Oft hört man, dass es in der Schweiz keine (industrielle) ArbeiterInnenklasse mehr gibt. Doch die Industrie macht immer noch knapp einen Fünftel (18,4%) des schweizerischen BIP aus. Wie sieht der Alltag in diesem Sektor aus? Impressionen aus einem klassischen Industriebetrieb mit etwa 400 Mitarbeitenden.

Wenn ich morgens aufstehe, mache ich zuerst Sport. Bei der Arbeit sitze ich oft und führe x-fach die gleichen Handgriffe aus. Das führt zu Verspannungen. Deshalb hat der Sicherheitsverantwortliche des Betriebs auch empfohlen, in der Freizeit Sport zu treiben, damit „ihr eure Arbeitskraft auch am nächsten Tag der Firma zur Verfügung stellen könnt“. Das ist die Alltagsrealität von Schweizer ArbeiterInnen.

Sicherheit geht nach
Ich arbeite nun seit sechs Monaten in einem Industriebetrieb mit 400 Mitarbeitenden, der hochspezialisierte Einzelteile für den internationalen Maschinenbau produziert. Oftmals wird die Arbeitswelt der Schweiz so dargestellt, als würden Milch und Honig fliessen. Täglich stelle ich das Gegenteil fest. Die Sicherheitseinweisung erhielt ich erst fünf Monate nach Eintritt in die Firma. Wäre ich temporär beschäftigt, hätte ich sie gar nicht erhalten.

Das Erste, was mir an meiner neuen Stelle auffiel, war der hohe Grad an Arbeitsteilung. Vom Rohmaterial bis zum Fertigprodukt sind zwölf Abteilungen involviert, welche „ihren“ Arbeitsschritt wiederum auf einzelne ArbeiterInnen aufteilen. In jeder Abteilung gibt es einige Fachkräfte, welche die anspruchsvollen Aufgaben übernehmen. Daneben arbeiten jeweils viele „Handlanger“, welche wenig oder gar kein technisches Wissen besitzen und nur repetitive Zwischenschritte ausführen.

Ich arbeite als  „Handlanger“ auf der Prüfstation, welche die fertigen Teile ein letztes Mal überprüft, bevor sie ausgeliefert werden. Ich bereite die Teile für die Prüfung vor und nach. Diese Handgriffe, die nur variieren, weil verschiedene Produkte unterschiedlich geprüft werden, benötigen kaum technisches Verständnis. Es reicht aus, einen Schraubenschlüssel und einen Akkubohrer benutzen zu können. Das ärgert mich, denn eigentlich bin ich für meine Arbeit überqualifiziert. Ich habe eine technische Ausbildung abgeschlossen und suchte einen Job, um die Zeit bis zum Studium zu überbrücken. Ich fand aber auf meinem Beruf keine Stelle und bewarb mich blind als Aushilfe.

Flexibilität ist alles
Dank der simplen Arbeit kann das Unternehmen flexibel auf konjunkturelle Schwankungen reagieren. Wird eine höhere Nachfrage seitens der Kunden bemerkt, können innert Tagen weitere Arbeitskräfte hinzugezogen werden. Das Unternehmen führt Wartelisten mit Stellensuchenden, darunter StudentInnen und SchülerInnen. Diese werden zeitlich befristet angestellt und helfen, die hohe Nachfrage zu erfüllen. In Zeiten sinkender Nachfrage werden dann keine Temporärstellen mehr angeboten. Der Firmengründer wird von vielen Mitarbeitenden verehrend „Patron“ genannt, auch weil das Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen nie einen Mitarbeitenden entlassen habe. Von der Geschäftsleitung wird es dargestellt, als würden alle profitieren – die StudentInnen bekommen ein schönes “Taschengeld” und die Firma bekommt Arbeitskräfte. Dass dabei nur die Firma profitiert, wird jedem klar, der sich schon Gedanken über Wertschöpfung gemacht hat.

Im Sommer wurde mitgeteilt, dass aufgrund erhöhter Nachfrage ab sofort drei Monate Überstunden geleistet werden. Die Überstunden würden aber aus Dankbarkeit zu 25% höher entlöhnt. Das ist bei angeordneten Überstunden gesetzlich vorgeschrieben. Die Firma erwähnte die Vorschrift nicht. Als die drei Monaten vorüber waren, wollten viele Arbeitenden ihre Überstunden nicht ausbezahlt bekommen, sondern frei nehmen, um sich nach der Anstrengung zu erholen. Die Unternehmensleitung gestattete dies nur in „begründeten Ausnahmesituationen“. Scheinbar profitiert das Unternehmen auch dann von unserer Arbeitskraft, wenn wir 25% mehr dafür erhalten. Hauptsache, wir produzieren weiter!

Jetzt wurde bekannt gegeben, dass die Lohnsumme um 1.5% erhöht werden soll. Die erste Freude über eine Lohnerhöhung verflog aber schnell, als wir die Mitteilung zu Ende lasen. Die Abteilungsleiter müssen untereinander aushandeln, welche Abteilung wie viel von dieser Zusatz-Lohnsumme erhält. Die Arbeitenden erhalten keine generelle Lohnerhöhung, sondern nur für  „besondere Leistungen“. Wir fühlten uns vor den Kopf gestossen, weil nicht alle eine Lohnerhöhung erhalten, obwohl wir alle miteinander arbeiten.

Sorgen und Nöte
Viele Mitarbeitende sind Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund. Auffallend oft führen sie die einfachsten Aufgaben aus. Meine Kollegin L. führt die gleiche Arbeit aus wie ich, erhält aber 25% weniger Lohn als ich. Die in der Verfassung verankerte Gleichstellung von Mann und Frau wird angesichts der Realität zum Witz. Ich kann hierzu aber keine umfassenden Angaben machen, denn die „Schweizer Mentalität“ – Löhne sind Privatsache – bedeutet in der Realität, dass keine Transparenz bei den Löhnen der Mitarbeiter besteht.

  1. ist gelernter Grafiker und hat in Istanbul studiert. Als er vor 13 Jahren in die Schweiz kam, hat er keinen Job auf seinem Beruf gefunden. Seither arbeitet T. in der Industrie. Bevor er zum Unternehmen kam, arbeitete er unter prekären Bedingungen, zum Beispiel mit Kurzarbeit, ohne Schutzausrüstung mit gesundheitsgefährdenden Stoffen. Nicht in der Türkei, sondern hier, in der Schweiz. Rassistisches Mobbing zwang ihn, die Arbeitsstelle zu wechseln. T. ist Vater zweier Kinder und seine Frau arbeitet nach einer Krankheit 20%. T. ärgert sich darüber, dass sein Lohn stagniert, während nur schon die steigende Krankenkasse und Miete über die Hälfte des Familienbudgets beanspruchen. Er bezeichnet sich als Sozialist, hat Marx gelesen und ist ein Fan von Ché Guevara.
  2. ist erst seit zwei Wochen bei uns. Zuvor war er in einem namhaften Industriebetrieb als Schichtarbeiter tätig. Für S. und T. war es völlig normal, dass bei mangelnder Auslastung die Arbeitenden nach Hause geschickt werden, die dadurch entstandene Minusstunden aber wieder aufgearbeitet werden müssen. Gab es zwei Wochen keine Arbeit, verlangte der Arbeitgeber, dass die zwei Wochen von den Angestellten nachgearbeitet werden. Diese Vorgehensweise ist in der Schweiz gesetzeswidrig. Aber auch in renommierten Unternehmen ist sie üblich. Das ist S. und T. bewusst, dennoch haben sie nichts dagegen unternommen. Wer sich dagegen wehrt, wird schnell rausgeworfen und ersetzt. Solche Sachen machen mich wütend, denn eigentlich wäre es die Aufgabe der Gewerkschaften, uns ArbeiterInnen hier zu unterstützen. S. kennt die UNIA, ist aber enttäuscht, da „die auch nichts für uns machen“.

Die Gewerkschaften werben an den Bahnhöfen für Neumitglieder, in den Betrieben kommt davon wenig an, obwohl es viel zu gewinnen gäbe. Häufig werden fundamentale Arbeitsrechte verletzt, ohne dass dagegen vorgegangen wird.

Pausengespräche
In den Pausen diskutieren wir oft über Politik und Gesellschaft – angesichts der Kündigungswellen in anderen Betrieben schätzen sich die Arbeitenden glücklich, nicht davon betroffen zu sein. Überhaupt sind die meisten Arbeitenden ziemlich zufrieden. S. und T. sind froh, in einem Betrieb zu arbeiten, in dem wenigstens die gesetzlichen Anforderungen (grösstenteils) erfüllt werden – verständlich.

Mitarbeiterin D. erzählt mir immer wieder stolz von ihrem Grossvater, der damals beim Landesstreik bei „den Roten“ war. Sie verteufelt die SVP, erkennt klar deren grossbürgerlichen Charakter und die spalterische Rhetorik, welche nur dazu dient, „uns Büezer auszunutzen“. D. sagte einmal in einem Gespräch, würde der Faschismus zur Staatsmacht kommen, würde sie dagegen „sofort bewaffnet in den Untergrund gehen“. D. wählt GLP. T. und D. streiten sich manchmal mit Mitarbeiterin G., welche rassistische Vorurteile zum Ausdruck bringt.

Gipfeli statt GAV
Eine Personalkomission gibt es nicht. Teilweise arbeite ich mit Maschinen, deren Betrieb gemäss SUVA-Richtlinien unzulässig ist. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand einen Finger verliert. Im Frühling kam ein Inspektor vom SECO vorbei und meinte, dass es mit 21°C zu warm sei, um zu arbeiten. In meiner Abteilung arbeiteten wir im Sommer körperlich bei 35°C. Lüften nützt nichts, wenn es draussen genauso heiss ist. Eine Klimaanlage würde die Arbeit enorm erleichtern. Entsprechende Anfragen beim Sicherheitsverantwortlichen des Unternehmens wurden stets damit kommentiert, man wisse davon und sei daran, eine Lösung zu finden. Meine Mitarbeitenden sagen das gehe schon seit mehreren Jahren so.

Wir haben auch keinen Gesamtarbeitsvertrag (GAV), da sich das Unternehmen nicht dem Branchenverband anschliessen will. Also stehen wir grundsätzlich schlechter da als vergleichbare Belegschaften. Oft haben wir bloss die gesetzlich vorgeschriebenen Rechte. Beispielsweise haben Arbeitende im GAV nach der Probezeit eine dreimonatige Kündigungsfrist – bei uns erhalten wir diese erst nach neun (!) Dienstjahren.

Natürlich würden die Arbeitenden solche Standards nicht einfach hinnehmen – deswegen ist das Unternehmen gezwungen, andere Zugeständnisse zu machen. Kaffee und Getränke sind kostenlos, zweimal wöchentlich erhalten wir Gipfel und wir haben bezahlte Pausen, was nicht im GAV ist. Wir lassen uns unsere Rechte für etwas Kaffee und Pausen abkaufen!

Das Unternehmen ist sehr einfach aufgebaut. In der Geschäftsleitung sind Hauptaktionär und Produktionsleiter. Dieser trifft sich wöchentlich mit den Abteilungsleitenden, die jeweils eine grosse Anzahl an einfachen Arbeitenden unter sich haben. Diese einfache Struktur ermöglicht es dem Unternehmen, sehr flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Arbeitskräfte können unkompliziert ausgetauscht werden. Aufstiegsmöglichkeiten sind kaum vorhanden, denn bei geschätzten 15 Führungspositionen bleibt wenig Raum zum Nachrücken. Die Philosophie des Patron legitimiert das. Das Unternehmen ist „familiär und freundschaftlich“, Hierarchien seien so flach wie möglich zu halten. Das klingt in den Ohren der meisten Arbeitenden wohlwollend und fürsorglich.

Was tun?
Täglich stelle ich fest, dass fast alle Mitarbeitenden ein mehr oder weniger ausgeprägtes Klassenbewusstsein besitzen. Die meisten Arbeitenden erkennen, dass sie für den Wert, den sie erschaffen, nur einen Bruchteil eben jenes erhalten, dass sie ersetzbar sind, wenn sie aufmucken, dass sie den Interessen der Besitzenden hilflos ausgesetzt sind. All jene Mitarbeitenden sind enttäuscht von der Gewerkschaft, die sie nicht unterstützt und durch Absenz in den Betrieben auffällt, desillusioniert von der Politik, die ja eh immer gleich abläuft („eh alles die gleiche Scheisse“), sehen keine Perspektive, keine Alternative. Auch ich traue mich nur mit den engsten Mitarbeitenden offen zu sprechen, weil ich mich davor fürchte, gekündigt zu werden. Also was tun?

Helle Gebhardt
JUSO

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