiten, deren Nährboden das System selbst ist, auf individuelles Verhalten und Entscheidungen reduziert. Auch die angebotenen Lösungen zielen einzig auf persönliche Anpassung oder Anstrengung ab. Als Marxistinnen ist uns klar, dass ein individueller Kampf kein emanzipatorischer, sondern speziell im Kontext psychischer Krankheiten ein potentiell selbstzerstörerischer ist. Essstörungen wie Bulimie und Anorexie verschwinden erst dann endgültig, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen, die sie hervorbringen, überwunden sind. Die Krankheiten müssen an den sie nährenden Wurzeln angepackt werden; also durch den Kampf gegen Zwänge bei der Arbeit und im Alltag, gegen Doppelbelastung und gegen künstlich aufrechterhaltene Schöheitsideale.

 

(C) Foto: Flickr DualD FlipFlop, CC BY 2.0

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