Die Arbeit mit Kindern – ein schöner Beruf. Doch werden die Sonnenseiten des Berufs von schlechten Arbeitsbedingungen überschattet. Wenig gelerntes Personal, hohe Arbeitsbelastung, wenig Lohn. Aber woher kommen diese Probleme? Und wie kann man dagegen kämpfen?

Der Druck wird auf Dauer zu einer Last, die ein Mensch nicht mehr tragen kann.

Leise Stimmen werden laut

Der 14. Juni 2019 – Frauenstreiktag. Über 500’000 Menschen, mehrheitlich Frauen, gingen auf die Strasse. Die Forderungen drangen laut aus den Kehlen der Teilnehmenden. Schluss mit der Frauenunterdrückung! Konkret heisst dies: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Bekämpfung der festgefahrenen Rollenbilder, bessere Bedingungen in den typischen Frauenberufen. Die typischen Frauenberufe, wie zum Beispiel die Fachpersonen in der Kinderbetreuung, waren besonders laut. Denn sie sind tagtäglich prekären Arbeitsbedingungen ausgesetzt. In Genf zum Beispiel blieben mehrere Kitas ganz geschlossen, auch in Zürich waren sie sehr stark vertreten. Welche Probleme haben die MitarbeiterInnen in einer Kita, und wie kann man die Energie des Frauenstreiks bündeln? 

Zwischen Sollen und Können

Fachpersonen Kinderbetreuung, kurz FaBeK’s, arbeiten meist in Kitas. Die Kinder werden oft in Gruppen von ca 11-12 Plätzen aufgeteilt, und meist von einer (in Glücksfällen zwei) Ausgebildeten, einer Lernenden und einer Praktikantin betreut. Die Hauptaufgabe einer Betreuungsperson besteht natürlich in der Betreuung der Kinder. Zudem obliegt der Gruppenleitung (also der oft einzigen gelernten Person der Gruppe) die Verantwortung für die Einhaltung der Hygienestandards, die Betreuung der Eltern und die Ausbildung der übrigen Gruppenmitglieder.  

Alle diese Aufgaben brauchen Zeit und Fachwissen. Das Problem dabei ist, dass die Ressourcen überall zu knapp sind. Nicht zufälligerweise hat diese Branche eine sehr hohe Personalfluktuation. Denn diese Aufgaben unter den gegebenen Rahmenbedingungen bewältigen zu können, ist nicht möglich. So ist der Alltag geprägt von ständiger Priorisierung der Aufgaben und einem hohen Druck. Diese Belastung beginnt bereits am ersten Tag, im Praktikum, mit 15-17 Jahren. Um die ungelernten MitarbeiterInnen auf den Beruf vorzubereiten, fehlt sehr oft die Zeit und das Personal. Der Druck wird auf Dauer zu einer Last, die ein Mensch nicht mehr tragen kann. Zudem sind Kitas oft betroffen von Personalmangel. Die Leidtragenden sind schlussendlich die Kinder. Weil zu wenig Hände da sind, um auch die ruhigen zu trösten und zu stärken, zu wenig Kraft für Verständnis und Geduld, um ihnen Sicherheit und Mut zu geben und zu wenig Wissen, um ihre Bedürfnisse wirklich befriedigen zu können. Doch daran ist nicht das Personal schuld, sondern die gegebenen Rahmenbedingungen. Zu diesen gehört auch, dass Fachpersonen sehr wenig verdienen. Einige davon haben sich nun in Zürich mit der Unterstützung des VPOD zur Gruppe “Trotzphase” zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist, die Bedingungen in den Kitas zu verbessern. Ihr Engagement zeigte sich auch in der Mobilisierung zum Frauenstreik, wo sie auf die Missstände aufmerksam machen wollten. Aber woher kommen diese Missstände denn?

Finanzierung

Private Kinderkrippen, welche den grössten Teil ausmachen, finanzieren sich vor allem durch die Elternbeiträge. Hinzu kommen etwaige Spenden oder Vereinsgelder. Ebenfalls kriegen Kinderkrippen für den Aufbau und die Anfangsphase Geld vom Staat. Allerdings ist der Konkurrenzdruck unter den Kitas sehr gross, was auch am krassen Mangel an Krippenplätzen liegt. Nur für 11% der Kinder in der Schweiz steht ein solcher zur Verfügung. Zudem soll ein Betrieb für die InhaberInnen auch profitabel sein. Um die kleine Schicht von Eltern, welche sich einen teuren Kita-Platz leisten kann, zu erreichen, müssen also Kosten gedrückt werden. So sind sie gezwungen, sparsam mit ihrem Geld umzugehen. Sie sparen bei den Löhnen der ArbeiterInnen und greifen auf ungelernte PraktikantInnen oder Lernende zurück, um ein Team zu füllen. Denn im Gegensatz zur Industrie beispielsweise, ist der Betreuungsberuf beinahe unmöglich zu automatisieren. Man kann das Personal nicht durch Roboter ersetzen, um die Produktion zu steigern und Kosten zu senken. Auch verzichten sie oft auf Reinigungspersonal. So werden auch diese Arbeiten dem Betreuungspersonal aufgehalst und rauben ihnen Zeit, die für die Förderung der Kinder und für die Ausbildung der Lernenden gebraucht würde. 

Der Grund für die Missstände in den Kinderkrippen ist also schlussendlich das System, nach welchem die Welt funktioniert – der Kapitalismus mit seiner inhärenten Profitlogik.

In staatlichen Einrichtungen sind die Bedingungen zwar etwas besser, allerdings machen diese nur einen kleinen Teil aus. Auch der Staat vertritt grundsätzlich die Interessen der Kapitalisten. Seit Jahren werden auf Bundes- und Kantonsebene die Steuern für Unternehmen gesenkt, um die Profitbedingungen der Kapitalisten zu sichern. Dies hinterlässt Finanzierungslücken, welche schlussendlich mit Sparmassnahmen auf den Sozialstaat, das Gesundheitssystem und den öffentlichen Sektor abgewälzt werden – besonders oft trifft es auch die Beiträge an die Kitas. 

Wenn eine Kinderkrippe also zu wenig gelerntes Personal einstellt, tun sie das nicht, weil sie böse Menschen sind, sondern, weil sie es müssen. Die Privaten, um im Markt weiter bestehen und ihre Profite sichern zu können. Und die staatlichen Kitas stehen ebenfalls unter Beschuss der Kapitalisten. Diese sind gerade im Kontext der Krise immer weniger bereit dazu, Kitas mit Steuern mitzufinanzieren. Der Grund für die Missstände in den Kinderkrippen ist also schlussendlich das System, nach welchem die Welt funktioniert – der Kapitalismus mit seiner inhärenten Profitlogik. Die einzelnen Betriebe richten sich nach diesem System, wie auch der Staat nach diesem System funktioniert. 

Wie weiter?

Am 14. Juni 2019 gingen viele Beteiligte auf die Strasse, um für bessere Bedingungen zu kämpfen. In einer Kita ist es nicht einfach zu streiken. Die BetreuerInnen können die Kinder nicht alleine lassen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Eltern der Kinder miteinbezogen werden und so ein Solidaritätsnetzwerk aufgebaut werden kann. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle, denn auch sie haben ein Interesse daran, dass die Kinder gut betreut werden können. Der VPOD hat in Zusammenarbeit mit der “Trotzphase” bei der Mobilisierung zum Frauenstreik einen guten Anfang gemacht. Sie versuchten mit Flyern, auf Social Media, sowie Präsenz in bekannten oder interessierten Kitas, Unterstützung zu bieten und sich so auch zu verankern. Für viele BetreuerInnen war dies die erste kollektive Kampferfahrung. Leider beschränkte sich diese Mobilisierung grösstenteils auf die Stadt Zürich und die nähere Umgebung. 

Schweizweit – auch in Zürich – haben die Gewerkschaften ihre Ressourcen und Netzwerke allerdings nicht dazu genutzt, auch die Kitas in anderen Regionen mit einzubeziehen. Das Kitapersonal wurde mit dieser schwierigen Entscheidung allein gelassen. Wichtige Gespräche, zum Beispiel über die Frage, wie man überhaupt streiken kann, wurden nicht geführt. Sie haben es verpasst, sich als Ansprechs- und Vertrauenspartner der Betreuungspersonen zu beweisen. Es ist aber von zentraler Wichtigkeit, dass die Gewerkschaften ihre Rolle wahrnehmen und sich in den Betrieben verankern, um die Betroffenen auf Dauer zu organisieren. Denn nur wenn die Mehrheit der Kinderkrippen organisiert ist, kann genügend Druck aufgebaut werden, um tatsächliche Veränderungen zu erzielen!

Lena L., Winterthur

Repost vom 18. Dezember 2019

Bild: Michael Panse, Flickr

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