Ende Oktober wurde ich in den Zivilschutz eingezogen und in das Gebäude des Basler Gesundheitsdepartements geschickt. Hier wurden wir zu viert im Team des Contact Tracing (CT) eingesetzt. Von Beginn weg wurde uns nahegelegt, den Medien nicht zu sagen, wie es hier läuft. Bald wurde mir auch klar warum.

Unsere Aufgabe war es, die in Basel positiv getesteten Personen anzurufen und sie über die Isolations-Verordnung aufzuklären. Das heisst, dass sie sich zu Hause verschanzen sollten, genau wie alle, mit denen sie Kontakt hatten. Nach dem Telefonat erstellten wir von Hand Codes für die Swiss-Covid App. Oft sagten die Leute jedoch, sie hätten die App wieder gelöscht. Oder sie stellten die berechtigte Frage, was die App denn nütze. Wenn man eine Maske trägt, zählt es ohnehin nicht als Ansteckungsgefahr.

Trotz des Namens «CT» informiert dieses Team des kantonsärztlichen Dienstes keine Kontaktpersonen. Damit werden die Infizierten selbst beauftragt. Es obliegt natürlich auch der Willkür der Erkrankten, auszuwählen, wer nun als potenziell angesteckt galt. Wenn sie jemanden nicht nannten, dann erscheinen deren Namen auch nicht auf der Liste.

Die aufgestellten Kriterien sind unscharf und an den Maskenfetisch geknüpft. Man muss in den 48 Stunden vor Symptombeginn mindestens 15 Minuten ohne Maske näher als anderthalb Meter zu jemandem gewesen sein. So muss beispielsweise in einer Beiz niemand ausser den Tischnachbarn kontaktiert werden. Das Maskentragen verhindert ganz allgemein meistens die Quarantäne.

Eine der Fragen, die man am Telefon stellte, war: Wo könnte man sich angesteckt haben? Der grösste Teil wusste es nicht. Ich hörte oft:

«Ich habe meinen Bewegungsradius extrem eingeschränkt, gehe nur noch zur Arbeit und einkaufen. Sonst treffe ich niemanden.»

Es gab auch Fälle, die uns zeigten, wie die Betriebe die Massnahmen missachteten. Der Vater einer behinderten Frau, die in einer Hotelwäscherei arbeitet, erklärte mir, dass dort wegen der heissen Luft oft die Maske abgenommen würde. Das wäre kein Problem, wenn nicht mehrere Personen auf engem Raum arbeiteten. Die Hotelleitung scherte sich anscheinend einen Dreck darum und wies die Verantwortung mit der Begründung ab, dass die amtlichen Vorschriften ja gelten und der Fehler bei den Arbeitenden selbst läge.

Dann gab es den Fall, dass in einem Handelsbetrieb mehrere Leute krank wurden. Jemand bekam Husten, aber der Chef erlaubte nicht, dass diese Person nach Hause ging. Sogar als sich die Kolleginnen und Kollegen beschwerten, änderte sich nichts. Es handelte sich wohlgemerkt um ein Grossraumbüro. Dieser Fall zeigte mir den Umgang des Staates mit solchen Fällen. Jemand sendete ein Mail an den stellvertretenden Kantonsarzt und bat um Hilfe, also eigentlich ein Whistleblower. Dieses Mail wurde offen an alle Mitarbeitenden des CT weitergeleitet, was damals über 30 Personen waren. Wer garantiert dieser Person, dass niemand davon mit dem Chef des Betriebs befreundet ist und es diesem steckt? Dieser Staat, auch wenn er nicht direkt gegen uns handelt, verdient unser Vertrauen nicht.

Einmal rief ich eine Frau an, die positiv war. Am Telefon sagte ihr Mann, sie sei bei der Arbeit. Sie arbeitete in der Pflege im Unispital. Ich erklärte ihm vehement, dass sie sofort nach Hause kommen müsse. Darauf konsultierte ich die Leitung des CT-Teams und fragte nach, was das solle, dass potenziell Infizierte nach dem Test noch weiterarbeiteten. Ich erhielt eine unerwartet ehrliche Antwort: Es sei zwar sehr riskant, es gehe aber einfach nicht anders. Die Pflege würde kollabieren, wenn mehr Personal abgezogen würde. Deshalb überlege sich die Regierung und Spitalleitung sogar, Pflegende auch bei positivem Test weiterarbeiten zu lassen, wenn sie keine Krankheitssymptome zeigten. Da musste ich nachfragen: Wie geht das? Was wurde denn eigentlich im Sommer vorbereitet ? «Eben nichts!», war die Antwort.

Genau das gleiche muss man über die Infrastruktur und die EDV sagen. Die App zur Kontrolle der Krankheitsverläufe befindet sich immer noch im Aufbau und ist recht unzureichend. Überall stellt man Mängel fest. Fast jeder Kanton verwendet eine andere Software und hat seine eigenen Richtlinien. Das erschwert vieles und hilft nichts. So bekämpft man sicher keine Pandemie!

Nach drei Wochen konnte ich meinen Einsatz beenden und wurde durch andere Zivilschützer ersetzt. Die Tätigkeit war in dieser konkreten Situation natürlich sinnvoll, aber für die Bekämpfung des Virus tut dieses CT gar nichts. Darüber waren wir Zivilschützer uns absolut einig.

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