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or 127 Jahren nahmen hunderttausende Arbeiter und Arbeiterinnen auf der ganzen Welt zum ersten Mal an den 1. Mai-Demonstrationen teil. Es war eine frühe Machtdemonstration der „Zweiten Internationale“ und damit ein Wegbereiter des Siegeszuges des Marxismus und des Bewusstseins für die Notwendigkeit einer Revolution bei Millionen von Lohnabhängigen.

Heute sind die 1. Mai-Feste und die Demonstrationen für viele Menschen ein Moment, sich genauer mit der politischen Linken und ihren Organisationen in der Schweiz auseinanderzusetzen. Für uns ist es eine gute Gelegenheit zu erklären, warum wir uns mit dem Gedankengut dieser „Zweiten Internationale“ – dem Marxismus – noch heute identifizieren.

„Der Funke“ ist die marxistische Strömung in der JUSO und in den Gewerkschaften. In diesen Organisationen kämpfen wir für ein Programm, das die Überwindung des heutigen Systems als Ziel vorgibt. Unsere Strömung will dabei die marxistische Methode verteidigen. Das ist keine einfache Aufgabe, aber sie ist bitter nötig.

Ist der Marxismus heute noch relevant? Der Tonfall, mit dem uns diese Frage gestellt wird, hat sich seit dem Beginn unserer Arbeit im Jahr 2008 markant verändert. Anfangs noch spöttisch und herablassend, hört man heute aus dieser Frage oft ehrliches Interesse. Etwas ist anders geworden.

Es ist heute mehr als die offen erkennbare Krisenhaftigkeit des Systems, die das Bewusstsein eines immer grösseren Teiles der Gesellschaft beeinflusst. Die Bewegungen, die diese Situation auf internationaler Ebene ausgelöst hat, geben auch in der Schweiz Denkanstösse für sich politisierende Menschen, speziell die Jugend. Wir sind nicht die einzigen, die aus diesen Entwicklungen Schlüsse ziehen. Doch wir haben uns dieser Aufgabe mit einer Methode verschrieben.

In der vergangenen Periode wurde unsere Methode – der Marxismus – von einer unvergleichlichen ideologischen Offensive angegriffen. Nach dem Ende des Stalinismus in der UdSSR und den Satellitenstaaten versuchten die Bürgerlichen der ehrlichen sozialistischen Tradition ein für alle Mal den Garaus zu machen. Wir verteidigen den Marxismus nicht nur gegen diese Angriffe, sondern auch gegen die vermeintlichen „Aktualisierungen“ des linken Denkens wie den Postmodernismus und -strukturalismus, den „dritten Weg“ und andere Holzwege.

Doch auch innerhalb des Trödelhandels, der sich als Marxismus ausgibt, gilt es, das Skelett auszugraben und sich nicht von der Masse an Abfallprodukten erdrücken zu lassen.
Seit Beginn der Degenerierung der sozialistischen Revolutionen war es eine der Hauptaufgaben unserer politischen Tradition, diese Entwicklungen zu beobachten, zu verstehen und zu bekämpfen. Darauf sind wir stolz.

Diese Arbeit erlaubt uns, das 100-Jahr-Jubiläum der Russischen Revolution mit einer ganzjährigen Artikelreihe zu feiern. Sie begleitet den Ablauf des Revolutionsjahres und durchleuchtet die wichtigsten Aspekte und Themen dieser revolutionären Phase. In dieser Hinsicht freut es uns, euch die Erstausgabe der Übersetzung des Werkes „Lenin und Trotzki, für was sie wirklich kämpften“ präsentieren zu können (siehe Seite 10).

Das heisst aber nicht, dass unsere Methode in den 30er-Jahren stehengeblieben ist. Zusammen mit unserer Internationalen – der International Marxist Tendency – haben wir die Anwendung des Marxismus regelmässig den veränderten Bedingungen angepasst. Während des Booms der Nachkriegszeit war dies genauso nötig wie während der 70er-Jahre-Krise. Wir untersuchten die Kontinuitäten und Brüche in der Epoche des „Neoliberalismus“ und erklärten die Gründe für die Entfaltung der weltweiten Überproduktionskrise seit ihrem Ausbruch 2008.

Der Marxismus ist frisch und lebendig. Moderne Entwicklung wie die Veränderungen des Care-Arbeit-Sektors oder die „Uberisierung“ und „Digitalisierung“ verfolgen und erklären wir auf politisch-theoretischer Ebene. Es ist der Zweck unserer Publikation, der monatlich erscheinenden Funke-Zeitung, mithilfe der marxistischen Methode die Welt zu verstehen und sie zu verändern. Das machen wir mit internationalen Themen, Schweizer Innen- und Aussenpolitik oder sozialen Kämpfen. In der praktischen Anwendung messen wir uns mit anderen politischen Strömungen und Denkschulen, sei dies in der politische Praxis in der JUSO und den Gewerkschaften oder in unseren politischen Bildungsaktivitäten an den Unis.

Eine Tradition der sozialistischen Bewegung ist uns dabei besonders wichtig: die genossenschaftliche Diskussion von politischen Meinungsverschiedenheiten. Genauso wie wir ehrliche Kritik schätzen, fühlen wir uns verpflichtet, auf Grenzen, Risiken oder Fehler in Praxis und Analyse unserer Verbündeten hinzuweisen, wenn wir solche ausmachen – nicht um unsere Überlegenheit zu beweisen, sondern weil wir uns allen fortschrittlichen Kämpfen verschrieben haben. Genauso wie ein Angriff auf einen ein Angriff auf alle ist, ist auch ein Misserfolg in einem Kampf ein Misserfolg für alle. Kritik und Gedankenaustausch sind die Basis für einen gesunden Austausch über Strategie und politisches Programm der heute öfter entstehenden Protest- und Widerstandsbewegungen. Es ist wichtig, diese Debatten nicht nur über praktische Fragen zu führen, sondern auch über die Methode und die Ziele unseres Kampfes. Ohne eine präzise Untersuchung der grundlegenden Ursachen der heutigen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Umweltprobleme ist eine Überwindung der Umstände – der kapitalistischen Produktionsweise und Akkumulation – , die diese Probleme hervorbringen, nicht möglich.

Als Marxisten und Marxistinnen geben wir unverblümt zu, dass wir für die Veränderung der Gesellschaft in eine bestimmten Richtung kämpfen. Daraus ergibt sich auch unsere politische Alltagsarbeit.

Als marxistische Strömung in der JUSO setzen wir uns dafür ein, dass die stärkste linke Partei des Landes auf der Basis eines revolutionären sozialistischen Programms kämpft. In vielen Kantonal- und Lokalsektionen verteidigt unsere Strömung einen marxistischen Standpunkt und zeigt auf, dass man auf dieser Basis zielstrebigere politische Aufbauarbeit verrichten kann. In einer Situation, wo man Abstimmungen wie die USR III gewinnt, im Parlament aber nicht über einen Rentenbeschiss hinauskommt, ist dies umso wichtiger und stösst auf offene Ohren.

Diese Arbeit ergänzen wir mit der Bildungsarbeit in den Marxistischen Vereinen, die an fünf Universitäten beim grössten marxistischen Bildungsprojekt der Schweiz mitarbeiten. Auf diese Weise versuchen wir nicht nur am Aufbau einer kämpferischen Lernenden-, SchülerInnen-, Studierenden- und ArbeiterInnenbewegung mitzuarbeiten. Unser Ziel ist es, die fortschrittlichsten Schichten dieses Kampfes unter dem Banner des revolutionären Marxismus zu vereinen. Von dieser freundschaftlichen Einladung bist auch du, liebe Leserin, lieber Leser, nicht ausgeschlossen.

Die Redaktion

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