Was haben Velokuriere von Gorillas in Berlin und das Krankenhauspersonal in Lausanne gemeinsam,
ausser dass sie krass ausgebeutet werden? Sie wehren sich gegen die schwer zu ertragenden
Arbeitsbedingungen und zeigen, was wir jetzt brauchen: Organisation, Solidarität und
Entschlossenheit.

Start-Up Gorillas: hipp, neu und ausbeuterisch

Der Lieferdienst «Gorillas» ist eines der neuen und schnellst wachsenden Unternehmen, die auf
ekelhafte Art und Weise versuchen, die Ausbeutungsverhältnisse im Betrieb zu verschleiern. «Du
willst ein Partner von uns werden? Dann werde noch heute Teil der Gemeinschaft und partizipiere an
unserem Erfolg!» wirbt das Start-Up auf ihrer Homepage für neue ArbeiterInnen.
Doch was bedeutet es, angeblich Teil der Gemeinschaft zu sein und am Erfolg zu partizipieren?
Es bedeutet, mit dem Lohn von 10,50 € pro Stunde kaum über die Runden zu kommen und im
Arbeitsalltag unter enormer Belastung zu stehen. Das Unternehmen verspricht, dass Kuriere
kiloschwere Lebensmittelbestellungen innerhalb von 10 Minuten per Bike liefern. Fast alle Kuriere
geben an, ständig Rückenprobleme zu haben. Arbeitsrechte und Sicherheit werden mit Füssen
getreten. Schon im Winter 2020 (also ein paar Monate nachdem das Unternehmen gegründet
wurde) streikten die Kuriere für notwendige Ausrüstung, um sich vor Unfällen auf den vereisten
Fahrradwegen halbwegs schützen zu können.

Sofortiger Rausschmiss als Druckmittel

Ein grosses Problem ist auch die Probezeit von 6 Monaten. In dieser Zeit können die ArbeiterInnen
einfach am selben Tag, ohne Verwarnung oder Angaben von Gründen gekündigt werden.
Die Kuriere sind sich sicher: Mit der aktuellen Kündigung von Santiago wollen die Bosse wieder
einmal ein Exempel statuieren und Angst unter den Arbeitenden verbreiten.
Viele KollegInnen von Santiago sagen, er war bis auf diesen Fehler von 45 min Verspätung ein
vorbildlicher und sehr freundlicher Fahrer und Kollege. Trotzdem wurde ihm von einer
Schichtleitung, die er nicht einmal persönlich kannte, die sofortige Kündigung ausgesprochen.
Santiago kommt aus Portugal (wo übrigens jeder 4. junge Mensch arbeitslos ist) und hat für
Deutschland nur ein Visum. Jetzt weiss er nicht wie er die kommende Mieten zahlen soll und der
deutsche Staat wird ihm natürlich kein Dach über dem Kopf ermöglichen.

Genug ist genug!

So weit so scheisse im Kapitalismus in der Krise. Doch jetzt der Teil, der Hoffnung macht: Die
ArbeiterInnen haben sich trotz oder auch wegen des Terrors der Bosse gemeinsam organisiert, um
für Verbesserungen ihrer schlimmen Arbeitsverhältnisse zu kämpfen. Sie haben sich zusammengetan
im «Gorillas Workers Collective» und blockierten letzten Mittwoch und Donnerstag bis in die Nacht
ein Hauptlager mit circa 60 Leuten und bescherten den CEOS Profiteinbussen und viel
Kopfschmerzen. Ausser eine Verkürzung der Probezeit und bessere Arbeitsbedingungen ist eine
Hauptforderung, Santiago sofort wieder einzustellen.

Radikale Aktionen häufen sich

Wie radikal in Deutschland Arbeitskämpfe plötzlich werden können, zeigt auch das aktuelle Beispiel
der 12 polnischen Paketfahrer. Sie schufteten für viel zu wenig Geld und bekamen als Krönung vor
der Rückreise nach Polen einfach nicht ihre Löhne ausgezahlt. «Wir wussten, dass wir das Geld nicht
mehr sehen werden, wenn wir nach Polen fahren», sagte einer der Arbeiter. Weil sie vom
Unternehmen aus den Arbeiterwohnungen geschmissen wurden, beschlagnahmten sie Ende Mai
kurzerhand die Lieferwägen, bis sie endlich ihren sauer verdienten Lohn bekamen.

Kämpfen gegen das Elend

Solche mutigen und teils auch verzweifelten Aktionen häufen sich natürlich nicht nur in Deutschland,
sondern auf der ganzen Welt, weil sie verdammt nochmal überlebenswichtig sind. Ohne Gegenwehr
werden täglich mehr ArbeiterInnen ins Elend gestürzt: Der Welthunger steigt seit 2015, 400
Millionen Menschen sind seit Corona in die Armut gedrängt worden, 126 Millionen Menschen
verloren ihren Job und die Bedingungen bei den verbleibenden Arbeitsplätzen werden in vielen
Branchen immer unerträglicher. Die ArbeiterInnen greifen zu radikaleren Methoden, nicht weil sie
von Natur aus gerne auf Konfrontationskurs gehen, sondern weil ihnen keine andere Wahl bleibt, um
sich gegen schlimmste Zustände und weitere Attacken der Kapitalisten zu wehren.

Wie sieht es in der Schweiz aus?

Die Krise des Kapitalismus und die Angriffe auf den Lebensstandard und Arbeitsbedingungen der
ArbeiterInnen machen auch vor der Schweiz nicht halt und der Gesundheitsbereich ist ein krasses
Beispiel dafür. In vielen Artikel von uns kann man nachlesen wie sehr am Limit die ArbeiterInnen im
Gesundheitsbereich sind. Die meisten Menschen wissen das natürlich auch so. Es ist kein Geheimnis,
dass Überstunden, schlechte Bezahlung, zu wenig Personal, Druck von Spitalleitungen auf die
PflegerInnen und grosse psychische Belastungen zum Alltag des Krankenhauspersonals gehören.
Und trotz allen Beifall Klatschens und den Versprechungen der PolitikerInnen hat sich das Parlament
entschieden, dringendste Verbesserungen für sie abzulehnen. Von den leeren Versprechungen der
Politik können die ArbeiterInnen also nichts erwarten. Sie müssen sich auf ihre eigene Stärke
verlassen und auf das einzig wirksame Mittel: den Streik.

Kann man ein Spital bestreiken?

Oft wird den PflegerInnen im Gesundheitsbereich eingeredet: Streik im Spital, das geht doch gar
nicht, das würde ja auch nur den PatientInnen schaden. Die Wahrheit ist, dass auch die meisten
PatientInnen natürlich schon seit Jahren unter dem Spardruck, dem Personalmangel, dem Abbau von
Leistungen leiden und weiterhin leiden werden, wenn sich das Krankenhauspersonal nicht aus der
verzweifelten Lage befreit. Dass es möglich ist zu streiken, ohne das Patientenwohl zu gefährden
wurde schon in etlichen Ländern bewiesen. Und auch im CHUV (Unispital im Lausanne) gehen
PflegerInnen, Ärztinnen und Co. jetzt einen superwichtigen Schritt: auf einer Vollversammlung
beschlossen sie mit grosser Mehrheit in einen eintägigen Streik zu treten.

Kämpfe ausweiten!

Wir unterstützen den CHUV Streik als kleine Organisation so gut wir können, mit einem Soli-Brief und
Kundgebungen in einigen Städten und natürlich vor Ort am Streiktag. Der Streik der ArbeiterInnen im
CHUV muss Vorbild für alle anderen PflegerInnen und ÄrztInnen sein, denn die Bedingungen in
anderen Krankenhäusern sind überall ähnlich miserabel. Dafür müssen die Gewerkschaften die
wichtigen Erfahrungen der schon kämpfenden ArbeiterInnen in die Betriebe tragen und aktiv bei der
Organisierung helfen. Als MarxistInnen begrüssen wir es immer, wenn sich die Arbeiterklasse
organisiert und gegen die Verbrechen der Kapitalisten kämpft, egal ob nun Paketfahrer, Velokuriere
oder das Spitalpersonal. Nur in der kollektiven Aktion bekommen wir eine leise Ahnung davon, wie
wertvoll und mächtig wir eigentlich als Lohnabhängige sind und dass es eine Alternative zum Elend
des Kapitalismus gibt, wenn wir selbst die Dinge in die Hand nehmen.

Darius Maly
Marxist Society Uni Basel

Bild: Der Funke

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