Schweizer Kapitalismus. Spezifische Widersprüche – gleiche Taktik

Schweizer Kapitalismus. Spezifische Widersprüche – gleiche Taktik

Um zu verstehen, in welcher Phase der Krise sich der Schweizer Kapitalismus befindet, müssen wir zwei miteinander verwobene Aspekte verstehen. Dass wären einerseits die Massnahmen zur Krisenbekämpfung in der Schweiz. Diese sind andererseits wiederum eng verbunden mit seiner Position in der Weltwirtschaft und der Frankenstärke als Übertragungsriemen der Krise des Weltkapitalismus. Diese zu verstehen wird uns ermöglichen, den aktuellen „Aufschwung“ zu charakterisieren und zeigen, dass die vorher beschriebene organische Instabilität der Weltwirtschaft nicht nur auf den Schweizer Kapitalismus wirkt, sondern sich auch hier reproduziert.

Der Schweizer Kapitalismus ist enorm exportabhängig: Er ist in guten wie in schlechten Zeiten mit dem Weltkapitalismus vermählt. Die Strategie der Exportindustrie war bei Krisenausbruch klar: Den Einbruch der Nachfrage dank Kurzarbeit (Teilzeitarbeitslosigkeit, welche durch die Arbeitslosenkasse bezahlt und zur Hälfte mit Arbeitnehmerbeiträgen finanziert wird) aussitzen und Teile der Produktion auslagern. Diese Strategie mussten sie mit dem Erstarken des Franken besonders nach Aufhebung des Mindestkurses 2015 und der entsprechenden Bedrohung der Profite ändern. Der starke Franken hat drei weitreichende Folgen: Angriffe auf die ArbeiterInnen, eine beschleunigte Spezialisierung und geografische Streuung der Exporte sowie eine expansive Geldpolitik der SNB.

Die Angriffe auf die Lohnabhängigen in den Betrieben übersetzt sich auch in eine gründlichere Ausbeutung und beeinflusst somit ihr Wohlergehen. Der Job Stress Index 2016 der Gesundheitsförderung Schweiz gibt an, dass 1.3 Millionen, oder beinahe jedeR vierte Lohnabhängige in der Schweiz, am Arbeitsplatz gestresst ist. Zudem schafft es beinahe die Hälfte der ArbeiterInnen knapp den Anforderungen am Arbeitsplatz zu entsprechen. All dies betrifft junge ArbeiterInnen überproportional.[4] Die verstärkte Ausbeutung durch die Chefs stellt also eine direkte Schädigung der physischen und psychischen Integrität der ArbeiterInnen dar, die sich seit Krisenausbruch verschärft hat.

Massnahmen der Exportindustrie, um gleichzeitig ihre Absatzmärkte und ihre Profite zu halten, wurden bei Aufhebung des Mindestkurses dringender. Die Angriffe auf die Arbeitsbedingungen in der Exportindustrie verallgemeinerten sich, wie wir dies von Beginn weg festgehalten haben. Mittlerweile haben sich die Angriffe auf die gesamte Industrie ausgebreitet. Die Arbeitszeit im gesamten verarbeitenden Gewerbe wurde um durchschnittlich 17 Minuten pro Woche erhöht.[5] Die KOF der ETH Zürich stellt für 2016 „ein historisch tiefes Niveau“ an Wachstum der Nominallöhne fest und geht für 2017/18 von einer Stagnation der Reallöhne aus.[6] Und trotz aktuell sinkender offizieller Arbeitslosigkeit, stagniert das Stellenwachstum. In einem erfrischenden Anfall von Ehrlichkeit schreibt die Crédit Suisse, dass es den Unternehmen bei der Zurückhaltung in der Schaffung neuer Stellen darum gehe, ihre „Gewinnsituation“ zu verbessern.[7] Trotz all diesen Angriffen auf die Arbeitenden blieb der Konsum die wichtigste Stütze der Binnenwirtschaft, was sich jedoch grösstenteils durch den spekulativen Immobilienboom erklärt (siehe unten).

Neben der gestiegenen Ausbeutung der ArbeiterInnen steigt die Spezialisierung der Exporte, wobei besonders die pharmazeutische Industrie kontinuierlich an Gewicht gewinnt. Dies hängt mit einer stabileren Nachfrage und somit sichereren Profiten zusammen: Medikamente werden einfacher abgesetzt als Maschinen. Die Maschinenexporte fielen zwischen 2008 und 2016 absolut um 30%. Die Exporte von pharmazeutischen Produkten dagegen wuchsen zwischen 2008 und 2016 um rund einen Drittel auf über 94 Milliarden CHF und ihr Anteil an den Gesamtexporten stieg von einem Drittel auf beinahe 45%.[8] Zudem ist, wie Unia-Ökonom Beat Baumann zeigt, die “Mehrwertrate” – also der produzierte Wert verglichen mit dem Lohn – in der pharmazeutischen Industrie schon beinahe absurd hoch.[9] Laut Baumann beträgt der Gewinn 364’000 Franken pro Jahr und Mitarbeitenden. Dies zeigt, dass die KapitalistInnen den starken Franken auf die ArbeiterInnen überwälzen und gleichzeitig eine nachhaltige Verschiebung des Schwerpunkts des Schweizer Kapitalismus in die profitabelsten Branchen der Exportindustrie stattfindet.

Für die Entwicklung der Exporte ist letzten Endes jedoch nicht bloss der Frankenkurs entscheidend, sondern auch die Weltkonjunktur. Dies bestätigt nun eine Studie des SECO[10] und ein Blick auf die Entwicklung der wichtigsten Absatzmärkte verdeutlicht dies. Zwar werden noch immer die Hälfte aller Schweizer Exporte in der EU abgesetzt, bei Krisenausbruch waren es jedoch gut zwei Drittel. Asiatische Absatzmärkte wuchsen dagegen massiv und machen nun rund einen Drittel aller Ausfuhren aus. Die Exporte nach China wuchsen von 2008 bis 2016 um das 4.3-fache, nach Indien versechsfachten sie sich sogar. Dies widerspiegelt letzten Endes das Wachstum in diesen Weltregionen: Während in Indien und China das BIP um rund 80% wuchs, fiel das der EU-Mitgliedsstaaten um 15%.[11]

Die stärkere Spezialisierung der Exporte und ihre zunehmende geographische Verstreuung sind wichtige Erklärungen der relativen Stabilität des schweizer Kapitalismus. Während die Spezialisierung hin zur Pharma-Industrie den parasitären Charakter der Schweizer Bourgeoisie (durch die Abschöpfung von Superprofiten, mittels des Verkaufs von Lizenzen und ihrer Quasimonopolstellung aufgrund von Patenten) aufzeigt, birgt die geografische Streuung angesichts einer langfristig ungleichen Entwicklung das Risiko längerer Stagnation der Schweizer Exporte. Wenn die Volkswirtschaften in Asien auf Grund ihrer eigenen inneren Widersprüche einbrechen, was mittelfristig bestimmt realistisch ist, wird dies nur bedingt in Europa kompensiert werden können. Oder noch schlimmer: Der Zusammenbruch der asiatischen Wirtschaft könnte eine noch grössere Wirtschaftskrise als die von 2008 auslösen. Diese Krise würde die Weltwirtschaft und somit die Schweizer Wirtschaft mit sich reissen.

Eine wichtige Konsequenz der Zinssenkung der SNB, wodurch der Franken abgewertet wurde, um so die Exportindustrie zu unterstützen, war eine enorme Ausdehnung der Verschuldung in der Schweiz. In den letzten 10 Jahren stieg die private Verschuldung um rund 40% und sie liegt nun mit einem Wert von 130% des BIP weltweit am höchsten. Sie besteht grösstenteils aus Hypotheken und kaum aus Konsumkrediten.[12] Mehr als ein Drittel der aktuellen Hypotheken wurden in den letzten 5 Jahren vergeben[13] und steht somit in engem Zusammenhang mit der Tiefzinspolitik der SNB.

Der private Konsum ist seit Krisenausbruch die wichtigste Stütze des Binnenmarktes in der Schweiz, wobei neben Gesundheitsausgaben die Bauwirtschaft zentral ist. Letztere Branche erreicht zunehmend seine Grenzen und es wird von einer bedeutenden Überproduktion ausgegangen. Laut Crédit Suisse betrifft dies rund 10% der jährlich neu errichteten Wohnungen (5’000-6’000) und einen Wert von 3.3 Milliarden CHF.[14] Dies ist nur teilweise auf den privaten Wohnungsbau zurückzuführen, sondern vor allem auch auf spekulative Investitionen in Wohnungen und Häusern als Renditeobjekte für Finanzgesellschaften. Diese sind laut SNB die Triebfedern der aktuellen Hausse[15] auf dem Immobilienmarkt.[16] Obwohl mit über 53’000 leerstehenden Mietwohnungen ein Überangebot herrscht, das so gross ist wie seit 20 Jahren nicht mehr (BfS, „Leerwohnungen“), sinken die Mietpreise kaum. Besonders in den Städten sind die Mieten weiterhin sehr teuer. Gleichzeitig gibt es in eben diesen Zentren, besonders in Genf und Zürich, weiterhin hunderttausende Quadratmeter leerstehender Büroflächen. „Mangels Anlagealternativen“ wird jedoch weiterhin überdurchschnittlich viel in Büros investiert.[17] Die Planlosigkeit und die verheerenden Auswirkungen der von Renditensuche getriebenen Investitionen der KapitalistInnen, werden im Immobilienmarkt deutlich. Diese Entwicklungen bekommen die ArbeiterInnen und Jugend zu spüren, denn steigende Mieten (in den Städten) und fehlender bezahlbarer Wohnraum treffen sie direkt. Wohnungsfrage und kapitalistische Stadtaufwertung sollten entsprechend als Herd politischer Radikalisierung der ArbeiterInnen und Jugend im Auge behalten werden.

Es ist nicht die Frage ob, sondern vielmehr wann es zu einem Platzen der Immobilienblase kommt. Es ist hier zweitrangig, was die Blase zum Platzen bringt, entscheidend sind dessen Konsequenzen. Erstens wird die Baubranche einbrechen, was heftige Folgen für die BauarbeiterInnen und die gesamte Volkswirtschaft mit sich bringen wird. Zweitens würde sich der Privatkonsum zusätzlich reduzieren, da viele Haushalte sich mit einer Verteuerung ihrer Hypotheken konfrontiert sehen werden. Dies wird wohl auch zu teilweise Zahlungsausfällen führen und eine wichtige konjunkturelle Stütze wird flöten gehen. Die Schweizer Banken sind im internationalen Vergleich ausserordentlich stark auf Hypotheken fokussiert (85% aller Bankenkredite). Deshalb stünde uns drittens eine erneute Bankenkrise bevor, deren Kosten die KapitalistInnen auf die Lohnabhängigen abzuwälzen versuchen müssten. Momentan dürfte die spekulative Aufblähung in der Bauwirtschaft jedoch noch weitergehen, sie ist jedoch ein chronisch instabiler Sektor des Schweizer Kapitalismus.

Die Taktik des schweizer Kapitals zur Bekämpfung der Krise unterscheidet sich also nicht von derjenigen der Bourgeoisie in anderen entwickelten kapitalistischen Ländern: ausharren, verstärkte Ausbeutung der ArbeiterInnen und erhöhte private Verschuldung. Die entsprechenden Widersprüche sind ebenfalls dieselben. In Anbetracht der Bedeutung der Exporte ist die vorige Charakterisierung der Weltkonjunktur als inhärent instabil wichtig, der Weltmarkt dominiert weitgehend auch die Krise des Schweizer Kapitalismus.


[4] Gesundheitsförderung Schweiz, Job Stress Index 2016

[5] „Tatsächliche Jahresarbeitszeit und tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit nach Geschlecht, Nationalität, Beschäftigungsgrad“, BFS 2016.

[6] „Die Lohnentwicklung in der Schweiz: Die Löhne stagnieren, die Glasdecke bleibt“, KOF Bulletin, Oktober 2017

[7] Crédit Suisse, “Monitor Schweiz 3. Quartal 2017”, 9/2017

[8] Alle diese Daten beruhen auf eigenen Berechnungen nach: BfS „Aussenhandel nach Waren“, je-d-06.05.02

[9] Ralph Hug, „So viel Kohle pro Kopf machen Firmen mit uns.“, Work, 19.10.2017

[10] Tobias Erhardt, Christian Rutzer, Rolf Weder, “Konzentration bei Exporten: Währungseinfluss ist gering”, Die Volkswirtschaft, 11/2017

[11] Eigene Berechnungen auf Grundlage von: World Bank, „GDP (current US$)“

[12] “Die privaten Haushalte in der Schweiz weisen eine rekordhohe Verschuldung auf”, NZZ, 04.10.2017

[13] SNB, „Bericht zur Finanzstabilität 2017“

[14] Crédit Suisse, “Monitor Schweiz 3. Quartal 2017”, 9/2017

[15] „Hausse: Nachhaltiger Anstieg der Wertpapierkurse einzelner Marktbereiche oder des Gesamtmarktes über einen mittleren bis längeren Zeitraum. Die Hausse ist von einer „freundlichen Kursentwicklung“, die nur von kurzer Dauer ist, nicht exakt abzugrenzen.“ FAZ.NET Börsenlexikon

[16] SNB, „Bericht zur Finanzstabilität 2017“

[17] Crédit Suisse, “Immobilienmonitor Schweiz 3. Quartal 2017”

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