Im Februar wurde im Traditionsunternehmen der Schweizer Stickerei, Saurer, die Entlassung von 35 ArbeiterInnen angekündigt. Über die Krisen des Kapitalismus und das vermeintliche Schicksal der ArbeiterInnen.

In Arbon TG, einst bekannt für kämpferische 1. Mai – Demos und militante ArbeiterInnen, entlässt die Embroidery-Abteilung (Stickerei-Abteilung) der Saurer-Gruppe 35 ArbeiterInnen. Es sind die Letzten in der Produktion des Arboner Werks.  Die Saurer Gruppe ist heute, als Teil der chinesischen Jinsheng Group, einer der grössten Hersteller von Stickmaschinen für die globale Textilindustrie und ist Teil der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM). Das vor hundert Jahren grösste Einzelunternehmen der Schweiz hat aber seine besten Jahre weit hinter sich gelassen. Letztes Jahr fuhr die Abteilung einen Verlust von 10 Millionen Euro ein. Für die Bosse ist das nicht mehr rentabel. Der Kampf um Leben und Tod der Arboner Industrie neigt sich dem Ende zu und verlieren werden die Lohnabhängigen, oder doch nicht?

Krise für ArbeiterInnen, Aufschwung für Aktionäre

Nebst der internationalen Konkurrenz, die der Saurer Embroidery seit Jahren den Markt streitig macht, bedeutete die Weltwirtschaftskrise von 2008 einen krassen Wandel in der Nachfrage nach Stickmaschinen. OC Oerlikon, damaliger Eigentümer der Saurer Gruppe, sprach von einer Reduktion des allgemeinen Marktvolumens für Stickmaschinen von 35%.[1]  Die Frankenstärke brachte einen weiteren Abschwung der europäischen Nachfrage mit sich. Gleichzeitig ist es für das Mutterunternehmen viel billiger, in China statt in der Schweiz zu produzieren.  

Auf dem Weltmarkt herrscht allgemein eine gravierende Überproduktion von Waren. Gleich wie in der chinesischen Stahlindustrie geht es auf dem Stickerei-Markt zu und her. Diese Überproduktion an Waren ist keine Laune der Natur oder ein trauriges Missgeschick, sondern sie hat System. Im Kapitalismus wird nicht nach Bedürfnissen produziert, sondern für Profit. Dies führt dazu, dass der Markt mit zu vielen Waren überschwemmt wird, welche nicht abgesetzt werden können: Es bestehen Überkapazitäten. Gleichzeitig sehen die Bosse keinen Nutzen, den Gewinn in den Ausbau der Produktionskapazitäten zu investieren, denn der Markt ist ja bereits gesättigt. Also wird fast der komplette von den ArbeiterInnen erarbeitete Wert an die Aktionäre ausgeschüttet.Im ersten Halbjahr 2018 konnte die Saurer Gruppe einen Gewinn von 61 Millionen Franken einfahren, eine Steigerung von 30% zum Vorjahr. 2018 wurden 88,6% des Gewinns direkt an die Aktionäre ausgeschüttet, noch mehr als 2017 (87,8%).[2]

Der Motor der Schweizer Wirtschaft stockt

Ende 2017 wurden in Genf und im Aargau ebenfalls grössere Entlassungen bei ABB Sécheron bzw. General Electric (GE) durchgeführt. Grund: Es sei nicht mehr rentabel in der Schweiz zu produzieren – die Löhne seien zu hoch. Bei GE kommt noch der Druck der riesigen Überkapazitäten dazu. Auch die nähere Zukunft sieht für die Schweizer (Export-)Wirtschaft nicht besonders rosig aus. Economiesuisse erklärt, dass das jetzige Nachlassen der Dynamik der Weltwirtschaft die starke Expansionsphase der Schweizer Exportwirtschaft zu Ende bringe und korrigiert gleich das BIP Wachstum für 2019 von 2.5% auf 1.4% runter.[3]

Die KapitalistInnen haben versucht, ihre Gewinne um jeden Preis zu sichern, was seit 2008 Kurzarbeit, unbezahlte Überstunden und Entlassungen für die ArbeiterInnen bedeutete. Die Saurer-ArbeiterInnen haben all diese Attacken in den letzten Jahren geduldet, weil es zur vermeintlichen Sicherung der restlichen Arbeitsplätze diente. Spätestens jetzt ist auch dem letzten Angestellten klar, dass dies hohle Versprechen waren. Die Geschäftsleitung muss die Hoffnung dennoch aufrecht erhalten und verkündet: “Die [aus der Entlassung] resultierenden Effekte erhalten die Marktfähigkeit der Geschäftseinheit Embroidery und sichern die weiteren Arbeitsplätze am Standort Arbon.”

Auf die Gewerkschaft Unia können sich die Entlassenen ebenfalls nicht verlassen. Statt die Belegschaft zu organisieren und Kampfmassnahmen vorzubereiten, umgeht die Arbeitnehmervertretung diese und schliesst eine “Vereinbarung” mit der Arbeitgebervertretung ab. Die Entlassung könne nicht verhindert werden. Nicht so schlimm, denn die Entlassenen sind ausgebildete Fachkräfte, heisst es seitens der UNIA. Leider aber wurden in der MEM-Industrie zwischen 2007 und 2016 knapp 20’000 Stellen vernichtet. Heute sind 320’000 Beschäftigte übrig. Mit dem Abflauen der Exportwirtschaft wird sich dieser Rückgang fortsetzen.

In die Offensive!

Ein grosser Teil der Schweizer MEM-Industrie ist im Kapitalismus nicht mehr konkurrenzfähig. Sie zerfällt förmlich mit jedem Tag, der vergeht. Bezahlen tun es die ArbeiterInnen, doch waren sie es, die die Schweizer MEM-Industrie im letzten Jahrhundert aufgebaut haben. Nun ist es an der Zeit, selbst die Kontrolle über unsere Industrie zu übernehmen und sie wieder aufzubauen. Die 61 Millionen ausbezahlte Gewinne würden Jahrzehnte reichen, um die Saurerwerke zu erhalten!  

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