Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Auch 200 Jahre nach seiner Geburt haben seine Ideen nichts an Aktualität eingebüsst – im Gegenteil. Wir blicken auf einen zu oft vergessenen Aspekt seines Werks: seine philosophische Revolution.
Klassenkampf, Kapital, Revolution, Kommunismus. Marx ist für viele seiner Ansichten bekannt. Von den einen geschätzt, von den andern gefürchtet und verleumdet. Aber selten wird gesehen, dass er bereits als junger Philosoph eine wissenschaftliche Revolution vollzogen hat, die das gesamte bisherige Denken hinter sich liess und auf eine neue Ebene hob. In unserem Verständnis von Mensch und Welt gibt es ein Vor-Marx und ein Nach-Marx.

Sein und Bewusstsein
Geprägt vom aufkommenden industriellen Kapitalismus und den entsprechenden politischen, technologischen und naturwissenschaftlichen Revolutionen, konfrontiert mit den lebhaften intellektuellen Debatten im Deutschland nach dem Tod des grossen Philosophen Hegel, stellte sich der junge Marx die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Wirklichkeit.
Seine Erkenntnis: Das Denken eines Menschen, auch das eigene, muss aus seinen Lebensverhältnissen erklärt werden. Unser Umfeld prägt unsere Ansichten, «das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein». Wäre Marx hier stehengeblieben, es wäre gewiss keine Revolution gewesen.
Marx’ Blick hat niemals einer statischen, ruhenden Welt gegolten. Geschult in der Dialektik von Hegel war er immer auf die Entwicklung gerichtet, auf die Bewegung, den Prozess, auf eine Welt im Werden. Und so verstand er auch Sein und Bewusstsein, unsere Umwelt und unser Denken, als eine wechselseitig sich verändernde und entwickelnde Beziehung. Den Schlüssel zum Verständnis dieser Beziehung – und damit zum Verständnis der gesamten Entwicklung der Gesellschaft – entdeckte er in der Arbeit, begriffen in ihrem ganz allgemeinen Sinn als die menschliche Tätigkeit der Bearbeitung seiner Umwelt, der Produktion.

Mensch, Natur und Arbeit
«Die Arbeit», schreibt Marx im Kapital, «ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur». Sie ist der Knoten, der den Menschen mit seiner natürlichen Umwelt verbindet. Und zwar in beiderlei Richtungen. Der Mensch ist durch seine Umwelt bestimmt und die Bedingungen für die menschliche Tätigkeit werden von «aussen» aufgegeben. Aber mit seiner Arbeit wirkt der Mensch auf die Natur ausser ihm, bearbeitet und verändert sie – und verändert sich durch die Tätigkeit zugleich selbst.
Die Suche nach einem fixen «menschlichen Wesen» wird damit hinfällig. Der Mensch verändert sich in seiner Interaktion mit der Natur und mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Durch die Arbeit eignet sich er sich die Natur an, macht sie zu seiner Natur. So wird seine Umwelt gesellschaftlich bearbeitet, wird von der Natur zunehmend zur Kultur.
Mit fortschreitender Entwicklung wird die Produktion immer komplizierter und bezieht sich längst nicht mehr nur auf die Befriedigung der grundlegendsten biologischen Bedürfnisse. Auch Ideen, die Moral, der Staat, die Religion etc. werden Marx zufolge gesellschaftlich produziert, wenn auch stets bedingt durch die wirklichen Lebensverhältnisse der Menschen. Weder stehen sie ausserhalb oder über Geschichte und Gesellschaft noch sind sie einfach die passive Widerspiegelung der materiellen Umwelt in unserem Kopf.

Die Veränderbarkeit der Welt
Die Konsequenzen von diesem neuen Verständnis des Verhältnisses zwischen Mensch und Welt, zwischen Denken und Handeln, sind gewaltig. Wenn die Gesellschaft von den Menschen durch ihre Arbeit tätig hervorgebracht wurde, dann sind die zu einer bestimmten Zeit bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse auch nicht natürlich gegeben – und damit veränderbar.
Die Befreiung von allen Formen von Unterdrückung und Ausbeutung, die Marx interessierte, ist damit keine Tat des menschlichen Denkens oder Bewusstseins. Sie ist eine revolutionäre Tat der Umwälzung der wirklichen Verhältnisse durch die Menschen selbst.
Diese philosophische Revolution von Marx beinhaltet notwendigerweise, das Reich des «reinen» Denkens zu verlassen und zum «Studium der wirklichen Welt» überzugehen, um die Gegenwart in ihrem Werden zu begreifen – und verändernd in die Geschichte eingreifen zu können. Es kann daher nicht erstaunen, dass Marx – die gesamte bisherige Philosophie einmal hinter sich gelassen – sich immer mehr der konkreten Erforschung der gesellschaftlichen Verhältnisse zuwandte.

Die kapitalistische Produktion
Aber um eine bestimmte Gesellschaftsordnung konkret zu erforschen, muss sie von unten her aufgerollt werden: Von der Erkenntnis, dass sie das historisch entstandene Produkt der wechselseitigen Interaktion der Menschen untereinander, sowie zwischen Menschen und Natur ist. Dass Marx die zentrale Rolle der Arbeit im Allgemeinen begriffen hat, erlaubte es ihm auch, das Rätsel der Arbeit in ihrer besonderen kapitalistischen Form zu entschlüsseln: der Lohnarbeit und der Produktion des Mehrwerts.
Die kapitalistische Produktion basiert auf dem Klassengegensatz von Lohnarbeit und Kapital. Kapital, so erkannte Marx, ist der Prozess, aus Geld mehr Geld zu machen durch die Ausbeutung der Arbeitskraft der Lohnabhängigen.
Treibendes Motiv der kapitalistischen Produktion ist die Vermehrung des Profits der KapitalistInnen, und nicht etwa die gesellschaftliche Bedürfnisbefriedigung. Daraus ergibt sich eine durchaus fortschrittliche Seite des Kapitalismus: Wie kein anderes System hat er die Möglichkeit geschaffen hat, einen Überfluss zu produzieren, der allen Menschen dieser Erde ein gutes Leben ermöglichen würde. Daraus ergibt sich aber auch die Absurdität, dass dieses unglaubliche Potential nicht genutzt werden kann, dass stattdessen Mensch und Umwelt zerstört werden und die Gesellschaft notwendigerweise periodisch in Krisen gerät, die ihre eigene Existenz bedrohen.

Marx und wir
Immer wieder wird heute versucht, Marx’ Kernaussagen für veraltet zu erklären, indem auf die Veränderungen der Gesellschaft seit seinen Zeiten hingewiesen wird. Niemand bestreitet, dass sich der Kapitalismus in den letzten 200 Jahren verändert hat. Tatsache ist aber, dass diese Veränderungen weit weniger fundamental sind, als uns eingetrichtert wird. Heute mehr als zu Marx’ Zeiten leben wir in einer durch und durch von der kapitalistischen Produktion durchdrungenen Gesellschaft.
Die Einsichten von Marx bleiben so lange aktuell, wie wir im Kapitalismus leben. Und sie bleiben revolutionär, weil sie uns den Kapitalismus nicht als ein ewiges und natürliches System begreifen lassen, sondern als System im Entstehen und im Vergehen: Sie enthüllen den Weg, den Kapitalismus zu überwinden und in eine Gesellschaftsform überzugehen, die das volle menschliche Potenzial verwirklichen kann. In diesem Sinne sind wir überzeugt, dass Marx eine Auffassung von Mensch, Gesellschaft und Geschichte begründet hat, die für uns die Basis unserer weiteren Theorie und Praxis bilden muss.
Die heutigen marxistischen Kräfte müssen aufzeigen, dass ihre Ansätze und Ideen auf die aktuellen Probleme der Gesellschaft reagieren. Sie müssen aufzeigen, dass sie dem Potential, das in den lohnabhängigen Menschen schlummert, zum Durchbruch verhelfen können; dass der Marxismus nur die konsequenteste theoretische Ausarbeitung der Bestrebungen der lohnarbeitenden Menschen ist, ihr eigenes Leben zu verbessern und Unterdrückung und Ausbeutung abzuwerfen.

Martin Kohler
ASEMA Genf

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