Im Folgenden veröffentlichen wir einen übersetzten Auszug aus Fred Zellers Buch „Trois points c’est tout“, in dem er seine Begegnung mit Leo Trotzki beschreibt. Zeller (1912-2003) war zu dieser Zeit Sekretär der Seine Jeunesse Socialiste (Pariser JungsozialistInnen) und Sympathisant der trotzkistischen Bewegung der Mitt-30er Jahre. Im Oktober 1935 besuchte er Trotzki in seinem Exil in Norwegen. Zu dieser Zeit führten die Führer der französischen Sozialistischen Partei (damals SFIO) eine Kampagne von Ausschlüssen gegen Linke in der Partei und lösten die bolschewistisch-leninistische Strömung auf, die der SFIO 1934 beigetreten war.
Durch die Diskussionen mit Trotzki konnte Zeller vom zentristischen Flügel Marceau Piverts zu den Bolschewiki-Leninisten (späer IV. Internationale) gewonnen werden. Dort spielte er anfangs eine wichtige Rolle, verliess die Bewegung jedoch später. Dieser Text bietet einen wichtigen Einblick in Trotzkis Herangehensweise und Gedanken zu einer Vielzahl von Themen, darunter die organisatorischen Probleme, mit denen die TrotzkistInnen konfrontiert waren.

Im Oktober 1935 schickte mir David Rousset eine Einladung, Genosse Trotzki in Norwegen zu besuchen.
Ich war noch nicht den Reihen der IV. Internationale beigetreten. In dieser Zeit wurde der Name des „Alten Mannes“ täglich durch den Schlamm gezogen. Sie warfen ihm vor, er lebe wie ein „Pascha“ in einem „Schloss“, umgeben von „Dienern“ und einer Vielzahl von Sekretärinnen. Ich hatte nichts gegen eine Einladung, um mir die Wahrheit selbst anzusehen. In der Tat war ich – durch die Erfahrung mit den Führern der SFIO und der Sozialistischen Internationale – sehr erfreut über die Aussicht, endlich einen echten grossen revolutionären Führer zu treffen…
Genosse Van organisierte meine Reise bis zur Perfektion und Ende Oktober verliess ich Paris. Ich machte Halt im deutschen Köln und Hamburg, wo Hitler vor kurzem die Macht übernommen hatte. Zwischen meiner Ankunft und der Abfahrt meines nächsten Zuges war ich Zeuge davon wie die SA, die SS und die Hitlerjugend in einer Parade an einer Menschenmenge vorbei marschierten, die fassungslos und vor allem absolut verängstigt schien, mit ihren Stiefeln auf den Bürgersteig schlugen und gutturale Refrains von sich gaben. Ich betrachtete diese faschistischen Gesichter mit Helmen, die mit einem Kinnriemen abgerundet waren. Sie atmeten weder Intelligenz noch Güte und schienen weder an sich selbst noch an ihren Führern zu zweifeln.
Ich verliess die Fähre im schwedischen Trelleborg. Nach vier Tagen und drei Nächten in Zügen und Bahnhöfen traf mich ein norwegischer Genosse in Oslo, um mich für den Rest der Reise zu begleiten. Am nächsten Morgen trug mich ein langsamer Zug durch die verschneiten Hänge, vor Frost zitternden Tannenbäume und leuchtenden Fjorde, bis ich in Hoenefoss ankam, einer Stadt mit mehreren tausend Einwohnern. Am Bahnhof warteten andere norwegische Genossen auf mich. Ein wackeliges altes Auto brachte uns den Berg hinauf, nach Weksal, einem kleinen Dorf aus Holzchalets im Schnee.
Der Alte Mann und die Alte Frau lebten dort. Der norwegische sozialistische Abgeordnete Konrad Knudsen vermietete ihnen zwei Zimmer: ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer mit Couch. Das Esszimmer war gemeinschaftlich. Die Knudsens nahmen dort ihre Mahlzeiten eine Stunde vor Trotzki und Nathalia ein, die im ersten Stock ein Schlafzimmer und ein kleines Badezimmer mit Badewanne hatten.
Die grossen Erker des Hauses boten einen herrlichen Blick auf die Seen, in der absoluten und beruhigenden Ruhe der Natur. Ich kam dort in den letzten Tagen des Oktober 1935 an. Mein Besuch beim militärischen Organisator der Russischen Revolution einige Tage später, am 7. November, sollte mit dem achtzehnten Jahrestag des grössten gesellschaftlichen Umbruchs zusammenfallen, den die Welt je erlebt hatte. Es ist nicht ohne Emotionen, dass ich mich vierzig Jahre später an diese Zeiten erinnere… Sie werden unvergesslich bleiben, solange ich lebe.
Walter Held, der einst Trotzkis Sekretär war, öffnete die Tür zwischen dem Esszimmer und dem Arbeitszimmer. Ich hörte ihn auf Deutsch sagen: „Genosse Fred Zeller ist da.“
Der „Alte Mann“, der arbeitete, stand auf und umarmte mich warm wie Russen es tun. Er war größer als ich es mir vorgestellt hatte, stark, mit breiten Schultern, sehr lebhaft, sehr behände, lächelnd, glücklich, brüderlich. Er trug ein grosses Wollhemd mit einer Krawatte um den Kragen, einen Pullover, eine blaue Leinenjacke und graue Hosen.
Er liess mich neben ihm auf der Couch sitzen und fragte nach meiner Reise. Er wollte sofort von den französischen Genossen hören. „Wie geht es ihnen? Was ist los? Und nein, antworten Sie mir noch nicht: Ich will, dass meine Nathalia auch da ist, um Sie zu hören.”
Er stand auf und trat auf die Treppe, um Nathalia auf Russisch mitzuteilen, dass ich gerade angekommen sei.
Ich sah den „Alten Mann“ an. Er wirkte sehr jung (er war damals fünfundfünfzig) und sehr fröhlich. Ich betrachtete detailliert sein bewundernswertes Gesicht mit seiner breiten, kräftigen Stirn, bedeckt mit silbergrauen Haaren. Was mich an ihm am meisten beeindruckte, waren seine stahlgrauen, dominierenden und wechselnden Augen, in denen sich der hartnäckige Wille, das Selbstvertrauen, die Frage, das Erstaunen, die Enttäuschung und die Hoffnung sofort widerspiegelten. Der extrem bewegliche Mund, umrahmt vom legendären Schnurr- und Spitzbart, war perfekt getrimmt. Ich habe in ihm nicht bemerkt, was bei denen, die kämpfen und unter anderen Männern leiden mussten, fast immer sichtbar ist: diese vertikale Bitterkeitsfalte, die ab einem gewissen Alter den Lippenwinkel markiert. Alles an ihm atmete Gelassenheit. Er gab mir das Gefühl, mit seinem Gewissen im Reinen zu sein.
Vielleicht könnten wir noch hinzufügen, dass, wie André Breton betont hatte, in den Tiefen seiner Natur ein Gefühl der Kindheit, das in ihm trotz seiner Prüfungen bewahrt wurde, begraben blieb.
Nathalia war mit gedämpften Schritten eingetreten. Klein, gebrechlich, mit einem feinen Gesicht in aschblondem Haar, hatte sie einen weichen, traurigen Blick. „Nun“, sagt der Alte Mann, „geben Sie uns einige kurze Nachrichten über unsere Freunde und ihre Gesundheit. Danach trinken Sie eine Tasse Tee und wir lassen Sie bis zum Mittagessen auf der Couch liegen. Heute Nachmittag werden wir die Dinge ernster anschauen.“
Dann stellte er – sich selbst amüsierend – Fragen über alles und jeden zu stellen, von Jean Rous‘ Übergewicht bis zu Moliniers „Dynamik“, von Navilles Launen bis zu Yvan Craipeaus Leberkrisen, über die materielle Situation Vans, den er sehr liebte, und den Gesundheitszustand seines Sohnes Leon Sedov.
Seine Augen schauten, wurden weit und wieder schmaler, dann distanziert. Aufmerksam und freundlich versuchte er, dich in die Zeit zu versetzen und dich genauer unter die Männer zu stellen, die an den grossen Konflikten der Zeit beteiligt waren: „Wird er durchhalten? Wird er versagen? Wird er gross werden? Was wird seine eigentliche Rolle sein?“ …so viele stille Fragen, aber die hat sich gut angefühlt.
In den ersten Tagen konzentrierten sich unsere Gespräche natürlich auf die französische Situation, die Parteien, ihre Politik, die Reaktionen der Massen. Der Alte Mann bat mich um einen ausführlichen Bericht über die Entwicklung der Krise und die Spaltung innerhalb der Sozialistischen Jugend. Er hörte mit grosser Aufmerksamkeit zu. Er stellte in Frage, verlangte Aufklärung über Aktivisten und bestimmte Trends. Er legte grossen Wert darauf, dass sich eine Strömung der sozialistischen Jugend daran war, den Stalinismus zu überspringen und sich der IV. Internationale annäherte.

Sie sind in Frankreich in die Vorbereitungsphase der Revolution eingetreten“, sagte er. „DIE ACHSE ERREICHT AUCH EUCH. Wir müssen die Situation sehr genau beobachten. Sie werden bald grandiose Ereignisse erleben. Sie werden eine wichtige Rolle spielen, wenn Sie sich die Zeit nehmen und fest in Ihren Positionen bleiben. Die Arbeiter werden in ihrem Kampf feststellen, dass sie von jenen, denen sie heute vertrauen, verraten werden. Sie werden sich morgen an euch wenden.

Er dachte, wir hätten zu viel Zeit mit der SFIO-Bürokratie vergeudet, deren Interesse darin bestand, die Gespräche über die „Wiedereingliederung“ hinauszuzögern. Diese Illusion spaltete die Rebellen am besten und erlaubte der Bürokratie, sich auf den Clan der Kapitulanten zu stützen, die immer bereit sind, sich zu unterwerfen, wenn man ihnen einige ehrenhafte und lukrative Posten verspricht.

Auf die gleiche Weise“, dachte der Alte Mann, „war es falsch, sich so lange an den Rockzipfel der Zentristen um Pivert zu klammern und ihnen vor allem zu helfen, die „revolutionäre Linke“ zu bilden. Diese Genossen werden sich gegen euch wenden. Sie werden einen Teil eurer eigenen Kämpfer abgraben, die, indem sie eure Losungen in Mund der Zentristen finden, es für vernünftiger und vor allem weniger riskant halten werden, im Schoss der SFIO zu bleiben, als euch in die Unabhängigkeit zu folgen.

Ihm zufolge war die Möglichkeit zur Wiederaufnahme der „Ausgeschlossenen“ von Lille eine Illusion.„Ihre Ausschlüsse sind politisch. Die Führungskräfte der SFIO bereiten hinter den Kulissen eine Volksfrontregierung mit den Führern der Radikalen [sprich liberalen, Anm. d. Ü.] vor. Sie können ehrliche und unabhängige Revolutionäre in ihren Reihen nicht tolerieren. Sie werden von Cachin und Thorez ermutigt, die – perinde ac cadaver – Stalin gehorchen.

Ihre einzige Chance auf Erfolg“, fügte er hinzu, „und die einzige Möglichkeit, das Knabbern und die Demoralisierung eurer besten Aktivisten zu vermeiden, ist die Aktivierung des Übergangs zu einer unabhängigen Organisation. Sie müssen sich für das marxistische Programm aussprechen. Sie müssen Ihre Genossen politisch bewaffnen. Andernfalls werden sie unter dem entsetzlichen Druck der reformistischen und stalinistischen Bürokratien schnell zerfallen.

Sie sollten meiner Meinung nach die Diskussion in Ihrer Bewegung bemühen, um über das Programm und den Beitritt zur IV. Internationale zu entscheiden. Diese Diskussion soll geführt werden mittels der eigenen Presse, internen Bulletins, Informationsveranstaltungen und die Organisation eines ausserordentlichen Kongresses. Dann können wir die Fusion zwischen Ihren Genossen und den Bolschewiki-Leninisten in Betracht ziehen.

Und er fügte mit einem Lächeln hinzu: „Der Tag, an dem ich in Revolution (der Zeitung der Linken JungsozialistInnen) lesen kann, dass Sie sich öffentlich für die IV. ausgesprochen haben, wird ein entscheidender Schritt sein. Ich hisse eine rote Flagge genau hier auf dem Dach der Hütte!“
Eines Tages beim Mittagessen fragte er mich: „Welches entscheidende Element hat Sie überzeugt, der bolschewistisch-leninistischen Organisation näher zu kommen?“
Ich erzählte ihm, wie ich auf Einladung von Pierre Dreyfus an der letzten Konferenz der Gruppe der Bolschewiki-Leninisten im berühmten Café Augé an der Rue des Archives teilgenommen hatte. Ich war von der Art und Weise verführt worden, wie die gesamte politische Diskussion nach den bemerkenswerten und ausführlichen Berichten von Pierre Naville, Jean Rous, David Rousset und Bardin im Namen des Zentralkomitees geführt wurde. Es war etwas anderes als der Jahrmarktsrummel und das Blabla auf den Versammlungen der SFIO, wo jede Redemeldung auf Wahlunterstützung abzielte.
Ich war auch erstaunt, bei der Abstimmung und der Überprüfung der Mandate zu erfahren, dass die Bolschewiki-Leninisten nur 400 AktivistInnen im ganzen Land waren. Bei all dem Lärm, den sie damals machten, und den täglichen Angriffen, denen sie ausgesetzt waren, hatte ich mir vorgestellt, dass sie tausende waren… Trotzki hatte eine Menge Spass.
Ich dachte, dass diese junge revolutionäre politische Organisation, die so wenige Mitglieder zählte, aber so viel Einfluss ausübte und ihre Gegner mit so viel Schrecken erfüllte, eine der Kräfte der Zukunft war. Und dass diese Organisation um jeden Preis unterstützt werden musste, was auch immer passieren sollte.
Trotzki betonte oft organisatorische Probleme. Er legte zu Recht grossen Wert darauf.

Wenn Sie nicht gute und seriöse Sekretäre auf allen Ebenen der Bewegung ausbilden, auch wenn Sie tausendmal Recht haben, werden Sie nicht gewinnen. Was den Bolschewiki-Leninisten – und insbesondere den Franzosen – immer gefehlt hat, sind Organisatoren, gute Finanzsekretäre, ordentliche geführte und gut lesbare und korrigierte Veröffentlichungen…

Der schlimmste Konflikt, wenn ich so sagen darf, den ich mit ihm hatte, war der über den demokratischen Zentralismus, dessen unerbittliche autoritäre Konzeption mir so gefährlich erschien wie die sozialdemokratische Methode, die es den einfachen Kämpfern der Sektionen nie erlaubt, die Parteiführung entscheidend zu beeinflussen.
Die Anwendung des Zentralismus durch Lenins politisches Büro ermöglichte die Machtergreifung. Unter Stalin brachte sie revolutionäre Niederlagen und die Degeneration der sogenannten „kommunistischen“ Parteien.
Trotzki bestand zwar nachdrücklich darauf, dass Lenins politisches Büro den „demokratischen“ Zentralismus anwandte, während Stalin einen „bürokratischen“ Zentralismus anwandte, räumte aber ein, dass er auf dem Zweiten Kongress [der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, 1903], der ihn jahrelang von Lenin trennte, über dieses Problem gestolpert war.

Aber:“, fügte er hinzu, „Lenin hatte wieder Recht. Ohne eine stark zentralisierte Partei hätten wir nie die Macht übernommen. Zentralismus heisst, die Organisation bis zur äussersten Spannung auf das „Ziel“ zu fokussieren. Es ist der einzige Weg, Millionen von Menschen im Kampf gegen die Besitzenden zu führen.

Wenn wir mit Lenin zugeben, dass wir uns in der Phase des Imperialismus, der höchsten Stufe des Kapitalismus, befinden, brauchen wir eine revolutionäre Organisation, die flexibel genug ist, um den Anforderungen des Untergrundkampfes und der Machtergreifung gerecht zu werden. Daher die Notwendigkeit einer stark zentralisierten Partei, die in der Lage ist, die Massen zu führen, und den gigantischen Kampf zu unterstützen, aus dem sie siegreich hervorgehen müssen. Daher ist es auch notwendig, in jeder Phase kollektiv eine loyale Selbstkritik zu üben.

Er fügte hinzu, dass die Anwendung des Zentralismus nicht systematisch sein sollte, sondern sich entsprechend der politischen Situation entwickeln sollte. Als Beispiel nannte er die russische KP im Jahr 1921, die vom ultra-zentralistischen und militärischen Typ, der ihr durch den Bürgerkrieg auferlegt wurde, zu einer Organisation, die auf Zellen an den Arbeitsplätzen basiert und den Bedürfnissen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus entspricht:

Zwischen zwei Kongressen leiten der Zentralausschuss und sein politisches Büro die Partei und sorgen für die konsequente Umsetzung der von der Mehrheit beschlossenen Politik auf allen Ebenen. Es ist nicht erlaubt, jederzeit wieder auf Führungsfragen zurückzukommen und damit die Anwendung der Parteipolitik zu verzerren.

Er kam auch oft auf eine der größten Gefahren zurück, mit denen die Vorhut der Arbeiter konfrontiert ist: Sektierertum, das erschöpft, austrocknet, demoralisiert und isoliert…:

Das war es, was die französische Sektion bedrohte. Dies war einer der Hauptgründe, warum unsere Genossen als „Strömung“ in die SFIO eingestiegen sind. Die Erfahrung war gut, weil sie es ihnen ermöglichte, die Massen intensiv zu bearbeiten, die Richtigkeit ihrer Politik zu überprüfen, ihren Einfluss auszuweiten und sich auf der organisatorischen Ebene zu stärken.

Sein ganzes Leben lang kämpfte Lenin gegen die sektiererischen Abweichungen, die die Revolutionäre von den Bewegungen der Massen und von der Intelligenz einer Situation abschneiden würden. Mehrmals musste er gegen die „Alten Bolschewiki“ kämpfen, die in seiner Abwesenheit kaum in der Lage waren, die „heiligen Texte“ mit den aktuellen Ereignissen in Einklang zu bringen.

Trotzki erinnerte daran, was 1905 geschehen war, die Bolschewiki spielten damals nur eine unbedeutende Rolle, weil sie in Abwesenheit Lenins eine sektiererische Position gegenüber dem Petrograder Sowjet einnahmen:

Die theoretische Routine, dieses Fehlen von politischem und taktischem Schaffen, ersetzte nicht die Scharfsinnigkeit, den Blick, das Flair, das eine Situation „spürt“, ihre Hauptfäden entwirrt und eine Gesamtstrategie offenbart. In einer revolutionären und vor allem aufständischen Zeit sind diese Eigenschaften entscheidend.

Als ich ihm so zuhörte, dachte ich daran, was Rosa Luxemburg im Sommer 1918 geschrieben hatte, kurz bevor sie ermordet wurde:

Die revolutionäre Bewegung muss eine schäumende und grenzenlose Flut des Lebens sein, um die Millionen neuer Formen, Improvisationen, kreativer Kräfte und gesunder Kritik zu finden, die sie braucht, um all ihre Fehler zu korrigieren und schliesslich zu überwinden.

Trotzki kam regelmässig auf die Notwendigkeit zurück, die brüderlichen Bindungen zwischen Genossen im Kampf zu stärken…:

Wir müssen sie bewahren, sie ermutigen, über sie wachen“, wiederholte er. “Ein erfahrener Arbeiter ist ein unschätzbares Kapital für die Organisation. Es braucht Jahre, um einen guten Führer zu entwickeln. Also müssen wir alles tun, um einen Aktivisten zu erhalten. Brechen Sie ihn nicht, wenn er versagt, sondern helfen Sie ihm, sein Versagen zu überwinden, aus dem Moment des Zweifels herauszukommen.

Verlieren Sie nicht diejenigen aus den Augen, die unterwegs „anhalten“. Erleichtern Sie ihre Rückkehr in die Organisation, wenn Sie ihnen nichts vorzuwerfen haben, was die revolutionäre Moral betrifft.

Wenn wir abends in den Bergen spazieren gingen, beschwor er manchmal die körperliche Gesundheit des Kämpfers, die „Form“, würden wir heute sagen. Er war aufmerksam. Er dachte daran, jene zu im Auge zu halten, die sich erschöpften und die Kräfte der Schwächsten zu schonen:

Lenin war immer um die Gesundheit seiner Mitarbeiter besorgt: „Wir müssen im Kampf so weit wie möglich gehen und der Weg ist lang“, sagte er.

Das interne Klima der Organisation hat ihn beunruhigt. In kleinen Avantgarde-Bewegungen, die gegen den Strom kämpfen, sind interne Streitigkeiten oft die heftigsten und gewalttätigsten. Nach dem Ausschluss der SFIO teilte sich die GBL (Bolschewiki-Leninisten) in mehrere feindliche Fraktionen auf:

Wenn die Genossen über den Tellerrand hinausschauen und ihre Bemühungen auf die Aussenwelt und die praktische Arbeit konzentrieren, wird die „Krise“ gelöst sein“, sagte Trotzki, „aber es ist immer notwendig, sicherzustellen, dass die Atmosphäre gesund bleibt und das Raumklima für alle akzeptabel ist. Jeder muss mit ganzem Herzen und mit maximalem Vertrauen arbeiten.

Der Aufbau der revolutionären Partei erfordert Geduld und harte Arbeit. Um keinen Preis sollten die Besten entmutigt werden, man muss zeigen, dass man in der Lage ist, mit jedem zu arbeiten. Jeder ist ein Rädchen, das maximal genutzt werden kann, um die Partei zu stärken. Lenin kannte die Kunst. Nach den hitzigsten Diskussionen, der bittersten Polemik, wusste er Worte und Gesten zu finden, die unglückliche oder verletzende Worte abschwächten.

Für Trotzki bestand die wesentliche Aufgabe in der kommenden Zeit darin, einen Organisationsapparat zu bilden und zu festigen. Ohne ein Apparat gibt es keine Möglichkeit, eine Richtlinie anzuwenden: Alles beschränkt sich dann auf Geschwätz ohne wirkliche Bedeutung. Die Schwierigkeit grosser menschlicher Konstruktionen liegt in der vernünftigen Wahl der Person, die in der Lage ist, diese und jene Funktion zu erfüllen. Die Kunst der Organisatoren besteht darin, die Individualitäten zur kollektiven Arbeit zu beugen, so dass jeder zur Ergänzung des anderen wird. Ein „Apparat“ ist ein Orchester, in dem sich jedes Instrument allein ausdrückt, um sich in die entstandene Harmonie einzufügen und zu verblassen.

Vermeiden Sie,“, sagte Trotzki, „Aktivisten von gleichem Wert und Temperament in eine Arbeitskommission zu verweisen. Sie würden sich gegenseitig ausser Kraft setzen, ohne die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.

Zu wissen, wie man Genossen auswählt, die an eine bestimmte Aufgabe angepasst sind; ihnen geduldig zu erklären, was von ihnen erwartet wird; mit Flexibilität und Fingerspitzengefühl zu handeln, das ist die Voraussetzung für echte Führung.

Überlassen Sie die maximale Initiative den jeweilig verantwortlichen Genossen. Wenn es Fehler gibt, korrigieren Sie diese, indem Sie freundlich erklären, wie sie den Interessen der Partei schaden. Verhängen Sie nur in den schwerwiegendsten Fällen Sanktionen. Die allgemeine Regel muss sein, jedem zu erlauben, Fortschritte zu machen, sich selbst zu übertreffen, besser zu werden.

Verlieren Sie sich also nicht in den sekundären Details, die die ganze Situation verdecken. Tu nur, was du kannst, mit der Kraft, die du hast. Nie mehr. Ausser natürlich in kritischen Situationen.

Der Alte Mann fügte hinzu, dass die Nerven der Genossen nicht auf unbestimmte Zeit gedehnt werden sollten. Nach jeder Anstrengung müssen wir atmen, Bilanz ziehen, uns erneuern, methodisch und präzise bleiben, ohne etwas dem Zufall zu überlassen…:

Was auch immer Sie tun, setzen Sie sich ein Ziel, auch ein sehr bescheidenes, aber versuchen Sie, es zu erreichen. Tun Sie dies mit jedem Genossen in der Organisation. Dann entwickeln Sie einen kurz- oder langfristigen Plan und setzen ihn mit eiserner Faust um. Nur so kann die gesamte Organisation vorangebracht werden.

Eines Morgens brachte die Post Flugblätter und einen internen Newsletter der französischen Bolschewiki-Leninisten. Als Trotzki sie las, zeigte er Ungeduld und Ärger. Mit einem roten Stift bewaffnet, piepste oder unterstrich er immer wieder, bevor er plötzlich in den Raum warf:

Ihre mit der Vervielfältigungsmaschine produzierten Veröffentlichungen sind sehr schlecht. Es ist sehr unangenehm zu lesen. Wie Ihre Zeitungen, was das betrifft. Mit modernen Maschinen frage ich mich, wie man sich Texte ausdenken kann, die zwar politisch gut, aber nicht lesbar sind. Sprechen Sie mit Spezialisten. Ich versichere Ihnen, der Arbeiter wird sich nicht bemühen, ein schlecht gedrucktes Flugblatt zu lesen.

Ich erinnere mich an meine ersten Proklamationen in unserem Zirkel in Odessa. Ich habe sie kalligraphisch mit violetter Tinte in Blockschrift geschrieben. Sie wurden dann auf ein Blatt Gelatine aufgetragen und in mehreren Dutzend Exemplaren gedruckt. Wir benutzten primitive Mittel, aber unsere Flugblätter waren sehr gut lesbar…. und sie machten ihren Weg!

Seine härtesten Vorwürfe richteten sich gegen unsere Zeitungen:

Eine revolutionäre Zeitung richtet sich in erster Linie an die Arbeiter. Ihre Art, „La Vérité“ (damals das Organ der Bolschewiki-Leninisten) zu konzipieren und zu schreiben, macht sie eher zu einem theoretischen Organ als zu einer Zeitung. Es interessiert den Intellektuellen, aber nicht den Arbeiter. Andererseits haben Sie einige gute Ausgaben von „Révolution“ herausgebracht.“

Aber was inakzeptabel und skandalös ist, ist die Veröffentlichung von Zeitungen mit so vielen Tippfehlern und typographischen Fehlern, die einen Eindruck von unerträglicher und krimineller Schlamperei hinterlassen.

Die Zeitung ist das Gesicht der Partei. Es hängt an der Zeitung, wie der Arbeiter die Partei weitgehend beurteilen wird. Diejenigen, an die sie gerichtet ist, sind nicht unbedingt Ihre Genossen oder Sympathisanten. Du darfst niemanden mit übermässig akademischen Worten abweisen. Ihr gelegentlicher Leser sollte nicht denken: „Diese Leute sind zu hoch für mich“, denn er würde Sie nie wieder kaufen.

Ihre Zeitung sollte gut präsentiert werden, einfach und klar, mit Schlagworten, die immer verständlich sind. Der Arbeiter hat keine Zeit, lange theoretische Artikel zu lesen. Er braucht kurze Informationen, geschrieben in einem gestrafften Stil. Lenin sagte: „Man muss mit dem Herzen schreiben, um eine gute Zeitung zu haben.“ Also hör auf zu denken, dass du für dich selbst oder für deine Aktivisten schreibst. Hierfür stehen theoretische Zeitschriften und interne Newsletter zur Verfügung. Die Arbeiterzeitung muss lebendig und lustig sein. Der Arbeiter liebt es, wenn du die Mächtigen dieser Welt verspottest und blossstellst.

Verpflichten Sie auch Arbeitergenossen Ihrer Organisation, für die Zeitung zu schreiben. Helfen Sie ihnen freundlich. Sie werden sehen, dass sehr oft der einfache und kurze Artikel eines Arbeiters über einen konkreten Sachverhalt der kapitalistischen Ausbeutung dem Artikel, der sich gelehrt und doktorhaft gibt, weit überlegen ist. Nehmen wir das Beispiel von Lenins Artikeln in der „Pravda“. Sie sind einfach, lebendig und lesbar, sowohl für Putilov-Arbeiter (Petrograder Fabrik) als auch für den Studenten.

Der Alte Mann bezog sich immer auf Lenin, der sein ganzes Dasein prägte und den er sehr bewunderte.

Als ich ihm von unseren finanziellen Sorgen berichtete, von den Problemen, die durch die regelmässige Veröffentlichung von „La Vérité“ oder „Révolution“ aufgeworfen wurden, alles, was auch die Fabrikzeitungen, die Flugblätter und die Vertreibungen betraf, sagte der Alte Mann zu mir:

Was gut durchdacht ist, ist klar ausgedrückt…und…die Mittel es zu verbreiten, sind leicht gefunden. In dem Mass, wie Ihr eine klare Vorstellung der Dinge habt, werdet Ihr auch den politischen Willen haben, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Wenn ihr ernsthaft Erfolg haben wollt, dann werdet ihr auch fähig sein, die Mittel dazu zu finden.

Fred Zeller

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