«Letzte Meldungen aus China berichten vom erneuten Aufflammen erbitterter Kämpfe. Die Zahl der Streikenden wächst mit jedem neuen Tage. Im bedeutendsten Bergwerksgebiet, in Kal-Loin, wo 40‘000 Arbeiter beschäftigt sind, ist wegen Lohnforderungen ein allgemeiner Streik losgebrochen.» Dieses Zitat stammt aus einem Aufruf der Internationalen Arbeiterhilfe, geschrieben von Willi Münzenberg im Jahr 1925 und ist an die Schweizer und Deutsche ArbeiterInnenbewegung gerichtet, um Geld zur Unterstützung der chinesischen ArbeiterInnen zu sammeln.

Diese kleine Episode aus der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung führt uns vor Augen, wie konkrete internationale Solidarität aussehen kann. Die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist ein Erbe, das wir hüten, verteidigen und bewahren müssen: Sie ist reich an Lektionen und Erfahrungen, von denen wir lernen müssen. Der langjährige Aktivist Beat Schaffer hat sich zum Ziel gesetzt, das historische Erbe der ArbeiterInnenklasse zu bewahren und zugänglich zu machen. Seit 1985 arbeitet er täglich mehrere Stunden am Aufbau seines Archivs, der «Gewerkschaftschronik» (http://www.textverzeichnisse.ch).

Beat Schaffer ist ein Urgestein der Schweizer ArbeiterInnenbewegung und heute noch als Protokollführer des Gewerkschaftsbundes Biel Lyss Seeland (GBLS) und in der Unia Biel-Seeland bei den Pensionierten aktiv. Begonnen hat er seine politische Aktivität 1956 als Leiter der Jungbuchdrucker-Gruppe (Jugendgewerkschaftsgruppe) Biel. Nach einigen Jahren in der «Partei der Arbeit», aus der er 1965 ausgeschlossen wurde, war er Mitbegründer der «Jeunesse Progressiste», die an der Besetzung des Bieler Gaskessels für ein alternatives Jugendzentrum beteiligt war. In den 70er und 80er-Jahren war er an der Gründung der Buchhandlung «Kritischer Buchdienst» beteiligt, die sozialistische, kommunistische und antifaschistische Literatur herausgab. In der Buchhandlung wurde 1984 eine 2.5 kg schwere TNT-Bombe deponiert, die aber glücklicherweise rechtzeitig entschärft werden konnte. 1998 wurde er Sekretär der VPOD-Sektion Biel und trat 2011 in die Unia Biel ein, wo er Leiter der Unia-Rentner-Gruppe wurde.

In der Gewerkschaftschronik von Beat Schaffer finden sich 42’320 Artikel aus verschiedensten Zeitschriften und Textsammlungen zur Schweizer ArbeiterInnenbewegung. Auch viele Artikel des Funke, die einen Bezug zur Schweizer Arbeiterbewegung aufweisen, können aufgerufen werden. Alle Texte finden sich im Volltext, wie auch der einleitende zitierte Aufruf der Internationalen Arbeiterhilfe. Der Aufbau und der Ausbau des Archives ist eine wichtige Arbeit, um die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung zu bewahren und zugänglich zu machen. Wir haben daher ein kurzes Interview mit Beat geführt.

Aus welchen Gründen hast du begonnen, Zeitungsartikel aus der Schweizer Arbeiterbewegung zu archivieren und öffentlich zugänglich zu machen?

Ich habe 1956 mit Archivieren begonnen, um gewerkschaftliche Themen zu dokumentieren und Aktivitäten begründen zu können. Es ist mir wichtig, dass nicht vorrangig nur die Geschichte der Herrschenden geschrieben wird, sondern die Geschichte der Lohnabhängigen.

Hast du Pläne, deine Gewerkschaftschronik auszubauen, bekannter zu machen oder Menschen zu finden, die dir bei dieser Arbeit helfen?
Das ist eine komplexe Frage und ich hoffe sehr, dass jemand nach mir diese Datenbank ins Netz stellt und zugänglich macht und somit dazu beiträgt, dass unsere Geschichte nicht verloren geht.

Du bist seit Jahrzehnten in der Arbeiterbewegung aktiv. Was sind deiner Meinung nach heute die wichtigsten Herausforderungen, vor denen die Arbeiterbewegung steht und kann die Gewerkschaftschronik dabei helfen, die Herausforderungen zu meistern?

Die Verbesserung der Existenzgrundlage, sowie die Verbilligung der Lebenshaltungskosten scheint mir nach wie vor das Wichtigste zu sein. Die wichtigsten Forderungen sind seit mehr als 100 Jahren immer noch dieselben. Das Anliegen, die Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen, sollte wieder vermehrt in den Vordergrund rücken. Dass ich in all den Jahren bei den meisten Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und sonstigen Aktivitäten teilgenommen habe, war logisch.

Gibt es einen Artikel oder ein Dokument, welches dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Anny Klawa Morf hat am Frauentag vom 26. März 1916 in Reinach BL einen Vortrag mit dem Titel «Gleiche Arbeit, gleicher Lohn» gehalten. Dieses Referat liegt bei mir als 16-seitige A5-Broschüre vor. Und natürlich gehören auch das «Kommunistische Manifest» und «Lohn, Preis, Profit» von Karl Marx dazu.

Das Interview führte:

Jonas Gerber
Marxistischer Verein Uni Bern

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