1968 kam es in der Tschechoslowakei zu einer Bewegung gegen die Entstellung und Verzerrung des Sozialismus durch die Bürokratie. Wir sprachen mit einem Aktivisten von damals — über politische Diskussionen in Strassenbahnen und Gespräche mit russischen Soldaten.

In den 1960ern brachte die Misswirtschaft des verknöcherten stalinistischen Apparates grosse wirtschaftliche Probleme für die Tschechoslowakei (CSSR). Einen ersten Ausdruck der Unzufriedenheit zeigte sich bei Intellektuellen und Schriftstellern, kurz darauf bei den Studierenden. Das Rumoren in der Intelligenz spiegelte sich auch in der Parteiführung wider: Dubcek wurde an die Spitze gewählt und versprach wirtschaftliche und soziale Reformen. Doch allein das Ankündigen von Reformen öffnete die Büchse der Pandora und inspirierte grosse Teile der Bevölkerung, für mehr zu kämpfen: Es wurden erste ArbeiterInnenräte in den Fabriken gebildet; die Zensur brach zeitweilig zusammen; Gewerkschafts- und sogar Parteisektionen beschlossen und publizierten Resolutionen gegen die stalinistische Linie. Die ganze Bevölkerung wollte Veränderung. Die Bürokratie in Moskau bangte um ihre Privilegien und wollten ein Ausbreiten der revolutionären Eruptionen um jeden Preis verhindern. Schliesslich marschierte die Armee auf Befehl des Kremls in die Tschechoslowakei ein, um die Bewegung zu unterdrücken.

Ivo Maly ist 1948 in Prag geboren und war 1968 Student in Brünn. Während des Prager Frühlings beteiligte er sich an Demonstrationen und war Teil einer Studentengruppe, die für demokratische Reformen im Sozialismus kämpfte.

Plakate (Privatbestand I.M.)

Wie hast du auf die Wahl Dubceks und seine Reform-Versprechen reagiert?
Ich als Student und mein Freundeskreis waren nach der Wahl euphorisch, dass sich etwas ändern würde. Mir persönlich ging es zwar ganz gut: Ich konnte studieren und hatte das Nötigste, aber mir fehlten Dinge wie Redefreiheit, Reisefreiheit, aber auch freie Kunst, speziell Musik ungemein. Meine erste Beatles-Platte schickte mir eine Brieffreundin illegal aus den USA.
Durch illegal empfangenes West-Fernsehen konnten wir uns ein eigenes Bild machen von unseren Nachbarn im Westen. Die positiven Seiten, also die individuelle Freiheiten, wollten wir auch. Andererseits zeigten uns die schlimmen Auswüchse der Marktwirtschaft wie Bettlertum, Massenarbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit, dass wir auf dem Fundament eines Sozialismus verbleiben wollten. Wir setzten grosse Hoffnungen in die neue Führung der tschechoslowakischen Partei, weil sie genau diese Kombination von mehr Demokratie, aber auch Beibehalten des Sozialismus versprach — einen «Sozialismus mit menschlichen Antlitz», wie sie es nannte.

Wie hast du dich persönlich engagiert und wie war die Stimmung?
Wir haben als Aktivisten Plakate angefertigt und an den Kundgebungen teilgenommen, die die Reformbewegung unterstützten. Vor den Fabriktoren in Brünn verteilten wir später eigene Flugblätter und sprachen mit den ArbeiterInnen.
Bei den Versammlungen herrschte euphorische Stimmung und positive Zukunftserwartung.
Im Gegensatz dazu stiessen die Flugblätter-Aktionen vor den Fabriktoren nicht immer auf Zustimmung. Teile der älteren FabrikarbeiterInnen hatten Existenzängste, z.B. Verlust des Arbeitsplatzes, und wollten von grösseren Umwälzungen der Gesellschaft nicht viel wissen.
Im Alltagsleben tauschten sich viele Menschen aus. In der Kneipe und der Strassenbahn, eigentlich in der ganzen Öffentlichkeit wurde praktisch nur noch über Politik gesprochen.
Zudem sollten meiner Meinung nach endlich die Sonderrechte der Parteifunktionäre und ihrer Familien ein Ende haben. Diese Ungleichheit bekamen meine Freunde und Familie und  ich oft zu spüren. Zum Beispiel wollte ich Kunst studieren, aber die Studienplätze waren oft für die Kinder von Parteifunktionären reserviert, deswegen musste ich auf Architektur ausweichen.

Was hat die Bewegung verändert?
Es war plötzlich möglich, ohne Zensur Zeitungen zu lesen und TV-Sendungen zu sehen. Zu den Piratensendern, die es vorher schon gab, kamen nun die kritischen Töne der offiziellen Radiosendern dazu. Nicht nur die Pressefreiheit war ein grosser Fortschritt: Jeder konnte nun seine Meinung frei und ohne Angst äussern, auf die Strasse gehen und diskutieren. Ich war aber immer der Meinung gewesen, dass sich in unserem Land nur etwas nachhaltig ändert, wenn sich auch die Politik in Moskau ändert.

Wie standet ihr zur CSSR und der Mutterpartei in Moskau?
Der Reformflügel der CSSR genoss riesige Unterstützung aus der Bevölkerung. Im Gegensatz dazu gab es ein grosses Misstrauen gegenüber der Politik der Sowjetunion, bei der keinerlei Bestrebungen für Veränderung zu erkennen waren. Ich hatte eine untergründige Befürchtung, dass die Reformbewegung in der CSSR in den starren Strukturen in der Sowjetunion nicht geduldet würde. Aber dass wirklich die Armee mit Panzern kommt, um uns ruhig zu stellen, damit hatte ich nicht gerechnet.

Tagebuch (Privatbestand I. M.)

Wie hast du den Einmarsch in Erinnerung und wie hast du darauf reagiert?
Zuerst hörte ich Flugzeuge und dann die Meldung im Radio. Ich konnte es nicht fassen, dass unser «grosser Bruder» mit der Armee einfach unser Land besetzt.
Ich diskutierte in diesen Tagen mit Soldaten vor allem darüber, dass wir keine kapitalistischen Konterrevolutionäre seien, wie es die Sowjetpresse behauptete. Viele junge russische Soldaten verstanden nicht so recht, was sie hier sollten. Im Verlauf der Besetzung mussten ganze Kompanien ausgetauscht werden, weil die Generäle ein breites Desertieren fürchteten.
Ich unterstützte auch den Generalstreik, der im ganzen Land herrschte. Der Widerstand war aber vor allem ziviler Ungehorsam. Doch zeitweise weigerte man sich auch, die Armeen mit Essen zu versorgen.
Ich floh 1969 mit einem Studentenfreund, nachdem die Kasernen bezogen wurden und uns klar wurde: die Panzer sollen dauerhaft bleiben. Trotzdem gab ich nie die Idee eines freiheitlichen und demokratischen Sozialismus auf und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

Darius M.
Marxist Society Universität Basel

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