Verändern sich die objektiven Bedingungen, verändert sich über kurz oder lang auch das politische Bewusstsein. Nach jahrzehntelangen Phasen der politischen Apathie kann es passieren, dass plötzlich und unerwartet ganze Massenbewegungen klare politische Vorstellungen äussern und umsetzen wollen. Das Bewusstsein entwickelt sich nicht langsam und stetig, es bewegt sich in Sprüngen, schnell und vermeintlich unerwartet. Nun ist das politische Parkett des Kantons Zürich um einen Akteur reicher geworden: Die Sportfans stehen einig hinter einer politischen Parole. Über alle Vereinsgrenzen hinweg haben sie sich zu einem Komitee zusammengeschlossen, um einen politischen Kampf gegen das Hooligan-Konkordat zu führen. Aus einer unpolitischen Bewegung heraus bildet sich ein schlagkräftiges politisches Instrument, welches mit spektakulären Aktionen in der Öffentlichkeit auftritt. Eine bemerkenswerte Entwicklung. Für Marxisten ist das Grund genug, genauer hinzuschauen.


Sportfans und Kapital

Die Bewegung der Sportfans kann ganz gewaltig mobilisieren: Sie schafft es jedes Wochenende, zehntausende von Menschen quer durchs Land hin- und her zu bewegen. Da werden Sonderzüge gemietet und Choreographien eingeübt, es gibt eingespielte, gepflegte und funktionierende Kommunikationsstrukturen; Mailverteiler, Websites, Facebookpages und eigene Zeitungen. Es gibt Vorstände und Autoritäten, Präsidenten und Finanzer, man hat eigene Lokale und Treffpunkte, man hockt im Kreis zusammen, überlegt sich was man als nächstes macht. Sportfans stehen einig hinter dem Verein, sie können „handeln wie ein Mann“. In erster Linie ist das moderne Sportfanleben ein Organisationsleben. Fussballfans, insbesondere darin die Ultrabewegungen, sind somit im ganz grundsätzlichen, unpolitischen Wortsinne einfach einmal organisiert. Zu Zehntausenden!

Das ist umso bemerkenswerter, als dass die Sportfans in ihrer übergrossen Mehrheit ProletarierInnen, Lohnabhängige, Besitzlose sind. Im realexistierenden Kapitalismus stellen sie damit eine Besonderheit dar. Mit Ausnahme der Gewerkschaften und einiger Parteien (wobei sich hier die Frage stellt, wie viele Mitglieder sich aktiv am Parteileben beteiligen), sind alle wirklich wichtigen Organisationen im kapitalistischen System vom Kapital geführt, oder befinden sich zumindest in Abhängigkeit von ihnen. Das fängt beim mittelgrossen Verein an, geht weiter bei der Firma und zieht sich über die grossen bürgerlichen Parteien und den Wirtschaftsverbänden bis hin zum bürgerlichen Staat, dem mächtigsten politischen Ausdruck der kapitalistischen Klassenherrschaft. Keine grosse Organisation ohne Kapital, möchte man meinen. Organisierte Sportfans beugen sich dieser Logik nicht.

Klasse an sich, Klasse für sich

Dass sich um den Sport herum so viele ProletarierInnen organisieren, ist ein sehr interessantes Phänomen. Um zu erklären, warum es für MarxistInnen so interessant ist, müssen wir uns etwas in der Zeit zurückbewegen. Marx schrieb 1847 im Elend der Philosophie: „Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital…“ Nach Marx begann man, die politisch nicht organisierten Teile der ArbeiterInnen als Klasse an sich zu bezeichnen.

Jetzt ist  die ArbeiterInnenklasse zwar eine Klasse an sich, „aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf […] findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen.“ Das Zusammenfinden der Klasse, das Konstituieren der Klasse für sich, das ist die Aufgabe der linken Organisationen, allen voran der MarxistInnen. 

Natürlich ist die Bewegung der Sportfans keine politische Bewegung. Sie sind -mit einigen Ausnahmen – unpolitisch. Es wird stark darauf geachtet, dass es innerhalb der Gruppen keine Reibereien um politische Themen gibt. So kommt es dazu, dass es in der Fankurve ein kunterbuntes Treiben der verschiedensten politischen Strömungen gibt. Am einen Ende des Transparents steht ein sich bekennender Rassist, am anderen Ende ein Kommunist. Der Sport bringt sie alle an den gleichen Ort. Diskutiert wird anderswo. Ob man das jetzt gut oder schlecht findet, ändert an der Tatsache zunächst einmal gar nichts. Ein Bewusstsein für die eigene Klassenlage ist nicht zwingend vorhanden. Aber: das Potential ist da. Der Druck des Staates kann dazu führen, die eigene Klassenlage zu erkennen, er kann dazu führen, die organisatorische Stärke für die eigenen (Klassen-) Interessen zu nutzen.

Staatsmacht und Sportfans

Der Staatsmacht ist die Bewegung der Sportfans ein Dorn im Auge. Wenn sich Teile des Proletariats fern von jedem Kapital und jedem Staat organisieren, und zu zehntausenden Auflaufen, dann ist das für den Staat grundsätzlich eine gefährliche Sache. Betrachten wir es einmal andersherum: Das jedes Wochenende zehntausende durch die Shoppingmalls ziehen, hat noch nie die Polizei auf den Plan gerufen. Kein Wunder, ist es ja auch vom Kapital so gewünscht und organisiert worden. Wenn da etwas nicht so läuft wie gewünscht, organisieren Staat und Kapital zusammen den reibungslosen Ablauf. Bei proletarischen Bewegungen sieht das grundsätzlich anders aus. Laufen diese irgendwo auf, kann ein Ansprechpartner nicht unbedingt garantieren, was die Gruppe macht, er muss seine Autorität walten lassen. Die ist ihm aber, im Gegensatz zur Autorität eines Firmenchefs nicht von oben, durch Eigentum gegeben. Der Führer einer proletarischen Bewegung hat sie sich in mühseliger Kleinarbeit vertrauensvoll erworben.

Nun ist die Autorität des Präsidenten eines Fussballfanclubs nicht unbedingt schwächer als die eines Firmenchefs. Aber sie unterscheidet sich doch grundsätzlich von dieser: Handelt der Firmenchef gegen den Willen der Masse der ArbeiterInnen, schützen ihn die Eigentumsrechte. Handelt der Fussballfanclubpräsident, oder auch der Führer einer politischen proletarischen Bewegung, gegen den Willen der Masse, verliert er seine Autorität. Die Autorität ist ihm nur so lange gegeben, wie die Masse überzeugt ist, er handle in ihrem Interesse. 

Verhandelt der Staat mit Sportfans, reicht ihm diese Grenze der Autorität nicht aus. Er will Garantien haben, dass nichts passiert. Diese kann ihm aber niemand geben. Der Staat weiss sich zu helfen: er greift zur Repression. Dass die Repression Grenzen hat (teure Gerichtsverfahren, die der Staat auch immer wieder mal verliert) bringt ihn aber nicht dazu, die Repression einzuschränken. Er versucht es umgekehrt: er will die Repression per Gesetz legitimieren, vereinfachen und unantastbar machen. So wäre bei Annahme des Konkordats bereits „Gewalttäter“, wer Pyrotechnik mitführt, so könnte man sich auf rechtsstaatlichem Wege nicht mehr gegen Rayonverbote wehren.

Kräfteverhältnisse, nicht Argumente

Die Argumente der Zürcher Kantonsregierung für das Konkordat sind – gemessen am Ausmass der Grundrechtseinschränkungen- mindestens fadenscheinig. Logischer oder praktischer Überprüfung halten sie nicht stand. Ursprünglich wurde argumentiert, dass durch Sportfans verübte Gewalttaten zunähmen. Blöd nur, dass ihre Anzahl in den letzten 20 Jahren sank. Wenn es also wirklich um die Gewalttaten ginge, wäre ja auch der Handlungsbedarf kleiner geworden. Das wissen aber auch die Verantwortlichen, die das Konkordat durchsetzen wollen. Das kann also nicht der Grund sein. Wenn der Regierungsrat Mario Fehr die „unerträgliche Machismokultur“ der Sportfans beklagt, dann ist der Umgang mit der Machismokultur sein persönliches Problem.  Wäre er konsequent, müsste er ein Konkordat gegen Misswahlen unterstützen.

Die hanebüchenen Argumente der Konkordatsbefürworter lassen es erahnen: es steckt mehr hinter den Versuchen, der Repression eine gesetzliche Grundlage zu geben. Wenn der Staat nun mit dem Hooligan-Konkordat gegen die Sportfans vorgeht, dann ist es der Klassencharakter der Sportfanbewegung, gegen den sich der Staat wendet. Und dafür lässt er, fern jeglicher sachlichen Argumentation, seine Muskeln spielen.

Die Sportfanbewegung, mit ihrem unschätzbaren Knowhow zur Organisierung proletarischer Massen, ihren regelmässigen erfolgreichen Massenmobilisierungen, stellt für den Staat ein strukturelles Sicherheitsproblem dar. In Zeiten schwerster revolutionärer Krisen können Sportfans mit diesem Knowhow zu realen Trägern der revolutionären Strassenkämpfe werden. Beispiele gefällig? „Fussballfans aus rivalisierenden Teams trafen die Übereinkunft ihre Kräfte gegen die Polizeibrutalität zu bündeln und setzten, wie auch schon in Tunesien und Ägypten, ihre Erfahrung im Strassenkampf gegen die Polizei gezielt ein.“ – heisst es in unserem Bericht über die jüngsten Proteste in der Türkei. Und was ist denn das Konkordat-Nein-Komitee im Kanton Zürich anderes als ein Komitee gegen Polizeiwillkür und -gewalt? 

Die Sportfans haben sich, über alle Vereinsgrenzen hinweg, zu einem politischen Komitee zusammengeschlossen, sie mischen sich direkt in die politische Sphäre ein. Auch dies ist eine Vorwegnahme der zunehmenden Politisierung der Schweizer ArbeiterInnenklasse im Zuge der Krise. Wir MarxistInnen wünschen den Sportfans eine erfolgreiche Abstimmung und sind äusserst gespannt, welche politische Mobilisierungskraft die Sportfanbewegung hat. 

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