Mehr als ein Jahrhundert lang waren die Grossbanken zentrale Motoren der Schweizer Wirtschaft. Mit der Krise von 2008 sind sie zu Bremsen verkommen. Was der schleichende Abfall von UBS & CS für den Schweizer Kapitalismus bedeutet.

Wer an die Schweiz denkt, denkt schnell mal an Banken. Das kommt nicht von ungefähr: Die Grossbanken sind die federführenden Akteure beim Aufstieg des Schweizer Kapitalismus zu einer der zentralen Drehscheiben des internationalen Kapitalverkehrs im 20. Jahrhundert. Zürich und Genf gehören heute zu den Top-15 Finanzzentren der Welt. Der Schweizer Finanzplatz ist und bleibt mit neun Prozent Anteil am BIP (nur Luxemburg und Singapur haben mehr) vorerst das Herzstück des hiesigen Kapitalismus. Allerdings: Vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise von 2008 lag dieser Anteil noch bei knapp 13 Prozent. Seither erleben wir eine Trendwende – die Bedeutung des fulminant emporgeschossenen Finanzplatzes nimmt ab. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich die Grossbanken (UBS und Crédit Suisse), die von Wirtschaftsmotoren zu Bremsen mutieren. Ihr Anteil an der Gesamtwirtschaftsleistung hat sich im letzten Jahrzehnt nahezu halbiert.

Der riskante Aufstieg an die Weltspitze

Die beiden Grossbanken sind heute Schatten ihrer Vorkrisen-Jahre. So ist der Gewinn der UBS seit 2006 um 70 Prozent eingestürzt, der Aktienkurs der CS gar um 90 Prozent. Gründe dafür finden sich im unsicheren Fundament des rasanten Aufstiegs zu Top-Weltbanken ab den 1970ern. Mit der damaligen Liberalisierung der globalen Finanzmärkte verloren die hiesigen Grossbanken ihren traditionellen Wettbewerbsvorteil als liberale Inseln der Vermögensverwaltung. Die zugespitzte Konkurrenz drängt sie zu einer aggressiven Expansionspolitik, in der das Investment-Banking das übliche Kreditgeschäft zunehmend verdrängt. Der Plan ging auf – vor allem weil die privilegierte Stellung in der Vermögensverwaltung den Grossbanken Milliardengewinne bescherte. Mittels des Bankgeheimnisses (Schweigepflicht bezüglich Kundendaten) kumulierten sich die angelegten Gelder kriminellen Ursprungs um die Jahrtausendwende auf 30 bis 80 Prozent. Dadurch beflügelt und abgehoben, versuchte vor allem die UBS in den 2000ern ihre Marktanteile insbesondere in den USA weiter zu erhöhen. Das Motto: Rekordwachstum um jeden Preis dank Spekulationen mit immer riskanteren Wertpapieren oder aktiver Unterstützung beim Steuerbetrug im Rennen um die reichsten Kunden.

Mit der Krise kommt die Retourkutsche 

2008 verkam die Erfolgsstory der Schweizer Grossbanken zum Alptraum. Die fetten Profite durch Investitionen an den US-Märkten verkehrten sich in milliardenschwere Verluste. Vor allem die UBS hat sämtliche Alarmsignale missachtet – und gehörte dann zu den weltweit am stärksten von der Krise betroffenen Instituten. Nur das massive Eingreifen des Staates bewahrte sie vor dem Untergang. Die USA, im Verbund mit der EU, wussten diese Situation der Verwundbarkeit auszunutzen: Unter Androhung einer, in diesem Moment für sie wohl existenzbedrohlichen Strafklage wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung zwangen sie die UBS 2008 zur Aushändigung zehntausender Daten von US-Kunden. So verlor die UBS bis Ende 2009 rund 30 Prozent ihrer verwalteten Vermögen, nicht zuletzt an die US-Konkurrenz.

In der krisenbedingt zugespitzten Konkurrenz nahmen die Angriffe auf die Schwarzgeld-Oasen weiter zu; die aufgezwungenen Bussen seit Ausbruch der Krise belaufen sich für UBS und CS zusammen auf rund 25 Milliarden Franken (das Fünffache des gemeinsamen Jahresgewinns 2018). Der Niederlagen Höhepunkt? Der 2017 eingeführte automatische Informationsaustausch. Mit dem damit besiegelten Ende des Bankgeheimnisses verloren die Grossbanken ihren letzten, jahrzehntelang erfolgreich verteidigten Wettbewerbsvorteil.

Zurück zum Paradepferd, das keines mehr ist 

Seit nunmehr zehn Jahren versuchen die von der internationalen Konkurrenz (allen voran den USA) zurückgestuften UBS und CS wieder Fuss zu fassen. Stabile Vermögensverwaltung ausbauen, Investment-Banking abbauen, lautet dabei die Devise. «Weniger risikobehaftet» seien die Banken dadurch geworden, «aber auch weniger rentabel», stellt Ex-UBS- und CS-Chef Oswald Grübel unlängst fest. Das Problem: Der traditionelle Goldesel der Grossbanken bockt. Um gleich viel zu verdienen wie vor einem Jahrzehnt, muss eine Bank heute im Schnitt ein Fünftel mehr Gelder verwalten. Dies hat zwei Hauptgründe: Erstens forcieren immer mehr Banken den Bereich der Vermögensverwaltung, was zu mehr Konkurrenz und damit sinkenden Margen führt. Ohne Bankgeheimnis fehlt den Grossbanken hier der einst ausschlaggebende Vorteil. Zweitens müssen UBS und CS, aus Angst vor weiteren schmerzhaften Bussen, vermehrt Investitionen tätigen, um die Herkunft der Gelder zu überprüfen. Die «sauberen» Kunden sind zudem anspruchsvoller bezüglich Dienstleistungen und wechseln bei Mängeln schneller die Bank. Es sind also höhere Ausgaben nötig, um Vermögen anzuziehen und zu halten, was ebenfalls die Margen senkt.

Tatsächlich weniger Risiko?

Hinsichtlich der tiefen Margen vermag die Hinwendung zur Vermögensverwaltung die Investoren nicht zu überzeugen – der Aktienkurs beider Grossbanken hinkt dem Buchwert  hinterher. In der Verzweiflung kündigen beide unlängst Rückkäufe eigener Aktien in Milliardenhöhe an. Doch auch dieser Versuch zeigt kaum Wirkung.

Weil Wachstum im hart umkämpften Bankensektor mit aufstrebenden US-Banken aber keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit darstellt, müssen UBS und CS andere Wege suchen. Beide haben Asien (vor allem China) als Wachstumsregion auserkoren. Dort versuchen sie, aus dem Geschäft mit Grosskapitalisten dreifach Profit zu schlagen: durch Vermögensverwaltung, Anlagemanagement und Kreditvergabe. Eine potentiell riskante Ausrichtung, bedenkt man die vorhandene Überproduktion Chinas, die sich im abkühlenden Wachstum widerspiegelt. Der Ausbruch einer Krise in China würde die drei Kernbereiche der hiesigen Grossbanken treffen.

Das goldene Bankenland rutscht ab

«Die Welt ist weniger berechenbar. Wir müssen uns damit anfreunden, dass die nächsten Jahre schwieriger werden», sagt UBS-CEO Sergio Ermotti. Klarer ausgedrückt: Mit den Grossbanken geht es bergab. Über ein Jahrhundert lang waren sie die Antreiber eines Finanzplatzes, der zum wichtigsten Wirtschaftssektor emporstieg und massgeblich zum internationalen Stellenwert der Schweiz beitrug. Seit 2008 jedoch schwächen UBS und CS den Finanzsektor und tragen entscheidend zur quasi-Stagnation der Schweizer Wirtschaft — und damit auch zur Zunahme der sozialen Spannungen bei. Eine erneute Trendwende ist nicht in Sicht, entpuppen sich doch die angewandten Mittel, um dem Abfall entgegenzuwirken, als wenig effektiv (Hinwendung zur Vermögensverwaltung) oder nicht nachhaltig (Fokus auf China).

Das goldene Land der Banken rutscht unweigerlich zum gewöhnlichem Land der Dienstleistungen ab. Weil diese nur noch mässig Einnahmen generieren, drücken die beiden Banken mächtig auf die Sparbremse, womit sie den Klassenkampf auch direkt von oben befeuern. UBS und CS gehören zu den führenden Stellenabbauern des vergangenen Jahrzehnts, von den verbleibenden 35’000 Jobs im Bankensektor sollen in den nächsten Jahren weitere 7’000 verschwinden. Gleichzeitig hat sich das Gehalt von UBS-CEO Ermotti seit 2011 auf knapp 15 Millionen Franken verdoppelt. 2013 hat die 1:12-Initiative gezeigt, wie die Linke diese sich verschärfende Situation mit korrekten Forderungen zum Aufbau ihrer Kräfte nutzen kann. 

Dario Dietsche
Juso Genf

Bildquelle: Flickr

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