Im Kampf für die Emanzipation der Frau stand der Marxismus immer an vorderster Front. Der 8. März (internationale Kampftag der Frau) ist ein Symbol für den Kampf der weiblichen Teile der ArbeiterInnenklasse gegen Kapitalismus, Unterdrückung und Diskriminierung auf der ganzen Welt. In diesem Artikel umreissen wir die ersten Schritte, die der Marxismus im Kampf für die Rechte der Frau aufzeigte; wir untersuchen, was die erste erfolgreiche Revolution für die Emanzipation der Frau bedeutete; wir betrachten die Lebensbedingungen von Frauen im Kapitalismus sowohl in fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern als auch in der Dritten Welt; und schliesslich stellen wir die Frage, wie die Ungleichheit zwischen Frau und Mann endgültig beseitigt werden kann. Der Artikel wurde ursprünglich von Ana Munoz und Alan Woods am 8. März 2000 publiziert und von der IMT 2021 wieder veröffentlicht.

Die Stellung der Frau kann nur grundlegend verändert werden, wenn alle Bedingungen des sozialen und häuslichen Lebens und der Familie verändert werden.

Leo Trotzki, Women and the Family, S. 54. (Übersetzung der Redaktion)

Der Kapitalismus befindet sich in einer Sackgasse. Seine globale Krise trifft mit besonderer Härte die Frauen und die Jugend. Bereits im 19. Jahrhundert beschrieb Marx die Tendenz des Kapitalismus, durch die Ausbeutung von Frauen und Kindern Extraprofite zu generieren. Im ersten Kapitel des Kapitals schrieb er:

Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber grössrer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie! Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel, die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einreihung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmässigkeit des Kapitals. Die Zwangsarbeit für den Kapitalisten usurpierte nicht nur die Stelle des Kinderspiels, sondern auch der freien Arbeit im häuslichen Kreis, innerhalb sittlicher Schranke, für die Familie selbst.

Karl Marx, Kapital

Die sich wandelnden Produktionsweisen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern und das immerwährende Streben der Klasse der Kapitalisten danach, die Profitrate zu erhöhen, führte zu einem stets wachsenden Beschäftigungsgrad von Frauen und Kindern. Sie sind der schlimmsten Ausbeutung ausgesetzt und arbeiten, mit wenig bis keinen Rechten, unter schlechten Bedingungen für einen geringen Lohn. Schon nur in den USA sind in den letzten 50 Jahren 40 Millionen Frauen erwerbstätig geworden; in Europa sind es weitere 30 Millionen. 1950 war nur etwa ein Drittel aller US-Amerikanerinnen erwerbstätig; letztes Jahr waren es fast drei Viertel. Laut Statistiken sind 99% der Amerikanerinnen an irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben Lohnarbeiterinnen. Die Beschäftigung von Frauen ist bereits für sich genommen ein Fortschritt: Es ist die Grundbedingung für die Befreiung der Frau aus dem engen Rahmen des Hauses und der bürgerlichen Familie und ihrer vollständigen und freien Entfaltung als Mensch und  Mitglied der Gesellschaft.

Im kapitalistischen System gilt die Frau allerdings hauptsächlich als zugängliche Quelle für günstige Arbeitskräfte und als Teil der «industriellen Reservearmee», auf die man bei Arbeitskräftemangel in bestimmten Branchen zurückgreifen und wieder entlassen kann, wenn der Bedarf gedeckt ist. Dies zeigte sich in beiden Weltkriegen, als Frauen in den Fabriken die Männer, die an die Front geschickt wurden, ersetzen sollten; kaum war der Krieg vorüber, wurden sie wieder nach Hause geschickt. Während des Aufschwungs der 1950er und 60er wurden Frauen wiederum zur Lohnarbeit ermutigt, während ihre Rolle jener der migrantischen ArbeiterInnen glich – sie bilden die Basis für billige Arbeitskräfte. In jüngerer Zeit ist die Anzahl an weiblichen Beschäftigten gestiegen, welche Bedarfslücken im Produktionsprozess decken. Trotz allem Gerede von «Emanzipation» und «Frauenpower» und trotz aller Gesetze, die scheinbar die Gleichberechtigung sicherstellen sollen, bleiben Frauen aber die am stärksten ausgebeutete und unterdrückte Schicht des Proletariats.

Historisch wurden Frauen von der Klassengesellschaft dazu erzogen, ohne eigene politische Meinung, unorganisiert und vor allem passiv zu sein und bildeten so eine sozialen Basis für die Reaktion. Mittels der Kirche und der Presse («Frauen»-Magazine usw.) stützte sich die Bourgeoisie auf diese Schicht, um ihre Machtstellung zu erhalten. Diese Situation ändert sich allerdings zunehmend mit der veränderten Rolle der Frau in der Gesellschaft: Zumindest in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern finden sich Frauen nicht länger damit ab, in Unkenntnis belassen zu werden und sich passiv dem traditionellen Rollenbild von «Kirche, Küche und Kinder» unterzuordnen. Das ist ein höchst fortschrittliche Entwicklung mit wichtigen Konsequenzen für die Zukunft. Die Bourgeoisie hat bereits mehrheitlich ihre andere soziale Basis der Reaktion, die Bauernschaft, in den USA, Japan und Westeuropa verloren; ebenso bilden heute auch Frauen kein Hort mehr für Rückständigkeit und Reaktion. Die Krise des Kapitalismus mit seinen fortdauernden Angriffen auf Frauen und die Familie wird immer weitere Schichten von Frauen radikalisieren und sie auf den Pfad der Revolution treiben. Marxistinnen und Marxisten müssen das riesige revolutionäre Potential von Frauen erfassen und die notwendigen Schritte unternehmen, um dieses Potenzial zu entfesseln.

Frauen sind unter Umständen sehr viel revolutionärer als Männer, weil sie frisch und unbelastet von jahrelanger, konservativer Routine sind, die so oft die «übliche» gewerkschaftlichen Arbeit kennzeichnet. Alle, die schon einen Streik von Frauen miterlebt haben, wissen von ihrer enormen Entschlossenheit, von ihrem Mut und ihrem Elan. Es ist die Pflicht von Marxistinnen und Marxisten, jegliche Massnahmen zu unterstützen, welche Frauen zum Gewerkschaftsbeitritt ermutigen und ihnen die Mitarbeit mit gleichen Rechten und Pflichten ermöglichen.

Die Erste Internationale

Die Frauenfrage nahm immer schon eine zentrale Position in der Theorie wie Praxis des Marxismus ein. Die Erste Internationale nahm den Kampf für Reformen sehr ernst. Hier folgt ein Fragebogen über Arbeitsbedingungen, den Marx Ende August 1866 verfasste und vom Zentralrat in alle Sektionen verschickt wurde:

  1. Gewerk, Name
  2. Alter und Geschlecht der Arbeiter
  3. Anzahl der Angestellten
  4. Löhne: 
    (a) Lehrlinge und Gehilfen; 
    (b) Tagelohn oder Stücklohn; von Zwischenunternehmern gezahlte Löhne. Wöchentlicher und jährlicher Durchschnitt.
  5. (a) Arbeitsstunden in Fabriken. 
    (b) Arbeitsstunden bei kleinen Meistern und in der Hausarbeit, falls das Gewerbe in diesen verschiedenen Weisen betrieben wird. 
    (c) Nacht- und Tagesarbeit.
  6. Mahlzeitstunden und Behandlung.
  7. Beschaffenheit der Werkstätten und der Arbeit: Überfüllung, mangelhafte Ventilation, Mangel an Tageslicht, Gasbeleuchtung, Reinlichkeit etc.
  8. Art der Beschäftigung.
  9. Wirkung der Arbeit auf den Körperzustand.
  10. Moralitätszustand. Erziehung.
  11. Charakter des Geschäfts: ob mehr oder weniger gleichförmig für das ganze Jahr oder an gewisse Jahreszeiten gebunden, ob großen Schwankungen ausgesetzt, ob fremder Konkurrenz unterworfen, ob hauptsächlich für den inneren oder auswärtigen Markt arbeitend etc.

(Karl Marx, Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen, 1866)

Marx schrieb im dritten Kapitel dieses Dokuments, «Beschränkung des Arbeitstags»:

«Wir erklären die Beschränkung des Arbeitstages für eine Vorbedingung, ohne welche alle anderen Bestrebungen nach Verbesserung und Emanzipation scheitern müssen. Sie ist erheischt, um die Gesundheit und körperliche Energie der Arbeiterklasse, d.h. der grossen Masse einer jeden Nation, wiederherzustellen und ihr die Möglichkeit geistiger Entwicklung, gesellschaftlichen Verkehrs und sozialer und politischer Tätigkeit zu sichern.»

Karl Marx, ebd.

Die erste Internationale schlug vor, acht Stunden als die gesetzliche Obergrenze des Arbeitstages festzulegen. Nachtarbeit sollte grundsätzlich verboten werden und nur ausnahmsweise für bestimmte Gewerbe oder Branchen erlaubt werden. Allerdings führt das Dokument weiter aus:

«Dieser Paragraph bezieht sich nur auf erwachsene Personen, Männer und Frauen; letztere sind jedoch aufs strengste von jeglicher Nachtarbeit auszuschliessen, ebenso von jeder Arbeit, die für den empfindlicheren weiblichen Organismus schädlich ist oder den Körper giftigen oder anderen schädlichen Einwirkungen aussetzt. Unter erwachsenen Personen verstehen wir alle, die das 18. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben.»

(Karl Marx, ebd.)

Nicht viele wissen, dass Marx’ Tochter Eleanor unter den Arbeiterinnen der besonders ausbeuterischen Werke im Londoner East End eine aktive Rolle spielte. Im Presseartikel «Sweating in Type-Writing Offices» schlug sie vor, dass Schreibkräfte eine Gewerkschaft gründen sollten, welche sowohl die Heimarbeiterinnen als auch die Büroangestellten vereint. Sie schrieb auch, dass die Typistinnen «unter Hochdruck und weit mehr als acht Stunden pro Tag arbeiten müssen, wenn sie von ihrer Arbeit leben wollen». Wie aktuell diese Zeilen auch hundert Jahre später noch klingen!

Ein wichtiger Wendepunkt war der Streik der Londoner «Streichholzmädchen» im Jahr 1888, als diese besonders stark ausgebeutete und geknechtete Schicht der ArbeiterInnenklasse sich gegen ihre Unterdrücker auflehnte. In einer Fabrik in Bow im armen East End bestand die Belegschaft ausschliesslich aus Frauen, von dreizehnjährigen Mädchen bis hin zu Mütter grosser Familien. Die barbarischen Zustände damals sind vergleichbar mit den heutigen Erfahrungen von ArbeiterInnen in der Dritten Welt. Der weisse Phosphor für die Streichhölzer verpestete die Luft, in der diese Frauen auch noch essen mussten, und führte so zur «phossy jaw»-Krankheit, die den Kieferknochen zerfrass. Die schlechten Löhne wurden durch ein höchst ungerechtes System, das selbst die geringsten durch Übermüdung verursachten Fehler büsste, weiter gedrückt. Als Resultat sicherten sich die Aktionäre so eine sehr beachtliche Dividende von 22 Prozent!

Im Juli 1888 überwanden die Arbeiterinnen ihre Ängste und so traten 672 Frauen in den Streik: Innerhalb von zwei Wochen hatten sie mit Hilfe der Gewerkschaften und einer öffentlichen Kampagne die stolze Summe von 400 Pfund gesammelt und grosse Zugeständnisse erkämpft. Später waren diese Frauen ohne Berufsausbildung in der «Matchmakers’ Union» organisiert – der grössten Gewerkschaft für Frauen und Mädchen in ganz England. Diese Errungenschaft befeuerte den «New Unionism», die Entstehung neuer Gewerkschaften für das beruflich ungebildete Proletariat in ganz Grossbritannien. Das ist eine wichtige Lektion für unsere heutige Zeit, in der, wie auch vor 100 Jahren, ein grosser Teil der ungelernten oder angelernten ArbeiterInnen nach wie vor nicht in Gewerkschaften organisiert sind – darunter eine grosse Anzahl Frauen.

Frauen und die Bolschewiki

Die Frage der revolutionären Arbeit unter Frauen wurde von den  Bolschewiki immer sehr ernst genommen. Insbesondere Lenin betonte die Wichtigkeit dieser Frage, besonders in den revolutionären Aufständen von 1912–14 und während des Ersten Weltkriegs. In dieser Zeit wurde der Internationale Frauenkampftag am 8. März erstmals durch Massendemonstrationen von ArbeiterInnen gefeiert. Es ist kein Zufall, dass sich die Februarrevolution (nach heutigem Kalender die Märzrevolution) an Unruhen am Frauenkampftag entzündete, als Frauen gegen den Krieg und hohe Lebenshaltungskosten demonstrierten.

In den Jahren 1912 bis 1914 Aufständen begannen die Sozialdemokraten beständige Arbeit unter Arbeiterinnen zu leisten. 1913 organisierten die Bolschewiki die erste Versammlung zum Internationalen Frauenkampftag. Im gleichen Jahr begann die Prawda, regelmässig eine Seite der Zeitung der Frauenfrage zu widmen. 1914 wurde  die Frauenzeitschrift Rabotniza («Arbeiterin») lanciert, deren erste Ausgabe am Frauenkampftag erschien, als die Bolschewiki Demonstrationen organisierten. Im Juli wurde die Zeitschrift mit der restlichen Arbeiterpresse verboten. Die Rabotniza der Bolschewiki wurde durch finanzielle Beiträge von Fabrikarbeiterinnen unterstützt, welche die Zeitung in den Fabriken verbreiteten. Darin wurde von den Arbeits- und Lebensbedingungen sowie den Kämpfen von Arbeiterinnen in Russland und im Ausland berichtet und die Arbeiterinnen dazu ermutigt, sich im Kampf mit ihren männlichen Kollegen zusammenzuschliessen. Sie wurden dazu angehalten die bürgerliche Frauenbewegung abzulehnen, die nach der 1905er-Revolution von Frauen des Bürgertums ins Leben gerufen worden war.

Die politische Arbeit der revolutionären Sozialdemokratie in Russland war während des ersten Weltkriegs mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Die Partei und Gewerkschaften waren illegal. Bis 1915 hatte sich die Bewegung aber von den Schlägen der ersten Kriegsmonate erholt. Wichtige Fortschritte erzielten sie in der politischen Arbeit unter Frauen, die in grossen Zahlen in die Fabriken strömten. Beim Kriegsausbruch machten Frauen etwa einen Drittel der Beschäftigten in der Industrie aus; in der Textilindustrie stellten sie einen noch grösseren Anteil. Als während des Krieges Männer für den Kriegsdienst eingezogen wurden, vergrösserte sich dieser Anteil weiter. Gleichzeitig verschlechterte sich die Lage vieler Frauen, da sie oft die einzige Einkommensquelle für ihre Familien waren und viele Bedarfsgüter rarer und teurer wurden. So nahmen Arbeiterinnen an zahlreichen Streiks und Demonstrationen gegen die Entbehrungen teil, die Russlands Kriegsbeteiligung verursachte.

Auch wenn die Bolschewiki überwiegend aus Männern bestand (am 6. Parteikongress 1917 machten Frauen ungefähr 6% der Delegierten aus), so konnten in der Zeitspanne 1912–14 zahlreiche Frauen gewonnen werden. Hier folgt ein Ausschnitt aus einem Flugblatt mit dem Titel «An die Arbeiterinnen von Kiew», das die Kiewer Bolschewiki am Frauenkampftag 1915 verteilten. Dies kann uns als Beispiel dienen, wie die Bolschewiki unter den Frauen offene Agitation betrieben. Ihr Aufruf verband die Unterdrückung der Frau mit dem Elend männlicher Arbeiter und mit einem Programm zur Befreiung aller ArbeiterInnen:

«Wie schlecht das Los des Arbeiters auch sei – jenes der Frau ist weit schlimmer. In der Fabrik und der Werkstätte arbeitet sie für den kapitalistischen Chef, zuhause für die Familie.

Tausende Frauen verkaufen dem Kapital ihre Arbeitskraft; tausende schuften als Leihpersonal; tausende und hunderttausende leiden unter dem Joch der Familie und der gesellschaftlichen Unterdrückung. Und für die grosse Mehrheit der Arbeiterinnen scheint dieses Los alternativlos zu sein. Aber ist es wirklich so, dass die Arbeiterin nicht auf eine bessere Zukunft hoffen kann und dass es ihr Schicksal ist, ihr ganzes Leben der Arbeit und nur der Arbeit zu widmen,  Tag und Nacht und ohne Unterbruch?

Genossinnen, Arbeiterinnen! Die männlichen Arbeiter schuften an unserer Seite. Ihr Schicksal und das unsrige sind ein und dasselbe. Sie aber haben vor langer Zeit den einzigen Weg entdeckt hin zu einem besseren Leben – den Weg des organisierten Kampfes der Arbeitenden gegen das Kapital; den Weg des Kampfes gegen jegliche Unterdrückung, Missstände und Gewalt. Arbeiterinnen, es gibt für uns keinen anderen Weg als diesen. Die Interessen der arbeitenden Männer und Frauen sind die gleichen, sind eins. Nur im vereinten Kampf mit den männlichen Arbeitern in gemeinsamen Arbeiterorganisationen – in der Sozialdemokratischen Partei, den Gewerkschaften, den Arbeitervereinen und Genossenschaften – können wir uns unsere Rechte und ein besseres Leben erlangen.»

Lenin’s Struggle for a Revolutionary International, S. 268. (Übersetzung der Redaktion)
Frauen nach der Oktoberrevolution

Im zaristischen Russland waren Frauen dem Gesetze nach die Sklavinnen ihrer Ehemänner. Wie das zaristische Recht schrieb: «Die Frau hat ihrem Ehemann als Familienoberhaupt Folge zu leisten, sie hat ihn zu lieben, zu respektieren, ihm uneingeschränkt zu gehorchen, sie hat ihm jeden Gefallen zu leisten und ihm als Hausfrau jegliche Zärtlichkeit zu bieten». Das Programm der Kommunistischen Partei (ehemalige Bolschewiki) von 1919 hält fest: «In diesem Moment ist die wichtigste Aufgabe der Partei die Bewusstseins- und Bildungsarbeit voranzutreiben, um alle Spuren vergangener Ungleichheit und Vorurteile restlos auszumerzen, insbesondere innerhalb der rückständigen Schichten des Bauerntums und des Proletariats. Die Partei beschränkt sich nicht auf die formale Gleichheit von Frauen, sondern strebt danach, sie von den materiellen Lasten der überholten Hausarbeit zu befreien, indem sie diese mit gemeinschaftlichen Wohnräumen, öffentlichen Kantinen, zentralisierten Wäschereien, Kindertagesstätten und so weiter ersetzt».

Allerdings war die Umsetzung dieses Programms vom allgemeinen Lebensstandard und der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft abhängig, wie Trotzki in seinem Artikel Von der alten zur neuen Familie erklärte, der am 13. Juli 1923 in der Prawda erschien:

Die Vorbereitung der materiellen Bedingungen des neuen Lebens und der neuen Familie kann wiederum in ihrer Grundlage nicht von der allgemeinen Arbeit des sozialistischen Aufbaus getrennt werden. Der Arbeiterstaat muss erst reicher werden, damit er ernsthaft und wie es sich gehört die öffentliche Erziehung der Kinder und die Entlastung der Familie von Küche und Waschküche in Angriff nehmen kann. Die Vergesellschaftung der familiären Hausarbeit und der Kindererziehung ist undenkbar ohne deutliche Fortschritte in unserer Wirtschaft als Ganzes. Wir brauchen die sozialistische Akkumulation. Nur unter dieser Bedingung werden wir die Familie von solchen Funktionen und Sorgen befreien können, durch die sie heute unterdrückt und zerstört wird. Die Wäsche muss durch eine gute öffentliche Wäscherei gewaschen werden. Die Verpflegung muss durch ein gutes öffentliches Restaurant besorgt werden. Die Bekleidung muss Sache einer Kleiderwerkstatt sein. Die Kinder müssen durch gute öffentliche Pädagogen erzogen werden, die in dieser Tätigkeit ihren wahren Beruf sehen. Dann werden die Beziehungen von Mann und Frau zueinander von allem Äusseren, Nebensächlichen, Aufgezwungenen, Zufälligen befreit und jener hört auf sich das Leben des anderen einzuverleiben. Es tritt endlich volle Gleichberechtigung ein. Das Verbundensein wird nur durch gegenseitige Sympathie bedingt. Aber gerade dadurch erwirbt es innere Beständigkeit, die natürlichweise nicht für alle die gleiche und für niemanden eine zwangsmässige ist.

Leo Trotzki, Von der alten zur neuen Familie, deutsche Übersetzung

Die bolschewistische Revolution schuf das Fundament für die soziale Befreiung der Frau, und obwohl die stalinistische Konterrevolution einen relativen Rückschritt bedeutete, kann nicht geleugnet werden, dass Frauen in der Sowjetunion in Sachen Gleichberechtigung gewaltige Fortschritte erzielten. Frauen waren nicht mehr dazu genötigt, bei ihren Ehemännern zu leben oder sie bei einem Wohnungswechsel wegen der Arbeit zu begleiten. Frauen bekamen die rechtliche Gleichstellung im Haushalt und der Familie, und sie erhielten denselben Lohn. Aus Rücksicht auf ihre Rolle als Mütter wurden spezielle Mutterschaftsgesetze erlassen, die lange Schichten und Nachtarbeit verboten und einen bezahlten Mutterschaftsurlaub, Familienzulagen und Kindertagesstätten beinhalteten. Die Abtreibung wurde 1920 legalisiert, die Scheidung vereinfacht und die Zivilehe eingeführt. Ausserdem wurde das Konzept des unehelichen Kindes abgeschafft. In den Worten Lenins: «Was die abscheulichen Gesetze angeht, die Frauen in eine dem Mann unterlegene Stellung zwangen, liessen wir buchstäblich  keinen Stein auf dem anderen».

Materielle Fortschritte sollten die volle Teilnahme der Frau in allen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kreisen begünstigen. Dazu gehörten kostenlose Mahlzeiten in den Schulen, Milch für die Kinder, vergünstigte Esswaren und Kleider für Kinder in Not, Beratungsstellen für Schwangere, Wöchnerinnenheime, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen.

In Verratene Revolution schrieb Trotzki:

Die Oktoberrevolution tat der Frau gegenüber ehrlich ihre Pflicht. Die junge Macht gab ihr nicht nur dieselben politischen und gesetzlichen Rechte wie dem Mann, sondern, was noch wichtiger ist, tat alles was sie konnte und jedenfalls unvergleichlich mehr als irgendein anderer Staat, um ihr wirklich zu allen Zweigen der Wirtschafts- und Kulturarbeit Zutritt zu verschaffen. Jedoch selbst die kühnste Revolution könnte ebenso wenig wie das „allmächtige“ britische Parlament die Frau in einen Mann verwandeln oder besser gesagt die Last der Schwangerschaft, des Gebärens, Säugens und der Kindererziehung zu gleichen Teilen zwischen beiden verteilen. Die Revolution machte einen heroischen Versuch, den sogenannten „Familienherd“ zu zerstören, d.h. jene archaische, muffige und starre Einrichtung, in der die Frau der werktätigen Klassen von der Kindheit bis zum Tode wahre Zwangsarbeit leisten muss. An die Stelle der Familie als geschlossenem Kleinbetrieb sollte, so war es gedacht, ein vollendetes System öffentlicher Pflegen und Dienste treten: Entbindungsanstalten, Krippen, Kindergärten, Schulen, öffentliche Speisehäuser, öffentliche Waschanstalten, Kliniken, Krankenhäuser, Sanatorien, Sportvereine, Kinos, Theater usw. Die völlige Aufsaugung der wirtschaftlichen Funktionen der Familie durch Einrichtungen der sozialistischen Gesellschaft, die die gesamte Generation in Solidarität und gegenseitigem Beistand eint, sollte der Frau und dadurch auch dem Ehepaar wirkliche Befreiung aus den tausendjährigen Fesseln bringen.

(Leo Trotzki, The Revolution Betrayed, S. 144. deutsche Übersetzung)
Die Kommunistische Internationale

Den Traditionen der Bolschewiki folgend, betonte die Kommunistische Internationale (Komintern) die grosse Wichtigkeit der politischen Arbeit unter Frauen und wies die kommunistischen Parteien an, «ihren Einfluss über die breiten Schichten der weiblichen Bevölkerung auszuweiten, indem sie innerhalb der Partei spezielle Apparate schaffen und besondere Methoden erarbeiten, um auf Frauen zuzugehen, und das mit dem Ziel, sie vom Einfluss der bürgerlichen Weltanschauung und der Kompromisslerparteien zu befreien und sie zu entschiedenen Kämpferinnen für den Kommunismus und somit für die volle Entfaltung der Frauen zu erziehen».

Mit der «Schaffung spezieller Apparate» waren keinesfalls gesonderte Frauenorganisationen gemeint. Diese Idee wäre ebenso verkehrt gewesen wie die Errichtung gesonderter revolutionärer Organisationen für unterdrückte Völker, Juden, schwarze Menschen usw. Lenin und Trotzki hatten immer gegen diesen Ansatz gekämpft. Tatsächlich sagten die Thesen der Komintern aus: «Der III. Kongress der Kommunistischen Internationale spricht sich in entschiedenster Weise gegen die Bildung besonderer, separater Frauenvereinigungen innerhalb der Partei, der Gewerkschaften oder anderer besonderer Frauenorganisationen aus» (Theses, Resolutions and Manifestos of the First Four Congresses of the Third International, S. 217. deutsche Übersetzung).

Stattdessen sahen sie es als notwenig an, dass Gruppen von spezialisierten und in dieser Arbeit geübten GenossInnen die technischen Aufgaben von Propaganda, Flugschriften etc., sowie allgemein organisatorische Aufgaben übernahmen. Ebenso wurde klargestellt, dass diese Gruppen nicht für sich, sondern unter Kontrolle der herkömmlich gewählten Organe der Partei arbeiten sollten. Ihre Hauptziele waren wie folgt definiert:

  1. Die breiten Frauenmassen im Geist des Kommunismus zu erziehen und sie in die Reihen der Partei einzugliedern.
  2. Den Kampf gegen die Vorurteile, die mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau zusammenhängen, zu führen und in den Arbeitern und Arbeiterinnen das Bewusstsein der Gemeinsamkeit der Interessen der Proletarier beiderlei Geschlechts zu bekräftigen.
  3. Die Willenskraft der Arbeiterinnen zu stärken, sie in alle Formen und Arten des Bürgerkrieges in den kapitalistischen Ländern einzubeziehen und die Aktivität der Frauen durch ihre Heranziehung zu Massenaktionen und zum Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung (Wohnungsnot, Teuerung, Arbeitslosigkeit, Kinderelend) zu wecken, in den Sowjetrepubliken dasselbe Ziel aber durch Heranziehung der Frauen zum Aufbau der kommunistischen Wirtschaft und Lebensweise zu erreichen.
  4. Die Fragen, die sich unmittelbar auf die Gleichberechtigung und den Schutz der Frau als Mutter beziehen, aufzurollen und die Aufmerksamkeit der Partei und der gesetzlichen Organe (in Sowjetländern) auf sie zu lenken.
  5. Einen planmäßigen Kampf mit der Macht der Tradition, der bürgerlichen Gewohnheiten und der Religion zu führen und auf diese Weise gesundere und harmonischere Beziehungen zwischen den Geschlechtern herbeizuführen, die die physische und moralische Gesundung der werktätigen Menschheit sicherzustellen imstande sind.

(ebd., S. 218. Deutsche  Übersetzung)

Die Komintern unter Lenin und Trotzki hätte eine nachlässige oder abschätzige Haltung gegenüber diesem zentralen Arbeitsbereich niemals akzeptiert. Der dritte Kongress der Komintern stellte fest:

Der III. Kongress der Kommunistischen Internationale konstatiert, dass weder die Erkämpfung der Macht, noch die Verwirklichung des Kommunismus in einem Lande, in dem das Kapital bereits gestürzt ist, ohne aktive Unterstützung von Seiten der breiten Frauenmassen des Proletariats und Halbproletariats möglich ist. Andererseits lenkt der Kongress noch einmal die Aufmerksamkeit aller Frauen auf den Umstand, dass alle Versuche, die die Befreiung der Frau aus der Knechtschaft und ihre Gleichstellung zum Ziele haben, ohne ihre Unterstützung unmöglich sind

ebd., S. 213f. Deutsche Übersetzung

So unterstrich die Komintern unter Lenin und Trotzki von Beginn weg die zentrale Rolle der Frauenfrage, doch a) betrachtete sie die Frage von einem revolutionären Klassenstandpunkt aus und b) erklärte, dass eine echte Emanzipation nur im Sozialismus erreicht werden könne. Die Komintern betonte, dass Frauenarbeit in der allgemeinen Parteiarbeit integriert werden müsse und nicht als getrennte Aufgabe betrachtet werden dürfe:

«Damit der Solidaritätsgeist zwischen den Arbeiterinnen und Arbeitern gestärkt wird, ist es wünschenswert, keine separaten Kurse und Schulen, sondern in jeder Parteischule einen obligatorischen Kursus über die Methoden der Arbeit unter den Frauen einzurichten.»

(ebd., S. 227. Deutsche Übersetzung)

Am vierten Kongress – dem letzten wirklich leninistischen Kongress der Komintern – wurde eine kurze Zwischenbilanz gezogen, die nochmals auf die grosse Wichtigkeit dieser Arbeit für eine revolutionäre Internationale hinwies (und auf die Eigenheiten der Frauenfrage in den zurückgebliebenen Kolonialländern im Osten einging), aber auch betonte, dass die Frauenarbeit in einigen Sektionen ungenügend verfolgt worden war:

Der Wert und die Unentbehrlichkeit besonderer Organe für die kommunistische Arbeit unter den Frauen wird auch erwiesen durch die Tätigkeit des Frauensekretariats für den Osten, das auf neuem und eigenartigem Boden wertvolle und erfolgreiche Arbeit geleistet hat.

Der Wert und die Unentbehrlichkeit besonderer Organe für die kommunistische Arbeit unter den Frauen wird auch erwiesen durch die Tätigkeit des Frauensekretariats für den Osten, das auf neuem und eigenartigem Boden wertvolle und erfolgreiche Arbeit geleistet hat. Der IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale muss leider feststellen, das einige Sektionen ihre Pflicht nicht oder nur unvollständig erfüllt haben, die kommunistische Arbeit unter den Frauen planmäßig zu fördern. Sie haben bis heute entweder Maßregeln nicht durchgeführt für die Organisierung der Kommunistinnen in der Partei, oder die Parteiorgane nicht geschaffen, die für die Arbeit unter den Frauenmassen und die Verbindung mit ihnen unentbehrlich sind.

Der IV. Kongress fordert die betreffenden Sektionen nachdrücklichst auf, das bisher Versäumte schleunigst nachzuholen. Er mahnt gleichzeitig alle Sektionen der Kommunistischen Internationale daran, die kommunistische Arbeit unter den Frauen ihrer großen Bedeutung gemäß tatkräftig voranzutreiben. Die proletarische Einheitsfront kann nur unter verständnisvoller, energischer Mitwirkung der Frauen und bei Eingliederung der Frauen in sie verwirklicht werden. Bei richtiger und fester Verbindung zwischen den kommunistischen Parteien und den schaffenden Frauen können diese unter bestimmten Umständen Bahnbrecherinnen der proletarischen Einheitsfront und revolutionärer Massenbewegungen sein»

(ebd., S. 326. Deutsche Übersetzung)
Die Rolle des Stalinismus

Der grosse französische utopische Sozialist Fourier sagte einst, dass die Stellung der Frau der klarste Ausdruck des wahren Charakters einer Gesellschaftsordnung sei. Während die bolschewistische Revolution die Frau befreite, führte die stalinistische Konterrevolution hingegen zu drastischen Rückschlägen im Gleichstellungs- und Familienrecht. Viele Errungenschaften der Revolution wurden wieder abgeschafft. Abtreibungen wurden verboten und Scheidungen soweit erschwert, bis sie zum teuren Gerichtsfall wurden. Prostituierte wurden verhaftet, wohingegen es die Praxis der Bolschewiki gewesen war, nur die Bordellbesitzer zu kriminalisieren, die Freier blosszustellen und freiwillige Umschulungen für Prostituierte anzubieten. Die Öffnungszeiten in Kindertagesstätten wurden auf die Arbeitszeiten reduziert. Und in der Schule wurden besondere Fächer für Mädchen eingeführt, die sie auf ihre Rolle als Mütter und Hausfrauen vorbereiteten.

1938 charakterisierte Trotzki die Situation mit diesen Worten:

Die Stellung der Frau ist der deutlichste und aussagekräftigste Gradmesser zur Bewertung einer Gesellschaftsordnung und Staatspolitik. Die Oktoberrevolution hatte sich die Emanzipation der Frau auf ihre Fahne geschrieben und schuf die progressivste Ehe- und Familiengesetzgebung der Geschichte. Das heisst natürlich nicht, dass die sowjetische Frau sofort ein ›glückliches Leben‹ zu erwarten hatte. Die wahre Emanzipation der Frau ist unvorstellbar ohne eine generelle Hebung des wirtschaftlichen und kulturellen Niveaus, ohne die Zerstörung der Wirtschaftseinheit der kleinbürgerlichen Familie, ohne die Einführung von vergesellschafteter Nahrungszubereitung und Erziehung. Unterdessen sorgt sich die Bürokratie, geleitet von ihrem konservativen Instinkt, um den ›Zerfall‹ der Familie. Sie beginnt Loblieder zu singen auf das gemeinsame Abendessen und das Wäschewaschen für die Familie, das heisst auf die Haussklaverei der Frau. Um das ganze abzurunden, kriminalisiert die Bürokratie die Abtreibung wieder und setzt die Frau so offiziell wieder auf den Status eines Packtiers herab. Im offenen Widerspruch mit den Grundsätzen des Kommunismus hat die herrschende Kaste also den reaktionärsten und zurückgebliebensten Kern des Klassensystems wiederhergestellt – die kleinbürgerliche Familie.

Trotzki, Writings (1937–38), S. 170. (Übersetzung der Redaktion)

Wenn auch nach Stalins’ Tod 1953 beispielsweise Abtreibungen wieder legalisiert wurden, erreichte die Stellung der Frau niemals wieder das Niveau der Jahre unter Lenin und Trotzki. Dennoch genossen sie gegenüber den Frauen im Westen einige Vorteile. Die staatliche Planwirtschaft ermöglichte in der Nachkriegszeit ein rasches Wirtschaftswachstum und damit einhergehend stetige Verbesserungen für die Bevölkerung: Eine Rente mit 55, die geschlechtliche Gleichstellung in Lohn und Anstellungsbedingungen, das Recht von schwangeren Frauen auf leichtere Arbeit und einen Mutterschaftsurlaub von 8 Wochen vor und 8 Wochen nach der Geburt des Kindes. Neue Gesetze verboten ab 1970 Nachtarbeit und Arbeit unter Tage für Frauen. Der Frauenanteil an den Hochschulen steigerte sich von 28% im Jahre 1927 auf 43% im Jahre 1960 und 49% im Jahre 1970. Nur in Finnland, Frankreich und den USA wurden ähnlich hohe Prozentsätze erzielt.

Darüber hinaus gab es Verbesserungen in der Betreuung von Kindern im Vorschulalter: Gab es 1960  500’000 betreute Krippenplätze, so wuchs diese Zahl bis 1971 auf über 5 Millionen. Die unglaublichen Fortschritte der Planwirtschaft und den damit einhergehenden Verbesserungen im Gesundheitswesen spiegelten sich in der Lebenserwartung von Frauen, die sich auf 74 Jahre verdoppelte, während die Kindersterblichkeit um 90% sank. 1975 waren 73% der im Bildungswesen Angestellten Frauen. 1959 war ein Drittel der Frauen in Branchen beschäftigt, die zu mindestens 70% aus Frauen bestanden; bis 1970 war dieser Prozentsatz auf 55% angestiegen. Zu diesem Zeitpunkt waren 98% der Pflegenden im Gesundheitssektor, 75% des Lehrpersonals, 95% der Bibliothekare und 75% der Ärzte Frauen. 1950 gab es 600 Doktorinnen der Wissenschaft, 1984 waren es bereits 5’600!

Die kapitalistische Konterrevolution

Die Entwicklung zurück zum Kapitalismus machte die vergangenen Errungenschaften rasch rückgängig und drängte die Frauen im heuchlerischen Namen der Familie  wieder in das Elend der Haussklaverei zurück. Die Hauptlast von Wirtschaftskrisen wird vornehmlich auf Frauen abgewälzt. Sie gehören zu den ersten, die entlassen werden, um so Sozialleistungen wie Kinderzulagen und Mutterschaftsurlaub einzusparen. Wenn Frauen vor einigen Jahren 51% der russischen Erwerbstätigen ausmachten und insgesamt 90% der Frauen berufstätig waren, dann bedeutet die wachsende Arbeitslosigkeit, dass nun über 70% der Arbeitslosen in Russland Frauen sind. In einigen Regionen sind es über 90%.

Der Zusammenbruch von Sozialleistungen und die steigende Erwerbslosigkeit bedeuten, dass alle Vorzüge, die eine Planwirtschaft für Frauen mit sich brachte, jetzt systematisch ausgelöscht werden. Eine Anstieg der Arbeitslosigkeit bedeutet in Russland eine grössere Verarmung als im Westen, da viele Sozialleistungen direkt an den Arbeitsplatz geknüpft sind. The Economist schrieb am 11. Dezember 1993: «Arbeitslosigkeit ist in Russland noch immer verbunden mit einer grossen Stigmatisierung. Erst 1991 wurde sie entkriminialisiert. Jenen ohne Arbeit droht die bitterste Armut. Unterstützung für Arbeitslose ist an den Mindestlohn von 14’620 Rubel pro Monat gebunden, was einem Drittel des offiziellen Existenzminimums oder einem Siebtel des Durchschnittslohns entspricht. Arbeitslose sind oftmals noch viel schlimmer dran, als diese Zahlen nahelegen, da die meisten Sozialleistungen – sei es in der Gesundheitsversorgung, im Schulwesen oder im öffentlichen Verkehr – von Firmen und nicht von der lokalen Verwaltung übernommen werden und somit nur für Erwerbstätige verfügbar sind».

Unter der vorherigen Regierung erhielten Frauen 70% der Löhne von Männern. Diese Zahl liegt nun bei 40%. Schon in der UdSSR war es schwierig genug, eine Familie mit nur einem Einkommen zu erhalten; mit der sich jetzt ausbreitenden Armut ist es praktisch unmöglich. Frauen sind also die Hauptopfer des reaktionären Regimes. Die Zahlen zu Prostitution haben stark zugenommen: Um ihr Überleben zu sichern, sehen sich Frauen dazu gezwungen, ihre Körper an jene zu verkaufen, die es sich leisten können in der Regel verabscheuungswürdige «Neureiche» und reiche Ausländer. Zusätzlich fallen sie der Mafia zum Opfer, die mindestens 20% des Verdienstes einfordert. In westlichen Katalogen werden russische Frauen neben Frauen aus Drittweltländern als zukünftige Ehefrauen für Ausländer angepriesen. Diese erniedrigende Sklaverei, die Frauen zu blossen Waren degradiert, spiegelt die Erniedrigung eines ganzen Landes, das sich der offensten und schamlosesten Ausbeutung unterwerfen musste. 

Am 10. Februar 1993 verkündete der damalige Arbeitsminister Melikyan die Lösung der Regierung für das Problem der Arbeitslosigkeit. In Worten, die westlichen rechtsbürgerlichen Politiker alle Ehre machen würde, sagte er: Es gäbe keinen Bedarf an speziellen Massnahmen für die Reintegration von Frauen in die Arbeitswelt. «Warum sollten wir versuchen, Arbeit für Frauen zu finden, wenn es unbeschäftigte Männer gibt, die von Arbeitslosenrente leben?», fragte er. «Lasst die Männer arbeiten und die Frauen sich um Haushalt und Kinder kümmern». Diese Worte, die zuvor unvorstellbar waren, gelten jetzt offenbar als normal und vertretbar. Hier sehen wir am deutlichsten das echte Gesicht der kapitalistischen Konterrevolution – roh, brutal, ignorant – ein enormer Rückschritt in die Zeiten zaristischer Sklaverei, in der es jedem Sklaven erlaubt war, Herr über seine Frau und Kinder zu sein als Ausgleich für seine eigenes erniedrigtes Dasein.

Diese Situation zeigt sich nicht nur in Russland. In der DDR waren neun von zehn Frauen vollzeitbeschäftigt. Frauen hatten das Recht auf Arbeit. Um die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie zu gewährleisten, garantierte der Staat umfassende Kinderbetreuung und für jedes Kind ein Jahr Mutterschaftsurlaub. Heutzutage sind all diese Fortschritte der verstaatlichten Planwirtschaft vernichtet worden. Das zuvor bestehende breite Angebot an Kindertagesstätten wurde abgebaut, und nach der Wende verloren ein Drittel aller Frauen ihre Stellen durch Massenarbeitslosigkeit im öffentlichen Sektor, der Textilindustrie und Landwirtschaft. The Economist berichtete am 18. Juli 1998: «In den letzten Jahren schwankte der Anteil der Frauen ohne Arbeit konstant um die 20 Prozent-Marke, was etwa fünf Prozentpunkte über der Rate von Männern liegt und dem Doppelten der westdeutschen Rate für beide Geschlechter entspricht. Ostdeutsche Frauen, ihres Einkommens (ebenso wie der Möglichkeit auf Kinderbetreuung) beraubt, brachten sofort weniger Kinder zur Welt. Die Geburtenrate sank von bereits tiefen 1.56 Kindern pro Frau im Jahr 1989 auf rund die Hälfte und bleibt konstant unter einem Kind pro Frau. Ostdeutsche Frauen verzichten aber nicht auf Arbeit: Sie gehen stempeln und bewerben sich immer und immer wieder».

Die «Dritte Welt»

In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern hat sich die Situation der Frau im letzten halben Jahrhundert merklich verbessert. Zumindest formell besitzen sie die gleichen Rechte wie Männer. Sie haben den gleichen Zugang zu Bildung und ihr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sich zumindest bis zu einem gewissen Grade verbessert. Doch das trifft auf die exkolonialen Länder, die rund zwei Drittel der Menschheit umfassen, nicht zu: Die Sklaverei der Frau ist heute schlimmer als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. Jedes Jahr sterben 500’000 Frauen an Komplikationen bei der Geburt, und vielleicht 200’000 weitere Frauen in Zusammenhang mit Abtreibungen. Die exkolonialen Länder geben nur rund 4% ihres BIPs für Gesundheit aus, was einem Durchschnitt von 41 US$ pro Kopf entspricht –  verglichen mit 1900$ in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Geschätzte 100 Millionen Kinder zwischen 6 und 11 Jahren gehen nicht zur Schule, zwei Drittel davon sind Mädchen. Hauptursache für diese bittere Armut der Dritten Welt ist die gleich doppelte Plünderung ihrer Ressourcen durch den internationalen Handel und die insgesamt zwei Billionen Dollar Verschuldung gegenüber den westlichen Grossbanken.

Die allumfassende Herrschaft von Imperialismus und riesigen multinationalen Konzernen garantiert, dass auch der letzte Tropfen Mehrwert gnaden- und unterschiedslos aus Frauen, Kindern und Männern herausgepresst wird. Kinderarbeit kommt zwar auch in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern noch vor; aber in Asien, Afrika und Lateinamerika ist sie Alltag. Eltern am Rande des Verhungerns haben keine Alternative, als ihre Kinder in sklavenähnliche Bedingungen zu verdingen, was auch die abscheulichste Art der Sklaverei beinhaltet; die Prostitution. Der Mehrwert, welcher dann von den Vertretern der humanen, christlichen, westlichen Zivilisation eingesackt wird, beruht auf dem Blut, Schweiss und den Tränen von Heerscharen von Frauen und Kindern, wie es schon zu Marx’ Zeiten der Fall war. Bürgerliche geben sich angesichts dieses Elends gern entsetzt, stecken deren Geld aber trotzdem ein.

Grosse Monopole wie Disney oder Nike bauen ihre Profite auf Sklavenarbeit in Ländern wie Haiti auf. Der Vormarsch des Grosskapitals hat sich gnadenlos über alte patriarchale Verhältnisse hinweggesetzt, wie bereits von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest beschrieben. Dies führt zu einer besonders skrupellosen kapitalistischen Ausbeutung in der Dritten Welt. Der Schutz, den die Grossfamilie und die Regeln der Stammes- und Clangesellschaft Frauen und Kindern geboten hatten, wurde ersatzlos vernichtet. So leiden Frauen auf dem indischen Subkontinent noch immer unter der alten Unterdrückung, welcher jetzt aber noch die barbarische Ausbeutung des Kapitalismus übergestülpt wurde. Die indische Bourgeoisie hat nach über einem halben Jahrhundert sogenannter Unabhängigkeit nicht einmal die Abschaffung des Kastensystems zustande gebracht! Noch immer existiert die «Sati», die barbarische Praxis der Witwenverbrennung, bei der Frauen dazu gezwungen werden, sich auf den Scheiterhaufen ihres verstorbenen Ehemanns zu werfen. Jedes Jahr gibt es hunderte solche Fälle. Witwen, die diesem Schicksal entfliehen, werden als sozial Geächtete, als Paria behandelt, die ihr Recht auf Leben verwirkt haben. Sie werden von Verwandten geschlagen, ausgehungert und erniedrigt, bis sie sich selbst das Leben nehmen.

In landwirtschaftlichen Gemeinschaften in ganz Asien wird die Geburt eines Mädchens als Unglück gesehen. Die weibliche Kindstötung ist verbreitet. In China sind die staatlichen Kinderheime voll von überwiegend weiblichen Kindern, die ausgehungert und vernachlässigt wurden. In Ländern ohne Rentensystem oder Sozialhilfe sind arme Bauern auf eine grosse Familie angewiesen, um sich im Alter abzusichern. Männliche Kinder sind stärker und können verschiedenste Arbeiten verrichten, Mädchen hingegen müssen mit einer Mitgift weg verheiratet werden. Wird die als zu gering eingeschätzt, darf in Indien die Braut von der Familie des Bräutigams ermordet werden. Das sind die Zustände in Indien zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In Pakistan, wo die islamische Scharia gilt, ist die Situation nicht viel besser. Frauen haben defacto keine Rechte, und Eltern und Ehegatten können mit ihnen verfahren, wie es ihnen beliebt. Pakistan erscheint aber geradezu als liberales Paradies im Vergleich zu Afghanistan unter den Taliban. Vor der Revolution 1979 war der Hauptwirtschaftszweig Afghanistans der Handel mit Bräuten. Nach der Revolution implementierten afghanische Stalinisten eine Gesetzgebung, die Frauen Rechte garantierten. Heute ist dies alles zerstört. die Frauen haben keine Rechte und sind an das Haus gebunden. Arbeit ist ihnen gesetzlich verboten, weshalb Frauen verhungern. Dieses barbarische Gesetz wird trotz des ernsten, kriegsbedingten Arbeitskräftemangels strikt durchgesetzt. Es tut nichts zur Sache, dass viele dieser Frauen Erfahrungen haben in Lehr- und Pflegetätigkeiten, welche gebraucht werden. Sie dürfen nicht arbeiten. Das ist das wahre Antlitz der islamischen Reaktion. Die tatsächlichen Verantwortlichen sind die Imperialisten in Washington und ihre Handlanger in Pakistan, die diese Monster in ihrem Kampf gegen den «Kommunismus» bewaffnet, finanziert und herangezüchtet haben.

In Afghanistan ist der Kampf für die Rechte von Frauen untrennbar verbunden mit dem revolutionären Kampf für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft und dem Sturz des Schreckens-Regimes der religiösen Reaktion. Die afghanische Frauen bilden ein mächtige Reserve für die Revolution. Die iranische Geschichte zeigte diese Tatsache: Nach 20 Jahren islamistischer Reaktion sind die Massen der Herrschaft der Mullahs überdrüssig. Die Bürde des Fundamentalismus lastet insbesondere auf den Frauen, welche diesen aber herauszufordern beginnen. Sichtbar war das etwa, als der Iran die USA in einem Fussballspiel besiegte und Frauen ohne Tschador auf die Strassen strömten, um gemeinsam mit Männern zu singen und zu tanzen. Die Mullahs waren machtlos und konnten das nicht unterbinden. Auch im Iran werden Frauen in der kommenden Revolution eine entscheidende Rolle spielen.

Lenin sagte einst: «Der Kapitalismus ist Schrecken ohne Ende». Dieser Schrecken betrifft in erster Linie Frauen, und am brutalsten in der Dritten Welt. Das Versagen der «sozialistischen» FLN, die Revolution in Algerien zu vollenden, führte zur aktuellen blutigen Sackgasse. Die ungeheuren Massaker an Männern, Frauen und Kindern, bei denen ganze Dörfer mit Messern und Äxten buchstäblich klein gehackt werden, geschehen mit der stillen Zustimmung des Westens. Diese Verbrechen werden klar nicht ausschliesslich von islamistischen Terroristen begangen, sondern auch – wahrscheinlich grösstenteils – von der Militärdiktatur und ihren Todesschwadronen. Nebst allen übrigen Gräueltaten sind Frauen auch bewusst Ziele von Entführungen und Vergewaltigungen. Ein grosser Teil dieser Frauen nehmen sich später selbst das Leben. Die Vergewaltigung als reaktionäre Waffe konnte man wiederum in Indonesien beobachten, wo das Suharto-Regime Pogrome gegen ChinesInnen organisierte, wie es auch das zaristische Regime gegen JüdInnen getan hatte. Diese Verbrechen führen uns vor Augen, wozu die herrschende Klasse imstande ist. Ähnliches erwartet die entwickelten kapitalistischen Länder, wenn die ArbeiterInnenklasse in der nächsten Periode nicht die Macht ergreift.

Die Hauptlast der Unterdrückung fällt immer auf die Frauen der ärmsten Schichten der Gesellschaft. Besonders in der Dritten Welt gibt es aber auch zahlreiche Fälle von brutalen und unmenschlichen Umgang gegen Frauen anderer Klassen. MarxistInnen kämpfen entschieden gegen jede Ungerechtigkeit, während wir als Teil der ArbeiterInnenklasse verstehen, welche alleine  die Gesellschaft aus diesem Elend führen kann. Jedes Vergehen gegen Frauen muss dabei klar verurteilt werden.

Wir müssen ohne Herablassung und mit gewählter Sprache die Rolle der Religion entblössen. Die revolutionäre Arbeit in Asien und im Mittleren Osten erfordert einen gnadenlosen Kampf gegen Rückständigkeit und religiösen Fundamentalismus, der trotz aller «antiimperialistischen» Gebärden immer eine hochgradig reaktionäre Rolle spielt. Die Emanzipation der Frau muss für immer eine Utopie bleiben, wenn sie nicht mit einem Kampf gegen jegliche Religion einhergeht, welche die Versklavung der Frau aufrechterhält und vertieft.

Frauen und Arbeitslosigkeit

Die Krise des Kapitalismus spiegelt sich unter anderem in hohen Arbeitslosenzahlen, sogar in Zeiten des Aufschwungs. Frauen und junge Erwachsene sind überdurchschnittlich stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Arbeitslosenquote unter Frauen ist überdurchschnittlich hoch. Und die offiziellen Zahlen liegen unter den realen, da viele Frauen die Arbeitssuche ganz aufgegeben haben und sich nicht beim Arbeitsamt melden. Die allgemeine Tendenz der Prekarisierung der Arbeit (unter dem Deckmantel der «Flexibilisierung») hat auf Frauen besonders katastrophale Auswirkungen. Selbst ohne diesen Trend waren viele Frauen Tiefstlöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Die ungebremste Verbreitung von Teilzeit- und Temporärstellen verschlechtert ihre Lage nur noch weiter. Die Argumentation, wonach solche Stellen für Frauen besonders gut geeignet seien, liefert den perfekten Vorwand, um diese Arbeitsbedingungen den wehrlosesten Schichten der Gesellschaft aufzuzwingen. So räumt The Economist ein:

Aufgrund der boomenden Wirtschaft und dem aufgeheizten Arbeitsmarkt in den USA stellen Frauen für viele Arbeitgeber einen wahren Glücksfall dar. Sie kosten in der Regel weniger als Männer, sind zu mehr Flexibilität bereit und machen tendenziell weniger Probleme, wenn die Arbeitsbedingungen schlecht sein sollten. Weit weniger von ihnen sind gewerkschaftlich organisiert. Überraschend ist hier nur, dass die Arbeitslosigkeitsrate von Frauen nicht tiefer ist als jene von Männern. […]

Viele Frauen arbeiten in Verhältnissen, die von Ökonomen als «atypische Anstellung» bezeichnet werden und oft in Dienstleistungsbetrieben anzutreffen sind: Teilzeit, temporär, mit unregelmässigen oder ungewöhnlichen Arbeitszeiten oder auf Auftragsbasis. Einige darunter sind unsichere Arbeitsverhältnisse und viele werden schlecht bezahlt. Frauen, die verzweifelt versuchen, Arbeit und Familie zu vereinbaren, haben sich als viel flexibler und anpassungsfähiger an diese neuen Bedingungen erwiesen als ihre männlichen Kollegen.

The Economist, 18. Juli 1998. (Übersetzung der Redaktion)

Teilzeitstellen nehmen überall zu. Für viele Frauen stellen sie die einzig denkbare Art der Anstellung dar, weil sich nur so Arbeit und Familie vereinen lassen. Das passt Arbeitgebern nur zu gut, da sie mit ihren Angestellten nach Laune umgehen, sie zu immer grösseren Leistungen treiben und mit Tiefstlöhnen abspeisen können. Neue Abarten dieses Prinzips entstehen vorzu. Zu den neuesten Formen zählt «contingent work» (nicht standardisierte Arbeitsverhältnisse), also Stellen, die stets befristet an «Freelancer» vergeben werden. Diese Angestellten schuften in einer ganzen Reihe von Industrien und arbeiten temporär, projektweise oder auf Abruf. In den USA schätzt das Arbeitsministerium, dass etwa 5.5 Millionen Menschen in solchen Verhältnissen arbeiten, über die Hälfte davon Frauen und fast die Hälfte davon in Teilzeit. Sie werden schlechter bezahlt als ihre ordentlich angestellten KollegInnen und erhalten vom Arbeitgeber zumeist weder Gesundheitsversicherung noch Sozialleistungen.

Das deutsche Gegenstück ist die «geringfügige Beschäftigung» (Minijobs), die laut zahlreichen Ökonomen regelrecht boomen. Sie beruhen auf einer gesetzlichen Regelung, nach dem Menschen, die weniger als 620 DM (340 Dollar) pro Monat verdienen, nicht in das gut ausgebaute (und sehr teure) deutsche Sozialwesen einzahlen müssen. Dafür sind sie von Rente und Arbeitslosenversicherung  ausgeschlossen. Eine Schätzung besagt, dass über 4 Millionen Menschen ausschliesslich «geringfügig» beschäftigt sind, etwa die Hälfte davon Frauen.

Wegen familiärer Verpflichtungen verbringen Frauen im Durchschnitt viel weniger Stunden  in der Lohnarbeit als Männer», stellt der Economist verschämt fest. «Verglichen mit Männern hinkt deswegen ihr Wochen- oder Monatslohn noch stärker hinterher als ihr Stundenlohn. In der gesamten EU arbeiten etwa ein Drittel der beschäftigten Frauen weniger als die normale 35–40 Stundenwoche (auch wenn dieser Durchschnitt massive Unterschiede verbirgt). Unter Männern beträgt die Teilzeitquote nur 5% und besteht überwiegend aus Studenten oder älteren Arbeitern kurz vor der Rente. In den USA arbeitet ein kleinerer Anteil Frauen Teilzeit als in Europa, dafür aber ein grösserer Anteil an Männern. Die Zahlen aus Japan sind den europäischen ähnlich, allerdings arbeiten viele «Teilzeit»-Arbeiterinnen fast Vollzeit, erhalten einfach schlicht weniger Lohn als offizielle Vollzeitarbeiter. Überall auf der Welt ist ‘Teilzeit’ oft gleichbedeutend mit ‘Angestellte zweiter Klasse’.

The Economist, 18. Juli 1998. Übersetzung der Redaktion
Überarbeitung und die Familie

Eine kürzliche Umfrage des The Economist zeichnet ein erschreckendes Bild der Überarbeitung der modernen amerikanischen ArbeiterInnenklasse – nicht nur der ArbeiterInnen («blue collar workers»), sondern auch der Angestellten («white collar Workers») – und welche sich nur höchst zersetzend auf das Familienleben und persönliche Beziehungen auswirken kann:

Wo beide Elternteile erwerbstätig sind (was ausser bei sehr hohen Managerpositionen die Norm ist), beginnt der Tag schon vor dem Sonnenaufgang: Die Kinder müssen bereit gemacht und bei der (grosszügig subventionierten) Kindertagesstätte des Betriebs abgegeben werden. Die Eltern bringen dann einen zehn stündigen Arbeitstag hinter sich, bevor sie die Kinder in der Tagesstätte wieder abholen, auf dem Nachhauseweg einkaufen gehen, Essen zu Tisch bringen, Wäsche waschen, aufräumen, den Kindern eine Gutenachtgeschichte vorlesen und selbst zu Bett gehen, völlig erschlagen. So ist das an Tagen, an denen nichts schiefläuft.

Frau Hochschild fand heraus, dass diese Angestellten selten Elternurlaub nahmen, flexibler arbeiteten oder von spezifischen Familien-Angeboten gebrauch machten. Stattdessen arbeiteten sie noch länger und leisteten eine beträchtliche Anzahl Überstunden. Manchmal waren sie ernsthaft auf das zusätzliche Geld durch Überstunden angewiesen. Öfters aber standen sie vor der Wahl – Stress am Arbeitsplatz oder Stress zuhause – und hier entschieden sich Männer wie Frauen für die Arbeit, wo sie wenigsten Kontakt zu ihren Kollegen hatten, ernst genommen wurden und für ihre Mühen entlohnt wurden. Zuhause hingegen fühlten sie sich isoliert, nicht wertgeschätzt und mit nicht enden Ansprüchen konfrontiert. Die Arbeit wurde zum Zuhause, das Zuhause zur harten Plackerei. […] Mit Sicherheit führt ein grosser Teil der amerikanischen Familien mit Kindern im Schulalter ein solches oder ähnliches Leben.

The Economist, 18. Juli 1998. (Übersetzung der Redaktion)

Aber diese ArbeiterInnen sind mit ihrem Los nicht zufrieden. Weit über die Hälfte nannte «Zeitmangel» als ihr Hauptproblem. Dies ist einer der augenfälligsten Widersprüche des modernen Kapitalismus: Auch wenn die Fortschritte in Wissenschaft und Technik die Grundlage für eine wahre Revolution in unserer Lebensführung gelegt haben, die zu viel besseren Arbeitsbedingungen und kürzeren Arbeitszeiten führen könnten, sind dennoch Millionen zur Arbeitslosigkeit verdammt, während wieder andere Millionen von «Glücklichen» mit einem Arbeitsplatz, ein Leben lang schuften und unter langen Arbeitszeiten und anhaltendem Druck bei der Arbeit leiden. Sie müssen ihre psychische und körperliche Gesundheit aufs Spiel setzen – wie auch ihr Familienleben und die Beziehung zu ihren Kindern.

Gerade der technische Fortschritt wird genutzt, um die Versklavung der LohnarbeiterInnen durch den Chef voranzutreiben, sodass selbst Teilzeit-HeimarbeiterInnen zu Bürosklaven mit einem fast unbegrenzten Arbeitstag werden. Erfindungen wie Mobiltelefone, Pager und Laptops ermöglichen, auch ohne direkte Überwachung, ein bisher ungekanntes Mass an Kontrolle über die Lohnabhängigen. Die Unterscheidung zwischen Arbeitsplatz und Zuhause, zwischen Arbeit und Freizeit verliert zunehmend an Bedeutung. Die Tyrannei des Kapitals, seine grenzenlose Herrschaft über ArbeiterInnen und ihre Familien, wird umfassend. Die Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts lautet nicht mehr «Gibt es ein Leben nach dem Tod?», sondern: «Gibt es ein Leben vor dem Tod?».

Die «zweite Schicht» 

Um arbeiten zu gehen, müssen Frauen die Kinder zuerst irgendwo unterbringen. Eine vernünftige Gesellschaft würde das Recht auf kostenlose Universalbildung auch auf sehr junge Kinder ausweiten, während für die ersten Jahre grosszügiger, bezahlter Elternurlaub gälte. Stattdessen sind Mütter der ArbeiterInnenklasse dazu gezwungen, ihre Kinder in die Obhut unzulänglicher Tagesstätten mit unerfahrenem und unqualifiziertem Personal zu geben. Aus solchen Situationen ergaben sich immer wieder Tragödien. Die sensationsgeile Presse nutzte solche Gelegenheiten immer, um gegen benachteiligte Frauen zu hetzen. Doch die Medien  vermeiden es mit Bedacht, die Aufmersamkeit auf jene Gesellschaft zu richten, die solche Umstände überhaupt erst hervorruft.

Laut einer Studie des US-amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development werden 80% der US-amerikanischen Säuglinge in ihren ersten 12 Monaten regelmässig von anderen Personen als der eigenen Mutter betreut; noch bevor sie vier Monate alt sind, werden die meisten bereits in die Kinderbetreuung gegeben; und typischerweise verbringen sie etwa 30 Stunden pro Woche in einer Kindertagesstätte. Die Studie fügt aber hinzu:

«Die Rahmenbedingungen sind meistens weit von den Standards entfernt, die irgendjemand von uns als ‘optimal’ bezeichnen würde. ‘Knapp ausreichend’ ist der passende Begriff für die in diesem Land typischen Betreuungsverhältnisse; tatsächlich sind sie in 15–20% der Fälle desolat und sogar gefährdend.»

The Economist, 18. Juli 1998. (Übersetzung der Redaktion)

Für viele Frauen sind sogar diese primitiven Verhältnisse zu kostspielig, und so müssen sie die Arbeit ganz aufgeben. Trotz allem Diskurs von «emanzipierten Frauen», «Karrierefrauen» und so weiter bleiben viele in den eigenen vier Wänden gefangen. In Europa bezeichnen sich laut dem «Haushaltspanel der Europäischen Gemeinschaft» etwa ein Drittel der Frauen im arbeitsfähigen Alter als «Hausfrauen», obwohl diese Zahl wahrscheinlich einige Frauen mit Teilzeitstellen miteinschliesst. Je mehr Kinder sie haben, desto eher sind sie an den Haushalt gefesselt. «Das ist nicht unbedingt ein eine Anleitung zum Glücklichsein», schreibt The Economist. «In fast jedem EU-Land scheinen Frauen, die arbeiten gehen, gesünder und mit ihrem Leben zufriedener zu sein. Wenigstens bleibt den erwerbslosen Frauen aber die ‘zweite Schicht’ erspart: Ein weiterer Arbeitstag im Haushalt nach einem Arbeitstag für ihren Arbeitgeber» (The Economist, 18. Juli 1998. Eigene Übersetzung).

Vor hundert Jahren stand im Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie:

Die industrielle Frauenarbeit bedeutet aber in der kapitalistischen Gesellschaft auch die gänzliche Zerstörung des Familienlebens der Arbeiter, ohne Ersetzung desselben durch eine höhere Familienform. Die kapitalistische Produktionsweise löst den Einzelhaushalt des Arbeiters in den meisten Fällen nicht auf, aber sie raubt ihm alle seine Lichtseiten und lässt nur seine Schattenseiten fortbestehen, vor allem die Kraftvergeudung und die Abschließung der Frau vom öffentlichen Leben. Die industrielle Arbeit der Frau bedeutet heute nicht ihre Entlastung von der Haushaltungsarbeit, sondern die Vermehrung ihrer bisherigen Lasten um eine neue. Aber zweien Herrn kann man nicht dienen. Die Haushaltung des Arbeiters verkommt, wenn seine Frau mithelfen muss zu verdienen; was jedoch die heutige Gesellschaft anstelle der Einzelhaushaltung und der Einzelfamilie setzt, das ist elendes Surrogat, die Volksküche und die Armenschule, welche die Abfälle von der leiblichen und geistigen Nahrung der Reichen den unteren Klassen vorwerfen.

Karl Kautsky, Das Erfurter Programm. S. 40

Dies bewahrheitet sich auch heute noch. Frauen leiden unter einer doppelten Sklaverei; zur Sklaverei am Arbeitsplatz gesellt sich die ‘zweite Schicht’ zuhause. Arbeitende japanische Ehefrauen zum Beispiel arbeiten dreieinhalb Stunden täglich für den Haushalt – zusätzlich zur Lohnarbeit. Ähnliche Zustände herrschen in den anderen sogenannt zivilisierten westlichen Gesellschaften.

Frauen und die Gewerkschaften

Ohne den tagtäglichen Kampf für Verbesserungen im Kapitalismus wäre die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft undenkbar. Deshalb sind wir dem Kampf für Reformen gegenüber keinesfalls gleichgültig eingestellt. Für MarxistInnen bleibt der wichtigste Faktor dabei aber die Tatsache, dass ArbeiterInnen durch ihre eigenen Erfahrungen und Kämpfe dazulernen. Unsere Hauptaufgabe ist es, den klassenbewusstesten und aktivsten Frauen in Gewerkschaften und Arbeiterparteien geduldig zu erklären, warum die sozialistische Umwälzung der Gesellschaft eine Notwendigkeit ist, und dies auf internationaler Ebene. Wir müssen versuchen, ihr Niveau zu heben, sie für die grossen Fragen, für Theorie und Philosphie zu begeistern und sie schliesslich für den Marxismus zu gewinnen. Dabei dürfen wir nicht in dieselbe Falle tappen wie die Reformisten, unzählige Sekten und bürgerliche FeministInnen und uns einbilden, dass Frauen sich nur für sogenannte Frauenprobleme interessierten. So wichtig viele dieser Probleme mit Sicherheit sind, es wäre ein grober Fehler, das Interesse von Frauen an breiter gefassten Themen und fundamentalen Fragestellungen zu unterschätzen. Im Gegenteil: Die besten weiblichen Klassenkämpferinnen werden von revolutionärer Theorie und Praxis des Marxismus angezogen und begeistert.

Der Kampf für die Interessen der Frau muss am Arbeitsplatz beginnen. Zu den ersten Pflichten von MarxistInnen gehört es, Frauen in Gewerkschaften zu organisieren, und für gerechte Löhne, Arbeitsbedingungen und der völligen Gleichstellung mit den männlichen Arbeitern zu kämpfen. Arbeiterinnen bieten ein enormes revolutionäres Potenzial für die Arbeiterbewegung, das die engstirnige und konservative Gewerkschaftsbürokratie aber nicht zu verwirklichen vermag. Neue Produktionsbedingungen und der starke Ausbau des Dienstleistungssektors bedeuten wiederum eine wachsende Zahl an Frauen, die unter desaströsen Bedingungen arbeiten und von welchen ein Grossteil nicht gewerkschaftlich organisiert ist. MarxistInnen in den Gewerkschaften sollten wo immer möglich die Initiative ergreifen und Kampagnen zur Einbindung von unorganisierten Schichten vorantreiben, insbesondere um Frauen und junge ArbeiterInnen in diesen Branchen zu organsieren.

Das zentrale Problem ist die schreiende Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz. Frauen in allen Ländern verdienen für vergleichbare Arbeit typischerweise 20–30% weniger als Männer. Und ein geringerer Lohn bedeutet in aller Regel tiefere oder keine Sozialleistungen und Renten. Dies schadet nicht nur weiblichen, sondern auch männlichen Lohnarbeitern: Werden für eine bestimmte Schicht der Arbeiterklasse tiefere Löhne hingenommen, so stehen auch die Löhne und Arbeitsbedingungen im Allgemeinen unter Druck. Es ist reaktionär, spalterisch und kontraproduktiv, wenn einfach akzeptiert wird, dass Frauen und junge ArbeiterInnen geringere Löhne erhalten. Und es erklärt auch die Gleichgültigkeit, die viele Frauen gegenüber den Gewerkschaften an den Tag legen, die sich nicht für sie einsetzen. Die Unorganisierten zu organisieren ist eine fundamentale Pflicht der Gewerkschaften, insbesondere in der aktuellen Epoche. Besonders wichtig ist der Kampf für «gleicher Lohn für gleiche Arbeit». Dieses Prinzip kann von den Kapitalisten einfach verzerrt und umgangen werden, da es oft schwierig oder sogar unmöglich ist, die tendenziell verschiedenen Arbeiten von Männern und Frauen in verschiedenen Produktionszweigen zu vergleichen.

Wie es eine Umfrage in The Economist formuliert:

Praktischerweise sahen sich Frauen dieses Mal offenen Arbeitsstellen gegenüber. Durch die Restrukturierungsprozesse in den entwickelten Volkswirtschaften entstanden zahlreiche Jobs im Dienstleistungsbereich, die sich von den traditionellen, gesicherten Vollzeitjobs in der Fertigungsindustrie stark unterschieden. Viele dieser neuen Jobs waren Teilzeitstellen oder brachten ungewöhnliche Arbeitszeiten mit sich; sie boten und erforderten eine Flexibilität, die Frauen oft gelegen kam. Auch entstanden viele der Jobs in Branchen mit geringem Prestige und tiefen Löhnen wie im Verkauf, in der Gastronomie oder im Reinigungswesen, die für männliche Brotverdiener bisher wenig attraktiv waren.

The Economist, 18. Juli 1998. Übersetzung der Redaktion

Wo viele Frauen und wenige Männer arbeiten, sind die Löhne tendenziell tief. Das stimmt insbesonders für die Verkaufs-, die Reinigungs- und die Gastro-Branche, etwas weniger für Pflege- und Lehrerberufe, wo der Arbeitgeber oftmals die öffendliche Hand ist. Wenn soviele Frauen in Tieflohnbranchen konzentriert sind, überrascht es nicht, dass trotz vieler Lohngleichheitsgesetze in allen Ländern grosse Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen bleiben. Dank des Drucks vonseiten der Arbeiterinnen und Gewerkschaften werden diese Unterschiede kleiner: In den USA zum Beispiel ist der Durchschnittsstundenlohn von Frauen innerhalb von 20 Jahren von 64% auf 80% des männlichen Lohndurchschnitts gewachsen. Der Unterschied besteht aber nach wie vor; und je tiefer wir auf der Lohnskala hinabsteigen, desto grösser werden die Lohnunterschiede. Verdienen junge, kinderlose Facharbeiterinnen mit Vollzeitstelle oftmals fast gleich viel wie ihre Kollegen, so verdienen Tieflohn-Arbeiterinnen in besonders ausbeuterischen Industriebetrieben einen Bruchteil des Durchschnittslohnes von männlichen Industriearbeiten.

Frauen werden auch benachteiligt aufgrund ihrer angeborenen Fähigkeit, Kinder zu gebären. In der heutigen Gesellschaft ist die Geburt eines Kindes – ein an sich freudiges Ereignis – häufig eine Katastrophe, insbesondere für die Mutter. Die Mutterschaft bedeutet für Frauen oftmals, dass sie ihre Arbeit verlieren, in elende Armut oder eine entwürdigende Abhängigkeit von schlechten staatlichen Sozialleistungen herabgedrückt werden. Die bürgerliche Presse, insbesondere in Grossbritannien oder den USA, brandmarkt alleinerziehende Mütter zynisch als «Parasiten», die auf «Kosten des Staates» leben – ohne nur zu erwähnen, dass diesen Frauen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt wird und sie auf die brutalste und unmenschlichste Art und Weise gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Sollten sie es aber dennoch schaffen, ihre Arbeit zu behalten, so müssen sie immer noch Lohneinbussen hinnehmen: «Sobald Frauen Kinder bekommen sinkt ihr relatives Einkommen und je mehr Kinder sie haben, desto tiefer sinkt das Lohnniveau» (The Economist, 18. Juli 1998. Eigene Übersetzung).

Marxismus oder Feminismus?

MarxistInnen müssen sich energisch für die Interessen von Frauen einsetzen, indem sie den Kampf gegen Ungleichheit und jegliche Erscheinungsformen von Unterdrückung, Diskriminierung und Ungerechtigkeit aufnehmen. Alle diese Kämpfe müssen wir allerdings Klassenklassenstandpunkt aus führen. Während wir konsequent für jede einzelne Reform kämpfen, die einen echten Fortschritt für Frauen darstellt, müssen wir erklären, dass der einzige Weg zur vollständigen Emanzipation – für Frauen, aber auch für alle anderen unterdrückten Schichten – im Sturz des kapitalistischen Systems liegt. Dieser Kampf erfordert die grösstmögliche Einheit von Arbeiterinnen und Arbeitern im Kampf gegen den Kapitalismus. Jeder Versuch, Frauen gegen Männer auszuspielen oder Frauen im Namen der «Frauenbefreiung» vom Rest der ArbeiterInnenbewegung abzutrennen und zu isolieren, ist durch und durch reaktionär und muss konsequent bekämpft werden.

Wir kämpfen für die Einheit des Proletariats, ungeachtet seines Geschlechts, seiner Ethnie, Hautfarbe, Religion oder Nationalität. Dies bedingt notwendigerweise auch den unversöhnlichen Kampf gegen alle Formen des bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Feminismus. Wo solche Ideen in der ArbeiterInnenbewegung an Einfluss gewinnen, spielen sie den reaktionärsten Elementen in die Hände; denn sie spalten die ArbeiterInnen und stiften Verwirrung unter Frauen, die sich sozialistischen Ideen annähern. Also müssen wir hier, wie in allen anderen Fragen auch, einen klaren Klassenstandpunkt einnehmen. Bereits haben wir gesehen, dass die bolschewistische Partei und die Kommunistische Internationale in ihren Resolutionen stets von «lohnabhängigen Frauen» beziehungsweise «Arbeiterinnen» und nicht von Frauen im Allgemeinen sprach. Klar ist, dass der Kampf für die Gleichberechtigung alle Frauen der ArbeiterInnenklasse mit einschliesst, seien sie Hausfrauen, Arbeitslose, Studentinnen und so weiter. Das Schlüsselelement sind aber die Arbeiterinnen, die heute einen grossen und immer grösseren Teil der gesamten ArbeiterInnenklasse darstellen.

Formale Gleichberechtigung ohne Veränderung der tatsächlichen sozialen Verhältnisse ist ein extrem beschränktes Mittel, welches die Ursachen der Frauenunterdrückung im Kapitalismus nicht antastet. In der letzten Periode hatten viele der vermeintlichen «Verbesserungen» im Zusammenhang mit «positiver Diskriminierung» in Wirklichkeit nur zu einer verbesserten Stellung einer Schicht von kleinbürgerlichen Karrieristinnen geführt. Im letzten Jahrzehnt sind die Stimmen des militanten kleinbürgerlichen Feminismus, der früher so lautstark «Gleichheit» forderte (das Recht der Frau auf das Priesteramt, Managerposten etc.), immer leiser geworden. Warum? Weil ihre Forderungen zusehends erfüllt wurden.

Die Bourgeoisie hat Frauen mehr Sitze in Führungsgremien von Banken und Bürokratie, in Verwaltungsräten, in Priesterämter und bei Richterstühlen eingeräumt. Die Quote für Beförderungen im mittleren Management ist in den letzten 20 Jahren von 4% auf 40% angestiegen. In 419 der reichsten 500-Firmen (Fortune 500) sitzt nun mindestens eine Frau im Verwaltungsrat, in einem Drittel davon zwei oder mehr. Die grössten Firmen sind sogar wesentlich besser darin, Frauen zu (be-)fördern, als jene am unteren Ende der Fortune 500. Einige Frauen geniessen also durchaus sehr angenehme Positionen. Diese bürgerlichen und kleinbürgerlichen Karrieristinnen unterstützten immer schon die Sache der Frau – im Sinne von «eine nach der anderen, angefangen bei mir selber»!

Genau das ist der Grund, warum wir den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Feminismus immer entschieden abgelehnt haben. Dieser hat nichts gemein mit dem echten Kampf für die Befreiung der Frau zu tun, welchen den Sturz des Kapitalismus erfordert. Sobald diese Karrierefrauen ihre persönlichen «Probleme» im Rahmen des Kapitalismus gelöst haben, kratzt sie das Los der übrigen Frauen nicht mehr. Während diese ehemaligen «Feministinnen» in die Reihen der Ausbeuter aufgenommen werden, verbleiben die restlichen 99% der Frauen in widerwärtiger Unterdrückung und Ausbeutung. Ein vergleichbares Phänomen lässt sich bei mittelständischen Schwarzen beobachten, die in den letzten Jahren mit der «race relations industry» ein Vermögen gemacht haben. Die herrschende Klasse kann immer solche und ähnliche Zugeständnisse an Bewegungen machen, die ihre Macht in keinster Weise herausfordern.

Das Prinzip der «positiven Diskriminierung» unterstützen wir nicht, egal, ob es Frauen, Schwarze oder irgendeine andere Schicht betrifft, denn es ist eine kleinbürgerliche Forderung, die von den echten Ursachen der Ungleichheit ablenkt. Das Aufstellen von willkürlichen Quoten für Frauen, Schwarze etc. ist letztlich nur ein Instrument zur Förderung einer Minderheit von KarrieristInnen – während gleichzeitig der Eindruck entsteht, dass «endlich mal etwas gemacht» werde, ohne das eigentliche Grundproblem anzugehen. Diese Herangehensweise liefert keine wirklichen Antworten auf die Diskriminierung, sondern dient nur zur Ablenkung und ist ein gutes Beispiel für Alibipolitik. Darüber hinaus wird diese Methode gerne von BürokratInnen eingesetzt, um die Linke, Betriebkomitees, Räte oder Parlamente zu sabotieren, indem ihnen weibliche oder schwarze Karrieristen und Handlanger in den Weg gestellt werden. Das augenscheinlichste Beispiel hierfür ist die USA, wo die Bourgeoisie geschickt das Problem der ethnischen Ungleichheit entschärfte, indem sie eine relativ grosse Schicht von schwarzen KarrieristInnen schuf. Mittelständische Schwarze nutzten den Kampf gegen Rassismus, um sich angenehme, gut bezahlte Jobs zu ergattern, nur um danach zu befinden, dass es für sie selbst wohl besser wäre, «moderater» und «besonnener» zu werden.

Natürlich gibt es ehrliche Frauen und Mädchen, die sich mit guten Absichten selbst Feministinnen nennen. Ihnen gegenüber sollten wir flexibel und positiv eingestellt sein, wie wir das auch bei Zugehörigen unterdrückter Nationalitäten sein sollten. Doch ebenso, wie wir den Nationalismus ablehnen, lehnen wir auch den Feminismus ab. Diese Haltung beeinträchtigt den Kampf gegen Diskriminierung nicht im geringsten. Wir gehen die Frage der Unterdrückung immer vom Standpunkt der arbeitenden Klasse und des Sozialismus an. Dass sich die weiblichen Teile der ArbeiterInnenklasse mit spezifischen Problemen ihres Geschechts auseinandersetzen (tiefere Löhne, Hausarbeit, Gewalt an Frauen, sexuelle Belästigung, Probleme in der Kindererziehung usw.) und diese Probleme bekämpfen wollen, ist das Eine. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn bürgerliche und kleinbürgerliche Strömungen diese Frauenprobleme ausnutzen, um einen Keil zwischen die Geschlechter zu treiben. Die direkten Anliegen von lohnabhängigen Frauen sind eine Art Deklaration, dass sie die Ungleichheit  sehen und dagegen sind. Das kann ein Ausgangspunkt für die Beteiligung dieser Frauen am Kampf zur sozialistischen Umwälzung der gesamten Gesellschaft werden. Dem gegenüber behandeln bürgerliche und kleinbürgerliche Feministinnen die Frauenunterdrückung als isolierte Frage und suchen die Lösung im Rahmen des Kapitalismus. Das führt unweigerlich zu reaktionären Schlussfolgerungen.

Die kulturelle Gefahr

Frauen haben spezifische Probleme, die nach Antworten verlangen. Das betrifft nicht nur die Diskriminierung am Arbeitsplatz, sexistische Lohndiskriminierung, fehlende Rechte etc., sondern auch Fragen rund um die Mutterschaft, Schwangerschaft etc. Die Rolle der Frauen im Kindergebähren erfordert spezielle Rechte, um Schwangere und Mütter zu schützen. Formale Gleichheit ist zwar ein Fortschritt, löst aber die fundamentalen Probleme von Frauen nicht:

«Die radikalste feministische Forderung – die Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen im Rahmen des bürgerlichen Parlamentarismus – löst das Problem der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen nicht, insbesondere nicht von Frauen der besitzlosen Klasse. Die Erfahrungen von Arbeiterinnen in jenen kapitalistischen Ländern, wo die Bourgeoisie in den letzten Jahren die formale Gleichheit eingeführt hat, belegen dies. Das Wahlrecht zerstört die Hauptursache der Versklavung der Frau in der Familie und Gesellschaft nicht. Einige bürgerliche Staaten haben die unauflösliche Ehe mit der Zivilehe ersetzt. Solange aber die proletarische Frau materiell von ihrem kapitalistischen Chef und ihrem Ehemann, dem Haupternährer, abhängig bleibt und keine griffigen Massnahmen zum Schutz von Müttern und Kindern eingeführt und keine vergesellschaftete Kinderbetreuung und Bildung geboten, kann die Position der Frau in der Ehe dem Mann nicht gleichgestellt, noch das Problem der Geschlechterbeziehungen gelöst werden.»

Theses, Resolutions and Manifestos of the First Four Congresses of the Third International, S. 215. (Übersetzung der Redaktion)

Die gesamte Geschichte an Sozialreformen, die Frauen über das letzte Jahrhundert hinweg betrafen, hat diesen Umstand hinlänglich bewiesen.

Frauenprobleme enden nicht am Fabriktor oder der Bürotüre, sondern dehnen sich auf Haushalt und Gesellschaft aus. Wir müssen für die Abschaffung aller diskriminierenden Gesetzgebung kämpfen; für die vollständige Gleichheit von Frau und Mann vor dem Gesetz; für das uneingeschränkte Recht auf Scheidung und Abtreibung; für freien Zugang zu Verhütungsmitteln und Gesundheitsversorgung; für frei verfügbare und hochwertige Krippen und Kinderbetreuung unabhängig des Alters. Wir müssen ein Übergangsprogramm aufstellen, das bei den unmittelbaren und dringlichsten Bedürfnissen der Frauen auf allen Ebenen ansetzt; nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Haushalt,  der Kinderbetreuung, der Bildung, beim Wohnen, im öffentlichen Verkehr, der Rente, der Freizeit und so weiter. Während wir jede fortschrittliche Forderung unterstützen, die das Los der Frauen verbessert, müssen wir diese Forderungen mit Klasseninhalt füllen. Zum Beispiel sollten wir flächendeckende, hochwertige und vom Staat bezahlte Kindertagesstätten fordern. Allerdings ist der tagtägliche Kampf für Frauenrechte kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, welches den lohnabhängigen Frauen ihre gesellschaftlichen Position als Teil der ausgebeuteten Klasse und die Notwendigkeit des Kampfes aufzeigt für eine Gesellschaft, in der ihre Rechte als Menschen wirklich sichergestellt werden. 

Der Zerfall des aktuellen Systems bedroht die Grundlagen der Zivilisation. Nebst sozialen und wirtschaftlichen Problemen, verursacht durch Armut, tiefe Löhne und Arbeitslosigkeit, ist das Proletariat auch mit Drogenmissbrauch, Kriminalität und Misshandlungen aller Art konfrontiert, welche vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche treffen. Reaktionäre und Priester lamentieren diese Symptome des «moralischen Zerfalls», sind aber völlig unfähig, den Zusammenhang zur Krise des Systems, in der wir leben, herzustellen. Es ist die Pflicht der ArbeiterInnenbewegung, jene Elemente von Kultur und Zivilisation zu verteidigen, die durch den Zerfall des Kapitalismus bedroht werden. Die alte Familienordnung zerbricht bereits, ohne aber durch etwas Neues ersetzt zu werden. Das Resultat: Millionen von insbesondere jungen und verwundbaren Frauen droht ein Leben im Elend als alleinerziehende Mütter, die vom «Goodwill» der staatlichen Bürokratie abhängen. Damit noch nicht genug: Die bürgerlichen Heuchler werden nicht müde, diese Frauen zu beleidigen, sie blosszustellen und zu kriminalisieren, in dem sie sie als Aussätzige darstellen, die «auf Kosten der Gesellschaft leben» (obwohl es gerade die Bourgeoisie ist, die genau das tut!).

Im Vereinigten Königreich war es eine der ersten Handlungen der Regierung Blair, die Leistungen für alleinerziehende Mütter zu kürzen. Und vor einigen Jahren rief Pauline Hanson, eine australische Politikerin und Vorsitzende der lächerlich falsch benannten One Nation Party, dazu auf, die Leistungen für alleinerziehende Mütter zu kürzen, sollten sie ein zweites Kind bekommen. Berichten zufolge sagte sie: «Diejenigen ledigen Frauen, die meinen, auf Kosten der Steuerzahler Kind um Kind von verschiedenen Vätern kriegen zu können, werde ich eines Besseren belehren». In Australien gibt es 360’000 alleinerziehende Eltern, die insgesamt 2,9 Milliarden Dollar aus einem Sozialhilfebudget von 42 Milliarden Dollar erhalten. Das Durchschnittsalter der Frauen liegt bei 33 Jahren, die im Schnitt die stattliche Summe von 170 australische Dollar (107 US Dollar) pro Woche erhalten, um ihre Familie zu ernähren, zu bekleiden und unterzubringen. Somit ersparen sie dem Staat eine weit grössere Summe, die für die Erziehung in Kinderheimen notwendig wäre. Ähnliche Angriffe gegen die verwundbarsten Teile der Gesellschaft unter dem Vorwand, gegen eine «Abhängigkeitskultur» vorzugehen, sind in praktisch allen Ländern feststellbar. Das ist ein hervorragendes Beispiel für den wahren Gehalt der heuchlerischen «christlichen Moral» im Dienste des rücksichtslosen und  kostendrückenden Kapitalisten. Ebenso demonstriert es, welche Einstellung die bürgerliche Gesellschaft gegenüber Frauen und Kindern hat.

Die Lage von geschiedenen Frauen ist auch eine Klassenfrage: Die Auswirkungen von Scheidung und Alleinerziehen sind sehr unterschiedlich, je nachdem, welcher Klasse eine Frau angehört. Ein amerikanischer Richter sprach der Exfrau des Millionärs Robert I. Goldman  (Vorsitzender der Congress Financial Corp.) 50% seines 100 Millionen US-Dollar-Besitzes zu. «Willkommen im Zeitalter der Manager-Scheidung», schrieb die BusinessWeek am 8. August 1998. «Eine Kombination aus kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Faktoren machen Scheidungen teurer denn je – insbesondere für hochrangige, gut bezahlte (!) Geschäftsleute. Und das macht wiederum den ganzen Scheidungsprozess, der an sich schon kaum erfreulich ist, noch viel hässlicher. Ehegatten horten ihr Geld in geheimen karibischen Trusts, Ehefrauen bezichtigen ihre Exmänner des Missbrauchs, und Anwälte erfreuen sich an siebenstelligen Honoraren.»

Bürgerliche SoziologInnen stellen «moderne» Alleinerziehende als Vorzeigebeispiel für sozialen Fortschritt und Emanzipation dar. Die US-amerikanische Statistikbehörde berichtete, dass sich die Zahl der allein lebenden Frauen auf 15 Millionen verdoppelt hat in den letzten 20 Jahren. Ein kürzlich erschienenes Buch mit dem Titel The Improvised Woman, Reinventing Women in a Single Life (etwa: «Die improvisierte Frau: Die Neuerfindung der Frau im Single-Leben») zeichnet ein Idealbild dieser sorgenfreien Frauen: «Ledige Frauen kaufen Autos, gebären oder adoptieren Kinder und erreichen einflussreiche Positionen», behauptet das Buch. Doch täuschen die verallgemeinerten Statistiken über den tiefen Abgrund hinweg, der die Bessergestellten von der grossen Mehrheit der alleinerziehenden Mütter trennt; viele von ihnen schwarz und in den urbanen Ghettos des reichsten Landes der Welt unter den Lebensbedingungen der dritten Welt lebend, wo sie einem Albtraum aus Armut, Drogen, Kriminalität und Gewalt ausgesetzt sind.

Die Krise des Kapitalismus äussert sich im allgemeinen Versuch, staatliche Ausgaben zu kürzen. Angriffe auf Arbeitsplätze, den Lebensstandards, die Gesundheit und Bildung treffen die ArbeiterInnenklasse allgemein, insbesondere aber Frauen, die sich ganz Unten auf der  Ausbeutungs-Pyramide, in den schlechtesten Jobs mit der geringsten Absicherung befinden. Darüber hinaus sind Frauen doppelter Unterdrückung ausgesetzt, als Teil der ArbeiterInnenklasse und zusätzlich als Frauen. Die einzige Lösung für die Probleme der Frauen liegt im Kampf für den Surz des Kapitalismus und für seine Ersetzung durch den Sozialismus, ein System, das sowohl Männern als auch Frauen echte Freiheit garantieren kann – die Freiheit zur persönlichen und intellektuellen Entfaltung.

Im Bewusstsein, dass nur eine sozialistische Gesellschaft die Spuren der Sklaverei, die Männer wie Frauen zeichnet, endlich beseitigen wird, müssen wir rückständige und reaktionäre Ansichten insbesondere innerhalb der Arbeiterbewegung aufs Schärfste bekämpfen, denn sie schaden der Einheit von Männern und Frauen und halten die Emanzipation der ArbeiterInnenklasse zurück. Wir müssen für eine echt proletarische Moral kämpfen, die alle Arbeitenden, seien sie männlich oder weiblich, weiss oder schwarz, als gleichgestellte Brüder und Schwestern sieht, vereint im Kampf gegen das Kapital.

Frauen im Kampf

Wir müssen die lohnabhängigen Frauen da erreichen, wo sie sind. Das ist nicht nur am Arbeitsplatz, von dem viele Frauen gezwungenermassen ausgeschlossen sind. Viele Frauen können über andere Fragen für den Kampf gegen den Kapitalismus gewonnen werden – über schlechte Behausungen, hohe Lebenshaltungskosten und Mieten etc. Die Poll Tax-Kampagne (Zahlungsverweigerung von Steuern) in Grossbritannien hat das bewiesen. Gerade in männlich dominierten Belegschaften müssen die Ehefrauen von streikenden Arbeitern unbedingt aktiv miteinbezogen werden. In ihnen schlummern Riesenkräfte, was von männlichen Arbeitern oft unterschätzt oder übersehen wird. So zum Beispiel während der britischen Bergarbeiterstreiks von 1984-85, indem die Ehefrauen der Streikenden sich in «Unterstützungskomitees» organisierten, sich mit Gewerkschaften und Streikkomitees vernetzten, im Streik eine unschätzbare Rolle spielten und gleichzeitig sehr schnell dazulernten. Sind Frauen im Kampf aktiv, verändert sich ihr Bewusstsein in Windeseile. Auch Frauen, die zuvor politisch rückständig, konservativ und/oder religiös waren, können sehr schnell ein revolutionäres Bewusstsein entwickeln, insbesondere dort, wo eine marxistische Strömung diesen Prozess unterstützt.

Unter solchen Bedingungen sollten wir die Initiative ergreifen und aktiv mithelfen Frauen miteinzubeziehen. Natürlich muss das im engen Austausch mit der Gewerkschaft und dem Streikkomitee geschehen und nicht als etwas, der offiziellen Bewegung Entgegengesetztes, so wie es die Anarchisten und Sektierer immer versuchen. Solche Ad-hoc-Komitees können keine unabhängige Bedeutung aufbauen und nach dem Ende einer Bewegung lösen sie sich tendenziell wieder auf. Versuche, sie künstlich am Leben zu erhalten, führten meist zu bürokratischen Erscheinungen und der Übernahme durch ungewählte VertreterInnen, KleinbürgerInnen, SektiererInnen usw., so dass sie beim Wiederaufschwung der Bewegung zum Hindernis werden. Der Zweck der Teilnahme an solchen Komitees ist es nicht, diese gegen die Gewerkschaften zu richten, sondern sicherzustellen, dass Frauen in den Arbeiterorganisationen aktiv werden um diese zu verändern. In dem Masse, wie die alten Schwerindustrien moderneren, auf Informationstechnologie basierenden Produktionsweisen weichen, werden die Frauen zu einem entscheidenden Teil der Belegschaft und zunehmend zu deren Mehrheit.

Letzten Endes wird die Befreiung der Frau aber nur durch die Befreiung der gesamten ArbeiterInnenklasse erfolgen:

Der III. Kongress der Kommunistischen Internationale legt es den kommunistischen Parteien des Westens und des Ostens besonders ans Herz, die Arbeit unter dem weiblichen Proletariat zu verstärken und verweist gleichzeitig die Arbeiterinnen der ganzen Welt darauf, dass nur der Sieg des Kommunismus ihre Befreiung aus der Knechtschaft und Unterdrückung möglich macht. Das, was der Kommunismus der Frau geben kann, kann ihr die kapitalistische Frauenbewegung in keinem Falle geben. Solange die Macht des Kapitals und des Privateigentums in den kapitalistischen Ländern besteht, kann die Befreiung der Frau aus der Abhängigkeit vom Manne nicht weiter gehen, als bis zu dem Rechte, über ihr eigenes Besitztum, ihren Verdienst zu verfügen, und gleichberechtigt mit dem Mann das Schicksal der Kinder zu entscheiden.

Theses, Resolutions and Manifestos of the First Four Congresses of the Third International, S. 214-15. Deutsche Übersetzung.
Der Kommunismus und die Familie

Von den frühesten Anfängen des Marxismus an nahm die Frage der Frauenbefreiung eine zentrale Stellung ein. In Grundsätze des Kommunismus, von Engels noch vor dem Kommunistischen Manifest verfasst, können wir nachlesen:

21. Frage: Welchen Einfluss wird die kommunistische Gesellschaftsordnung auf die Familie ausüben?

Antwort: Sie wird das Verhältnis der beiden Geschlechter zu einem reinen Privatverhältnis machen, welches nur die beteiligten Personen angeht und worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bisherigen Ehe, die Abhängigkeit des Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittelst des Privateigentums, vernichtet. Hierin liegt auch die Antwort auf das Geschrei hochmoralischer Spiessbürger gegen kommunistische Weibergemeinschaft. Die Weibergemeinschaft ist ein Verhältnis, was ganz der bürgerlichen Gesellschaft angehört und heutzutage in der Prostitution vollständig besteht. Die Prostitution beruht aber auf dem Privateigentum und fällt mit ihm. Die kommunistische Organisation also, statt die Weibergemeinschaft einzuführen, hebt sie vielmehr auf.

Marx-Engels Werke, Band 4. S. 361-380

Die Ursprünge der Frauenunterdrückung, so erklärte Engels später, liegen im Privateigentum und können nur durch die radikale Beseitigung von Privateigentum an den Produktionsmitteln und der Arbeitsteilung überwunden werden. In Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats schreibt Engels:

Wir sahen oben, wie auf einer ziemlich frühen Entwicklungsstufe der Produktion die menschliche Arbeitskraft befähigt wird, ein beträchtlich grösseres Produkt zu liefern, als zum Unterhalt der Produzenten erforderlich ist, und wie diese Entwicklungsstufe in der Hauptsache dieselbe ist, auf der Teilung der Arbeit und Austausch zwischen einzelnen aufkommen. Es dauerte nun nicht lange mehr, bis die grosse „Wahrheit“ entdeckt wurde, dass auch der Mensch eine Ware sein kann; dass die menschliche Kraft austauschbar und vernutzbar ist, indem man den Menschen in einen Sklaven verwandelt. Kaum hatten die Menschen angefangen auszutauschen, so wurden sie auch schon selbst ausgetauscht. Das Aktivum wurde zum Passivum, die Menschen mochten wollen oder nicht.

Marx-Engels Werke, Band 21, S. 152-173

Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind im Kapitalismus verzerrt und unmenschlich, weil das System der verallgemeinerten  Warenproduktion Menschen auf blosse Objekte reduziert. Nicht nur zwischengeschlechtliche, sondern alle soziale Beziehungen werden tendentiell entmenschlicht und entfremdet durch die von Marx und Engels genannten «baren Zahlung» («Cash Nexus»). Dies ist eine widernatürliche Gesellschaft, geprägt von widernatürlichen Beziehungen. Ist es somit ein Wunder, dass Menschen aufhören, sich wie Menschen zu benehmen und so zu denken und in einigen Fällen zu wahren Monstrositäten fähig sind? Eltern fangen an, ihre Kinder als ihr Privateigentum zu betrachten. Ehemänner tun das gleiche mit ihren Ehefrauen. Unter dem unerbittlichen Druck des Lebens in der Marktwirtschaft, in der das Geld Gott-ähnlich ist, werden Beziehungen bis zur Unkenntlichkeit verdreht und verzerrt. Wie Engels erkärte:

Und noch heute beherrscht das Produkt die Produzenten; noch heute wird die Gesamtproduktion der Gesellschaft geregelt, nicht durch einen gemeinsam überlegten Plan, sondern durch blinde Gesetze, die sich geltend machen mit elementarer Gewalt, in letzter Instanz in den Gewittern der periodischen Handelskrisen.

(ebd.)

Möchten wir die Frauenfrage ernsthaft angehen, dann reicht es nicht, lediglich auf die oberflächlichen Erscheinungen einzugehen. Wie bereits gesagt ist es natürlich notwendig, gegen alle Arten der Diskriminierung und Ungleichheit anzukämpfen. Doch ehe die Grundlage, die Wurzel der Frauenunterdrückung nicht beseitigt wird, wird der Kern der Frauenunterdrückung weiter bestehen. Die Frau ist erst frei, wenn der Mann ebenfalls  frei ist, das heisst, wenn die ganze Menschheit eine wirklich menschliche Existenz führen kann. Engels erklärt:

Was aber von der Monogamie ganz entschieden wegfallen wird, das sind alle die Charaktere, die ihr durch ihr Entstehn aus den Eigentumsverhältnissen aufgedrückt wurden, und diese sind erstens die Vorherrschaft des Mannes und zweitens die Unlösbarkeit. Die Vorherrschaft des Mannes in der Ehe ist einfache Folge seiner ökonomischen Vorherrschaft und fällt mit dieser von selbst. Die Unlösbarkeit der Ehe ist teils Folge der ökonomischen Lage, unter der die Monogamie entstand, teils Tradition aus der Zeit, wo der Zusammenhang dieser ökonomischen Lage mit der Monogamie noch nicht recht verstanden und religiös outriert wurde. Sie ist schon heute tausendfach durchbrochen. Ist nur die auf Liebe gegründete Ehe sittlich, so auch nur die, worin die Liebe fortbesteht. Die Dauer des Anfalls der individuellen Geschlechtsliebe ist aber nach den Individuen sehr verschieden, namentlich bei den Männern, und ein positives Aufhören der Zuneigung oder ihre Verdrängung durch eine neue leidenschaftliche Liebe macht die Scheidung für beide Teile wie für die Gesellschaft zur Wohltat. Nur wird man den Leuten ersparen, durch den nutzlosen Schmutz eines Scheidungsprozesses zu waten.

(ebd.)
Das Programm der Kommunistischen Internationale fasste für die Übergangsperiode zum Sozialismus folgendes ins Auge:

«Die Frauensektionen müssen das ganze Netz jener gesellschaftlichen Institutionen (öffentliche Waisenhäuser, Wäschereien, Reparaturwerkstätten, Kommunehäuser, Institutionen für soziale Erziehung usw.) zu heben suchen, die die Lebensweise auf neue kommunistische Grundlage stellen, den Frauen die Schwere der Übergangszeit erleichtern, ihre materielle Unabhängigkeit fördern und die Sklavin des Hauses und der Familie zur freien Gefährtin des Schöpfers der neuen Lebensformen machen.»

Theses, Resolutions and Manifestos of the First Four Congresses of the Third International, S. 220. Deutsche Übersetzung

Aber unter den herrschenden Bedingungen von Rückständigkeit und Armut konnten diese Ideen in Russland nach 1917 nicht angemessen in die Praxis umgesetzt werden. Trotzki erklärt:

Man kann die Familie nicht „abschaffen“, man muss sie ersetzen. Eine wirkliche Befreiung der Frau ist auf dem Fundament der „verallgemeinerten Not“ nicht zu verwirklichen.»

(Leo Trozki, Verratene Revolution)

Die Familie kann ebensowenig wie der Staat einfach abgeschafft werden. Damit beides während des Übergangs in eine klassenlose Gesellschaft langsam abstirbt, ist eine Veränderung der materiellen Bedingungen für die Massen notwendig, und damit einhergehend, mit der Zeit, wie Menschen übereinander denken und zueinander in Beziehung treten. Durch Überfluss und ein hohes kulturelles Niveau werden die alten Gewohnheiten und die Sklavenmentalität transformiert und mit ihnen ebenso die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Vorbedingung dafür ist aber die Transformation der Lebensbedingungen an sich. Die Reduktion des Arbeitstages auf das Minimum ist hier eine Grundbedingung der sozialen Emanzipation. Darüber hinaus sollte der technologische Fortschritt aber eine praktisch vollständige Abschaffung der Hausarbeit ermöglichen, welche die Grundlage für die häusliche Sklaverei der Frau darstellt.

Die Wurzel aller Unterdrückung, sei es von Frauen, von schwarzen Menschen oder von anderen Gesellschaftsgruppen, liegt letzten Endes in der Versklavung und Entfremdung, die auf der Warenproduktion fusst. Nur wenn dieser ein Ende bereitet wird und die Lebensbedingungen sich insgesamt wandeln, nur dann werden Staat und Familie als Überbleibsel der Barbarei endlich aufhören zu existieren. Wenn die alte, primitive, unmenschliche Psychologie, die dem Elend entsprang, endlich in der Vergangenheit liegt, dann werden die materiellen Bedingungen bereit sein für eine neue soziale Ordnung, in der die letzten Reste von Zwang und Unterwerfung verschwunden sein werden, und in der Frauen und Männer endlich einander als Freie unter Freien begegnen können.

Ana Muñoz und Alan Woods
In Defence of Marxism
08 März 2021

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