100 Jahre Kommunistische Internationale: Schon im kommunistischen Manifest von 1848 hielten Marx und Engels fest, dass der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse zwingend international sein muss. Die vor hundert Jahren gegründete Kommunistische Internationale war der Versuch, diesem Kampf die geeignete organisatorische Form zu geben.

Für eine gezielte Falschmeldung des deutschen Generalstabs hielt Lenin die Meldung, die er kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Zeitung las: Die SPD-Reichstagsabgeordneten hatten mit nur einer Enthaltung im August 1914 den Kriegskrediten der deutschen Regierung zugestimmt. Damit brach die «Zweite Internationale», die weltweite Vereinigung der Arbeiterparteien, angeführt von der mächtigen deutschen Sozialdemokratie, von einem Tag auf den anderen zusammen. Die restlichen sozialistischen Parteien der kriegführenden Länder (ausser die russische und die serbische) folgten dem deutschen Beispiel. Statt das Proletariat zum Kampf gegen die «eigene» Bourgeoisie aufzurufen, stellten sich die Sozialdemokratien auf die Seite ihres jeweiligen «Vaterlandes» und ermöglichten damit das gegenseitige Abschlachten der ArbeiterInnen. Die wenigen verbliebenen linken Elemente waren zunächst entweder zu schwach oder nicht bereit, mit der Zweiten Internationale zu brechen und eine neue, revolutionäre Internationale aufzubauen.

Die Revolution ist international oder sie ist nicht
Die Russische Revolution 1917 verschärfte die Notwendigkeit der raschen Aufrichtung einer neuen, revolutionären Internationalen. Für den jungen Sowjetstaat war die internationale Ausbreitung der Revolution schon nur aufgrund seiner ökonomischen Rückständigkeit eine Lebensnotwendigkeit. Dies war alles andere als eine utopische Perspektive: Nicht nur in Russland hatten sich die ArbeiterInnen und die Bauern gegen die herrschende Klasse erhoben, sondern überall in Europa brachen gegen Kriegsende revolutionäre Bewegungen aus: So etwa in Deutschland, Österreich, Italien und Ungarn 1918/1919.

Doch im Gegensatz zu den Bolschewiki in Russland gab es in diesen Ländern noch keine gefestigten revolutionären Massenparteien. Unter dem Druck der Massen bildeten sich in den sozialistischen Parteien aber starke linke Flügel heraus. Der Zweck der neuen Kommunistischen Internationale («Komintern» oder auch «Dritte Internationale» genannt) war es, möglichst rasch die bewussten revolutionären Führungen aufzubauen, welche das Proletariat in einer Situation revolutionärer Gärung dringend benötigte. Dazu sollte eine schlagkräftige internationale Organisation geschaffen werden, welche die Erfahrungen und Ressourcen, vor allem der russischen MarxistInnen, bündeln und zum Aufbau anderer kommunistischer Parteien einsetzen sollte.

Eine revolutionäre Internationale ist heute genauso notwendig wie vor hundert Jahren.

Gründung und Bruch mit dem Reformismus
Der Gründungskongress der Komintern, der vom 2. März bis am 6. März 1919 in Moskau stattfand, spiegelte den unausgereiften Zustand der internationalen kommunistischen Bewegung. Von den 51 Teilnehmenden waren nur 34 offizielle Delegierte von Parteien und Gruppen. Die restlichen Anwesenden waren meist Vertreter von linken Parteiflügeln innerhalb der Sozialdemokratie. Die Teilnehmenden wählten ein Exekutivkomitee, welches auf den zweiten Kongress 1920 die berüchtigten 21 Aufnahmebedingungen erarbeitete. Mit diesen sollte ein klarer Bruch mit allen reformistischen und zentristischen Strömungen vollzogen werden. Sie forderten die Zerschlagung des bürgerlichen Staates und den Kampf für eine sozialistische Räterepublik. Im Verlauf der Jahre 1920/21 spalteten sich viele sozialistische Parteien Europas anhand der Frage des Beitritts zur Komintern. Die proletarische Basis dieser Parteien radikalisierte sich. Die kommunistischen Strömungen stellten sie offen vor die Wahl: entweder geht ihr mit der reformistischen oder der revolutionären Internationalen. In Deutschland gelang es den KommunistInnen, die Mehrheit der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) zu gewinnen, in Frankreich wurde die Mehrheit der Sozialistischen Partei gewonnen – die Grundlage war gelegt für den Aufbau von kommunistischen Massenparteien in Westeuropa.

Wie die Massen gewinnen?
Doch der Kampf gegen den Reformismus liess viele der jungen und unerfahrenen KPs weit übers Ziel hinausschiessen. Aus einer Ablehnung des Reformismus resultierte häufig eine sektiererische Haltung gegenüber den Gewerkschaften, der Sozialdemokratie oder eine prinzipielle Ablehnung der Beteiligung an Parlamenten. Beispielsweise lehnte die junge KP Italiens trotz der aufkommenden faschistischen Gefahr in Italien jegliche Zusammenarbeit mit der sozialistischen Partei und den Gewerkschaften ab. Dies verhinderte den gemeinsamen Widerstand der Arbeiterklasse und ebnete Mussolini geradezu den Weg zur Macht. Mit dieser sektiererischen Ausrichtung isolierten sich die jungen kommunistischen Parteien häufig von den Massen. Diese ultralinke Phase der Kommunistischen Internationale wurde am dritten Weltkongress 1921 mit der «Einheitsfronttaktik» korrigiert. Die Kommunistischen Parteien sollten gemeinsame Aktionsbündnisse mit den Sozialdemokratischen Parteien eingehen und systematisch in den Gewerkschaften arbeiten. Ziel davon war die Gewinnung der sozialdemokratischen und parteilosen Arbeiter, indem die Überlegenheit des revolutionären gegenüber dem reformistischen Programm im gemeinsamen Kampf praktisch aufgezeigt werden sollte.

Eine Partei der Weltrevolution
Während den ersten drei Jahren entwickelte sich die Komintern zu einer wahrhaften «Partei der Weltrevolution» (Trotzki). Neben Europa deckte sie mittlerweile auch China, Indien oder Lateinamerika ab. Dabei war sie im Gegensatz zur Zweiten Internationale nicht mehr nur ein loses Netzwerk verschiedener Parteien, sondern eine beschlussfähige und ausführende Weltpartei, welche die gemeinsame Aktion des weltweiten revolutionären Proletariats ermöglichen sollte. Mit der Stalinisierung der Sowjetunion ging aber auch eine Stalinisierung der Komintern ab Mitte der 20er-Jahre einher. Die Internationale wurde immer mehr den aussenpolitischen Interessen der Sowjetbürokratie untergeordnet.

Für eine neue kommunistische Internationale!
Eine revolutionäre Internationale ist heute genauso notwendig wie vor hundert Jahren. Die Arbeiterklasse muss sich zwingend international organisieren, denn wir kämpfen gegen ein globales System, den Kapitalismus. Dazu brauchen wir eine demokratische, aber auch eine zentralisierte und damit schlagkräftige internationale Organisation. Die junge Komintern bleibt dafür das beste und ausgereifteste Beispiel, welches die Geschichte des revolutionären Marxismus hervorgebracht hat. Die Dokumente der ersten vier Kongresse der Kommunistischen Internationale bilden eine wahre Goldgrube revolutionärer Politik.

Auch heute sehen wir weltweit Kämpfe der Unterdrückten und eine Radikalisierung breiter Schichten der Lohnabhängigen und der Jugend. Das Potential für revolutionäre Politik ist riesig, doch die revolutionären Kräfte sind winzig. Die Internationale Marxistische Strömung (IMT) ist aber fest entschlossen, heute das Fundament für eine neue kommunistische Internationale zu legen. Dieses Fundament ist das gleiche Fundament, auf dem die Kommunistische Internationale erbaut wurde: Die marxistische Theorie, das revolutionäre Programm und der geduldige Kampf um die Massen.

Julian Scherler
Juso Stadt Bern

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