Der Streik der Smood-Lieferanten verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Den Anfang machten die ArbeiterInnen in Yverdon vor drei Wochen. Ihrem Streikaufruf folgten die Städte Neuchâtel, Nyon, Sion, Martigny und Lausanne. Seit dieser Woche streiken auch Lieferanten in Fribourg und Genf. Bereits über 100 Arbeiter sind in den Streik getreten, Tendenz steigend.

Der Funke solidarisiert sich voll und ganz mit dem Kampf. Auch in der Praxis: Nach dem Besuch beim Streikposten in Nyon, waren wir auch in Fribourg vor Ort. Wir diskutierten aktiv mit den Streikenden und halfen beim Unterschriften-Sammeln für eine Solidaritäts-Petition. 

Aus den inspirierenden Gesprächen mit den Arbeitern ziehen wir 6 zentrale Schlussfolgerungen

  1. Arbeitskämpfe sind dringend nötig und möglich, auch in der Schweiz! 

“Seit Jahren behandelt uns Smood wie ein Stück Scheisse”, sagt uns ein langjähriger Angestellter. Er beschreibt die katastrophalen Arbeitsbedingungen. Es sind die gleichen wie überall. Unter dem Strich habe man als Smood-Angestellter kein menschenwürdiges Leben: “Die versklaven uns, auch wenn es nicht mehr so genannt wird”. Während der Pandemie habe der Druck weiter zugenommen. Das Geschäft der Lieferdienste boomte, weil die Lieferanten immer mehr ausgepresst wurden. Im Konkurrenzkampf um neue Marktanteile pressten die Smood-Bosse ihre Angestellten noch mehr aus. Die Konsequenz: CEO Marc Aeschlimann, auf der einen Seite ist noch reicher geworden, sitzt auf einem Vermögen von 200 Millionen Franken. Die Angestellten, auf der anderen Seite, kommen trotz grösster Aufopferung kaum über die Runden. Wer sich nicht bis 4 Uhr morgens im Schichtplan einträgt, kriegt keine oder nicht genug Einsätze. Die anderen unter dem Strich rund 20 CHF pro Stunde, bei Verspätungen und Reparaturen (am Velo oder Auto) noch weniger. Bereits seit einem Jahr diskutiere man in Fribourg übers Streiken, Gründe dafür gäbe es mehr als genug, nicht nur bei Smood. Als dann in Yverdon der Streik begann und sich ausbreitete, habe man den Entschluss gefasst: “Wenn sie streiken, können und müssen wir das auch tun”. 

  1. Für Verbesserungen muss man kämpfen!

Die aufgestellten Forderungen (rechtzeitige Mitteilung der Arbeitszeiten, Lohn für alle geleisteten Arbeitsstunden und Entschädigung für die Benutzung des eigenen Fahrzeugs) verlangen unter dem Strich nicht mehr als menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Die Missstände haben sich über längere Zeit angehäuft, einige Lieferanten machten diese schon vor zwei Jahren publik. CEO Aeschlimann meinte vor einem Jahr, die Vorwürfe seien unbegründet. Vor zwei Wochen behauptete Smood in einem Interview, die Arbeitsbedingungen hätten sich gar nicht verschlechtert und verneinte den Streik. “Das zeigt die Arroganz in der Chefetage, die schauen von oben auf uns herab”, sagt uns ein Streikender. Sein Verantwortlicher antworte oftmals gar nicht per Whatsapp, sämtliche Probleme seien stets ignoriert worden. Bis am Dienstag. Nachdem auch Fribourg und Genf (Firmensitz von Smood) in den Streik gezogen sind, geht Smood erstmals auf die Probleme ein. “Die Mindestlohnforderung von 23 Franken pro Stunde werde geprüft”, heisst es in einem Communiqué. Beim Streikposten in Fribourg ist man sich einig, dass dies nur ein loses Versprechen ist. Doch es zeigt: Die Verhältnisse sind nicht in Stein gemeisselt. Durch die direkte Konfrontation mit den Bossen und den gemeinsamen Kampf für die Interessen der Lohnabhängigen lassen sie sich verändern. Dies ist selbst für Minimalforderungen unumgänglich. 

  1. Streik = Betrieb lahmlegen!

Was bedeutet Streik? “Er muss den Bossen wehtun”, sagt ein Streikender völlig korrekterweise. Ein Streik muss den Betrieb lahmlegen, nur so können die Arbeiter ihre mächtige Stellung in der Produktion (sie schaffen sämtlichen Wert) fürs Erkämpfen ihrer Forderungen nutzen. In Fribourg legte der Kampf zu Beginn den Betrieb nicht lahm: Nur 6 der 18 Smood-Angestellten legten ihre Arbeit über Mittag (Stosszeit) nieder, die meisten Lieferungen wurden weiter ausgeführt.  Die Streikenden reagierten auf eigene Faust. Sie gingen dorthin, wo ihre Kollegen Essen ausliefern und überzeugten sie von der Notwendigkeit des kollektiven Kampfs. In nur drei Tagen haben sie es so geschafft, die Schlagkraft zu verdoppeln – inzwischen streiken 12 Angestellte. Die anderen wolle man auch noch finden und überzeugen. Das Hindernis: Nur Smood weiss, wer tatsächlich bei Smood arbeitet.

Von einem Kurier selbstgestaltetes Banner, dass zeigt wie das Ausbeutungsmonster bei smood funktioniert
  1. Solidarität entsteht im kollektiven Kampf!

Vor dem Streik kannten sich deshalb die meisten der Kuriere noch gar nicht. Erst durch die gemeinsamen Aktionen kam es zu Diskussionen zwischen ihnen – jetzt stehen sie Seite an Seite miteinander in der Kälte. Dabei spielt es keine Rolle ob sie bereits seit zwei Jahren für smood arbeiten oder erst seit kurzer Zeit. 3 der anwesenden Streikenden sind erst gerade seit einem Monat bei smood und wurden von den Streikposten davon überzeugt, dass es einen gemeinsamen Kampf braucht um gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Dass diese katastrophal sind, erkennt jeder Kurier von Beginn an, doch durch den Streik erkennen sie die Notwendigkeit und den Nutzen des kollektiven Kampfs. Sie alle leiden unter dem Zeitdruck, den schlechten Löhnen und den Tricks von smood. Doch der Streik bringt sie zusammen und gibt dem ganzen einen kollektiven Ausdruck. Sie kämpfen nicht mehr nur für sich selber, sondern auch für ihre KollegInnen und die die nach ihnen für smood arbeiten werden. Ein Kurier, der sagt er will nie mehr in seinem Leben die smood-Jacke anziehen, macht klar: “Ich bin trotzdem hier. Wir machen das auch für all die Jungen die nach uns kommen – um zu zeigen, dass du kämpfen musst, nie aufgeben, weil dass der einzige Weg ist um etwas von ihnen zu erhalten!”

  1. Kein Hindernis zu gross für die Kreativität der Arbeiterklasse

Lieferdienste wie smood zählen auf die Vereinzelung und Einschüchterung ihrer Arbeiter. Eine Selfie-Pflicht bei Beginn der Arbeit, ständige Überwachung durch Ortungsdienste und die Tatsache, dass jeder isoliert für sich arbeitet sind reale Hindernisse denen die Kuriere begegnen. Viele konnten sich deshalb vor dem Streik auch nicht vorstellen, dass ein gemeinsamer Kampf möglich ist. Aber im Prozess des Kampfs finden sie Lösungen! Sie gehen zu den Lokalen wo sie wissen, dass am meisten Essen ausgeliefert wird und überzeugen ihre KollegInnen mitzumachen. Selbst wenn smood als Streikbrecher eingesetzte Leute aus Genf nach Fribourg schickt, gehen sie auf diese zu und versuchen sie zu überzeugen, sich dem Streik anzuschliessen. Jemand fährt mit dem Fahrrad durch die Stadt um die anderen Kuriere zu finden und sie ebenfalls zu überzeugen. Bei den Versammlungen nach dem Streikposten erklären sie sich gegenseitig wie die Ausbeutung bei smood genau funktioniert (siehe Bild).

Die gemeinsamen Diskussionen schüren den Enthusiasmus unter allen Beteiligten. Doch es bleibt nicht nur bei den Diskussionen. Am Ende jedes Tages beschliessen sie zusammen, wie sie am nächsten Tag weitermachen. Und mit der Ausbreitung des Kampfes ist die Richtung momentan klar: Mehr Kuriere in den Kampf ziehen, weiterhin Streikposten beziehen, so lange bis es smood richtig weh tut. Dazu haben sie auch ein nationales Komitee gegründet, in welches Delegierte aus den verschiedenen Städten gewählt werden und das sich mehrere Male in der Woche trifft. Die UNIA spielt in diesem Kampf eine wichtige Rolle, indem sie die Streikenden unterstützt, mit ihnen diskutiert und aktiv an den Streikposten mitarbeitet. Viele der GewerkschafterInnen überlegen aktiv, wie der Kampf ausgeweitet werden kann. Doch die Hoffnung darf nicht in eine Petition, Appelle an die Geschäftsleitung oder Hinterzimmerverhandlungen gesteckt werden – sondern in die vereinte Kraft der ArbeiterInnen!

  1. Kein Vertrauen in die Bosse

 Die Geschäftsleitung von smood (und der Migros!) hört nicht auf nette Bitten. Die Kuriere beschweren sich schon seit Monaten über zu tiefe Löhne, zu wenig bezahlte Auslagen, Stunden die einfach so von ihrer Lohnabrechnung verschwinden, Trinkgeld das ihnen nicht ausbezahlt wird und vieles mehr. Doch bis jetzt hat die Chefetage diese Beschwerden einfach ignoriert oder als Falschinformationen bezeichnet. Dass sie jetzt, in dem Moment wo der Streik beginnt ihnen wehzutun, davon sprechen die Löhne vielleicht auf 23 Franken pro Stunde zu erhöhen zeigt nur eines: nur wenn es sie dort trifft wo es weh tut, geben sie nach. Anständige Arbeitsbedingungen müssen erkämpft werden! Die Streikenden wurden von smood regelrecht dazu gezwungen, sich zur Wehr zu setzen. Das überrascht kaum. Der Konkurrenzdruck ist hart im Lieferdienst-Geschäft und um gegen eat.ch, UberEats und die anderen bestehen zu können, muss smood seine Arbeiter immer härter ausbeuten. Aber gerade deshalb haben die Kuriere berechtigterweise absolut kein Vertrauen in die Geschäftsführung von smood. Einige haben als Konsequenz bereits gekündigt – und kämpfen jetzt trotzdem mit und für ihre ehemaligen KollegInnen. Ihre Forderungen erreichen sie nur dann, wenn sie gemeinsam dafür sorgen, dass die einzige Profitquelle der Lieferdienste – die ArbeiterInnen – ihre Profite zum Erliegen bringen.

Wie weiter?

Die Kuriere bei smood haben erkannt, dass sie nur auf ihre eigene Kraft zählen können. Doch die entscheidende Schlagkraft um smood zum einknicken zu bringen, erreichen sie nur durch eine Ausweitung des Kampfs. Einerseits müssen möglichst viele KollegInnen rund um ihre Forderungen überzeugt werden sich am Kampf zu beteiligen. So verhindern sie, dass smood Streikbrecher gegen ihren Kampf einsetzen kann. Andererseits muss der Kampf über die bisherigen neun Städte auf das gesamte Geschäftsgebiet von smood ausgeweitet werden. Auch in Zürich und in Bern brodelt es.

Wenn die Kuriere nicht fahren, steht smood still. Ohne Lieferanten keine Profite. Durch einen breit verankerten Streik wird die Geschäftsleitung zum Handeln gezwungen. Die Streikenden wissen, dass ihnen Entlassungen (unter falschen Vorwänden) drohen. Doch das zeigt nur auf, was im Endeffekt notwendig ist, um dem Profitzwang des Kapitalismus ein Ende zu setzen und anständige Arbeitsbedingungen zu sichern: die Enteignung der Lieferdienste und die Betriebsführung durch die ArbeiterInnen selber. Ein Erfolg des Streiks auf der anderen Seite, sprich ein Nachgeben von smood, würde den Kurieren überdeutlich vor Augen führen welche Macht sie in ihren Händen (und Beinen) haben. Ein Teil wird dort nicht aufhören wollen und andere ArbeiterInnen werden sich von diesem Kampf inspirieren lassen. Oder wie es einer der Streikenden in Fribourg sagt: “Wenn sie unsere Bedingungen erfüllen, dann hören wir vielleicht – und ich sage bewusst vielleicht – dort auf. Weil Parolen sind gut und recht, aber es braucht Taten”.

Kevin Wolf (Unia Bern) und Dario Dietsche (VPOD Fribourg)

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