Rund 100 BesucherInnen diskutierten am Wochenende vom 12. und 13. Oktober an der 11. marxistischen Herbstschule in Nidau über die Ideen des Marxismus, die Analyse des Klassenkampfs weltweit und die Frage, wie sich die Kräfte des Marxismus in der Schweiz und international aufbauen lassen. 

Die politische Situation in der Schweiz war 2019 voll und ganz geprägt durch zwei für Schweizer Verhältnisse überwältigende soziale Bewegungen: den Frauenstreik und den Klimastreik. Überwältigend hinsichtlich ihrer Mobilisierungskraft mit 500’000 Streikenden am 14. Juni und 80’000 TeilnehmerInnen an der nationalen Klimademo vom 28. September, aber auch hinsichtlich ihrer Radikalität. Sie zeigen, dass die weltweite Krise des Kapitalismus ihre Spuren im Bewusstsein der Schweizer ArbeiterInnenklasse und der Jugend hinterlassen hat. Die Frauen suchen einen Weg, gegen die sich verschärfende Frauenunterdrückung zu kämpfen, die Klimastreik-Bewegung fordert den “System Change”. 

Über diesen Zusammenhang verschiedenster sozialer Kämpfe weltweit und der Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft referierte ein Genosse unserer italienischen Schwesterorganisation “Rivoluzione”. Dabei zeigte er die Ursprünge der aktuellen revolutionären Bewegung in Ecuador, dem barbarischen Invasionskrieg der Türkei in Rojava (Kurdisch-Nordsyrien) oder der aktuellen Protestbewegung für nationale Selbstbestimmung in Katalonien auf. Klar wurde: In all diesen Kämpfen stehen sich die herrschende Klasse und die unterdrückte Klasse gegenüber, in ihnen manifestieren sich sowohl die bröckelnde bürgerliche Herrschaft, als auch die Radikalisierung der unterdrückten Massen. In letzter Instanz finden sie ihren gemeinsamen Ursprung in der Krise des Kapitalismus, die seit 2008 das bestimmende Element der Weltwirtschaft sowie Ursache zunehmender politischer Polarisierung und sozialer Instabilität weltweit ist.

Die «Perspektiven der Weltrevolution» während des heissen Herbstes 2019 von Claudio Bellotti, Redakteur von rivoluzione.red

Die Krise, welche von bürgerlichen Ökonomen verneint und weggeredet wird, steigt mit dem 2019 ausgebrochenen Handelsstreit, vor allem zwischen den USA und China, in eine neue Phase. Obwohl dieser Streit noch nicht zu einem vollständigen Handelskrieg eskaliert ist, machen sich seine Auswirkungen bereits deutlich bemerkbar. Die WTO schätzte das Wachstum des Welthandels Ende 2018 noch auf 3,7% ein, reduzierte ihre Prognosen im April aber auf lediglich 2,6%. Dies alleine reicht als Indiz dafür, dass die 2008 ausgebrochene Krise noch alles andere als überwunden ist. Ihr Kern, die globale Überproduktion, kann nämlich auf kapitalistischer Basis gar nicht beseitigt werden, ausser mit einer massiven Vernichtung von Kapital. In allen zentralen Industriezweigen, in der Schiffahrt sowie in der Rohstoff- und Energieproduktion herrscht massive Überproduktion vor: Die Kapitalisten haben in der Vergangenheit solch gigantische Mengen an Kapital investiert und akkumuliert, die jetzt nicht mehr profitabel verwertet werden können. Die von ihnen geschaffenen Produktivkräfte produzieren zu viel Waren für den begrenzten Markt. Die Kapitalisten müssen daher um die bestehenden Märkte in einer vielfach verschärften Konkurrenz ringen und die Regierungen versuchen nun, mit Schutzzöllen und Tarifen die Märkte “ihrer” Kapitalisten gegen die ausländische Konkurrenz abzuschirmen. 

Brexit, Corbyn und die Labour

Die Krise wird zudem in voller Wucht auf die ArbeiterInnenklasse abgewälzt. Im Workshop zu Grossbritannien und dem Brexit diskutierten wir darüber, wie die zahlreichen Sparmassnahmen sowie Angriffe auf Löhne und Arbeitsbedingungen durch die britische Bourgeoisie und die dadurch angestaute Wut der Lohnabhängigen in den letzten Jahren zu gleich zwei politischen Erdbeben führten: dem Brexit und dem Wahlsieg des Labour-Linken Jeremy Corbyn zum Vorsitzenden der Labour Party. Mit dem Brexit hat sich die britische Bourgeoisie in eine Sackgasse manövriert, aus der sie keinen Ausweg wissen. Egal wie stark sich Premierminister Boris Johnson demagogisch als Held der britischen Unabhängigkeit von der EU aufspielt, de facto hat er weder einen Plan A noch einen Plan B. Vor einem Brexit-Desaster fürchtet sich die britische Bourgeoisie allerdings viel weniger als vor einer Regierung unter Jeremy Corbyn, welche eine wahrscheinliche Option im Fall von Neuwahlen wäre. Auch diskutiert wurden aber die Grenzen des politischen Programms Corbyns, welches nicht über einen reformistischen Horizont hinausreicht. Will man aber die wirtschaftliche, soziale und politische Krise in Grossbritannien lösen, hilft nur eines: ein mutiges, revolutionäres sozialistisches Programm!

Massenbewegungen in der Schweiz

Je ein Workshop wurde dem eingangs genannten Frauen- und Klimastreik gewidmet. In einem Workshop zu Klima und Kapitalismus wurde aufgezeigt, wie ökologische Nachhaltigkeit und kapitalistische Produktionsweise ein Widerspruch in sich sind. Im Workshop zur Geschlechterfrage wurde aufgezeigt, wie die Unterdrückung der Frau der geschlechtlichen Arbeitsteilung entspringt, wie sie durch den Kapitalismus aufrechterhalten und gestärkt wird. Es wurde gezeigt, wie bei der Lösung der Klimakrise weder auf das bürgerliche Parlament noch auf “Markt”-konforme Massnahmen wie die CO2-Steuer oder den Emissionshandel vertraut werden kann, sondern nur die Überwindung des Kapitalismus einen Ausweg bieten kann. Folglich braucht die Klimastreik-Bewegung ein sozialistisches Programm, für welches “der Funke” in der Bewegung entschieden eintritt. 

Das Referat «Von der Betriebsblockade zum Massenstreik» behandelt auch den Frauenstreik und die Idee eines Klimageneralstreikes im Mai 2020

Auch theoretische Grundlagen wurden intensiv an diesem Wochenende diskutiert, insbesondere im Workshop zur revolutionären Philosophie des Marxismus. Der Marxismus als Methode zur Analyse und Veränderung der Welt zieht seine Stärke aus der materialistischen Dialektik. Damit gemeint ist eine Methode, welche die Welt im Allgemeinen und unsere Gesellschaft im Speziellen als ein Gestrick von Verhältnissen und Prozessen versteht. Das Gestrick lässt sich entwirren, wenn man entgegen der vorherrschenden bürgerlichen Wissenschaft und Philosophie die Welt nicht versucht, in Schubladen einzuteilen, sondern mithilfe von wissenschaftlichen Begriffen die Dinge in ihre Beziehungen einordnet und so die Welt als Prozess zu verstehen lernt. Diese Beziehungen gehen von der materiellen Basis aus. Es ist das Sein, welches das Bewusstsein bestimmt, um Marx zu paraphrasieren. Nicht Ideen bestimmen den Lauf der Geschichte – die ökonomischen, sozialen und politischen Prozesse, welche sich vor unseren Augen abspielen – sondern die Produktionsverhältnisse: die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft die Produktion und Verteilung der Güter, die wir zum Leben brauchen, organisieren. Diese Prozesse vollziehen sich in Widersprüchen, Gegensätzen und rapiden Sprüngen, in denen sich eine Situation in ihr Gegenteil verkehren kann. Widersprüche wie derjenige zwischen Kapital und Arbeit, Gegensätze wie derjenige zwischen Ausbeutern und Unterdrückten und rapide Sprünge wie Bewegungen und Revolutionen. 

Die wichtigste Schlussfolgerung der marxistischen Philosophie ist aber jener: Die Menschen werden nicht nur durch ihre Verhältnisse geformt, sie formen diese Verhältnisse auch. Erkennen die Lohnabhängigen ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre objektive Macht zur Veränderung, können sie das kapitalistische System stürzen und eine sozialistische Gesellschaft aufbauen. Eine Gesellschaft, in welcher nicht nur Unterdrückung und Ausbeutung beseitigt werden können, sondern die Produktion nach Bedürfnissen statt Profit, in Harmonie mit der Natur organisiert werden kann. Der zentrale Schritt dorthin ist und bleibt der Aufbau einer revolutionären Kraft. Nach diesem wunderbaren Wochenende, gefüllt mit marxistischer Theorie, politischen Diskussionen und dem Singen von revolutionären Liedern am Samstagabend, können wir mit Stolz sagen: Der Aufbau der marxistischen Kräften schreitet mit grossen Schritten voran. Schliess auch du dich an!

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