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s ist klar, dass wir Sozialist*innen uns im Jahr 2017 in erster Linie mit dem 100. Jubiläum der Russischen Revolution auseinandersetzen. Währenddessen erreichen aber auch die Feste rund um die Reformation und einem ihrer Wegbereiter, Martin Luther, in diesem Jahr ihren Höhepunkt.

Die Feierlichkeiten zur Entwicklung der Reformation nehmen im deutschsprachigen Raum groteske Züge an. 2008 – das Jahr, in dem die Finanzkrise einschlug – war der Startschuss für eine grossangelegte Kampagne. Im Zentrum steht der Theologe Martin Luther. Seit nun knapp zehn Jahren führt die Kampagne „500 Jahre Reformation“ Themenjahre durch, die sich vorwiegend um die Person Luthers drehen. Oder man brüstet sich, wie im Themenjahr 2013, damit, dass die modernen Konzepte von Gewissensfreiheit und Toleranz wesentlich das Ergebnis der Reformation seien. Dies obschon bekannt ist, dass Luther offen gegen Menschen jüdischen Glaubens hetzte und Andersgläubige im Allgemeinen nicht tolerierte.

Zum 500. Reformjubiläumsjahr soll der 31. Oktober – das Datum, an dem Luther 1517 seine berühmten 95 Thesen an die Kirchen in Wittenburg genagelt haben soll – in der gesamten BRD zu einem nationalen Feiertag ernannt werden.

Der verräterische Messias Luther
Die berühmtesten Thesen dieses Dokuments sind jene, die das geschäftsmässige Handeln mit Ablassbriefen anprangern. Denn nach Luthers Verständnis der Heiligen Schrift werden die Gläubigen mit dem Ablasshandel betrogen, weil sich ihre Sünden weder unentgeltlich durch Busse tun, noch über den Kauf von Ablassbriefen beseitigen lassen. Die These 86, in der sich Luther mit der rhetorischen Frage direkt an den reichen Papst wendet, weshalb er denn nicht wenigstens den Petersdom von seinem eigenen Geld baue, zeigt auf, wie weit der Reformer mit seiner Kritik am Klerus und an der Institution der römischen Kirche ging.

Nach Engels zeichnen sich Luthers reformerische Anfänge dadurch aus, dass er eine breite Opposition aus Teilen verschiedener Klassen aufbaute, um so die etablierte geistliche herrschende Macht in Form der katholischen Kirche grundlegend in Frage zu stellen. Die Zwei-Reiche-Lehre Luthers trennte die Verbindung zwischen weltlicher und klerikaler Obrigkeit insofern, als dass es der bürgerlichen Reformationsbewegung so möglich war, Teile der weltlichen herrschenden Klasse, wie den sächsischen Kurfürsten, für die Auseinandersetzung mit den katholischen Pfaffen zu gewinnen.

Dabei hatte Luthers anfängliche Radikalität eine grosse Sogwirkung auf die Unterdrückten wie die notleidende Bauernschaft. Viele sahen darin einen Aufruf zu ihrer Befreiung, während ein Teil der Privilegierten lediglich die Macht der Pfaffen, die Abhängigkeit von Rom und die katholische Hierarchie brechen wollte. Ein Anteil der weltlichen Obrigkeit erhoffte aber auch schlichtweg, sich an der Konfiskation des Kirchenguts bereichern zu können.

Luther hatte die Wahl zwischen diesen beiden sich in ihren Klasseninteressen diametral gegenüberstehenden reformerischen Parteien. Der Entscheid war, angesichts der Tatsache, dass Luther selbst aus einem bildungsbürgerlichen Umfeld stammte und den Schutz des niederen Adels genoss, schnell gefällt. Er liess die Masse der Bauern und Handwerker fallen, was sich bald in seiner theologischen Ausrichtung und politischen Haltung  ausdrücken sollte. Plötzlich predigte der „Fürstendiener“ Luther, dass der korrupte Klerus nur noch aufgrund gesetzlicher Massnahmen verändert werden sollte und dass allein gewaltloser Widerstand zu tolerieren sei. „Seid Untertan der Obrigkeit“, zitierte Luther die Bibel und verbat sich jeden Protest am profitgierigen Obrigkeitsstaat.

Radikale Reformatoren
Die Volksmasse der Unterdrückten war in ihrem Bewusstsein jedoch bereits weiter als Luthers Kritik am Klerus. Denn auch die weltliche Obrigkeit schröpfte die Bauernschaft und verdammte diese zu Fron und Zehnt.

Auf dieser weltlichen, diesseitigen Sphäre wussten die radikalen Reformatoren anzuknüpfen. Besonders seiner Zeit voraus war Thomas Müntzer. In seinen Gottesdiensten, die er übrigens noch vor Luther gänzlich in deutscher Sprache hielt, legte er die Missstände im Klerus offen und richtete seinen Widerstand gegen eine “naturgegebene” Dreiteilung der Gesellschaft in die Stände Klerus, Adel und Dritter Stand. Müntzer sah das himmlische Paradies nicht als ein entferntes Ziel im Jenseits, vielmehr verstand er die Aufgabe der Gläubigen darin, für die Umgestaltung des Diesseits zu einem gerechten Ort zu kämpfen. Das Reich Gottes war für ihn und seine Anhänger eine klassenlose Gesellschaft in der Gegenwart. Weiter waren sich Müntzer und seine Anhänger über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Organisation bewusst, welche als Werkzeug dienen sollte, um für die gemeinsamen Interessen der Unterdrückten zu kämpfen. Mit dem „Ewigen Bund Gottes“ formierten Müntzer und seine Mitkämpfer eine Bewegung, von der sich viele landlose Bauern angezogen fühlten und welche auch eine militärische Funktion innehatte.

Klassenkampf statt theologische Debatte
Währenddessen schmeichelte Luther weiter der weltlichen Obrigkeit und legitimierte theologisch deren Stellung als Unterdrücker in der Gesellschaft. So war Luther den einfachen Leuten mittlerweile unter dem Übernahmen “Fürstendiener” bekannt und wurde von den Ausgebeuteten mit Steinen beworfen. Dennoch hatte Luther mit seiner Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache den Unterdrückten ein mächtiges Werkzeug in die Hände gegeben. Die Ressourcen der ländlichen Bevölkerung wurden immer knapper, weil sich Grundbesitz in den privaten Händen einer Minderheit konzentrierte. Gleichzeitig blieben die zu leistenden Abgaben gleich oder wurden gar erhöht. Mit dem Hinweis auf Gottes Recht, das höher als Fürstenrecht sei, wollten die Bauern keine ungerechtfertigten Abgaben mehr leisten. Müntzer zeigt treffend auf, dass die Fürsten und Herren sich munter öffentliche Güter aneignen und alle Kreaturen zu ihrem Eigentum erklären. Dann predigen sie noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht stehlen. Die Besitzenden selber aber nehmen, wo sie finden, schinden und schaben den Bauern und den Handwerker, wo sie können. Kein Wunder also, dass Thomas Müntzer zu einer Leitfigur im Deutschen Bauernkrieg wurde. Als er nach einer gescheiterten Schlacht festgenommen wurde, erklärte er im Verhör nochmals die Forderungen der Bewegung: „Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit“. Nachdem man Müntzer folterte, wurde er enthauptet und seine Überreste öffentlich zur Schau gestellt. So erging es vielen radikalen Reformern, welche sowohl die geistigen aber auch die weltlichen Macht- und Besitzverhältnisse in Frage stellten.

Auch Luther bezog klar Stellung gegenüber der sich erhebenden bäuerlichen Bevölkerung. In einer Schrift äusserte er sich folgendermassen: „Man soll sie [die Bauern] zerschmeissen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muss!“. Darum liess sich die Obrigkeit natürlich nicht zweimal bitten und schlug die Bauernaufstände gewaltvoll nieder. Schätzungsweise 100’000 Bauern fielen diesem Klassenkampf zum Opfer.

Wieso der Arbeitsfetisch?
Mit Zwingli und Calvin wirkten zwei Reformatoren in der Schweiz. Deshalb erstaunt es nicht, dass sich auch der Schweizer Staat an den Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum beteiligt. So versuchte Bundesrat Alain Berset (SP) in einem Gastbeitrag in der NZZ („Die Aktualität des Reformatorischen Denkens“) dem Protestantismus einen sozialdemokratischen Anstrich zu verleihen. Dabei gilt doch gerade der Calvinismus dem bürgerlichen Soziologen Max Weber als Katalysator für die Entwicklung des Kapitalismus. Kern dieser „Wahlverwandtschaft“ sei die Prädestinationslehre der calvinistischen Theologie, die besagt, dass schon vor der Geburt jedes 
Menschen feststehe, ob man zu den Auserwählten oder Verdammten gehöre. Aufgrund dieser Prädestination wisse niemand, zu welcher Gruppe er oder sie gehöre; allein der irdische Erfolg könne einen Hinweis geben. Weil der einzige Indikator für eine Erlösung im Jenseits weltlicher Erfolg sei, kann diese Gnadengewissheit über disziplinierten Fleiss und rastlose Arbeit im Diesseits erlangt werden.

Nach Weber definierte sich so die Arbeitsethik neu. Vor der Reformation erfüllte die Arbeit den Zweck, die materiellen Bedürfnisse zu decken. Die Bauern arbeiteten so lange auf dem Feld bis sie die Ernte eingetragen hatten und der Händler stand so lange an seinem Stand, bis er genügend Produkte verkauft hatte, um mit dem Erlös bis zum nächsten Markttag über die Runden zu kommen. Laut ihm liefert der Protestantismus die kulturelle Grundlage für das kapitalistische Wirtschaftssystem, denn die quälende Ungewissheit der Prädestinationslehre führt zu einer Kultur strenger Wirtschaftlichkeit, nüchterner Selbstbeherrschung und Mässigkeit im Dienste der Leistungsfähigkeit. 
Fortan wurde das Ausruhen auf vorhandenem Besitz als verwerflich erachtet. Es galt, Besitztum zu erhalten und durch rastlose Arbeit zu vermehren. 
Dies entspricht durchaus dem kapitalistischen Prinzip der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen.

Religionen gehören in die Klassengesellschaft
Dennoch greift es zu kurz, die Entwicklung des Kapitalismus mit Werbers idealistischer Theorie der protestantischen Arbeitsethik zu begründen.  Die Geburt der Lohnarbeit lässt sich vielmehr mit dem marxistischen Ansatz der „Ursprünglichen Akkumulation“ erklären. Darunter wird unter anderem der Prozess verstanden, in dem die herrschende Klasse der unterdrückten, bäuerlichen Bevölkerungsschicht noch die letzten Überbleibsel ihrer Produktionsmittel in Form von Boden entreisst. Nach der Niederschlagung der Bauernaufstände nutze die Obrigkeit die Gunst der Stunde und eignete sich gemeinschaftlich genutzte Güter und Böden der Landbevölkerung an. Entwurzelt von der Allmende waren Bauern fortan dazu verdammt, ihre Arbeitskraft an Lehnsherren oder Fabrikbesitzer der Protoindustrie zu verkaufen.

Im Gegensatz zum Idealismus ermöglicht die materialistische Methode des Marxismus eine kohärente Analyse. Die mehr oder weniger zeitgleiche Entwicklung des Protestantismus und des Kapitalismus ist so zu verstehen, dass die ökonomischen Veränderungen in der Übergangszeit zwischen Feudalismus und Kapitalismus einen ideologischen Ausdruck auf religiöser Ebene erforderten. Denn, um die Enteignung der Landbevölkerung zugunsten einer Kapital- und Grundbesitz-Konzentration bei einer kleinen Obrigkeit zu legitimieren, war der Protestantismus mit seiner Prädestinationslehre und dem Arbeitsfetisch dienlicher als der Katholizismus.

Die Kritik am Protestantismus soll jedoch nicht verschleiern, dass dem Katholizismus und anderen Religionen nicht eine ebenso erhaltende Funktion für die bestehenden Verhältnisse in einer Klassengesellschaft zukommt.

Gerade in der Moderne, wo doch die Wissenschaft beispielsweise für viele Naturphänomene eine rationale Erklärung bereithält, wird offensichtlich, dass Religionen für die Massen vor allem ein vermeintlicher Ausweg aus den Katastrophen des Kapitalismus darstellt. In einem System, welches auf dem irrsinnigen Widerspruch gründet, dass Wert zwar nur durch die Arbeitskraft des Proletariats erschaffen werden kann, Kapital jedoch bei einer herrschenden Minderheit konzentriert wird, ist die Hoffnung auf ein Paradies im Jenseits berechtigt. Das Beispiel des radikalen Reformators Müntzer oder die Tatsache, dass die Aufstände in Russland 1905 von einem Priester angeführt wurden, zeigen, dass religiöse Werktätige nicht von der Arbeiter*innenbewegung ausgeschlossen werden dürfen. Gleichzeitig müssen die  Verbindungen zwischen insbesondere institutionalisierter Religion und herrschender Klasse immer wieder entlarvt und kritisiert werden. Unsere Aufgabe als Marxist*innen ist es weiter, die Lohnabhängigen zu organisieren und aufzuzeigen, dass das Paradies im Diesseits realisierbar ist.

Ariane Müller
JUSO Aargau

Bild © zersetzer.blogsport.de

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