Wir publizieren ein Interview mit einem Arbeiter aus der Industrie. In seiner Bude sind 400 ArbeiterInnen beschäftigt. Sie müssen trotz der gesundheitlichen Risiken weiterarbeiten.

Der Funke: Wie geht es dir?
Arbeiter: Gut, aber angepisst. 

F: Versuche, die Geschehnisse und Veränderungen zusammenzufassen.
A: In welcher Hinsicht verändert? Allgemein? Es verschärft sich alles. Am Anfang hat man gesehen, dass es [die Eindämmungsversuche] in den anderen Ländern nicht funktioniert, viele Leute haben sich angesteckt. Ich habe das Gefühl, dass es scheissegal ist, man handelt einfach nicht, bis es zu spät ist. Ich habe den Eindruck, dass man heute erst langsam realisiert, dass gehandelt werden muss. Jetzt werden wir in unserem Leben voll eingeschränkt, deine ganze Freizeit, dein ganzes Sozialleben, alles wird auf Eis gelegt. Aber alles, was Geld generiert, wird weitergeführt. Das ist Scheisse. So ist die Lage.

Jetzt werden wir in unserem Leben voll eingeschränkt, deine ganze Freizeit, dein ganzes Sozialleben, alles wird auf Eis gelegt. Aber alles, was Geld generiert, wird weitergeführt.

F: Hast du Angst davor, Leute anzustecken? Hast du das Gefühl, dass genug transparent und informativ von Regierung und Firmen aufgeklärt wird?
A: Ich kann sicher Leute anstecken. Es wird aufgeklärt, was man tun könnte, was gut wäre, in diesem Wortlaut. Man könnte, man sollte. Keine Ahnung, mich macht es fertig, dass ich täglich für die Arbeit ÖV fahren muss, dabei habe ich gefährdete Leute in meinem persönlichen Umfeld. Es heisst, wir sollen uns nicht in Gruppen treffen, aber wir könnten das ja trotzdem tun. Ich weiss nicht, ob ich das Virus habe oder nicht, weil ich jeden Tag draussen unterwegs bin, darum kann ich meine Freunde auch nicht treffen. Wären alle in Selbstquarantäne zuhause, dann könnten wir uns sehen, weil das Risiko einer Ansteckung kleiner wäre.

Rubrik: Virus at Work

Wir veröffentlichen Berichte aus dem Alltagsleben der Lohnabhängigen, die trotz dem Coronavirus zur Arbeit gehen müssen – unabhängig davon, ob ihre Arbeit lebensnotwendig ist oder nicht. Dies soll aufzeigen, wie inkonsequent die Massnahmen des Bundes sind. Die Corona-Krise soll nicht auf den Schultern der Lohnabhängigen abgewälzt werden!

Wir fordern, dass alle, die nicht-essentielle Arbeit machen müssen, zu Hause bleiben dürfen. Nur so kann die Pandemie eingedämmt werden. Leben vor Profite!

Wenn du auch deine Geschichte erzählen möchtest, meldet dich bei info@derfunke.ch. Es ist wichtig zu streuen, wie fahrlässig mit unserer Gesundheit umgegangen wird! Schreib uns, schick uns zwei oder drei Sätze, ausführliche Berichte, oder melde dich, wenn du dies persönlich besprechen willst!

F: Wie hast du die Stimmung im Betrieb wahrgenommen? Wie hat sie sich verändert in den letzten Tagen?
A: Die Stimmung heizt sich auf. Die Leute checken, dass es so, wie es gemacht wird, nicht läuft. Man hört mehr Aufschrei. Am Anfang fanden alle «whatever, scheissdrauf», mittlerweile verstehen die meisten, dass man etwas unternehmen muss und stellen sich quer gegenüber der Geschäftsleitung.

F: Also du nimmst wahr, dass die Geschäftsleitung nicht genug klar…
A: Es wird nicht verständlich gehandelt. Ich will nicht sagen, was gut wäre oder nicht. Ich habe auch keine optimale Lösung auf den ganzen Scheiss, aber man könnte was unternehmen. Man sollte alle heimschicken, die man heimschicken kann. Man könnte Schichten [für weniger ArbeiterInnen gleichzeitig im Betrieb] einführen, was nicht gemacht wird. Man hat jetzt gefährdete Personen heimgeschickt oder diese «sich Ferien nehmen lassen». So ist es. Man könnte sich an die Massnahmen halten, die verordnet werden. Als grosse Bude reicht es halt einfach nicht, ein paar Flaschen Desinfektionsmittel hinzustellen und zu sagen «schaut, dass ihr euch nicht zu nahe kommt».

F: Hast du von den Streiks in Italien und Frankreich bei Mercedes, Fiat und Ferrari mitbekommen?
A: Ich habe nichts davon mitbekommen, es wird ja nicht darüber berichtet. Ich habe es von dir gehört [lacht]. 

F: Wenn die Gewerkschaft heute vorbeikommen würde und sagen würde: «Wir machen einen Streik, um die Produktion dicht zu machen und für vollen Lohnausgleich» – würdest du dich anschliessen?
A: Sicher, ja, keine Frage. Das wäre eh gut. Als einzelne Person kann man aber nichts machen, weil du sonst den Job los bist – und in einer Situation wie jetzt kannst du’s dir einfach nicht leisten, den Job los zu sein.

F: Du bist kein Mitglied einer Organisation oder Partei
A: Nein. Ich bin eine linke Sau, aber nicht aktiv oder so. 

F: Haben dich die Ereignisse politisiert? Deine Sichtweise verändert?
A: Ja, ein Stück weit schon. Ich merke, dass es einen Scheiss um die Leute geht, sondern darum, möglichst lange möglichst viel Geld zu machen. Es ist relativ egal, was mit den Leuten passiert. Man zeigt rhetorische Pseudo-Nächstenliebe, sagt den Angestellten, dass man «schon auf sie schaut», verspricht ihnen «Zückerli», aber schlussendlich läuft es dann doch nicht so!

F: Was für eine Perspektive siehst du fürs nächste halbe Jahr?
A: Die Leute werden aufgerüttelt, sie sehen, dass es nicht gut läuft, dass das Ganze verändert werden soll. Jetzt kann man keine grossen Aktionen machen, aber durch das Aufrütteln passiert das dann im Nachhinein.

F: Du erwartest, dass es ein grosses Bedürfnis nach Veränderung gibt? Grosse Bewegungen?
A: Ja, ganz klar. Ja, aber hey, wir müssen weiterarbeiten gehen. [lacht] Nimm das genau so ins Interview!

Zum Schutz der Autoren werden die Berichte anonymisiert.

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